DATENSCHUTZ IST UNS WICHTIG!

Bitte erteilen Sie uns die Zustimmung, Ihre Daten zur internen Analyse zu verwenden. Wir geben Ihre Daten nicht weiter. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung.

Zum Inhalt

Amazon: Bewertungen und Rezensionen - Zu viele Bestnoten

, aktualisiert am

Konsumenten lieben Kundenbewertungen auf Einkaufsplattformen wie z.B. Amazon. Viele sind jedoch unsauber und manipuliert. Händler bieten Gratisprodukte, es gibt auffällig viele Bestnoten und wer etwas Kritisches veröffentlicht, muss mit Ärger rechnen.

Kundenrezension und Bewertung bei Amazon (Bild: Screenshot bei Amazon, 11.7.2014)

Rund 70 Prozent der Konsumenten geben an, Bewertungen (Sterne) und Rezensionen zu nutzen und ihnen zu trauen. Das wissen auch Hersteller und Handel. Nach Schätzung von Experten sind 20 bis 30 Prozent der veröffentlichten Produktbewertungen sogenannte "Fakes" (engl. fake = Fälschung, Imitation, Schwindel) - also Bewertungs-Betrügereien unterschiedlicher Ausprägung. Viele Konsumenten wissen das nicht. Auch die Stiftung Warentest hat im Juni 2020 einen Test veröffentlicht, der dies bestätigt: Fake-Bewertungen: mit gekauftem Lob Kunden manipulieren . Eine Amazon-Stellungnahme finden Sie am Ende des Artikels.

Wir sagen Ihnen, woran man Fakes erkennen kann und was sonst noch so läuft im Bewertungsdschungel von Amazon – und wohl auch bei anderen. - Lesen Sie auch Android: Bedrohung durch Fake-Apps 7/2014

Bewertungen können für Käufer sinnvoll sein …

KONSUMENT sieht die Beurteilung von Produkten durch die Verbraucher als wertvolle Ergänzung zu den eigenen Labor- und Praxistests. Sie sind aber nur dann sinnvoll, wenn sie redlich und unbeeinflusst zustande kommen. Hersteller, Händler oder Eigenheiten des Bewertungssystems sollten keine Rolle spielen. Nur dann kann der Kunde den Bewertungen vertrauen. Das ist auch der Grund dafür, warum es in der gedruckten Ausgabe von KONSUMENT und hier auf konsument.at keine Werbung gibt (mehr dazu unter: FAQ zu KONSUMENT).

Bei Kundenbewertungen auf Kaufportalen ist das aber bei Weitem nicht immer der Fall, wie unsere Recherche am Beispiel Amazon zeigt.

… lukrativ für Anbieter sind sie immer

Nach einer von "BIG Social Media" beauftragten Studie verkaufen sich bewertete Produkte um 200 Prozent besser als solche ohne Bewertung. Finden sich gar mehr als 50 Kundenmeinungen, hebt das den Absatz nochmals um 63 Prozent (im Vergleich zu nur ein bis fünf Bewertungen). Mehr dazu auf Die Macht der Produktbewertung.

Top-Ergebnisse sind die Regel

Erste Auffälligkeit: Rund zwei Drittel der Produkte auf den diversen Verkaufsplattformen werden mit der jeweiligen Höchstnote bewertet. Entspricht das den Alltagserfahrungen von Konsumenten? Besteht die moderne Warenwelt tatsächlich aus so vielen exzellenten Angeboten? Unsere KONSUMENT-Tests stützen diese Annahme nicht, leider.

 


 

Lesen Sie zum Thema Amazon:

zum Thema Bewertungen:

 

So viele "sehr gute" Produkte

Die Welt scheint kopfzustehen

Vielleicht rezensieren in erster Linie zufriedene Kunden, während unzufriedene ihren Gram still in sich hineinfressen? Auch das deckt sich nicht mit Erfahrungen aus vergleichbaren Bereichen: Anbieter von Waren und Dienstleistungen, aber auch Leserbriefredaktionen, Service- und Beschwerdestellen wissen, dass Unzufriedenheit etwa zehnmal so häufig zur einer Kundenreaktion führt wie lobende Zufriedenheit.

Das KONSUMENT-Forum "Gute Erfahrungen gemacht" hatte Anfang Juli 2014 354 Einträge, das Forum "Schlechte Erfahrungen gemacht" - www.konsument.at/schlechteerfahrung - zählte 1.459. Konsumenten haben das Match negativ gegen positiv mit 4:1 entschieden; die Nörgler sind in der Überzahl. Steht die Welt auf Verkaufsplattformen also Kopf?

Fünf Sterne sind nicht ideal

Laut Studie haben die Anbieter mit reinen Höchstbewertungen aber ohnehin nicht die allergrößte Freude. Für sie ist eine Bewertung von 4,5 Sternen ideal. Damit verkaufen sich Produkte gleich dreimal (!) besser als mit einem 5-Sterne-Rating; denn solche Ergebnisse wirken vertrauenswürdiger als reine Lobhudeleien. Das wissen freilich auch die Ersteller von Fake-Rezensionen. Sie achten deshalb darauf, immer einen Hauch von Kritik in ihre Bewertungen einfließen zu lassen beziehungsweise je nach Bedarf eben nicht ausschließlich die Höchstnote zu vergeben.

Wobei diese Schwindel-Rezensionen aber ohnehin nur ein Aspekt des Problems sind. Der Kampf mancher Rezensenten um vordere Listenplätze ist ein weiterer Aspekt, das Bewertungssystem als solches ein dritter und dessen mangelnde Kontrolle durch Amazon-Mitarbeiter ein vierter.

Rezensionen: wer will, der darf

Bei Amazon darf jeder alle für ein Produkt abgegebenen Bewertungen lesen. Bewertungen abgeben dürfen jedoch nur angemeldete Teilnehmer, egal ob ein Artikel bei Amazon, anderswo oder überhaupt nie einer gekauft oder auch nur verwendet wurde. Jeder, der über eine E-Mail-Adresse verfügt, kann sich anmelden.

Im System kann man einen Phantasienamen wählen ("Nickname" oder "Alias"), der dann bei den abgegebenen Kundenbewertungen – sie heißen bei Amazon "Rezensionen" – und sonstigen Aktivitäten auf der Plattform aufscheint. Bei Bedarf kann man ihn ändern. Somit bleibt man gegenüber anderen Teilnehmern und über weite Strecken auch gegenüber Amazon anonym. Die Hürden für jene, die manipulieren, sind also niedrig.

Profil, Rangliste, Hall of Fame

Auch Sie sind in der Rangliste

Wer eine Rezension schreibt, kommt automatisch in die Amazon-Rangliste. Wenn also auch Sie jemals eine Rezension auf Amazon abgegeben haben, sind auch Sie in dieser Liste. Diese Rangliste enthält mehrere Millionen Einträge. Sie erkennen die Platzierung im "Profil" des jeweiligen Rezensenten, das Sie über einen Klick auf dessen Online-Namen im oberen Teil der Besprechung aufrufen.

Laut Amazon erfolgt die Einordnung nicht nach Anzahl der gelieferten Besprechungen, sondern auch danach, wie viele andere Kunden die Rezensionen als "hilfreich" beurteilt haben – das ist wichtig.

User stimmen auf Amazon ab: War diese Rezension für sie hilfreich ja oder nein (Screenshot vom 10.7.2014)  

Im Olymp der Rezensenten

Die sprichwörtlichen "oberen Zehntausend" sind jederzeit nach aktuellem Rang geordnet einsehbar (siehe: Top-Kundenrezensenten bei Amazon).

Wer unter die Top-1.000, -500, -100-, -50, -10 gelangt oder gar Nummer 1 wird, erhält bei seinen Rezensionen eine entsprechende Plakette. Jene, die es unter die Top-10 schaffen, ziehen für alle Zeit in den "Olymp der Rezensenten" ein, die "Hall of Fame".

Von der Hall of Fame ist der folgende User weit entfernt. Die sechs abgegebenen Rezensionen reichen gerade einmal für den viermillionsten Platz, konkret: Platzierung 3926886 in der Liste der Rezensenten. 29 Personen fanden die Rezensionen hilfreich.

Unter Mein Konto >> Mein Profil finden Sie alle Ihre Rezensionen (Screenshot vom 21.7.2014) 

1. Problem: bezahlte Rezensionen

PROBLEM Nr. 1: bezahlte Rezensionen

Bezahlte Rezensionen gelten gemeinhin als das größte Übel – und sind deshalb laut Amazon-Regeln auch streng verboten: Dabei beauftragen Anbieter Text-, Werbe- oder Marketingprofis um (a) positive Rezensionen über ein Produkt zu schreiben und, nicht minder wichtig, (b) auftretenden kritischen Beurteilungen rasch zu begegnen und ihnen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Der umgekehrte Fall – das Heruntermachen der Konkurrenz – kommt auch vor, tritt aber seltener auf. Das Spektrum der Texter reicht dabei von Studenten, die auf Internetplattformen ihre einschlägigen Dienste für ein paar Euro anbieten, über eigene Mitarbeiter der entsprechenden Abteilungen bis zu spezialisierten Agenturen. Zumindest die echten Profis dreschen dabei natürlich keine Werbeparolen, sondern schlüpfen in die Rolle eines normalen Konsumenten, oft mit kleinen persönlichen Gschichterln garniert.

Wer schreibt täglich mehrere Rezensionen?

Geschobene, gekaufte Rezensionen tragen kein Mascherl (für deutsche User: "Fliege", "Schleife", ein sichtbares Kennzeichen). Es gibt aber Indizien, die den Verdacht auf eine gefakte Rezension nahelegen – und diese sind bei weitem nicht auf Amazon beschränkt. Auch namhafte österreichische Unternehmen greifen auf dieses Mittel zurück, um die öffentliche Meinung zu manipulieren. Das hat das Magazin DATUM im November 2014 aufgedeckt - bezeichnender Titel: "Datum 11/2014: Die Netzflüsterer."
Es gibt aber Indizien, die den Verdacht auf eine gefakte Rezension oder einen Forenbeitrag nahelegen – wir haben die wichtigsten aufgelistet. Auch der Hausverstand (für deutsche User: gesunder Menschenverstand) ist eine wertvolle Hilfe: Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand jährlich rund 1.000 Rezensionen schreibt?

3,5 Monate Arbeit für 1000 Bewertungen

Veranschlagt man pro Rezension 30 Minuten Arbeitsaufwand, sind das für 1.000 Bewertungen 30.000 Minuten, 500 Stunden oder rund dreieinhalb Monate Normalarbeitszeit einer Vollzeit-Arbeitskraft. Würde jeder Rezensent jedes rezensierte Produkt kaufen und ein Produkt durchschnittlich 20 Euro kosten, sind das 20.000 Euro. Das entspricht dem Nettoeinkommen aus zehn Monaten Arbeit, das ein angestellter Vollzeit-Erwerbstätiger durchschnittlich in Österreich verdient. Ist so ein Käuferverhalten plausibel?

Hinweis auf Fake verschwindet

Nichts sehen, nichts lesen, nichts tun?

Amazon verfügt über ein Repertoire der weltweit gefinkeltsten Computeralgorithmen zur Analyse des Benutzerverhaltens. Kann es sein, dass solche Eigentümlichkeiten nicht auffallen? Oder gilt, was Kritiker annehmen? Amazon will es gar nicht sehen, Richtlinien hin und her.

Hinweis auf Fake verschwindet, ...

Eigene Erfahrungen erhärten diese Annahme: Der Autor dieses Artikels hatte in einem Kommentar zu einer einschlägig auffälligen Rezension auf den Fake-Verdacht hingewiesen. Der Rezensent bestritt dies nicht einmal. Ergebnis: Amazon löschte den Beitrag. Aber nicht die Fake-lastige Rezension, sondern den Kommentar, der darauf hinwies. Die Beschwerde beim Support wurde vorerst mit Datenschutz-Gründen abgeschmettert:

Amazon: "Mit Interesse haben wir Ihre Ausführungen zu der angegebenen Diskussion zwischen Ihnen und dem Kommentar der /des ... gelesen. Da sämtliche Beiträge unserer Kunden und Diskussionsteilnehmer von unserem System überprüft werden, muß Ihre gelöschter Beitrag (Anm. d. Red.: Schreibung so im Original) gegen eine unserer Richtlinien verstoßen haben. Bitte haben Sie Verständnis, daß wir keine Auskünfte und Begründungen für unsere Handlungen geben können, da auch wir uns an den Datenschutz halten müssen."

Der Hinweis ist insofern originell, da unsere VKI-Rechtsabteilung in erster Instanz einen Prozess gegen Amazon gewonnen hat. Es ging - unter anderem - um Datenschutz. Lesen Sie mehr: Amazon: 10 Klauseln gesetzwidrig 4/2014.

... beanstandete Rezension bleibt

Erst die Thematisierung des Vorfalls in einem Amazon-Forum und/oder ein Schreiben an die Amazon-Pressestelle führte zur Wiedereinstellung des Kommentars (der zu keinem Zeitpunkt gegen Amazon-Richtlinien verstoßen haben kann). Die beanstandete Rezension aber blieb unbehelligt, der Rezensent wechselte nur seinen Online-Namen.

 

Wer kauft 180 Uhren?

Wer kauft 180 Uhren?

Ein anderer Fall, auf den ein Amazon-Kunde hinwies: "Ich habe mir gerade eine Uhr gekauft und bin dabei auf ein mir leider nicht unbekanntes Problem gestoßen. Der vorherige Rezensent hat anscheinend 180 Uhren gekauft und diese alle mit 5* beurteilt. Mal ist er dabei ein Mann, mal eine Frau. Mal trägt er die Uhr seit Monaten täglich, mal hat sie die Uhr ihrem Ehemann zu Weihnachten geschenkt ... Amazon scheint dieses Problem gar nicht zu stören ..." (siehe auch: Diskussion zum Thema Fake-Rezensionen im Amazon-Forum)

Keine befriedigende Antwort erhalten

Ähnliche Beispiele sind Legion. Wir haben auf unsere Anfrage, was Amazon aktiv gegen Fake-Rezensionen unternimmt, keine befriedigende Antwort erhalten. Amazon hat uns lediglich auf die Richtlinien verwiesen. Wer deren Einhaltung in welchem Umfang kontrolliert oder nicht kontrolliert bleibt im Dunkeln.

Weitere Unsicherheitsfaktoren kommen hinzu:

2. Problem: die Rezensenten selbst

PROBLEM Nr. 2: die Rezensenten selbst

Unter manchen Rezensenten – wenn auch bei Weitem nicht unter allen – findet ein heftiges Gerangel um eine möglichst hohe Position in der Rezensenten-Hitparade statt; sie möchten unter die "Top Rezensenten". Wer hier aufscheint, hat Aussicht, von den auf Amazon anbietenden Firmen mit Gratis-Mustern versorgt zu werden - vom Lippenstift bis zum Hometrainer, von der Packerlsuppe bis zum Smart-TV.

"Gerne bespreche ich auch Ihr Produkt ..."

"Gerne bespreche ich auch Ihr Produkt ...", heißt es deshalb in Profilen (Selbstbeschreibungen) der daran interessierten Rezensenten sinngemäß. Das scheint oft so gut zu klappen, dass manche dieser Rezensenten offenbar unter Arbeitsüberlastung leiden und deshalb darum bitten müssen, "derzeit keine Rezensionsanfragen zu stellen" (Beispiel).

Man könnte das als modernes Schnorrertum im Internet-Zeitalter vernachlässigen. Aber wie objektiv fallen Produktbewertungen aus, wenn der Rezensent hofft, auch in Zukunft vom Anbieter mit Gratis-Ware versorgt zu werden? Der normale Amazon-Kunde erfährt in diesen Fällen nie, ob der Rezensent, dessen Besprechung er gerade liest und die vielleicht für einen Kauf entscheidend ist, das Produkt vom Hersteller oder Händler geschenkt erhielt.

Kaum möglich Spreu vom Weizen zu trennen

Die Listung unter den "Top Rezensenten" bedeutet keinesfalls, dass diese alle käuflich oder bestechlich wären. Viele haben einfach Spaß daran, Rezensionen zu schreiben, und opfern dafür viel Zeit. Das ist legitim und begrüßenswert. Der normale Kunde hat aber kaum eine Möglichkeit, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Ein Blick in das Benutzerprofil eines Rezensenten kann hier Hinweise geben: Wird dort in der Selbstbeschreibung ("In eigenen Worten", am linken Rand der Seite) zur Überlassung von "Testprodukten" eingeladen UND finden sich in den konkret abgegebenen Bewertungen ganze Produktpaletten eines oder mehrere Hersteller, dann scheint eine gewisse Skepsis angebracht.

Anbieter locken ... oder sie drohen mit dem Anwalt

Anbieter locken …

Anbieter werden auch ohne Einladung durch den potenziellen Produktbewerter aktiv. So erhielt der Autor – im bescheidenen Rang der Top-30.000 Rezensenten - nach Bestellung eines Produkts folgendes Offert: "Hallo, gute Erfahrungen mit unserem Produkt gemacht? Wir suchen noch Erfahrungsberichte! Für eine objektive Produktbewertung erhalten Sie 1 Dose völlig gratis frei Haus geliefert!"

Was da unter "objektiver Produktbewertung" erwartet werden mag? Wie viele Bewertungen wohl Tag für Tag auf dieser Basis zustande kommen? Wie sehr kann ein Kunde ihnen trauen?

… oder sie drohen mit dem Anwalt

Und manchmal drohen Anbieter mit dem Anwalt. Dann nämlich, wenn eine Rezension so gar nicht nach ihrem Geschmack ausgefallen ist. Diese Erfahrung musste Amazon-Kundin M. L. E. machen, als sie die Keyboard-Schule eines Verlages als "Fehlkauf" einstufte.

"In Ihrem eigenen Interesse fordern wir Sie hiermit auf", musste sie da in einem Kommentar zu ihrer Besprechung lesen, "Ihre Rezension ... binnen 24 Stunden zu löschen, andernfalls werden wir strafrechtlich gegen Sie vorgehen und parallel Ihnen eine strafbewehrte Unterlassungserklärung zustellen lassen. Bitte bedenken Sie, dass Amazon.de bei strafrechtlichen Maßnahmen auf Herausgabe Ihrer ladungsfähigen Anschrift verpflichtet ist ..."

Eine mehr als ungeschickte Vorgangsweise des Anbieters, die deshalb auch mit einem Rückzieher des Verlages endete. Wie häufig solche Einschüchterungsversuche zum gewünschten Ergebnis führen, ist naturgemäß unbekannt.

Vine: geben und nehmen

In Vine veritas?

Im Vergleich zum Graubereich von Geben und Nehmen zwischen Anbietern und manchen Rezensenten ist das offizielle "Test-Programm" von Amazon - Vine genannt - schon fast transparent. Denn die sich daraus ergebenden Besprechungen werden zumindest mit "Vine-Rezensent" gekennzeichnet. "Amazon stellt 'Amazon Vine - Club der Produkttester'-Mitgliedern kostenlose Muster von Produkten zur Verfügung, die Hersteller zum Programm beigesteuert haben", heißt es dazu auf der sonst wenig informativen Amazon-Seite.

"Haben keinen Einfluss auf die Rezensionen"

Amazon versichert dort glaubhaft, keinen Einfluss auf die Rezensionen zu nehmen. Das sei auch gar nicht notwendig, meinen Kritiker. Denn wer würde schon eine geschenkte Ware im Wert von bis zu einigen Hundert Euro negativ bewerten?

Gratiswaren um mehr als 3.000 Euro?

Nachdenklich mögen Postings wie dieses stimmen: "Ein Freund von mir ist Vine Produkttester", schreibt User Eric L. "Bisher hatte ich mich nicht sonderlich damit beschäftigt, wie dieses System funktioniert und ließ mir von ihm letztlich in allen Details erklären, was es damit auf sich hat", so der Amazon-Kunde weiter. "Während ich z.B. für eine Digitalkamera monatelang sparen muss, hat ein Vine-Mitglied ... im letzten Jahr für ca. 3.200 Euro Digitalkameras KOSTENLOS 'abgedrückt' ..." (ganze Diskussion hier: Beschwerde über Vine-Produkttester)

Wahrheitsgehalt nicht überprüfbar

Wir können den Wahrheitsgehalt dieser und ähnlicher Aussagen nicht prüfen. Sollten sie aber zutreffen, wären sie eine mögliche Erklärung dafür, warum die Giftpfeile unter manchen Amazon-Rezensenten sehr tief fliegen - siehe dazu das folgende Beispiel:

Amazon-Rezensenten Beschwerde gegen Offertenschreiber (Screenshot)  

3. Problem: Amazons Bewertungssystem

PROBLEM Nr. 3: das Bewertungssystem

Unbestritten ist: Wenn viele Kunden bei der Frage "War die Rezension hilfreich?" auf den "Ja"-Button klicken, dann wird der Rezensent belohnt. Er oder sie klettert die Erfolgsleiter hinauf. Die Kehrseite: "Nicht hilfreich"-Bewertungen lassen den Rezensenten von dieser Leiter wieder etliche Sprossen hinabpurzeln.

Deshalb bewerten nicht wenige Rezensenten die Beiträge anderer systematisch negativ, völlig unabhängig von Art und Qualität der Rezension. Das geht auf Amazon völlig gefahrlos – man ist anonym. Amazon selbst weiß, wer wo draufklickt; der Verfasser der Rezension hingegen erfährt das nicht.

Bewertungskrieg

Welche absurden Formen und gar dramatischen Auswirkungen solche Bewertungskriege auf Amazon haben können, zeigt das Beispiel von Helga K. Sie ist mit rund 5.000 Rezensionen ein Amazon-Urgestein und längst in die "Hall of Fame" eingezogen.

Nächtlicher Telefonterror, übelste Drohungen

In ihrem Profil (Stand Juli 2014) schreibt sie: "Nach 5.000 Massenabklicks ..." – das sind die "Nicht hilfreich"-Bewertungen – "und abgründigen Mobbingthreads, nächtlichem Telefonterror, übelsten Drohungen, bin ich schwerst körperlich erkrankt und in ärztlicher Behandlung." - Ein extremes Beispiel, gewiss. Die "Abwahl-Rache" kann aber jeden Amazon-Kunden treffen.

Eine CD gut bewertet, die ein anderer Rezensent "abgrundschlecht" findet? Ein Buch kritisch rezensiert, das von einem anderen "förmlich verschlungen" wurde? Nie kann man sicher sein, dass jener mit der konträren Meinung nicht auch sämtliche anderen in der Vergangenheit abgegebenen Rezensionen als "Nicht hilfreich" bewertet, um auf diese kindische Art die Unfähigkeit des anderen zu untermauern. Kein Problem für den Bösewicht, schließlich sind wir ja anonym ... (Buchtipp: Ingrid Brodnig - "Der unsichtbare Mensch: Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert")

Button "Hilfreich – ja/nein": wenig hilfreich

Button "Hilfreich – ja/nein": nur beschränkt hilfreich

Die meisten Kunden werden über solchen Spielchen stehen oder sie nicht bemerken. Dennoch beeinflussen sie den Informationsgehalt und die Vertrauenswürdigkeit der abgegebenen Rezensionen. Denn viele Kunden ziehen neben den Sterne-Wertungen ja auch die Zahl der "Hilfreich"-Stimmen bei der Entscheidung heran, ob sie eine Rezension lesen oder nicht.

Wer vorne liegt, wird häufiger gelesen

Das Verhältnis von positiven und negativen Bewertungen durch die Amazon-User bestimmt nicht nur den Rang des Rezensenten, sondern auch, an welcher Position die Rezension auf der Produktseite erscheint (die Voreinstellung lautet "Hilfreichste Rezensionen zuerst").

Wer vorne liegt, wird häufiger gelesen, erhöht damit seine Chance auf eine weitere (positive) Bewertung seiner Rezension und damit auf einen Aufstieg in der Bewerter-Hierarchie – und damit auf "Einladungen" zur Produktbewertung durch die Firmen oder zur Teilnahme am "Vine"-Programm ...

Bildergalerie: So manipulieren Kunden Bewertungen

×

Zusammenfassung

Rezensionen bei Amazon und anderen Portalen können eine Hilfe bei der Kaufentscheidung sein. Ihre Vertrauenswürdigkeit wird aber durch einige Faktoren erheblich eingeschränkt:

  • Intransparenz durch Betreiber: Welches Gewicht welchen Rezensionen nach welchen Regeln vom Computersystem zugeschrieben wird, ist Betriebsgeheimnis.
  • Mangelnde Durchschlagskraft gegenüber bezahlten Fake-Rezensionen. Es ist nicht erkennbar, ob Amazon die eigenen Richtlinien auf Einhaltung prüft.
  • Geschenke: Es gibt einen Graubereich durch kostenlose Produktproben an Rezensenten.
  • Hilfreich – ja/nein: Eine umstrittene Bewertungsmöglichkeit; sie lässt sich anonym für Manipulationen im Rezensions-Ranking einsetzen.

Worauf bei normalen Rezensionen achten?

  • Anzahl: Wo sich allenfalls eine Handvoll Rezensionen finden, sind diese statistisch nicht aussagekräftig. Ab etwa 30 wird es statistisch vertrauenswürdiger.
  • Erste Rezensionen: Dazu müssen Sie die Sortierreihenfolge auf "Älteste zuerst" umstellen: Jubelt schon die erste Rezension das Produkt in den Himmel, heißt es aufpassen. Ist die erste Rezension eine mit fünf Sternen, folgen viele weitere Rezensenten tendenziell dieser Vorgabe - das ist der Herdentrieb. Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu.
  • Plötzlicher Schub: Dümpelt die Ware lange Zeit kaum bewertet oder unbewertet vor sich hin und erhält sie plötzlich innerhalb weniger Tage zahlreiche Höchstbewertungen, dann ist Skepsis angebracht. Bei Büchern finden Sie das Einstelldatum unmittelbar neben dem Titel, bei vielen anderen Waren auf der Produktseite in der Zeile "Im Angebot von Amazon.de seit ..."
  • Zeit zum Prüfen: "Smart-TV soeben eingetroffen. Kein Verpackungsschaden, schnelle Lieferung. 5 Sterne. Gerne immer wieder!" Über 30 Prozent der Amazon-Bewertungen folgen diesem Schema. Aber welche Erfahrung wollen die Rezensenten mit den Produkten gesammelt haben? Die Qualität vieler Waren zeigt sich erst nach einiger, oft sogar erst nach längerer Zeit. Hurra-Rezensionen erfüllen deshalb in erster Linie ein psychologisches Bedürfnis des Käufers. Psychologen nennen so etwas Reduktion der kognitiven Dissonanz: Man bestätigt sich selbst, dass man eine richtige Kaufentscheidung getroffen hat. Als Bewertung sind solche Rezensionen nutzlos.
  • "Hilfreich"-Angaben mit Vorsicht zu genießen: Jeder kann die Bewertung anderer als "hilfreich" oder "nicht hilfreich" einstufen. Hier tobt ein Kampf zwischen manchen Rezensenten, die ohne Berücksichtigung des Inhalts die Beurteilungen anderer als nicht hilfreich markieren. Sie verzerren das Ergebnis erheblich.

Woran erkennen Sie Fake-Rezensionen?

Hier gibt es keine eindeutige Regel, jedoch Indizien dafür, wie man unter Einsatz des gesunden Menschenverstandes die Vertrauenswürdigkeit beurteilen kann.

Grundlage ist das Profil des Rezensenten. Zu diesem gelangt man durch Klick auf den Namens-Link, der sich bei der Besprechung unmittelbar unter den Stern-Symbolen findet.

Anzahl der Rezensionen: Hunderte, ja Tausende Rezensionen abgegeben? Sehen Sie sich den Zeitraum an, in dem das stattfand und dividieren Sie die Zahl der Besprechungen durch die Zahl der Jahre: Klick auf den Benutzernamen und dann auf die letzte Seite der Rezensionsliste – hier finden sich die ersten Einträge. Ist das Ergebnis plausibel für einen normalen Konsumenten?

Anbieter-Schwerpunkt: Es mag ja ausgesprochene Bücherwürmer und DVD-Fans geben, die es auf viele Rezensionen bringen. Aber wer kauft wirklich alle Modelle eines Schuhfabrikanten, sämtliche T-Shirts in allen verfügbaren Farben, die gesamte Palette an Süßigkeiten eines Schokoladenherstellers, nahezu alle Multifunktionsgeräte oder Smart-TVs eines Anbieters  ...?

Produktähnlichkeit der Rezensionen: Es gibt, sagen wir, einen PC, der auf Wunsch mit Festplatten von 1, 2, 3, 4 oder 5 Terabyte ausgeliefert wird. Wer schreibt schon für jede dieser Versionen eine eigene Rezension? Oder jeweils eine eigene zu jeder der 20 Farbvarianten eines Lidschattens?

Einseitige Urteile: In der realen Welt hat man es mit schlechten, mit akzeptablen und manchmal mit sehr guten Waren zu tun. Wie schaffen es manche Rezensenten, Hunderte fast ausschließlich "sehr gute" Produkte einzukaufen? Rezensions-Profis versuchen die Einseitigkeit ihrer Bewertungen durch einen Trick zu verschleiern: Sie vergeben für manche Produkte nur einen Stern, um im Amazon-Prüfalgorithmus nicht aufzufallen. Da sollten Sie genauer hinsehen: Oft nehmen diese Schummel-Rezensenten Billigstartikel oder E-Books, für die sie mit der Funktion "In das Buch hineinschauen" nach einem flüchtigen Blick schnell eine negative 1-Stern-"Rezension" zusammenschreiben, ohne für das E-Book etwas bezahlt zu haben.

Detailverliebtheit: Vor allem bei technischem Gerät und Unterhaltungselektronik anzutreffen. Diese Rezensionen lesen sich häufig wie das technische Datenblatt des Produkts. Natürlich gibt es Rezensenten, die sich diesen vielen technischen Aspekten mit Hingabe widmen. Doch so detaillierte Informationen, Vergleiche mit den Angeboten anderer Hersteller oder Gemeinsamkeiten und Unterschiede über Generationen desselben Produktes darf man zumindest als außergewöhnlich einschätzen. Vor allem, wenn der Rezensent beteuert, Neueinsteiger in die Digitalfotografie zu sein aber penibel die Entwicklung der Kamera-Produktfamilie X des Herstellers Y über die letzten Jahre darlegt ...

Pseudo-Kritik: "Das ist jetzt schon unser dritter Flach-TV, aber so etwas an hervorragender Qualität haben wir noch nicht erlebt!", schreibt da beispielsweise jemand, um kurz vor Schluss festzuhalten: "Die äußerst edle, unübertreffliche Optik des Geräts wird nur dadurch gestört, dass man auf dem - nur 1 cm schmalen! - Hochglanzrahmen jeden Fingerabdruck sieht." Je nach Sternen-Stand des Produktes folgt dann: "Deshalb 1 Stern Abzug ..." - wenn es gilt, die optimale Bewertung von 4,5 Sternen zu erreichen oder zu halten. Oder "... dafür kann es aber keinen Abzug geben, denn das Gerät ist so phantastisch, dass ...", wenn der "Rezensent" eben nur die Pseudo-Kritik zur Steigerung der Vertrauenswürdigkeit seines Beitrages benötigt.

Abwesenheit von Werbe-Deutsch ist kein Beweis dafür, dass es sich nicht um eine Fake-Rezension handelt. Wenn es im Werbetext des Herstellers beispielsweise heißt: "Tauchen Sie ein in die phantastische 3D-Welt Ihres neuen Smart TVs von XYZ ...", so kommt das bei Profi-Schummlern anders daher: "Aber so richtig gestaunt haben wir erst, als wir zum ersten Mal auf dem XYZ auf 3D umgeschaltet haben, denn ..." So könnte ja wirklich ein Käufer empfunden und geschrieben haben; dass er hingegen "in die phantastische 3D-Welt" seines "neuen XYZ abgetaucht" sei, würde kein realer Kunde je so formulieren – der Fake-Profi somit auch nicht.

Wiederholung von Produktnamen: Angenommen, das Produkt heißt "Superfirma ER026x 57M221/X200" – ein "normaler" Rezensent würde das im Text kaum erwähnen, zumal durch die Platzierung auf der Produktseite klar ist, auf welche Ware sich seine Besprechung bezieht. Anders ein Fake-Rezensent. Er bzw. sie denkt mit, dass diese Besprechung auch von Google erfasst wird; je häufiger die Produktbezeichnung im Text vorkommt, umso höher die theoretische Chance auf einen der vorderen Plätze in den Google-Ergebnisseiten bei Suchen nach diesem Produkt.

Worauf sollten Sie bei Ihrer eigenen Rezension achten?

  • Abwarten: Vor allem bei technischen Produkten helfen Sie anderen, wenn Sie das Gerät erst selbst ausgiebig im Alltagsbetrieb testen. Auspacken, in Betrieb nehmen und sofort rezensieren ist meist nicht hilfreich.
  • Zurückhaltend bewerten: Ist bei dem Produkt wirklich keinerlei Verbesserung mehr denkbar oder wünschenswert? Nur dann verdient es fünf Sterne. Leider verabsäumt es Amazon, die verbale Beschreibung der Sterne-Bewertungen auch auf der Produktseite anzugeben. Hier ist sie zur Erinnerung:
    *****  Gefällt mir sehr
    **** Gefällt mir
    *** Nicht schlecht
    ** Gefällt mir nicht
    * Gefällt mir gar nicht
    Auch drei Sterne können Zufriedenheit ausdrücken, es bedarf nicht immer der Superlative.
  • Aktualisieren: Erfahrungen mit einem Produkt können sich mit der Zeit ändern. Informieren Sie die anderen Kunden, wenn sich Ihre Einschätzung geändert hat. Sie können sowohl die Sterne-Bewertung wie auch den Text Ihrer Rezension jederzeit aktualisieren.

Stellungnahme von Amazon (2020)

Fünfeinhalb Jahre nach Erscheinen des Artikels erhielten wir (25.6.2020) von einer Amazon-Sprecherin folgende Stellungnahme:

"Unser Ziel ist es, sicherzustellen, dass Kunden authentische und relevante Bewertungen vorfinden, damit sie besser informierte Kaufentscheidungen treffen können. Dafür setzen wir leistungsstarke Programme des maschinellen Lernens und erfahrene Prüfteams ein, um wöchentlich mehr als 10 Millionen Rezensionen zu analysieren.

Ziel ist es, missbräuchliche Bewertungen zu unterbinden, bevor sie überhaupt veröffentlicht werden. Amazon akzeptiert ausnahmslos nur authentische Bewertungen – wir entfernen gefälschte Rezensionen und gehen gegen alle an dem Missbrauch Beteiligten vor. Dies reicht von einer vorübergehenden Sperre bis hin zu einem Gerichtsverfahren. Besonders rigoros gehen wir in Deutschland gegen Unternehmen vor, die gefälschte Rezensionen verkaufen.

So haben wir beispielsweise rund ein Dutzend einstweilige Verfügungen gegen solche Anbieter erwirkt. Dieser Erfolg wird auch durch Entscheidungen der Oberlandesgerichte in Frankfurt und Hamburg bestätigt, die für den gesamten Online-Handel von grundlegender Bedeutung sein werden. Wir arbeiten weiter mit vollem Einsatz daran, die Echtheit von Kundenbewertungen zu schützen.

Wir raten Kunden, die an der Glaubwürdigkeit der auf einem Produkt hinterlassenen Rezensionen zweifeln, den Link "Missbrauch melden" zu klicken, der unterhalb jeder Rezension verfügbar ist. Auf diese Weise können wir nachforschen und notwendige Maßnahmen ergreifen.“
Amazon Corporate Communications

Diesen Beitrag teilen

Facebook Twitter Drucken E-Mail

Das könnte auch interessant sein:

alt premium

Amazon: Preisvergleich - Schnäppchen am Black Friday?

Der Online-Händler wirbt jedes Jahr zum Black Friday mit günstigen Angeboten. Aber sind Produkte an diesem Tag wirklich billiger als das restliche Jahr über? Wir haben 12 Monate lang Preise beobachtet.

Gefördert aus Mitteln des Sozialministeriums

Sozialministerium
Zum Seitenanfang