Seit Jahren ein Dauerbrenner in unserer Leserpost: die Preisunterschiede zwischen Supermärkten in Österreich und den Nachbarländern. Nun haben wir die Beobachtungen der KONSUMENT-Leserschaft einem objektiven Check unterzogen. Im November 2024 besuchten wir Supermärkte im österreichischen, deutschen und italienischen Grenzgebiet und verglichen die Preise von rund 200 Artikeln. Die Unterschiede sind zum Teil enorm. Aber der Reihe nach.
Preisvergleich mit Deutschland: Österreich-Aufschlag im Supermarkt
Unser Preisvergleich im Supermarkt zeigt: Wer in Österreich einkauft, zahlt im Durchschnitt um bis zu 20 Prozent mehr als in Deutschland. Was steckt hinter den heimischen Lebensmittelpreisen?
Die Erhebung kurz erklärt
Was haben wir eingekauft? Vom Liter Milch, über Mehl, Obst und Gemüse, Knabberzeug, Getränke oder Ketchup landeten Lebensmittel aller Art in unserm Einkaufswagerl. Fleisch und Wurstprodukte sparten wir aus.
Wir schauten uns die Preise von ...
- Eigenmarken an, also dem sogenannten Preiseinstiegssegment,
- jene von Bioprodukten
- und auch von Markenartikeln.
Aufgesucht haben wir Vollsortimenter, also Supermärkte wie Billa oder Spar, und Diskonter.
Die Preise verglichen wir einerseits in den jeweiligen Produktsegmenten miteinander. Aber auch grenzüberschreitend innerhalb der Handelskonzerne: Lidl ist beispielsweise in allen drei Ländern vertreten, auch Hofer (respektive Aldi Nord/Süd). Wenn es keine Marktpräsenz gab, klapperten wir ähnlich aufgestellte Händler ab. Spar zum Beispiel gibt es in Österreich und Italien, in Süddeutschland aber nicht. Stattdessen kauften wir in Bayern bei Globus ein.
Große Preisunterschiede und heftige Ausreißer
Was unsere Erhebung nun schwarz auf weiß zeigt: Je nach Händler ist Österreich im Vergleich zu Deutschland im Durchschnitt um 15 bis 20 Prozent teurer. Auch unser Mini-Warenkorb in der Tabelle spiegelt diese Größenordnung wider.
Natürlich gibt’s auch heftige Ausreißer:
- So kostet etwa Markenkaffee in Österreich um 35 Prozent mehr.
- Bei den allseits beliebten Gummibären sind es 70 Prozent Unterschied zwischen dem günstigsten deutschen und den teuersten österreichischen Händler.
- Auch Naturjoghurt kostet im Billigsegment (aber auch bei Bio) teilweise um 50 bis 70 Prozent mehr, egal ob Diskonter oder Supermarkt.
- Überdurchschnittlich auch zum Beispiel der Unterschied bei Nudeln: Die Preiseinstiegsware kostet hierzulande zum Teil um 25 Prozent mehr als in Deutschland. In Italien würden die Menschen bei derart hohen Pasta-Preisen wohl auf die Straße gehen. Pasta ist dort im Durchschnitt im Vergleich zu Österreich um die Hälfe günstiger.
Tabelle: Exemplarischer Mini-Warenkorb
Tabelle zum Download
Schwieriger Preisvergleich mit Italien
Apropos Italien: Zum durchschnittlichen Preisniveau über alle Produktgruppen und Händler hinweg können wir leider keine Aussage treffen. Die Marktüberschneidung des österreichischen und italienischen Marktes ist leider nicht groß genug, wir haben zu wenig vergleichbare Produkte im Warenkorb, um eine seriöse Aussage treffen zu können.
Spezielle Auffälligkeiten der Erhebung lesen beim Punkt weiter unten „Was uns bei der Preiserhebung besonders aufgefallen ist“.
Warum diese Preisdiskrepanz?
Erklärungsansätze gibt es viele. Wobei der Handelsverband uns gegenüber in einer Stellungnahme den Preisunterschied zwischen Österreich und Deutschland überhaupt bestreitet.
Jede:r, der zu einem anderen Schluss kommt, agiere unwissenschaftlich und populistisch, holt die Interessensvertretung zu einer Breitseite aus. Österreichs Supermärkte stehen demnach im EU-Preisvergleich gut da. Wenn es einen Unterschied gebe, dann allenfalls bei Markenartikeln.
Dann folgen noch die üblichen Erklärungsversuche: Die Filialdichte, die Personalkosten, die Steuern, die Topografie, der Bio-Anteil. Allesamt hoch in Österreich.
Könnte es an der hohen Marktkonzentration liegen?
Aus unserer Sicht und auch aus Sicht etlicher Expert:innen ist vielmehr davon auszugehen, dass hinter den höheren rot-weiß-roten Supermarktpreisen ein ganz anderer Grund steckt: die Marktkonzentration.
Die ist nämlich ebenfalls: hoch!
Nur vier Anbieter (Spar, Rewe, Hofer, Lidl) teilen sich im österreichischen Lebensmitteleinzelhandel (LEH) 95 Prozent des Umsatzkuchens auf.
Dies ist zwangsläufig mit höheren Preisen verbunden. Denn je weniger Wettbewerb, desto höher das Preisniveau.
Lösung in Sicht?
Fairere Preise im heimischen Lebensmittelhandel lassen sich wohl nur durch mehr Transparenz erreichen.
Unserer Meinung nach könnte eine unabhängige Transparenzdatenbank helfen, fairere Preise zu erreichen. Die Preisdaten sind ja vorhanden, der Handel müsste sie nur an eine unabhängige Stelle melden. Mit diesen Daten könnten zum Beispiel Preis-Apps (oder Ähnliches) schnell umgesetzt werden.
Zur Klarstellung: Gute Produkte, die wir uns alle wünschen, dürfen etwas kosten. Aber es muss ein Preis-Leistungs-Verhältnis erreicht werden, das für alle Marktteilnehmer akzeptabel ist, also für Handel, Produzent, Lieferant und Konsument:in (siehe dazu auch das „Nachhaltige Interview“ mit der Zukunftsforscherin und Handelsexpertin Theresa Schleicher).
Was uns bei der Preiserhebung besonders aufgefallen ist
- Markenartikel sind in Österreich nahezu durchgehend teurer. Interessant: Bei deutschen Diskontern gibt’s eine viel größere Auswahl an Markenartikeln als in Österreich (von Rama, Ben & Jerrys über Dr. Oetker, Teekanne bis hin zu alkoholischen Getränken wie Aperol oder Berliner Luft).
- Im Preiseinstiegssegment fallen die Differenzen zwar nicht ganz so hoch aus wie etwa bei den Markenartikeln, aber im Durchschnitt kauft man Eigenmarken/Billigprodukte in Österreich trotzdem um 14 Prozent teurer ein als in Deutschland.
Interessant: Egal ob Österreich, Deutschland oder Italien – Preiseinstiegsprodukte des täglichen Bedarfs kosten innerhalb des jeweiligen Landes überall gleich viel, also egal ob man beim Diskonter oder im Supermarkt einkauft. Die Marktbeobachtung zwischen den Händlern funktioniert also überall sehr gut.
- Bio-Ware in den Bereichen Obst, Gemüse und Milchprodukte ist in Österreich im Durchschnitt billiger. Aber es gibt auch ein paar Ausreißer nach oben.
- Grundnahrungsmittel: Mehl, Zucker, Eier, Brot – in Deutschland ist das alles deutlich günstiger zu bekommen (allerdings nicht im Bio-Bereich). Tee und Kaffee sind in Österreich zumeist billiger (Ausnahme Markenartikel).
- Bei Milchprodukten gibt es enorme Preisunterschiede. Sie sind in Österreich relativ teuer, im Vergleich sowohl zu Deutschland als auch zu Italien.
- Gemüse & Obst: Hier konnten wir keine einheitliche Linie erkennen. Zum Teil sind diese Produkte in Österreich billiger (vor allem im Bio-Segment), aber oftmals auch sehr viel teurer als in Deutschland.
- Süßigkeiten, Knabberzeug und Cerealien sind in Österreich oftmals günstiger, zumindest nicht teurer. Stellt sich die Frage: Ist „Ungesundes“ in Österreich billiger?
- Aktionen & Rabatte sind in Österreich, im Mutterland der Aktionitis, immer noch am weitesten verbreitet. Die Nachbarländer holen aber auf. In Italien sind beispielsweise schon ziemlich viele „Aktionen“ mit verwirrenden Preisschildern und auch Mikrorabatte (also z. B. 1,85 statt 1,89 oder 8,89 statt 8,99) zu finden. In Deutschland sind zudem Apps und Kundenbindungskarten im Vormarsch.
- In Österreich sind Preisschilder per Gesetz zwar mit vielen Informationen versehen, was schon mal Verwirrung stiften kann; allerdings alles besser als in Italien. Unleserliche, verwirrende Preisschilder sind keine Seltenheit. Selbst innerhalb eines Marktes gibt es unterschiedliche Arten von Preisschildern. Konfus! Auch in Deutschland fehlt eine einheitliche Linie. Der Grundpreis ist oft schwer erkennbar, zum Teil fehlen Preisschilder überhaupt. Und: Oft liest man lediglich „Angebot“, ohne Referenzpreis, den alten Preis oder dergleichen – das gibt es in Österreich so nicht.
AK: Preismonitoring Wien - 12/2024
https://wien.arbeiterkammer.at/beratung/konsumentenschutz/einkaufundrecht/Micro_Warenkorb_Wien_Dezember_2024.pdf

Preisvergleich mit Deutschland (und Italien)
thor4813, 22. Dezember 2024, 02:12