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Einkaufen mit Demenz - Verständnis statt Missverständnis

Demenzerkrankungen nehmen zu. Damit Betroffene lange selbstständig leben können, braucht es einen verständnisvolleren Umgang mit ihnen beim Einkaufen. Davon profitieren auch Menschen mit einer psychischen Erkrankung.

Pensionistin greift im Supermarkt ins Regal - Einkauf (Foto:

"Frag mich bitte, ob ich mir den Termin aufgeschrieben habe", bittet Gertraud ihre 55-jährige Tochter. Schon seit einiger Zeit bemerkt die allein lebende Seniorin, dass sie sich einige Sachen nicht mehr so gut merkt oder Gegenstände verlegt. Gertraud lebt mit der Vergesslichkeit, wie sie sagt. Vor Lebensmitteleinkäufen schreibt sich die 77-Jährige einen Einkaufszettel. „Es kann aber schon vorkommen, dass ich mir etwas notiere, was ich schon gekauft habe“, sagt Gertraud. "Ich habe mich damit abgefunden und komme einigermaßen zurecht.“

Mehr Menschen mit Demenz

145.000 Menschen in Österreich leben mit einer Demenz. Diese Zahl wird sich laut Prognosen bis 2050 verdoppeln, denn mit steigender Lebenserwartung steigt das Risiko, eine Demenz zu entwickeln. „Jede Familie wird in absehbarer Zeit direkt oder indirekt von Demenz betroffen sein“, betont Stefanie Auer. Die Psychologin leitet das Zentrum für Demenzforschung an der Donau-Universität Krems. Die Erkrankung verändere den Alltag von Betroffenen und Angehörigen stark, so Auer. Es gibt über 200 Demenzformen, die häufigste und bekannteste ist Alzheimer. Der Großteil der Betroffenen ist über 65 Jahre, acht Prozent sind jünger. Menschen mit Demenz werden in unserer Gesellschaft stigmatisiert, sagt Auer.

Unangenehmes Gefühl

Viele Betroffene berichten über das unangenehme Gefühl, dass hinter ihrem Rücken „getuschelt“ wird. Alleine einkaufen gehen – das tun meist Menschen in einem frühen Erkrankungsstadium. Damit sie das möglichst lange selbstständig machen, müssen sie sich beim Einkaufen willkommen fühlen. Wie das gelingt, erlernen REWE-Mitar­beiterinnen und -Mitarbeiter seit Kurzem mittels Lernfilm und Handlungsleitfaden. Diese wurden vom Konzern in Koopera­tion mit der Donau-Universität Krems erstellt.

Supermarkt neu erlernen

Supermarkt neu erlernen

Zu Beginn des dreiminütigen Videos hält ­eine ältere Frau in einem Supermarkt einen Einkaufszettel in der Hand. Als sie die Zahnpasta nicht findet, verschwimmen die Buchstaben vor ihren Augen. „Wonach suchen Sie?“, fragt eine Verkäuferin freundlich und führt sie zum Produkt. Solche Momente der Aufmerksamkeit seien gut investiert, meint Auer: Denn Missverständnissen vorzu­beugen unterstütze die Kompetenz von Menschen mit Demenz und spare im Konfliktfall Zeit.

Gertraud hat keine Scheu, das Personal im Supermarkt anzusprechen. Schwierig wird es aber, wenn niemand zu sehen ist und umgeräumt wurde. Die frühere Handelsangestellte kennt das Prinzip: „Die Kunden sollen Produkte finden, nach denen sie sonst nicht gesucht hätten, aber man erschwert so vielen den Einkauf.“ Auch Harald Glatz, beim Pensionistenverband Österreichs (PVÖ) zuständig für Konsumenten­fragen, beobachtet, dass vermehrt das ­Sortiment umplatziert wird. Den Markt „neu zu erlernen“ sei umständlich für ältere Menschen mit und ohne Demenz. Er kritisiert auch, dass teurere Waren in Griffhöhe positioniert werden, während sich ältere Menschen nach günstigeren Waren des täglichen Bedarfs oft bücken oder strecken müssten. Auch die Preisauszeichnung sei noch immer zu klein gedruckt; das habe sich aber etwas verbessert.

Direkte Ansprache und Ruhe

Direkte Ansprache

Eine größere, klarere und eindeutigere Beschilderung wünscht sich auch Silvia Ballauf, Leiterin des Bereichs Selbsthilfe bei pro mente Wien. Außerdem könnte eine bessere Übersicht über die Produktgruppen zur Orientierung beitragen. Viele Menschen mit einer psychischen Erkrankung beschreiben die Geräuschkulisse – die vielen anderen Kunden, das Piepsen an der Kassa und die Musik – als Barriere. „Man könnte auf ruhigere Musik statt auf Werbung setzen“, schlägt die Wienerin vor. Sie wünscht sich mehr Achtsamkeit: „Wenn jemand verloren im Geschäft steht, einen Schweißausbruch bekommt oder zu zittern anfängt, wäre es wichtig, dass jemand fragt, wie man helfen kann, und ein Glas Wasser anbietet.“ Das aktive auf die Person Zugehen sei wichtig, weil viele sich scheuen, um Hilfe zu bitten. Doch sowohl der Zeitdruck in personell knapp besetzten Märkten als auch Berührungsängste sind Hemmnisse.

Ruhe

Auch Michael kostete es Überwindung, einkaufen zu gehen. Der 35-Jährige hatte zeitweise Panikattacken und eine psycho­tische Wahrnehmung. Ein Auslöser war ­Reizüberflutung. Medienberichten zufolge gibt es in Neuseeland eine Supermarkt­kette, die einmal wöchentlich für eine Stunde das Licht dimmt und die Musik abschaltet. So etwas empfände er als angenehm. ­Früher brauchte er, wenn er medikamentös schlecht eingestellt war, lange, bis er das Wechselgeld beisammen hatte. Seit Beginn der Pandemie ist Kartenzahlung aber ohnehin üblicher. Seit zwei Jahren ist Michael, der sich in seinem Job für Menschen mit psychischen Erkrankungen einsetzt, beschwerdefrei. Das Angebot einer Sozial­begleitung, wie von pro mente, findet er interessant: Ehrenamtliche Mitarbeiter begleiten psychisch erkrankte Menschen im Alltag – beim Einkauf oder Spaziergang. Darauf könnte im Supermarkt via Aushang hingewiesen werden.

Eigenständigkeit

Eigenständigkeit

„Nicht mehr selbst einkaufen zu können ist ein massiver Einschnitt in der Lebensgestaltung“, sagt Raphael Schönborn, Geschäftsführer von promenz, einer Selbsthilfeorganisation, die die Lebensqualität von Menschen mit Demenz verbessern will. Wer selbst einkauft, fühle einen höheren Selbstwert. Schönborn plädiert dafür, dass Betroffene und Mitarbeiter von Unternehmen stärker in Schulungsmaßnahmen einbezogen werden, um sich auf spezielle Bedürfnisse einzustellen. Gut wäre es auch, auf bestehende Angebote aufmerksam zu ­machen: Die Einkaufshilfe bei dm etwa könnten auch Demenzerkrankte nutzen. Doch viele würden wegen der Stigmatisierung die Krankheit verbergen. „Es wird ständig betont, was nicht mehr geht. Wir zeigen mit Betroffenen, was alles möglich ist“, so Schönborn.

Validation

Validation

Schönborn leitet die Selbsthilfegruppe „Meine Frau hat Demenz“. An den Treffen nahm auch Paul teil. Seine Gattin lebt seit zehn Jahren mit Demenz, sie hat auch eine Sehbeeinträchtigung. Der Pensionist ging lange Zeit mit seiner Frau, die mittlerweile in einem Pflegewohnhaus lebt, einkaufen. Im Geschäft ließ er sie nie allein. Auch aufs WC begleitete er sie, denn zuletzt fand sie den Riegel zum Öffnen der Tür nicht mehr. Deshalb wünscht er sich mehr barrierefreie Toiletten, die sie gemeinsam betreten können. Paul beschreibt seine Gattin als sprachlich gewandt, ihre Erkrankung erkannten viele zunächst nicht. Auch ihm fiel es schwer, sich auf ihr Verhalten einzustellen: „Man sollte einem dementen Menschen nie widersprechen, weil das heißt, ihn in seiner Welt zu stören. Das funktioniert meist nicht.“ Paul würde sich wünschen, dass dem Verkaufspersonal Grundlagen der ­„Validation“ vermittelt werden. So wird ­jene wertschätzende Haltung genannt, die für die Begleitung von Demenzerkrankten entwickelt wurde. Sie basiert darauf, ihr Verhalten zu akzeptieren. Auch Schönborn empfiehlt, ruhig und gelassen auf die Menschen zuzugehen. Keinesfalls sollte jemand von sich aus eine mögliche Demenz oder psychische Erkrankung ansprechen. Das ­unterstreicht auch Stefanie Auer: „Wenn man sich im Ton vergriffen hat, gilt es wie bei jedem anderen auch, sich zu entschuldigen.“ Wertschätzung steht in einer weiteren Szene im Lehrvideo im Fokus: Ein älterer Mann weiß nicht mehr, warum er im Supermarkt ist. Ein Verkäufer fragt ihn freundlich, ob er gerne kocht und etwas sucht. Dem Kunden fällt ein, dass er Spaghetti kochen wollte. „Geben Sie Menschen mit Demenz Erinnerungshilfen“, heißt es im Video.

An der Kassa

An der Kassa

Die Waren schnell aufs Band legen und rasch wieder einpacken: Mit dem Tempo können nicht alle mithalten. Da kann es passieren, dass andere die Geduld verlieren. In solchen Fällen rät Stefanie Auer von der Donau-Universität Krems, eine zweite Kassa zu öffnen und die anderen Kunden ausdrücklich um Verständnis zu bitten. Das Zentrum für Demenzstudien hat auch Handlungsempfehlungen für Polizei und Gemeinden entwickelt: „Wir haben gemerkt, dass viele das Gelernte nicht nur für die Arbeit nutzen, sondern auch privat umsetzen.“ So würden immer mehr Menschen über Demenz aufgeklärt. Auer ist davon überzeugt, dass sich das Engagement auszahlt: „Ein Mensch mit Demenz kann sehr lange ein kompetentes Mitglied der Gesellschaft sein. Kleine Unterstützungen haben hier große Bedeutung.“

Buchtipp: "Alzheimer"

Jede Zeit hat ihre Krankheit. Heute ist das sicherlich Alzheimer - das schleichende Vergessen. Vor keiner Erkrankung haben die Menschen mehr Angst. Wir klären über diese und andere Formen von Demenz auf. Wir liefern Hintergründe und Tipps, lassen Experten und Betroffene zu Wort kommen und erinnern daran, dass auch ein Mensch mit Alzheimer durchaus glücklich sein kann.

www.konsument.at/alzheimer

Aus dem Inhalt

  • Verlauf einer Alzheimererkrankung 
  • Therapiemöglichkeiten 
  • Betreuung und Pflege 
  • Rechte der Betroffenen 
  • Hilfe und finanzielle Unterstützung

Zweite, überarbeitete Auflage 2017;  240 Seiten, 19,60 € + Versand

 KONSUMENT-Buch: Alzheimer 

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