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Frauen fühlen sich mit Schmerzen oft nicht ernst genommen.
Bild: Roman Kosolapov / Shutterstock.com

Gender Pain Gap: Wenn der Schmerz ungleich ist

, aktualisiert am BLOG

Unser Gesundheitssystem verharmlost Schmerzen von Frauen viel öfter als von Männern. Patientinnen werden aufgrund ihres Geschlechts oft weniger ernst genommen, ihre Beschwerden abgetan. Woran das liegt und wie wir es ändern können.

Im Februar wird erneut der Equal Pay Day, der Tag der Entgelt-Gleichheit, ausgerufen – er visualisiert, wie lange Frauen unbezahlt vom 1. Jänner ausgehend arbeiten. EU-weite Kampagnen bemühen sich beim Gender Pay Gap um Bewusstseinsbildung und Veränderung, damit Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht gleiches Entgelt für gleichwertige Arbeit erhalten.

Anders ist das beim Gender Pain Gap, der Schmerzlücke zwischen Frauen und Männern. Hier gibt es keine EU-Kampagnen, keine Aufklärungsarbeit. Dabei diskriminiert das patriarchalische System Frauen nicht nur bei Löhnen, sondern auch bei medizinischen Behandlungen. 

Krankheiten von Frauen nicht erkannt

Ärztliches Personal nimmt die Schmerzen von Frauen oft nicht ernst, Frauen sind zudem so sozialisiert, nicht zu jammern. Eine Negativspirale. Eine aktuelle Umfrage aus Großbritannien zeigt: Von über 5.000 befragten Frauen und Männern gaben 56 Prozent der Teilnehmerinnen an, dass medizinisches Fachpersonal ihre Schmerzen ignoriert und abtut. Fast zwei Drittel waren der Meinung, dass Ärzt:innen die Schmerzen von Männern ernster nehmen.

Kein Wunder also, dass Krankheiten, die nur Frauen betreffen, sehr oft nicht erkannt werden. Ein Beispiel dafür ist Endometriose, wo gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe etwa im Bauchraum wächst. Frauen berichten davon, dass sie mit starken Unterleibsschmerzen und Regelblutungen Ärzt:innen aufsuchen – und oft mit Beruhigungsmitteln die Ordinationen wieder verlassen. Dabei ist Endometriose eine schmerzhafte Krankheit, die zu unerfülltem Kinderwunsch führen kann und bei der es sogar operative Behandlungsmöglichkeiten gibt. Eine britische Studie hat erhoben, dass es ab den ersten Symptomen durchschnittlich neun Jahre dauert, bis Betroffene die korrekte Diagnose erhalten, da durch wiederholte Konsultationen und Untersuchungen ohne Diagnose wertvolle Zeit vergeudet wird.

Schmerzlücke historisch verankert

Das geschlechtsspezifische Schmerzgefälle ist kein neues Phänomen. Unzählige Forschungsarbeiten der vergangenen zwei Jahrzehnte beschäftigen sich mit Gendermedizin – also Geschlechtsunterschieden in der Medizin – und der ungleichen medizinischen Behandlung von Frauenschmerzen. Die Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Studien legen offen, dass weibliche Patienten ihre Schmerzen aufgrund Geschlechterstereotypen eher unterschätzen.

Sie zeigen, dass weltweit ein höherer Anteil von Frauen an chronischen Schmerzen leidet und es in ganz Europa erhebliche geschlechtsspezifische Ungleichheiten bei Schmerzen gibt. Und dass sich fast drei Viertel der Frauen bei schmerzhaften Symptomen lieber selbst mit rezeptfreien Medikamenten behandeln als medizinisches Fachpersonal aufzusuchen. Selbst, wenn die Schmerzen ihr tägliches Leben erheblich einschränken.

Hysterie durch erkrankte Gebärmutter

Die Schmerzlücke ist historisch gewachsen und hat sich wie ein Virus tief in das medizinische Verständnis gefressen. Aristoteles etwa war der Auffassung, dass die Frau eine Art verstümmeltes Männchen sei und an natürlicher Unvollkommenheit leide. In der Antike kam auch der Begriff der Hysterie auf. Eine nach Vorstellung der hippokratischen Medizin psychische Störung, die auf einer „erkrankten“ Gebärmutter fußt. Einer Gebärmutter, die im Körper umherirrt und bis ins Hirn wandert, wenn sich die Frau nicht regelmäßig fortpflanzt. Einer Gebärmutter, die hysterische Anfälle auslöst.

Sogar noch im 19. Jahrhundert haben Ärzte wie Jean-Martin Charcot ihre hysterischen Patientinnen öffentlich vorgeführt und martialische Behandlungsmethoden an ihnen demonstriert. Erst Sigmund Freud attestierte kurz darauf, dass auch Männer von der neurotischen Störung als einer rein psychischen Erkrankung betroffen sein können.

Nicht länger schweigen

Schön langsam regt sich Widerstand. In den sozialen Medien berichten Frauen unter dem Hashtag #medicalmisogyny (was auf Deutsch medizinische Frauenfeindlichkeit bedeutet) von ihren Erlebnissen, die Beiträge haben millionenfache Aufrufe. Ein weiteres Beispiel ist das der Wienerin Uschi Juno, die eine Petition für eine bessere Schmerzlinderung beim Einsetzen und Entfernen der Spirale gestartet hat. Sie selbst und daraufhin viele weitere berichten über massive Schmerzen bis hin zur Ohnmacht während des Einsetzens, die Gynäkolog:innen hätten vorab nicht über die Schmerzen informiert und keine Möglichkeiten der Schmerzlinderung wie lokale Betäubung oder Dämmerschlaf angeboten.

Betroffene gingen also davon aus, dass sie selbst empfindlich seien und übertreiben – bis sie von den Berichten anderer lesen. Dabei ist man selten mit seinen Erfahrungen allein, Schmerzen von Frauen sind einfach nur tabuisiert. Denn wieso sollten sie auch über ihre Regelschmerzen sprechen, wenn die Menstruation an sich schon schambehaftet ist?

Kein normaler Teil des Frau-Seins

60 Prozent der Endometriose-Patientinnen – und damit eine überwiegende Mehrheit – gaben bei einer Umfrage an, dass Familie, Freunde und Arbeitgeber ihre Erkrankung als „normalen Teil des Frauseins“ abtäten. Ähnlich beim medizinischen Personal. Da ist es nicht verwunderlich, dass drei Viertel der Betroffenen den Wunsch äußern, dass Mediziner:innen die körperlichen Schmerzen verstehen und ernst nehmen.

Als Mann verkleiden

Auf die Spitze treibt es das „Yentl-Syndrom“. Eigentlich ist Yentl ein Film, in dem sich die Schauspielerin Barbara Streisand als Mann verkleidet, um an einer Religionsschule studieren zu dürfen. Die US-Kardiologin Bernadine Healy hat Anfang der 90er-Jahre ihre wissenschaftliche Arbeit danach benannt, weil sie auf den den unterschiedlichen Verlauf von Herzinfarkten von Frauen und Männern und das Phänomen der Vernachlässigung von Frauen in Forschung und Therapie aufgrund fehlender wissenschaftlicher Daten hinweisen wollte. Mit dem Yentl-Effekt hat Healy verdeutlicht, dass sich Frauen am besten die Symptome des männlichen Herzinfarkts vorspielen, um Chancen auf eine gute Behandlung zu erhalten. 

Was wir tun können

Nein, es ist keine Hysterie, kein Sensibelsein, wenn wir uns mit Unterleibs-, Kopf- oder Magenschmerzen durch den Alltag quälen. Und nein, manchmal reichen Beruhigungs- oder Schmerzmittel nicht aus und wir benötigen weitere Untersuchungen. Bleib hartnäckig und hinterfrage. Hol dir eine Zweitmeinung, wenn du dich in einer Praxis nicht ernst genommen fühlst. Denn Schmerzen sind nicht da, um von uns ausgehalten zu werden, auch wenn wir von früher Pubertät an gelernt haben, mit ihnen zu leben. Oder wie meine Gynäkologin sagt: „Schmerzfreiheit ist ein Menschenrecht.“ Schließen wir also gemeinsam die Schmerzlücke.

Julia Gschmeidler - Redakteurin
Bild: VKI

Im KONSUMENT-Magazin und -Blog schreibe ich über Themen, die bewegen, aufgezeigt gehören, die gesellschaftspolitisch wichtig sind. Und ich möchte konstruktive Vorschläge liefern, wie man selbst aktiv werden kann.

Julia Gschmeidler, Redakteurin

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