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Kurzsichtigkeit Frau setzt sich eine Kontaktlinse ein Großaufnahme
Nachtlinsen sind praktisch, aber nicht für alle geeignet. Bild: life-literacy / Shutterstock.com

Kurzsichtigkeit: Linsen für die Nacht

Linsen und Tropfen können bei Kindern und Erwachsenen Myopie im Schlaf korrigieren. Unter welchen Voraussetzungen ist die Behandlung erfolgreich?

Wieder so sehen wie früher

„Ich sehe wieder so wie früher“, freut sich Jonathan aus Wien. „Und das ohne Brille.“ Seit einiger Zeit muss der Elfjährige keine Brille mehr tragen. Doch nicht nur er, sondern immer mehr Menschen können mittlerweile tagsüber auf ihre Sehhilfen verzichten. Ermöglicht wird das durch spezielle Linsen oder Tropfen, die es bereits seit einigen Jahren auf dem Markt gibt und die von immer mehr Augenärztinnen und -ärzten verschrieben werden. Die Resultate können sich sehen lassen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Kurzsichtigkeit im Schulalter

Ortho-K-Linsen sind bei Kindern in Jona­thans Alter normalerweise nicht die erste Wahl. Sie können aber nach einer gründlichen fachärztlichen Untersuchung zur Anwendung kommen. In der ersten Klasse Unterstufe stellte Jonathan fest, dass er die Buchstaben auf der Tafel nicht mehr erkannte. Auch in der Ferne verschwammen viele Gegenstände.

Myopie sei in den Industrieländern steigend, warnt Augenfachärztin Gabriela Seher, Obfrau der Kontakt­linsen anpassenden Augenärzte Österreichs und Mitglied der Kommission für Refraktion, Optometrie und Kontakto­logie in der Österreichischen Ophthalmologischen Gesellschaft (ÖOG). Derzeit seien etwa 30 Prozent der Bevöl­kerung betroffen. „Wenn es so weitergeht, werden wir im Jahr 2050 bei etwa 50 Prozent sein.“

Seher betont, dass Myopie „bei den Schulkindern weit ­verbreitet ist“. Schuld daran ist ein übermäßiges Augenwachstum, das sich bis ins jugendliche Alter entwickelt und zur Kurzsichtigkeit führt, an der immer mehr Kinder erkranken. Je früher sie in dieser Lebensphase einsetzt, desto ­höhere Dioptrienzahlen werden im Endeffekt erreicht.

ÖGK zahlt nicht immer

Die wichtigste Indikation, die vorliegen muss, damit eine Ortho-K-Linse infrage kommt, ist die so genannte „progre­diente Myopie“, also die voranschrei­tende Kurzsichtigkeit. Ist diese seit mindestens einem Jahr gegeben, kann die ÖGK die Kosten übernehmen.

Als Alternative gibt es auch Linsen mit einem sogenannten „peripheren De­fokus“. Dabei wird das Bild nicht auf, sondern hinter der Netzhaut abgebildet. Linsen mit diesem „Myopiekontroll­design“ gibt es bereits als Tageslinse. Möglich sind auch Kombinationstherapien, bei denen Ortho-K-Linsen gemeinsam mit Atropin-Tropfen eingesetzt werden.

Nur Früherkennung hilft

Regelmäßige augenärztliche Kontrollen helfen, die Myopie bei Kindern rechtzeitig zu erkennen, gegenzusteuern und Folgeerkrankungen der Kurzsichtigkeit wie etwa die Netzhautablösung im Erwachsenenalter zu verhindern. Besonders besorgniserregend sei die Zunahme der Menschen mit hoher Myopie, die mit besonderen Risiken für Netzhauterkrankung, Glaukom und altersbedingte ­Makuladegeneration einhergehe, so die Österreichische Ophthalmologische ­Gesellschaft (ÖOG).

Sich mehr als zehn Stunden pro Woche bei Tageslicht im Freien aufzuhalten, hemmt laut internationalen Studien die Myopieentwicklung bei Kindern und Jugendlichen. Sie sollten daher die Zeit vor den Bildschirmen reduzieren. Allein das Distance-Learning mit Tablet, Handy und Laptop während der Corona-Lockdowns wirkte sich negativ auf die Augengesundheit vieler Kinder und Jugend­lichen aus.

Ortho-K-Linsen: keine Sehhilfen im herkömmlichen Sinn

Nicht nur Brillen, sondern auch Linsen schaffen Abhilfe bei beginnender Myopie. Die orthokeratologischen Linsen (Ortho-K-Linsen) werden auch Nachtlinsen genannt und sind keine Sehhilfen im herkömmlichen Sinn. Denn während Kontaktlinsenträger vor dem Schlafengehen ihre Linsen aus den Augen herausnehmen, tun Nachtlinsenträger das genaue Gegenteil. Erst unmittelbar vor dem Schlafengehen setzen sie die Linsen in die Augen und nehmen sie in der Früh wieder heraus. Dann geben sie diese in eine Aufbewahrungsflüssigkeit.

Ortho-K-Linsen sind harte Linsen, die wie normale Linsen ebenfalls gereinigt und gepflegt werden müssen, um ihre Lebensdauer zu erhöhen. Die Hand­habung ist trotzdem sehr einfach und kinderleicht, wie Jonathan bestätigt, der sie seit einigen Monaten trägt. Sein Augenarzt hat sie ihm verschrieben, um die Fehlsichtigkeit zu korrigieren.

Mehrere Kontrolltermine

Mehrere Kontrolltermine waren danach notwendig, um die Linsen in Jonathans Augen anzupassen und ihren richtigen Sitz zu kontrollieren. „Es machte mir überhaupt nichts aus“, erzählt der Bub im Gespräch. Es sei zwar jedes Mal eine Herausforderung, die Linsen ins Auge zu geben, aber er sei auch noch ein Anfänger, betont er. Seine Eltern unterstützen ihn dabei jedes Mal.

Wie funktionieren Nachtlinsen?

Nachtlinsen korrigieren die Fehlsichtigkeit, indem sie die Hornhaut gezielt modellieren. Tagsüber werden dann weder eine Brille noch herkömmliche Linsen benötigt. Auch Jonathan braucht seither keine mehr. Kurzsichtige bis etwa sechs Dioptrien und Menschen mit geringer Hornhautverkrümmung können davon profitieren. Die korrigierende Wirkung kann, abhängig von der Stärke der Kurzsichtigkeit, 16 bis 48 Stunden anhalten. Somit müssten die Kontaktlinsen nur alle zwei Nächte getragen werden. Die Kosten für die Linsen und die Anpassungstermine beim Augenarzt übernimmt die Gesundheitskasse (ÖGK).

Erstellung einer Hornhauttopografie

Die häufigsten Nebenwirkungen von Ortho-K-Linsen sind Hornhaut- und Kontaktlinseninfektionen, berichtet Gabriela Seher. Deshalb seien sie bei Kindern nicht immer die erste Wahl. „Wenn aber der Wunsch danach besteht und das Kind gut geeignet ist, sind sie eine der zur Verfügung stehenden Methoden.“ Um die Eignung festzustellen, muss bei einer augenärztlichen Untersuchung die genaue Dioptrienstärke festgestellt und eine Hornhauttopografie, eine Art „Landkarte der Hornhaut“, gemacht werden.

„Die Linse muss exakt an die Oberfläche der Hornhaut angepasst werden“, erklärt Seher. Mit verschiedenen Programmen wird dann berechnet, wie die Linse genau aussehen muss. Hornhauterkrankungen dürfen keine vorliegen. Nach der Anpassung wird geübt, wie die Linse eingesetzt und herausgenommen wird, auch die Linsenpflege wird besprochen. Nach der ersten Nacht ist ein Kontrolltermin notwendig, um nachzusehen, ob durch die Linse keine Druckstellen auf der Hornhaut entstehen. Kontrollen werden in der ersten Zeit regelmäßig durchgeführt.

Kurzsichtigkeit  wird von der Linse „weggedrückt“

Wer eine Ortho-K-Linse verwenden möchte, sieht jedoch nicht bereits nach der ersten Nacht perfekt. Bis die Kurzsichtigkeit von der Linse „weggedrückt“ wurde, kann es bis zu zwei Wochen dauern. Hinzu kommt, dass das Sehvermögen im Laufe des ­Tages wieder zurückgeht, wenn die ­Linsen z. B. vergessen werden oder das Tragen ganz abgebrochen wird.

Dies könne laut Seher z. B. im Auto ein Pro­blem werden: „Wenn ich fahre und es kommt ein Teil der Myopie wieder, kann es ­passieren, dass ich zwar ohne Sehhilfe nicht weiterfahren kann, meine Brille aber zu stark ist, weil diese z. B. vier ­Dioptrien hat, ich aber gerade nur zwei benötige.“ Verzichten sollten Träger von Ortho-K-Linsen zudem auf nächt­liche Autofahrten.

Tropfen im Auge

Eine weitere Möglichkeit, um das ­Voranschreiten der Kurzsichtigkeit zu bremsen, sind Atropin-Tropfen. Diese werden vom Augenarzt verordnet. Eingetropft werden damit die Augen immer abends. Wie die Linsen verhindern sie ein Längenwachstum des Augapfels und werden seit 2018 auch von der ­Österreichischen Ophthalmologischen Gesellschaft empfohlen. Nebenwirkungen gibt es keine. Jedoch sind die Tropfen nicht jedermanns Sache. Jonathan wollte sie nicht nehmen, sagt er, da er seine Brille trotzdem weiterhin hätte tragen müssen.

Myopie nur vorübergehend weg

Ortho-K-Linsen „drücken“ die Kurzsichtigkeit zwar vorübergehend weg, sie ist aber immer noch vorhanden. Geeignet sind Ortho-K-Linsen nur für Personen, deren Kurzsichtigkeit fünf bis sechs Dioptrien nicht überschreitet. Auch muss das Auge gesund sein. Nachtlinsen werden gerne von Menschen verwendet, die sowohl Brillen als auch gewöhnliche Kontaktlinsen als störend empfinden.

Mehr im Blick

Jonathan strahlt. Innerhalb weniger Wochen habe sich seine Fehlsichtigkeit um eine Dioptrie verbessert, wie ihm sein Augenarzt versichert habe. Auch sehe er wieder alles auf der Tafel und brauche keine Brille mehr, die den begeisterten Hobby-Fußballer stört. Verzichten möchte er auf die Linsen nicht mehr, die er wie einen kleinen Schatz im Badezimmerkasten hortet. „Ja, ich werde sie tragen, solange ich sie brauche“, sagt Jonathan abschließend.

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