Flugscham war gestern, die Zahl der Flugbewegungen steigt. Weltweit sind wir knapp an der 10-Milliarden- Passagiermarke p. a. dran. Jede:r weiß im Grunde, dass Fliegen um-weltschädlich ist. Aber die Handlungsrealität sieht anders aus …
Mit dem Aufkommen von Fridays for Future hatten wir eine Phase, wo man das Gefühl hatte, dass es zu einem neuen Bewusstsein der eigenen Verantwortlichkeiten kommen könnte. Dann kam die Pandemie – und danach wollte jeder nur noch das vermeintlich Versäumte nachholen. Hinzu kommt, dass Regierungen uns lange erklärt haben: Das System muss sich ändern, nicht das Individuum. Das System kann sich aber nicht ändern – zumindest nicht unter den ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen, die vorherrschen.
Die Boomer-Generation ist kauf-kräftig und reiseaffin. Die Nachfolgegenerationen fliegen vielleicht mit etwas schlechterem Gewissen, aber dennoch oft. Ist es eine „Nach mir die Sintflut“-Mentalität, die da um sich greift?
Die, die versucht haben, einen Unterschied zu machen, nicht geflogen sind, haben inzwischen gemerkt, dass sie Einzelkämpfer sind. Und daraus ist insbesondere bei der jüngeren Generation ein Gefühl entstanden: Keiner kümmert sich, wir können eh nichts machen, warum sollen wir uns dann unsere Träume nehmen lassen. Mit dem Resultat, dass die Jungen inzwischen sehr viel und weit fliegen.
Und auf der anderen Seite die Boomer: Viele ältere Menschen, wir haben eine Studie dazu gemacht, scheint das Ganze gar nicht zu interessieren. Sie wählen Parteien, die den Klimawandel kleinreden, sie machen Fernreisen, Kreuzschifffahrten – ohne mit der Wimper zu zucken.
Das klingt, als ob wir beim Fliegen tatsächlich auf die technologischen Lösungen warten müssten
Nein. Regierungen könnten sehr schnell Regelungen einführen, die darauf abzielen, das System effizienter zu machen. Wir haben eine Studie gemacht und rausgefunden, dass es drei Hebel gibt, mit denen man mindestens die Hälfte der Emissionen sparen könnte – bei gleicher Menge an Menschen und gleichen Distanzen:
1. Alte Flugzeuge ersetzen durch die neuesten Modelle.
2. Die Premium-Klasse rausschmeißen.
3. Den Belegungsgrad erhöhen.
Kurz zurück zur These, die besagt, dass sich das System aufgrund ökonomischer Zwänge nicht ändern kann – Stichwort Wirtschaftswachstum. In Wien-Schwechat wurde der lang diskutierte Bau der dritten Piste zuletzt abgesagt. Wie passt das zusammen? Das gern verwendete Argument lautet doch: Mehr Flugverkehr ist belebend für die Wirtschaft einer Region.
Es gibt jede Menge Argumente, die diese plakative Aussage infrage stellen. In der Covid-Krise z. B. ist die Wirtschaft nicht zum Stillstand gekommen, trotz praktisch keinem Flugverkehr. Und wer profitiert klarerweise am meisten von der Vielfliegerei? Die erdölproduzierenden Länder. Und noch ein Beispiel: Es gibt eine aktuelle Studie aus England, die sehr klar zeigt, dass für viele Regionen der Ausbau von Flughäfen schon längst kontraproduktiv ist, weil Kapital abwandert.
Ein Flughafenausbau führt zu Kapitalabwanderung? Das müssen Sie bitte erklären.
Für Wien ist es auf jeden Fall ökonomisch klug. Warum? In einer strukturschwachen Region, die sich schwertut am Wirtschaftsgeschehen teilzunehmen, kann ein Flugplatz zwar ermöglichen, dass ein Austausch stattfindet; dass Geschäftsreisende hin- und herfliegen, dass sich Firmen ansiedeln.
Bei sehr gut erschlossenen Destinationen hingegen ist es der Freizeitflugverkehr, der dann den Flughafen dominiert. In relativ wohlhabenden Destinationen, dazu gehört definitiv Wien, ist viel Kapital da, das für Urlaub ausgegeben wird. Das heißt: Größere Flughäfen erzeugen einen erhöhten Export von Kapital in andere Länder. Geld, das ansonsten möglicherweise in der Region umgesetzt worden wäre.
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