DATENSCHUTZ IST UNS WICHTIG!

Bitte erteilen Sie uns die Zustimmung, Ihre Daten zur internen Analyse zu verwenden. Wir geben Ihre Daten nicht weiter. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung.

Zum Inhalt

Alter Mann und Frau kochen gemeinsam durch Betreuungskonzept
"Ich helfe, damit mir geholfen wird." Bild: Zeitpolster.com

Zeitpolster: Alternatives Betreuungsmodel - "Ich helfe, damit mir geholfen wird"

Unterstützung beim Einkauf oder im Garten: Zeitpolster vergütet solche Leistungen nicht mit Geld, sondern einem Zeitguthaben.

Altersvorsorge: nicht jeder hat Geld, aber jeder hat Zeit

Jeden Donnerstag kommt Frau Jürgens zu Herrn Hochstöger. Sie gehen zusammen einkaufen, manchmal auch zur Bank oder zum Friseur. Danach sitzen sie noch zusammen, trinken Tee und unterhalten sich. Der Besuch währt ungefähr zwei Stunden, dann verabschiedet sich Frau Jürgens, auf ein Wiedersehen in der nächsten Woche.

Seit einem Jahr geht das so. Sie ist 65, er 85. Freunde? Eher gute Bekannte, kann man inzwischen sagen. Doch in erster Linie liegt hier ein Dienstleistungsverhältnis vor: Einmal in der Woche hilft Frau Jürgens Herrn Hochstöger bei seinen Erledigungen. Zustandegekommen ist der Kontrakt über Zeitpolster (www.zeitpolster.com).

Helfen, um später selbst Hilfe zu bekommen

Zeitpolster? Für viele gewiss ein neuer Begriff. Caritas, Diakonie, Hilfswerk oder Volkshilfe – diese sozialen Einrichtungen kennt man. Neu auf diesem Gebiet ist Zeitpolster, eine Organisation, die keiner Glaubensgemeinschaft und keiner Partei angehört, ihre Wurzeln vielmehr in der Zivilgesellschaft hat. Gegründet hat sie der Vorarlberger Sozialunternehmer Gernot Jochum-Müller.

Im Ländle begann denn auch Zeitpolster mit seiner Tätigkeit, das war im Jahr 2018. Motto: Ich helfe heute, damit mir später, wenn ich selbst bedürftig werde, geholfen wird. In der Zwischenzeit konnte sich die Organisation in weiteren Bundesländern etablieren und zählt heute über 400 Mitarbeiter.

Zeit sparen, mit Zeit bezahlen

Zeitpolster vermittelt Hilfe, bringt Helfende und Bedürftige zusammen. Auf der einen Seite die Menschen, die Betreuungsleistungen übernehmen, und auf der anderen jene, die sie annehmen. Das Besondere an diesem Konstrukt: Bezahlt wird nicht mit Geld, sondern mit Zeit. Jene Stunden, die die Helfende (seltener: der Helfende) aufbringt, wird ihr auf einem Zeitkonto gutgeschrieben. Später kann sie sich diese Stunden rückvergüten lassen – dann, wenn sie selbst auf Hilfe angewiesen ist. Eine Form der Selbstvorsorge. Ich nehme mein (künftiges) Schicksal selbst in die Hand.

Zeitguthaben konsumieren oder verschenken

Und wenn ich das Zeitguthaben später gar nicht einlöse? Dieses Zeitguthaben, erklärt Judith Schneider, Zeitpolster-Regionalkoordinatorin für Wien und Niederösterreich, könne auch verschenkt, allerdings nicht vererbt werden. Wie auch folgende Übereinkunft nicht gehe: Ich helfe dir heute im Garten, dafür du mir morgen beim Auto. Dies könne man so zwar privat regeln, aber nicht über Zeitpolster, denn hier sei ein gewisser zeitlicher Abstand zwischen den einzelnen Leistungen einzuhalten.

Notfallkonto

Viel Vorarbeit war nötig, um dieses spezielle Hilfsmodell abseits der finanziellen Vergütung auf ein solides Fundament zu stellen, auf eines, das allen finanztechnischen und steuerlichen Bestimmungen Genüge tut. Dabei werden jetzt in der Anfangszeit von Zeitpolster die empfangenen Hilfsleistungen durchaus noch mit Geld abgegolten – die Hilfsempfänger hatten ja noch keine Gelegenheit, sich ein Zeitguthaben zu erarbeiten. Aktuell haben sie pro Stunde acht Euro zu bezahlen, die eine Hälfte geht an die Organisation, die andere auf ein sogenanntes Notfallkonto. Dieses Notfallkonto dient als Sicherheit für die Helfenden, nämlich für den Fall, dass später in ihrer Region keine helfende Person von Zeitpolster für sie zur Verfügung stünde. Dann würde die Organisation für Rechnungen von auswärtigen Dienstleistern bis zur angesparten Summe aufkommen.

Drohende Vereinsamung

Zeitpolster ist, wenn man so will, die Antwort auf ein gesellschaftliches Problem, ein Problem, das in Zukunft noch drängender werden wird und seine Ursache im demographischen Wandel hat: Der Anteil der alten Leute in unserer Gesellschaft nimmt gegenüber den jüngeren immer mehr zu. Heute sind es im Schnitt vier Personen im Alter zwischen 50 und 65 Jahren, die für eine 80-jährige Person aufkommen, im Jahr 2040 werden es nur noch zwei sein. Was droht, ist Vereinsamung im Alter. Die Politik hat das Problem erkannt. Mit der sogenannten „Pflege-Milliarde“ will sie mehr Menschen für den Pflegeberuf gewinnen.

Betreuung als Ergänzung zur Pflege

Pflege und Betreuung: im täglichen Sprachgebrauch werden diese beiden Begriffe oft synonym verwendet, doch zwischen ihnen besteht ein bedeutender Unterschied: Zur Pflege gehören Waschen, Umlegen, Nahrungsgabe – diese Tätigkeiten sind mit körperlichem Kontakt verbunden und erfordern eine bestimmte Qualifikation.

Anders Betreuung: Da geht es um Unterstützung im gewöhnlichen Alltag, um Gartenarbeit, Fahrdienste, Einkaufshilfe. Für diese Unterstützungsleistungen ist keine Ausbildung erforderlich, die kennt jeder mehr oder weniger aus seinem eigenen Leben. Der Fokus von Zeitpolster liegt auf der Betreuung, daher versteht man sich auch nicht als Konkurrenz zu den etablierten Organisationen mit ihren professionellen Mitarbeitern, sondern als Ergänzung, als Zusatzangebot.

Wer sich engagiert, bleibt jung

Es sind vor allem ältere Mitbürger, die um Hilfe bei Zeitpolster nachfragen. In geringerem Ausmaß auch Alleinerziehende und Familien mit einem behinderten Kind. Und wie sieht die typische Helfende aus? „In der Regel ist sie eben weiblich und zwischen 55 und 70 Jahre alt. Sie ist in Pension, aber noch weit davon entfernt, sich zur Ruhe setzen zu wollen“, sagt Judith Schneider.

Wer sich engagiert, bleibt jung, das zeigen Studien. Die gute Tat wirkt, als würde man Schokolade essen – die Helfenden fühlen sich gut. Im Unterschied zum klassischen Ehrenamt geht der Lohn bei Zeitpolster über das gute Gefühl hinaus. Die Helfenden bauen sich zur staatlichen, betrieblichen und privaten Vorsorge eine weitere (Zeit-)Säule auf.

Die Voraussetzungen

Wer bei Zeitpolster beginnen möchte, muss ein polizeiliches Führungszeugnis (Strafregisterauszug) vorlegen. Dann wird im Gespräch geklärt, ob die Person für die Arbeit mit einem anderen Menschen tatsächlich geeignet ist. Dabei wird auch festgehalten, welche Art von Unterstützung sie leisten will. Denn wenn ein Kontrakt zustande kommt, soll es zwischen Helfendem und Hilfsempfänger nach Möglichkeit passen. Beide sollen zufrieden sein. Die durchschnittliche Unterstützungsleistung beträgt pro Woche zwei Stunden. Ein Vollzeitjob sieht anders aus.

Neue Form des sozialen Austauschs

Im Moment vergrößert sich Zeitpolster nach dem Schneeballsystem. Engagierte Menschen hören von einer Zeitpolster-Regionalstelle in der Nachbargemeinde, finden die Sache gut und beschließen, in ihrer Gemeinde selbst eine Regionalstelle aufzubauen, wozu sie Hilfe von der Zentrale in Vorarlberg erhalten. Nicht nur Helfende, sondern auch Menschen mit Organisationstalent sind gefragt. Die Freiwilligen rekrutieren sich aus der Zivilgesellschaft. Eine neue Form des sozialen Austauschs ist im Entstehen: Zeitsparen - eine neue Generationenvereinbarung. So erfreulich diese Entwicklung ist, der Staat darf sie allerdings nicht zum Anlass nehmen, sich aus seiner fürsorglichen Verantwortung gegenüber den Alten und Schwachen zurückzuziehen.

Buch: Pension. Was nun?

KONSUMENT-Buch: Pension. Was nun?
Bild: VKI

 

Flexcover | 192 Seiten | 19,90 Euro + Versand
Leseprobe: konsument.at/pension-was-nun

Ein neuer Abschnitt beginnt. Wo liegen die Chancen und Herausforderungen?

  • Vom Berufsleben in den Ruhestand: gesetzliche Altersvorsorge, Blick zurück und nach vorn
  • Pension: Möglichkeiten, um den neuen Lebensabschnitt zu gestalten vom jungen zum hohen Alter

Lesen Sie mehr

Diesen Beitrag teilen

Facebook Twitter Drucken E-Mail

Das könnte auch interessant sein:

Alter Mann in Pflegebett premium

Sterbehilfe: Allerletzter Wille

Beihilfe zum Selbstmord war bisher unter Strafandrohung verboten. Nun hat der Gesetzgeber die vom Verfassungsgerichtshof geforderte Neuregelung vorgelegt.

Gugelhupf und Kaffee premium

Wiener Kaffeehaus - Sozialprojekt "Vollpension"

Die Alten seien bequem und träge, heißt es mitunter. Das Sozialprojekt „Vollpension“ ist ein Wiener Lokal der anderen Art und der Beweis, dass dieses Stereotyp nicht zutrifft.

Kommentieren

Sie können den Text nach dem Abschicken nicht nachträglich bearbeiten, Länge: maximal 3000 Zeichen. Bitte beachten Sie auch unsere Netiquette-Regeln.

Neue Kommentare können nur von angemeldeten Benutzern veröffentlicht werden.

Anmelden

0 Kommentare

Keine Kommentare verfügbar.
Zum Seitenanfang