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Kind mit Modellflugzeug in der Hand
Für Prof. Stefan Gössling ist ein möglichst ökologischer Lebensstil eine Frage der persön­lichen Moral. "Es fühlt sich gut an, zumin­dest zu versuchen, das Richtige zu tun." Bild: Victoriia/stock.adobe.com

Wie reisen wir mit Weitblick, Professor Gössling?

Tourismusforscher Stefan Gössling verrät im „Nachhaltigen Interview“, wie die Luftfahrtbranche quasi über Nacht um 50 Prozent klimaschonender Fliegen könnte – wenn sie nur wollte. 

Bereits vor fünf Jahren hatten wir Profes­sor Gössling zum Nachhaltigen Interview gebeten. Damals, noch recht kurz nach dem Aufkommen von Fridays for Future und mitten in der Pandemie, als die Flug­bewegungen fast komplett zum Erliegen gekommen waren, war die Stimmung von Professor Gössling spürbar besser. 

Dies­mal wirkte er ein Stück weit desillusio­niert. Warum, lesen Sie im nachstehenden Interview, das wir via Videotelefonie ge­führt haben. 

Professor Stefan Gössling
Bild: Peter Herrmann

Prof. Stefan Gössling

Professor Stefan Gössling ist einer der umtriebigsten Forscher rund um die Themen Tourismus und Nachhaltigkeit. Er lehrt, forscht und lebt in Schweden – wo er nebenbei auch einen Öko-Ferienhof mit 60 Betten betreibt.

Herr Professor, am Beginn ein paar schnelle Fragen zum aktuellen Forschungsstand: Für wie viel Prozent der globalen Treibhausgasemissionen ist der Flugverkehr verantwortlich? 
Die Schätzungen liegen bei rund 2,5 Pro­zent des CO2 und, aufgrund der zusätzlichen Höheneffekte, 4 Prozent der Erwär­mung. 

Sind Kurz- oder Langstreckenflüge klimaschädlicher? 
Langstreckenflüge – sowohl fürs Gesamt­system gesprochen als auch für Einzel­flüge. 30 Prozent der Flüge machen 70 Prozent der Emissionen aus. 

Billigairlines sind die größten Klima­sünder im Flug-Business, richtig? 
Vor dem Hintergrund, dass sie aufgrund der niedrigen Preise sehr viel Flugverkehr auslösen, ja. Gleichzeitig sind es die effizientesten Fluggesellschaften (in der Regel neue Flugzeuge, enge Bestuhlung, keine 1. Klasse).

Wie weit weg sind wir von einer kommerziellen Nutzung von E-Triebwerken bzw. Wasserstoffanwendungen im Flugverkehr? 
Wir sind nicht einmal irgendwo in der Nähe. Airbus hatte z. B. vor Jahren groß angekündigt, auf Wasserstoff zu setzen. Davon hat man sich wieder gelöst, die Forschung dazu aufgegeben. 

Danke, Herr Gössling. Und nun ein kurzer Rückblick. Vor 5 Jahren sag­ten Sie an dieser Stelle: „Fliegen ist elitär.“ Sie meinten damit, dass der überwiegende Teil der Menschheit gar nicht fliegt. Und nur ein sehr kleiner Teil übermäßig viel. 1 Prozent der Bevölkerung ist für 50 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen im Flugverkehr verantwortlich. Hat sich daran etwas geändert?
Wir (Gössling und sein Forschungs-Team, Anm.) haben diese Berechnungen nicht aktualisiert. Aber ich denke nicht, dass sich das verändert hat. Insbesondere bei den kürzeren Flügen zeigt sich das Problem, dass die gleichen Leute sehr viele Flüge machen und entsprechend signifi­kante Emissionen erzeugen. 

Sie waren Anfang März auf der ITB in Berlin, der größten Tourismusmesse weltweit. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen? 
Der erste Eindruck, wie jedes Jahr: Alles ist wie immer. Man sieht eigentlich nicht, dass sich irgendjemand von den Ausstel­lern irgendwelche Gedanken in puncto Klimaschutz macht. Der zweite Eindruck: Man merkt, dass manche Destinationen versuchen, mehr Tourismus anzuziehen, allen voran Indien. Und: Wie verwundbar das Tourismussystem ist – der ganze Mittlere Osten war im Prinzip ge­schlossen. 

Eine Henne-Ei-Frage: Die Menschen fragen unökologische Reisen nach? Oder die Tourismusbranche weckt mit ihren Marketingstrategien diese Begehrlichkeiten? 
Da spielt sehr viel hinein, was sich in einem Kreislauf selbst verstärkt, und zwar in die falsche Richtung. Nur ein Beispiel: Die Men­schen folgen Reise-Influencern, die aus den exklusivsten Destinationen berichten. Und da sich jeder immer nur nach oben ver­gleicht, wollen alle so reisen. Dadurch ent­steht eine neue Erwartungshaltung. 
Bei den Airlines ist es wiederum so, dass die nur noch mit der Premiumklasse so richtig verdienen. Deshalb wird das ausgebaut. Und die Politik? Die schaut zu. Die Spirale dreht sich ohne Bremsklötze weiter. 

Flugzeugschatten in der Luft gegen die Sonne fotografiert
Egal ob jung oder alt: Aktuell wird geflogen, als gäbe es kein morgen. Bild: next143/stock.adobe.com

Flugscham war gestern, die Zahl der Flugbewegungen steigt. Weltweit sind wir knapp an der 10-Milliarden- Passagiermarke p. a. dran. Jede:r weiß im Grunde, dass Fliegen um-weltschädlich ist. Aber die Hand­lungsrealität sieht anders aus … 
Mit dem Aufkommen von Fridays for Future hatten wir eine Phase, wo man das Gefühl hatte, dass es zu einem neuen Bewusstsein der eigenen Verantwortlich­keiten kommen könnte. Dann kam die Pandemie – und danach wollte jeder nur noch das vermeintlich Versäumte nach­holen. Hinzu kommt, dass Regierungen uns lange erklärt haben: Das System muss sich ändern, nicht das Individuum. Das System kann sich aber nicht ändern – zumindest nicht unter den ökonomi­schen und politischen Rahmenbedingun­gen, die vorherrschen. 

Die Boomer-Generation ist kauf-kräftig und reiseaffin. Die Nachfolge­generationen fliegen vielleicht mit etwas schlechterem Gewissen, aber dennoch oft. Ist es eine „Nach mir die Sintflut“-Mentalität, die da um sich greift? 
Die, die versucht haben, einen Unterschied zu machen, nicht geflogen sind, haben in­zwischen gemerkt, dass sie Einzelkämpfer sind. Und daraus ist insbesondere bei der jüngeren Generation ein Gefühl entstan­den: Keiner kümmert sich, wir können eh nichts machen, warum sollen wir uns dann unsere Träume nehmen lassen. Mit dem Resultat, dass die Jungen inzwischen sehr viel und weit fliegen. 
Und auf der anderen Seite die Boomer: Viele ältere Menschen, wir haben eine Studie dazu gemacht, scheint das Ganze gar nicht zu interessie­ren. Sie wählen Parteien, die den Klima­wandel kleinreden, sie machen Fernrei­sen, Kreuzschifffahrten – ohne mit der Wimper zu zucken. 

Das klingt, als ob wir beim Fliegen tatsächlich auf die technologischen Lösungen warten müssten
Nein. Regierungen könnten sehr schnell Regelungen einführen, die darauf abzie­len, das System effizienter zu machen. Wir haben eine Studie gemacht und rausge­funden, dass es drei Hebel gibt, mit denen man mindestens die Hälfte der Emissio­nen sparen könnte – bei gleicher Menge an Menschen und gleichen Distanzen:
1. Alte Flugzeuge ersetzen durch die neu­esten Modelle. 
2. Die Premium-Klasse rausschmeißen. 
3. Den Belegungsgrad erhöhen.  

Kurz zurück zur These, die besagt, dass sich das System aufgrund ökonomischer Zwänge nicht ändern kann – Stichwort Wirtschaftswachstum. In Wien-Schwechat wurde der lang diskutierte Bau der dritten Piste zuletzt abgesagt. Wie passt das zusammen? Das gern verwendete Argument lautet doch: Mehr Flugverkehr ist belebend für die Wirtschaft einer Region. 
Es gibt jede Menge Argumente, die diese plakative Aussage infrage stellen. In der Covid-Krise z. B. ist die Wirtschaft nicht zum Stillstand gekommen, trotz praktisch keinem Flugverkehr. Und wer profitiert klarerweise am meisten von der Vielfliegerei? Die erdölproduzierenden Länder. Und noch ein Beispiel: Es gibt eine aktuelle Studie aus England, die sehr klar zeigt, dass für viele Regionen der Ausbau von Flughäfen schon längst kontraproduktiv ist, weil Kapital abwandert.   

Ein Flughafenausbau führt zu Kapitalabwanderung? Das müssen Sie bitte erklären.  
Für Wien ist es auf jeden Fall ökonomisch klug. Warum? In einer strukturschwachen Region, die sich schwertut am Wirtschaftsgeschehen teilzunehmen, kann ein Flugplatz zwar ermöglichen, dass ein Austausch stattfindet; dass Geschäftsreisende hin- und herfliegen, dass sich Firmen ansiedeln. 
Bei sehr gut erschlossenen Destinationen hingegen ist es der Freizeitflugverkehr, der dann den Flughafen dominiert. In relativ wohlhabenden Destinationen, dazu gehört definitiv Wien, ist viel Kapital da, das für Urlaub ausgegeben wird. Das heißt: Größere Flughäfen erzeugen einen erhöhten Export von Kapital in andere Länder. Geld, das ansonsten möglicherweise in der Region umgesetzt worden wäre.

Fluglotse am Flughafen Wien
In Wien-Schwechat wurde der lang diskutierte Bau der dritten Piste zuletzt abgesagt. "Das ist ökonomisch klug", sagt Prof. Gössling. Bild: Flughafen Wien AG

Hat der Klimawandel das Reiseverhalten der Europäer:innen bereits verändert? 
In der Statistik sieht man das noch nicht. Zum Beispiel, dass Italien im Sommer weniger gebucht wäre oder Skandinavien als Urlaubsdestination explosionsartig zu­nehme. Wo der Klimawandel schon längst eingegriffen hat, man es aber vermutlich noch nicht in Zusammenhang setzt: Klima­wandel ist ein Kostentreiber. Es fängt an mit Versicherungen, z. B. Gebäudeversicherungen, geht weiter mit Lebensmit­telpreisen, die für gewisse Dinge im Trend steigend sind, usw. 

In seiner Öko.Logisch-Kolumne hat Kollege Markus Stingl unserer Leser­schaft vor ein paar Monaten die Frage gestellt: Wenn man umweltschädliches Verhalten beobachtet, lieber wegschauen – leben und leben las­sen? Oder die Leute darauf anspre­chen? Insbesondere rund ums Thema Reisen. Wie ist Ihre Meinung dazu? 
Das ist ein schwieriger Spagat. Ich kann nur raten, es nicht zu dem Punkt kommen zu lassen, wo sich Gräben auftun. Das ist immer am kontraproduktivsten. Natürlich brauchen wir Debatten darüber. Es ist wichtig, dass das Thema Klima- und Umweltschutz nicht untergeht. Aber wir müssen Brücken bauen und nicht Gräben vertiefen, sonst können wir demnächst gar nicht mehr agieren als Gesellschaft. 

Reicht es, ein gutes Vorbild zu sein? 
Das habe ich persönlich aufgegeben – ich sehe es auch anders mittlerweile. Für mich ist es ganz einfach eine Frage der persön­lichen Moral. Es fühlt sich gut an, zumin­dest zu versuchen, das Richtige zu tun.  

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