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Sparer nicht mehr willkommen - Unterm Kopfpolster?

Das ehemals große Buhlen um Sparkunden hat sich bei Österreichs Banken ins Gegenteil gekehrt. Sparen lohnt sich nicht mehr, Alternativen sind rar gesät.

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Banken schließen Filialen

Die Zahl der Kreditinstitute und ihrer Filialen schwindet stetig. Jetzt hat sogar die Onlinebank ING Österreich den Rücken gekehrt. 430.000 Sparer müssen sich eine andere Bank suchen. Aber wer will sie überhaupt? Das ehemals große Buhlen um Sparkunden hat sich bei Österreichs Banken ins Gegenteil verkehrt. Insbesondere Anleger, die größere Beträge – also mehr als 100.000 Euro – auf ein Sparbuch legen wollen, werden entweder gleich abgelehnt oder müssen für das Geldanlegen sogar Zinsen zahlen.

Sparbuch für Enkel: 20 € Gebühr

Helmut Gregoritsch, ein Leser aus Wien, hat uns eine unrühmliche Erfahrung zugetragen. Er wollte bei seiner Hausbank, der Bank ­Austria, ein Sparbuch für sein Enkelkind eröffnen. Zu seiner Überraschung wurde ihm ­mitgeteilt, dass das 20 Euro koste. Der Bank sei es augenscheinlich egal, dass es sich bei seinem Enkelkind um einen zukünftigen Kunden handeln könnte. "Wahrscheinlich“, schlussfolgert Herr Gregoritsch etwas des­illusioniert, "sind Kunden für eine Bank nur mehr ein Ärgernis und ein Kostenfaktor, und ohne Kunden fallen keine Kosten an – das wäre vielleicht die Lösung."

Auslöser Finanzkrise

Vor der Finanzkrise 2008/09 war die Welt für die Sparer in Österreich noch in Ordnung. Eine große Anzahl von Banken, Sparkassen, Raiffeisenkassen, Volksbanken, Hypos und einige wenige Onlinebanken konkurrierten um die Gelder der Sparer. Die Zinsen konnten sich einigermaßen sehen lassen und brachten auch nach Abzug der Inflation noch einen kleinen Gewinn. Daran ist heutzutage nicht mehr zu denken. Kein einziges Sparbuch, das von den heimischen Banken und auch von ausländischen ­Online-Instituten in Österreich angeboten wird, deckt die Teuerungsrate auch nur ­annähernd ab.

Schuld daran ist die Staatsschuldenkrise, die unmittelbar nach der Finanzkrise ­begann. Die massive Überschuldung der ­südeuropäischen Länder führte die Staaten beinahe in den Bankrott. Die Europäische Zentralbank reagierte mit Finanzhilfen und der Senkung der Zinsen. Das machte die Schulden sozusagen billiger. Allerdings ­bedeutete das für die Sparer: Auch die Sparzinsen fielen dramatisch. Sie liegen nun nur noch minimal über null Prozent.

Spar-Geschäft wurde zum Verlust

Diese Nullzinspolitik macht den Banken schwer zu schaffen. Denn das Geld der ­Sparer geben sie zum einen an Kreditnehmer weiter, zum anderen legen sie es kurzfristig bei der Europäischen Zentralbank an, die den Banken dafür Zinsen verrechnet. Mit diesen Zinskosten dürfen die Banken die Sparer aber nicht belasten. Sie müssen ­ihnen laut Gesetz zumindest eine minimale Verzinsung zugestehen. Damit wurde das Spar-Geschäft für die Banken ein Verlust. Die Folge: Sie setzten den Sparstift an und schlossen Filialen - siehe Grafik nächste Seite. Einzelne Ausnahmen gibt es. So hat zum Beispiel die Oberbank in ­Wien neue Filialen eröffnet, auch die Bank für Kärnten und Steiermark (BKS) hat einige wenige neue Niederlassungen in Wien ­gegründet. „Aber ein paar Kilometer außerhalb der größeren Städte wird es für die Kunden schon trist. Dort gibt es im besten Fall noch eine Raiffeisenbank oder eine Sparkassenfiliale im Ort“, betont VKI-­Bankenexperte Bernd Lausecker.

 

Deutlich weniger Auswahl

Entwicklung der Bank-Standorte 2008 - 2021(Quelle: OeNB)

Deutlich weniger Auswahl 

Für die Bankkunden bedeutet das Schrumpfen der Anzahl von Kreditinstituten und deren Filialen weniger Wahlmöglichkeiten, weniger Zugang zu Beratung (lesen Sie auch den Bericht eines Bank-Mitarbeiters am Ende des Artikels). Allerdings hat Österreich im Vergleich zu anderen ­europäischen Ländern noch immer recht viele Bankstellen.

Es gibt noch einen anderen Aspekt: Die ­Angebote der Banken an die Sparer unterscheiden sich kaum noch. „Die Banken ­versuchen viel weniger als früher, kleine ­Privatkunden auch zu halten“, sagt Bernd Lausecker. Die Konkurrenz um Sparer ist so gut wie weggefallen.

 

Das ist auch in der Zinslandschaft klar zu ­sehen, die wir laufend beobachten. Ein Blick auf Sparzinsen im Überblick oder auch auf Bankenrechner der AK (Vergleichs­­plattform der AK) zeigt, dass Sparen sich nicht mehr lohnt. Kein einziges Institut bietet auch nur annähernd eine Verzinsung, die die Inflationsrate abdecken könnte (­Daten Mitte April 2021 abgerufen). ­Sogar bei ­einer einjährigen Bindung ­kommen Sparer maximal auf 0,15 Prozent Zinsen. Und dafür müssen sie mindestens 5.000 Euro bei einer der ­österreichischen Filialen der türkischen ­Vakif-Bank anlegen. Bei einer Bindung auf zwei Jahre ist die Anadi Bank mit 0,35 ­Prozent Verzinsung Spitzenreiter.

1,59 Prozent Zinsverlust

Die Oesterreichische Nationalbank rechnet für heuer mit einer Inflationsrate von 1,7 Prozent. Das ergibt bei einem einjährigen Sparbuch bei der Vakif-Bank einen Zinsverlust von 1,59 Prozent (inkl. Steuern) im Jahr. ­Anzudenken sind solche Sparbücher daher nur, wenn der Anleger damit rechnet, das Geld in einem Jahr zu benötigen. Längerfristiges Anlegen lohnt sich keinesfalls. Die Verluste an Kaufkraft – also das, was man mit der angelegten Summe erwerben kann – werden mit der Spardauer nur noch größer.

N26: Geld in Estland

Weniger Online-Alternativen

Nicht zuletzt weil die Bankfilialen rarer ­gesät sind als früher, weichen die Kunden auf Online-Angebote aus, auch gespart wird bisweilen online. Die Vorzüge: Die Konten sind meist gratis, die Zinsen (­mar­­ginal) ­h­öher als bei Filialbanken. Doch diese Palette der Online-Offerte wird ebenfalls kleiner. Wie erwähnt kehrt die ING Österreich den Rücken. Heimische Sparer verlieren damit eine – lange Zeit – attrak­tive Online-Alternative. Zuletzt sind die Sparzinsen aber auch bei ING nahe der Nulllinie gelegen. Die ING-Sparer müssen sich eine neue Bank ­suchen. Nur, wo ist sie zu finden?

Post: bank99 gegründet

Die Post hat mit der bank99 eine neue Bank gegründet. In allen Post-Filialen und auch online kann ein Konto eröffnet werden. ­Besondere Zuckerln für ehemalige ING-­Sparer gibt es aber nicht. Und Zinsen ebenfalls nicht. "Kontoführung gratis“ ist das höchste der Gefühle bei der bank99 (beim sparkonto99).

Eine Alternative für Online-Sparer war ­lange Zeit die easybank. 1997 von der ­Bawag als Tochterbank gegründet, hat sie eine breite Online-Kundenbasis aufgebaut. Vor einem Jahr allerdings wurde sie mit der Bawag verschmolzen und besteht seither nur noch als Marke der Mutterbank. Sparprodukte bietet die easybank inzwischen gar nicht mehr an.

N26: Geld in Estland

Auch bei der deutschen N26, einer von ­Österreichern in Berlin gegründeten Direktbank, werden Sparer auf Zinsensuche nicht fündig. Neben einem Gratis-Girokonto ­findet man auf der Website von N26 ein Sparkonto mit bis zu 1,15 Prozent Zinsen. Die Mindestlaufzeit beträgt ein Jahr, die Mindesteinlage 2.000 Euro. Die N26 leitet das Geld allerdings weiter an die InBank, eine junge Online-Bank in Estland. Spar­gelder, die bei N26 veranlagt werden, unter­liegen der deutschen Einlagensicherung. Sie garantiert ebenso wie die in Österreich ­Einlagen bis zu 100.000 Euro. Banken­experten machen allerdings darauf aufmerksam, dass im Fall einer Schieflage der Bank ­Sparer länger auf ihr Geld warten könnten. Die Abwicklung der Einlagen­sicherung sei von Land zu Land verschieden.

Riskantere Veranlagung?

Riskantere Veranlagung?

Die Nullzinsen für Sparer treiben Anleger ins Risiko, ist VKI-Experte Bernd Lausecker überzeugt. Die COVID-Krise, die viele ­Menschen ins Homeoffice getrieben habe, verstärke den Trend zu Internet-Geldanlagen, die nicht immer sehr seriös seien. ­Jedenfalls hätten sich die Beschwerden von Anlegern, die dem Lockruf hoher Zinsen im Internet erlegen seien und dann ihr Kapital nicht mehr zurückbekamen, deutlich ­erhöht. Auch die Finanzmarktaufsicht warnt häufig vor Finanzbetrügern im Netz. Wer mehr ­Rendite mit seriösen Finanzprodukten will, muss eine Veranlagung in Anleihen oder ­Aktien wagen (siehe Kasten).

Unser Fazit

Kunden, die online-affin sind, können bei den Direktbanken zumindest sehr günstige Girokonten führen. Wollen sie Geld ansparen, bleibt nur der Weg zu riskanteren Veran­lagungen, bei denen sie im schlechten Fall auch Verluste einfahren können.

All jenen, die nicht zu Online-Konten wechseln wollen und auch das Risiko von Aktien, Anleihen oder Investmentfonds scheuen, steht derzeit keine Alternative zu Kaufkraftverlusten am Sparbuch offen.

Tipps vom Experten

VKI-Bankexperte Bernd Lausecker hat einige Tipps, die Anleger unbedingt beachten sollten:

Bernd Lausecker (Bild: A. Thörisch/VKI)

 

  • ​​​​​​​Erreichbar: Eine Bank auswählen, die zuverlässig und erreichbar ist. Ihr Sitz sollte zumindest innerhalb der EU sein.
  • Vergessen Sie die Sparzinsen: Die sind bei allen Instituten weit niedriger als die Inflationsrate. Das Geld wird damit jährlich weniger wert.
  • Lohnt es sich? Bei Veranlagung in riskantere Produkte zunächst die Frage stellen: Lohnt sich das? ­Weniger als 5.000 Euro sollte man in solche Veranlagungen nicht stecken. Das rechnet sich wegen der Gebühren meist nicht. - Daher: Sich darüber klar werden, ob man sich das leisten und Verluste auch verkraften kann.
  • Geld aufteilen: Breite Streuung der Veranlagung beachten: Aktien, Anleihen, Fonds.
  • Bargeld: Liquiditätsreserve für unerwartete Ausgabe auf ein Sparkonto legen.
  • Einlagensicherung beachten: Spargelder sind in der EU bis zu 100.000 Euro garantiert. Für Veranlagungen in Aktien, Anleihen und Fonds gilt das nicht. Hier können auch ­Verluste entstehen.

Bankgeschäfte und ältere Menschen 6/2021

Ohne Smartphone ausgegrenzt

Ich sehe dringenden Handlungsbedarf, die fortschreitenden technischen Veränderungen im Bankensektor bei Grundbedürfnissen wie Zahlungsabwicklung zu stoppen. Ich arbeite selbst in einer Bankfiliale und weiß daher, wovon ich rede. Die Leute, vor allem ältere, können teilweise nicht einmal einen Kontoauszug drucken, brauchen bei einfachsten Dingen Unterstützung, wie z.B. bei Überweisungen.

Nun weiß ich, dass in einer Bank das Onlinebanking demnächst so umgestellt werden soll, dass ein Abfragen des Kontostandes und Zahlungsdurchführung nur mehr mit einem Smartphone funktionieren soll. Das bedeutet, dass jeder Kunde, ob jung oder älter, sich ein neues, internetfähiges Handy kaufen muss, nur um seine finanziellen Grundbedürfnisse zu decken. Ich habe große Zweifel, weil sich die ältere Generation teilweise ein neues Smartphone weder leisten kann noch diese neue App installieren kann und sich in diesem System mit neu anzulegenden Codes oder komplizierten Passwörtern auch nicht zurechtfinden kann.

Ich appelliere daher dringend, sich diesem Thema zu widmen, da ich sehe, wie Menschen, die z.B. keine technische Unterstützung aus familiärem Umfeld haben, mit einfachen Zahlungen wie z.B. für die notwendige Reparatur eines Haushaltsgerätes, einer Arztrechnung – eben Dinge, die manchmal außertourlich eintreten können – ausgegrenzt werden; durch ihnen unmöglich gemachte, komplizierte technische Systeme. Auch finanzielle Zahlungen abwickeln zu können, sehe ich mittlerweile als notwendiges Grundbedürfnis.

Wenn Banksysteme die einfachsten Dinge einem großen Teil der Bevölkerung unzugänglich machen, finde ich das nicht mehr akzeptabel und ersuche Sie, bitte Sie und fordere Sie in Ihrer Funktion eindringlich auf, gemeinsam mit dem Bankensektor eine für jeden machbare Form des finanziellen Zuganges zu finden, damit Menschen nicht in eine technische 2-Klassen-Gesellschaft gedrängt werden. Ich hoffe, dass es zu einem dringend notwendigen Umdenken kommt.

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Die Redaktion

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Kaum mehr was hinzuzufügen

Die Banken arbeiten konsequent an ihrem schlechten Image und an ihrem Verschwinden, so wie wir derzeit Banken kennen. Konsequent vertreiben die Banken ihre Kunden aus ihren Filialen, indem sie immer mehr Filialen zusperren oder so miese Öffnungszeiten haben, dass ein arbeitender Mensch sich Urlaub nehmen muss, um „seine“ Filiale zu besuchen. Damit nehmen sie sich die Chance, ihre Kunden persönlich zu kennen (und umgekehrt) und eine Beziehung aufzubauen.

Es ist unmöglich, ein Kautionssparbuch zu eröffnen (bzw. zu schließen), noch für die Enkelkinder ... damit werden die angestammten Banken in den Wettbewerb mit Handybanken wie N26 oder Trade Republik gehen müssen und wir werden sehen, wer dann übrig bleibt; neben den Banken natürlich auch die Kunden, vor allem die Älteren, die mit Smartphone, Internet etc. wenig umgehen können, aber auch die ganz jungen, da sie nie an das „Erlebnis“ Sparen, Finanzbildung (Weltspartag ...) herangeführt werden; und versuchen Sie einmal, für das Enkerl die 50 Euro von der Oma für den 1er im Zeugnis auf das Sparbuch einzuzahlen. Da sind erst einmal 5 Euro Gebühren weg, und Zinsen 0, vielleicht demnächst negativ.

Nebenbei werden auch die Bankomaten ausgedünnt, interessanterweise kosten auch die Geld! Alle, auch der Staat, treiben die Leute in das Internet, die Homepages, die PINs und TANs, starke Verifizierung, Abschaffung von Bargeld ... Regulierung des Bürgers, und die Banken machen sich da als Gehilfen des immer mehr in private Sachen eingreifenden Staates schuldig. Bezahlen mit Card an der digitalen Kasse, Abrechnungsfirmen wie WireCard (ja ...), Klarna, Aydin & Co. naschen da mit jeder Transaktion mit und agieren mit unseren Daten, ungeniert.

Interessant wird es, wenn wieder mal ein Hacker in die Bankensoftware einsteigt und alles löscht, absaugt, verschiebt, alle Geldautomaten lahmlegt, man an der Tankstelle steht (natürlich E-Tankstelle) und die Bankomatkarte nicht funktioniert oder der private PC gehackt wird, Internet nicht funktioniert ... Wir werden weinen um das Bargeld, aber wie gesagt, zu spät und die Internetbank sitzt in Berlin, leider nicht erreichbar, schon 3 Stunden in der Warteschleife. Ein kleiner Dank an die Post für die Bank99, ich hoffe, sie kann das durchhalten ...

Ing. Herbert Ritt
E-Mail
(aus KONSUMENT 9/2021)

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