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Radeln am Land: 2 Radfahrer auf einer Route durch Weinberge.
Radeln am Land: Hauptradrouten führen schon mal über Nebenstraßen. Für Touristen kein Problem. Für Ortsansässige eignen sich solche Radwege oft nicht. Bild: nnattalli/Shutterstock.com

Radeln am Land: Haupt-Zielgruppe Touristen

Das Fahrrad dient über Land weiterhin vorrangig dem Tourismus. Die schön in die Regionen geplanten Radrouten sind für Ortsansässige nicht immer hilfreich.

Sie radeln gerne? Dann hat Sie Ihr Weg vielleicht schon entlang des Iron Curtain Trail geführt, diesem Radweg, der an die alte geopolitische Grenze zwischen Ost und West, an den Kalten Krieg erinnert. Gleichzeitig möchte diese Radstrecke die Offenheit in der Europäischen Union hervorheben und gilt als großartige Errungenschaft. Überall bietet dieser Weg Sehenswürdigkeiten und schöne, historisch aufgeladene bis hin zu wildromantischen Passagen. Für Menschen, die viel Zeit haben und im Urlaub all die kleinen und großen Umwege gern in Kauf nehmen.

Für all jene, die auf der Direttissima vom Ort A in den Ort B gelangen wollen – etwa, um an Werktagen zur Arbeit, zur Ausbildungsstätte oder zum Einkaufen zu kommen –, ist dieser durchgehende Radweg an vielen Stellen unpraktisch, ja sogar ungeeignet.

Sanitäter schieben verletzten Radfahrer ins Rettungsauto
Die Radwege am Land sind für die Bewohner nicht immer hilfreich Bild: Robert Scheifler (Rosch)/VKI

Zügiges Vorankommen

„Umwege werden in der Regel nur ungern angenommen“, weiß ÖAMTC-Verkehrs­experte Matthias Nagler aus zahlreichen Befragungen. Sein Vorschlag lautet daher: „Nicht immer muss eine Hauptradroute auf einer Hauptstraße verlaufen, sie kann auch über das Nebenstraßennetz geführt werden, sofern dort ein direktes und zügiges Vorankommen gewährleistet wird.“

Das ist grundsätzlich richtig. Doch viele Wohnsiedlungen in Österreich, selbst jene, die erst jüngst auf die grüne Wiese gebaut wurden, liegen zwar durchaus in Radfahrdis­tanz vom jeweiligen Ortszentrum entfernt, sie sind aber nur über eine viel befahrene Freilandstraße zu erreichen. Man kann es den Leuten somit gar nicht verübeln, wenn sie weiterhin lieber in ihr Auto steigen.

Zersiedelt und versiegelt

Gänsern­dorf-Süd: Ein­familien­häusermeer

Als ein Negativbeispiel für Zersiedelung und Versiegelung wird gern der niederösterreichische Riesen-Siedlungsmoloch Gänsern­dorf-Süd genannt, eine wilde Aneinander­reihung von Einfamilienhäusern südlich der Bezirkshauptstadt Gänserndorf. Doch das ist kein Einzelfall. Auch in anderen Regionen Österreichs werden Radfahrende durch fehlende oder mangelnde Zweirad-Infrastruktur deutlich gebremst. So führen Verkehrsexperten auch die anhaltende Zurückhaltung von Frauen, mit dem Rad zu fahren, genau auf dieses Manko zurück.

Bedenken beim Radfahren mit Kindern

Frauen haben in Anbetracht folgender Schlagzeilen wohl auch zu Recht ihre Bedenken: „Kind (7) am Rad vor Augen der Mutter von Auto erfasst“; „Kinder im Radanhänger totgefahren“; „Pensionist ohne Führerschein fuhr Mutter & Kleinkind an“.

Sichere Verbindungen

Die Unfallstatistiken der vergangenen Jahre können die Lebensgefahr, in die sich Radfahrende über Land regelmäßig begeben, nicht relativieren. Auch nicht das subjektive ­Empfinden jener, die seit Jahren regelmäßig auf dem Land mit ihrem Fahrrad unterwegs sind. Viele kommen mit dem Schrecken ­davon – etwa, wenn sie am linken Knie den Luftzug eines vorbeirauschenden Pkw oder (noch schlimmer) Lkw besonders stark ­spüren. Oft genug entscheiden wenige ­Zentimeter über Leben und Tod.

„Im ländlichen Raum wären vor allem ­sichere Verbindungen zwischen den Ortschaften wichtig“, fordert daher auch ­Matthias ­Nagler vom Touringclub. In Gänserndorf- Süd, diesem eilig errichteten Ein­familien­häusermeer ohne erkennbaren Ortskern, ohne direkten Anschluss an das Bahnnetz, ist das nicht gelungen.

 

Einkaufszentren: mit dem Rad kaum erreichbar

Radeln am Land: Einkaufszentrum zu dem breite Straßen hinführen.
Radeln am Land: Die Super- und Baumarktketten sind für Radfahrende nur unter großer Gefahr erreichbar und häufig keine Option. Bild: U. Mauch

Schlimm sind auch die zerfransten Ränder der zersiedelten österreichischen Städte und Gemeinden. Wie aus dem Katalog ­wurden hier gleich aussehende Gebäudemonster von Super- und Baumarktketten mit riesigen Autoparkplätzen davor errichtet, während drinnen, in den historischen Ortskernen, ein Nahversorger nach dem anderen wegen der erdrückenden Konkurrenz der Konzerne zusperren muss. All diese ­Einkaufszentren an der Peripherie sind für Radfahrende oft nur unter Lebensgefahr zu erreichen.

Radeln am Land: asphaltierter Weg nur für Radfahrer entlang einer Mauer, dahinter Bäume.
Radeln am Land: Radstrecken abseits der Verkehrsrouten für Pkw und Lkw. Bild: U. Mauch

Sicheres Radfahren für Kinder

Und dann jeden Morgen österreichweit dasselbe Schauspiel: Zigtausende „Eltern- Taxis“ stauen sich in Richtung Schulen. „An der Anzahl der Kinder und Familien mit ­Kindern, die mit dem Fahrrad fahren, kannst du die Qualität der Radinfrastruktur erkennen und messen“, erklärt dazu Christian Gratzer, Sprecher des Verkehrsclubs Österreich (VCÖ).

Vielerorts fehlt das Bewusstsein der Eltern. Die Kinder würden schon wollen, wie sich im Vorreiter-Bundesland Vorarlberg oder bei einigen engagierten lokalen Verkehrsinitiativen beobachten lässt. So radelte schon vor Jahren ein engagierter junger Lehrer in der Früh, vor der ersten Unterrichtsstunde, mit seinen Schülern gemeinsam zu einem Wiener Gymnasium am Stadtrand.

„Viele Eltern halten den Straßenverkehr für das Radfahren mit Kindern für zu gefährlich. Was durch Maßnahmen für ein kindgerechtes Verkehrssystem zu ändern ist“, sagt Christian Gratzer auch hinsichtlich der aktuellen Verkehrslage außerhalb der Ballungsräume.

Radfahren als Bestandteil der Ausbildung

Aus pädagogischer Sicht wird der Schaden bereits früh angerichtet: Wer als Kind wenig Rad fährt, wird in der Regel auch als Erwachsener selten oder nie mit dem Fahrrad ­fahren. Daher fordert der VCÖ-Sprecher: „So wie den Kindern in der Schule das Schwimmen und das Skifahren beigebracht wird, sollte auch das Radfahren fixer Bestandteil jeder Ausbildung sein.“

Verkehrs- und Umweltpläne für Radfahren im Alltag

Auch im Marketing für klimagerechte Mobilität scheint außerhalb der Städte noch Luft nach oben zu sein. Immerhin haben aber alle Bundesländer Verkehrs- und Umweltpläne bzw. Zielsetzungen für mehr Alltagsrad­verkehr erarbeitet.

Fahrrad-Bildung

Die Schere zwischen Stadt und Land geht dennoch weiter auf, wie der Kölner Soziologe Ansgar Hudde durch aktuelle Studien eindrucksvoll belegen konnte. Hudde forscht intensiv zu Fahrradmobilität, Wohnsitz und Bildungsniveau. Er hat zuletzt 800.000 Wege ausgewertet, die 55.000 Befragte gefahren sind. Sein Befund: „Menschen mit höherer Bildung, die in Städten leben, treten öfter in die Pedale als weniger Gebildete am Land.“ Ansgar Hudde forderte daher in einem Interview mit der Tageszeitung Kurier: „Wenn der Radverkehr sein volles Potenzial ent­falten soll, muss die Radverkehrsförderung alle gesellschaftlichen Gruppen erreichen – das geschieht aktuell noch nicht.“

Da und dort wird immerhin Kosmetik betrieben, um die Radinfrastruktur – vielerorts auf niedrigem Niveau beginnend – zu verbessern: Niederösterreich etwa hat den Bau von 200 Kilometern Radschnellwegen beschlossen (ein Klacks, wenn man die zuletzt neu errichteten Straßenkilometer und die Anzahl der eingestellten Nebenbahnen gegenrechnet). Auch im Ballungsraum Graz wird auf Radschnellwege gesetzt.

Vorradler Vorarlberg

Das westlichste Bundesland, Vorarlberg, fährt schon seit vielen Jahren im gelben ­Trikot dem Rest des Feldes auf und davon. Wer dort Rad fährt, fragt sich zuweilen, ob er nicht gerade in der Schweiz, in Holland oder auch in Dänemark unterwegs ist. In Vorarlberg waren es auch Unternehmen, die schon vor Jahren Maßnahmen für betrieb­liches Mobilitätsmanagement setzten und dabei auch das Radfahren zur Arbeit för­derten. Nicht nur auf dem Papier, sondern auch mit finanziellem Aufwand. Früher als anderswo wurden firmeneigene überdachte und gut gesicherte Radparkplätze errichtet, Umkleidemöglichkeiten am Arbeitsplatz geschaffen sowie Schnittstellen zur Eisenbahn kreiert.

Zug und Fahrrad kombinieren

Jammern auf hohem Niveau? Ja, doch. Wer zum Beispiel von der Steiermark über die Grenze in die Nachbarländer radelt und dort versucht, kombiniert mit Zug und Fahrrad vorwärtszukommen, wird schnell zugeben müssen, dass sich in Österreich speziell in den vergangenen zehn Jahren viel bewegt hat. Das betrifft sowohl die Anzahl als auch die Qualität von neu geplanten Radfahranlagen.

Kauf von Falträdern fördern?

Bei Haltestellen von öffentlichen Verkehrsmitteln werden mittlerweile häufiger Abstellmöglichkeiten für Fahrräder von Anfang an mitgeplant. Und die Mitnahme des Fahrrads im Zug wurde auch erleichtert.

Weitere kreative Lösungen wären dennoch gefragt. Eine bereits kursierende Idee: Der Kauf von Falträdern sollte für die Besitzer von Klimatickets gefördert werden. Damit die Zahl jener, die mit Zug und Rad (für die letzte Meile) in die Städte einpendeln, wächst. Der Großraum London hat diesbezüglich Standards gesetzt.

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