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Winterdepression: Mann steht mit dem Rücken zur Kamera in einer weiß-grauen Winterlandschaft und blickt in die Ferne
Bild: Shutterstock/FotoDuets

Winterdepression: Wenn die Sonne nicht scheint

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Die Tage sind grau, die Nächte lang, Sonnenschein rar. Kein Wunder, dass dies Auswirkungen auf unsere Psyche haben kann. Wie man den dunklen Stunden trotzt.

Saisonal abhängige Depression

Astronomisch gesehen ist Ende Jänner gerade mal ein Monat Winter. Doch gefühlt zieht sich die kalte Jahreszeit nun schon seit vielen Wochen, die goldene Herbststimmung ist in Vergessenheit ­geraten, der Frühling noch in weiter ­Ferne. Viele von uns gehen morgens im Dunklen in die Arbeit und kehren bei Dunkelheit nach Hause zurück. Das kann auf die Psyche schlagen. 

Von einer saisonal abhängigen Depression (SAD) sprechen Fachleute, wenn Symptome wie anhaltende Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit oder Verlust der Freude saisonal in den Herbst- und Wintermonaten auftreten und sich danach wieder bessern. Betroffen sind laut Studien zwei bis acht Prozent der Gesamtbevölkerung in Europa, meist im Erwachsenenalter.

Mangel an Sonnenlicht

Warum gerade in den Wintermonaten vermehrt depressive Verstimmungen auftreten, ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Hauptgrund dürfte der Mangel an Sonnenlicht sein, der die Funktionsweise des Hypothalamus beeinflussen kann. Die Aus­wirkungen betreffen laut britischem Gesundheitsdienst die Produktion von Melatonin und Serotonin. Melatonin ist Taktgeber für den Schlaf-Wach-Rhythmus und sorgt dafür, dass der Körper zur Ruhe kommt. Das Hormon wird verstärkt gebildet, wenn es dunkel wird. 

Bei Menschen mit SAD produziert der Körper möglicherweise mehr Melatonin als üblich. Zeitgleich kann ein Mangel an Sonne zu einem niedrigen Serotoninspiegel führen, der zur Regulierung der Stimmung beiträgt. Auch Vitamin D, das der Körper hauptsächlich über Sonnen­einstrahlung bildet, ist im Winter oft ­gering, was die Serotoninaktivität weiter verringert. Sowohl Serotonin als auch Melatonin sind involviert, den Tages­rhythmus des Körpers aufrechtzuerhalten. Sind sie im Ungleichgewicht, kann das zu Schlaf-, Stimmungs- und Verhaltensänderungen führen.

Symptome einer Winterdepression

Zu den Symptomen einer saisonal abhängigen Depression zählen u. a. Veränderungen des Appetits und des Schlafmusters, Tagesmüdigkeit, Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, sowie Libidoverlust. Um winterliche SAD zu diagnostizieren, ist es notwendig, Gesundheitsexpert:innen wie Ärzt:innen oder Psycholog:innen aufzusuchen. Am Wiener AKH gibt es ­eine eigene Ambulanz für Herbst-Winter-Depressionen. Sie bietet eine umfassende Diagnostik an, etwa mit spezifischen Fragebögen. 

Wichtig ist ­dabei zu wissen, dass Betroffene nicht allein sind. Laut einer Studie der MedUni Wien sind rund 200.000 Österreicher:innen betroffen. Eine weitere Studie zeigt die sozioökonomischen Auswirkungen in Österreich: Proband:innen mit SAD hatten höhere Raten an Krankenständen und Tagen mit verminderter Produktivität als gesunde Proband:innen.

Maßnahmen gegen Winterdepression

Es gibt Maßnahmen, die jede:r sofort umsetzen kann und die gegen den ­Winterblues genauso wie gegen eine Winterdepression helfen. Frische Luft, Licht und Bewegung unterstützen den Körper dabei, neue Energie zu schöpfen. Und das tut wiederum der Psyche gut. Das kann ein Waldspaziergang sein – oder auch die Busstation, die man früher aussteigt, um den restlichen Weg zu Fuß nach Hause zu gehen. Es kann auch hilfreich sein, im Büro den Tisch ans Fenster zu stellen, genug zu schlafen und vernetzt zu ­bleiben, etwa durch die Teil­nahme an Gruppenaktivitäten oder Freiwilligenarbeit. 

Noch ein Tipp: Einfach mal einen anderen Blickwinkel auf den Winter einnehmen. Wer sich einprägt, dass es kein schlechtes Wetter, nur schlechte Ausrüstung gibt, der geht – natürlich warm gekleidet – lieber bei Minusgraden raus. Es gibt auch Aktivitäten, die man nur im Winter machen kann – etwa Langlaufen, Skifahren, ­Rodeln. Oder andere, die in der kalten Jahreszeit besonders schön sind, wie Saunagänge oder Thermenbesuche. Wenn es sehr früh dunkel wird, lässt vielleicht auch die Angst nach, etwas zu ­verpassen, und man hat kein schlechtes Gewissen, unter der Decke in einem Buch zu versinken. Und statt sich über die kurzen Tage zu ärgern, könnte man sich auch freuen, dass sie nun wieder länger werden.

Professionelle Unterstützung

Zusätzlich zu den Lebensstiländerungen gibt es auch therapeutische Maßnahmen. In der Wiener Ambulanz für Herbst- Winter-Depressionen kommen häufig die Lichttherapie oder medikamentöse Therapien zum Einsatz. 

Frau sitzt mit Buch in der Hand auf Sofa und blickt mit geschlossenen Augen in eine Box, die helles ­fluoreszierendes Licht aussendet.
Bild: Shutterstock/Image Point Fr

Bei der Lichttherapie, deren Effektivität in vielen Untersuchungen festgestellt worden ist, sitzen Betroffene vor einer Box, die helles ­fluoreszierendes Licht aussendet. Bereits nach einer Woche trat bei einer Unter­suchung der MedUni Wien eine Verbesserung der Symptomatik ein, während die Patient:innen auf die Therapie mit Antidepressiva erst bis zu drei Wochen später ansprachen. 

Bei der Therapie ­unterstützen kann auch eine für SAD-­Betroffene angepasste kognitive Ver­haltenstherapie. Der Schwerpunkt der Therapie liegt darauf, negative Gedanken im Zusammenhang mit der Jahreszeit durch positive zu ersetzen. Forschungsergebnisse zeigen, dass diese Therapie genauso wirksam wie die Lichttherapie ist, die positiven Effekte zwar später einsetzen, jedoch länger anhalten. 

Eine Umfrage im deutschsprachigen Raum hat jedenfalls ergeben, dass all diese Methoden auch zur Prävention einer saisonal affektiven Störung eingesetzt werden. Die meisten der befragten Institutionen empfahlen ihren Patient:innen eine Änderung des Lebensstils (85 Prozent), Antidepressiva (84 Prozent), Psychotherapie (73 Prozent) sowie Lichttherapie (72 Prozent). 

Egal, ob Bewegung oder die künstliche „Lichtdusche“ – in den vergangenen Jahrzehnten haben sich viele Hilfs­maßnahmen für SAD etabliert. Niemand muss allein durch diese graue Zeit gehen.

Julia Gschmeidler - Redakteurin: Neue Medien, Gesellschaft
Mag.ª Julia Gschmeidler, BSc - Redakteurin: Neue Medien, Gesellschaft Bild: VKI

Im KONSUMENT-Magazin und -Blog schreibe ich über Themen, die bewegen, aufgezeigt gehören, die gesellschaftspolitisch wichtig sind. Und ich möchte konstruktive Vorschläge liefern, wie man selbst aktiv werden kann.

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