Konventionelle Landwirtschaft - Kommentar von Redakteur M. Stingl

Ist die konventionelle Landwirtschaft wirklich konventionell? Löst der Begriff nicht irrigerweise positive Assoziationen aus, die unsere Konsumentscheidungen beeinflussen?

KONSUMENT-Redakteur Markus Stingl (Foto: VKI)Schon länger frage ich mich, wie es zur Unterscheidung zwischen konventioneller und biologischer Landwirtschaft gekommen ist. Oder präziser formuliert: Warum spricht man eigentlich von konventioneller Landwirtschaft bzw. warum ist die Bio-Landwirtschaft nicht die konventionelle? Zu verquer? Laut Duden bedeutet konventionell „herkömmlich, üblich“. Eine Konvention wird auch als „Brauch“ bezeichnet. Landwirtschaft wird durch das Adjektiv „konventionell“ meiner Meinung nach stark positiv aufgeladen: konventionell bedeutet sinngemäß „traditionell; so, wie es unsere Vorfahren gemacht haben“.

Klingt wildromantisch, klingt vernünftig. Aber ist es das?  Noch um 1900 waren die Gesellschaften in Europa bäuerlich geprägt. Rund 60 Prozent der Bevölkerung arbeiteten in der Landwirtschaft. Und die war entsprechend kleinteilig strukturiert. Es war sicherlich ein hartes Leben. Aber es war „bio“. Inzwischen arbeiten lediglich drei Prozent in der Landwirtschaft. Und davon produziert nur ein kleiner Teil biologisch. Die Mehrheit macht´s konventionell – also eigentlich nicht konventionell, wenn man die gebräuchlichen Methoden der Standesvertreter von einst als Vorbild nimmt.  

Schmeckt wie früher

Freilich: Dazwischen liegen zwei Weltkriege. Es galt, den Hunger zu stillen. Die Effizienz wurde zur obersten Maxime, die industrielle Landwirtschaft nahm ihren Anfang. Und sie zu perfektionieren, wurde über die Jahrzehnte fast zur Manie. Und zu einem Milliardengeschäft. Wer auch immer den Begriff konventionelle Landwirtschaft in den 1970ern geprägt hat, der hat es wohl auch mit diesem Hintergedanken gemacht: der Kommerzialisierung der Landwirtschaft einen positiven Spin zu geben. Wohin hat‘s geführt? Welche Auswirkungen hat dieses System? Verlust der Biodiversität, Tierleid, nährstoffarme Böden, pestizidverseuchtes Grundwasser – um nur einige zu nennen.  

Vor Kurzem habe ich einen Spruch über Bio-Produzenten gelesen, der es ziemlich gut trifft: „Sie machen Obst und Gemüse, wie es früher bei uns geschmeckt hat.“ Darin schmeckt, Verzeihung, steckt so viel Wahres. Und eine Prise Wehmut.

Leserreaktionen

Bewusst geworden

Ich bedanke mich für Ihren Artikel bezüglich konventioneller Landwirtschaft und Scan4Chem. Ich habe die App jetzt heruntergeladen. Bezüglich des Begriffes der konventionellen Landwirtschaft hatte ich bis vor wenigen Jahren auch noch ein „irregeleitetes“ Verständnis. Auch ich verband etwas Positives mit diesem Begriff.

Vor einigen Jahren begann ich damit, mein Brot selbst zu backen, da mir bewusst wurde, wie wertlos das moderne industriell hergestellte Schwarzbrot war. Hochwertiges Vollkornbrot empfand ich als recht teuer, daher entschied ich mich, es selbst zu backen, und suchte nach erschwinglichen, gesunden Zutaten. Als ich mich mit der Materie beschäftigte, verstand ich den Begriff „konventionelle Landwirtschaft“ zum ersten Mal richtig und suchte nach Alternativen.

Ich möchte Sie ermutigen, die Thematik im Magazin immer wieder mal zu beleuchten von verschiedenen Seiten, damit wir als Konsumenten und Leser dahin gehend immer mehr aufgeklärt werden und verstehen, worum es eigentlich geht. Sie führen die Auswirkungen dieses Systems in Ihrem Artikel an. Es ist so traurig, wie sich die Dinge entwickelt haben. Ich hoffe, dass es möglich ist, manche Prozesse wieder umzukehren.

Danke für Ihren Dienst und das Investieren mit Herz!

Karin Maschkywitz
E-Mail
(aus KONSUMENT 2/2021)

Zur genannten App Scan4Chem: Gemeinsam mit 20 Partnern aus 13 europäischen Ländern arbeiten wir an der Erstellung einer umfassenden Datenbank, die Schadstoffe in Alltagsprodukten auflisten soll. Herzstück dieser Bemühung ist die Smartphone-App „Scan4Chem“, die es Konsumenten erleichtern soll, nachzufragen, ob in ihren Produkten Schadstoffe enthalten sind. Diese Konsumentenanfragen und die daraus generierte öffentlich einsehbare Produktdatenbank erhöhen hoffentlich den Druck auf die Unternehmen, giftige Stoffe endlich durch sichere Alternativen zu ersetzen.

Die Redaktion

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