Das schaut bei der aktuellen Mode ganz anders aus. Was assoziieren Sie spontan mit dem Begriff „Fast Fashion“? Also mit Mode, die billig und ausbeuterisch produziert wird und in immer kürzer werdenden Abständen ihren Weg in die Geschäfte findet. Modeketten bringen zum Teil mehr als 20 Kollektionen pro Jahr heraus.
Fast Fashion, das ist so wie Fast Food. Schlechte Qualität. Wie geht das, dass ein T-Shirt 2 Euro kostet? Nur mit Ausbeutung – etwas, was ich schon seit Jahrzehnten den Leuten verständlich zu machen versuche. Die Modernisierung, wohl beginnend mit dem Aufkommen der Plastikwelt in den 1950ern, ist ja komplett gegen unseren Erdball, gegen uns selbst gerichtet. Wir haben das verwüstet, was wir früher sparsam erhalten haben.
Natürlich, je billiger, desto mehr kaufen die Leute ein. Die Ware der vergangenen 20, 30 Jahre aus Fernost hat den Konsum erhöht. Früher wurde auch weniger eingekauft, weil das Gewand einfach länger gehalten hat. Wir haben noch Qualität bekommen. Das Plastikzeug von jetzt, das wird ja schon zum Wegwerfen produziert. Und ist ein 2- bis 10-Euro-Leiberl wirklich billig? Wenn es nach ein, zwei Mal Waschen verschlissen wirkt, die Farbe und total die Fasson verliert? Und ich es nicht mehr tragen kann, ein neues Teil kaufen muss? Nein, das ist ein Kreislauf, der in vielerlei Hinsicht nicht günstig ist.
2014 durchbrach die weltweite Textilproduktion die Schwelle von jährlich 100 Milliarden hergestellten Kleidungsstücken. Ist der Höhepunkt bei Fast Fashion Ihrer Einschätzung nach inzwischen überschritten?
Ich glaube, es hat den Punkt erreicht, wo die Leute beginnen, nachzudenken. Insbesondere die Jungen, die mir auch im Gespräch sagen, dass das dermaßen menschen- und naturverachtend ist, wie die Modeketten produzieren. Das heißt aber nicht, dass die Modeketten nachhaltiger werden.
Fast-Fashion-Konzerne wie H&M und Zalando sind inzwischen selbst ins Geschäft mit Secondhand-Kleidung eingestiegen. Mehr als ein grünes Feigenblatt?
Das ist nur Augenauswischerei. An echter Nachhaltigkeit haben die sicher kein Interesse. Da verdienen sie ja weniger. Denn alles, was nachhaltig ist, hält länger – und somit würde nichts neu gekauft. Solche Werbegags sind nur dazu da, den Leuten ein gutes Gewissen zu suggerieren.
Vor etwa 20 Jahren war Secondhand-Mode überaus in, von New York über London und Paris bis nach Wien. Dann verschwand sie fast komplett von der Bildfläche. Inzwischen erlebt Secondhand ein Comeback – insbesondere aus Gründen der Nachhaltigkeit. Ein Trend, der diesmal gekommen ist, um zu bleiben?
Ich kenne seit 40 Jahren ein ständiges Auf und Ab. Im Moment boomt Secondhand. Vintage nicht so. Meine Kundschaft ist eher zurückhaltend. Wohl auch pandemiebedingt. Weil man immer noch nicht wirklich weiß, wohin es geht. Die Frage ist ja schließlich: Wo zieh ich’s an? Weil meine Stücke sind ja eher die schöneren Sachen, die man zu spezielleren Anlässen, beim Ausgehen anzieht.
Mit Gebrauchtwaren assoziiert man landläufig niedrige Preise. Wenn man einen Blick auf die Preise Ihrer Kleidungsstücke wirft, wird man bisweilen eines Besseren belehrt. Wie recht-fertigen Sie das Preisniveau?
Wie schon erwähnt: hohe Qualität, Langlebigkeit, Einzelstücke. Antiquitäten werden mit der Zeit ja auch mehr und nicht weniger wert. Sind vor diesem Hintergrund 90, 100, 150 Euro für ein Unikat in Top- Qualität wirklich viel? Da bekommt man oft nicht einmal den Stoff dafür. Man muss bedenken: Die Sachen bringen S’ nicht um. Die haben 50 Jahre gehalten und halten nochmal 50 Jahre. Schauen S’, der Rock hier – den können S’ in der Waschmaschine waschen, der kommt jedes Mal raus wie neu.
Wer ist denn Ihre typische Kundschaft?
Touristen gehören zu meinen besten Kunden. Die deutsche, englische, französische Frau ist viel offener dem Vintage gegenüber. Die Wienerin ist erzkonservativ, obwohl sie nicht so ausschaut auf den ersten Blick. Und das hat in den vergangenen Jahren sogar noch zugenommen bei den jungen Damen.
Kann die Wiener Kundschaft mit dem Begriff Vintage denn überhaupt etwas anfangen?
Der Weintrinker, der Whiskytrinker schon! (lacht) Daher kommt der Begriff ja, aus der Weinsprache. Je älter der Wein, desto edler, desto teurer.
In den vergangenen drei, vier Jahren haben einige neue Secondhand-Modegeschäfte ihre Pforten geöffnet. Freut Sie diese Entwicklung?
Ja, denn sie unterstreicht, dass die Leute sich immer mehr für gebrauchte Mode interessieren.
Nutzen Sie die neuen virtuellen Verkaufswege?
Nein, einen Onlineshop möchte ich nicht machen. Vielleicht bin ich da zu altmodisch. Aber ich sag immer: Die Kundin und das Kleid sind zwei Persönlichkeiten. Und wenn sich die beiden nicht verstehen, dann passt das nicht. Die zwei müssen harmonieren. Dafür muss die Kundin das Kleid aber anprobieren! Ich schlüpf in das Kleid rein: Gehört schon mir! Oder eben: Na ja, ich weiß nicht, das passt nicht so recht. Jedes Kleidungsstück hat einen eigenen Charakter. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man das Einkauf- und Probiererlebnis ersetzen kann.
Bitte vervollständigen Sie zum Abschluss diesen Satz: Nachhaltige Kleidung ist ...
... die Zukunft.
Frau Raab, danke für das Gespräch.