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Aufsperrdienste - Versicherungsfall?

Ein Aufsperrdienst kann ganz schön teuer kommen, so das Ergebnis unseres Tests in KONSUMENT 6/2015. Übernimmt die Haushaltsversicherung die Kosten?

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Wir konnten es selbst kaum glauben: Nur 3 von 14 getesteten Schlüsseldiensten schafften es, das versperrte Schloss einer Altbau-Wohnungstür zerstörungsfrei aufzusperrren. Alle anderen griffen früher oder später zum Bohrer und verlangten für ihre Dienstleistung zwischen 240 und 444 Euro. Je fetter die Rechnung, desto öfter wurde uns gesagt: "Zahlt eh die Versicherung."

Kostenübernahme ist Polizzenfrage

Abgesehen davon, dass nicht jeder eine Haushaltsversicherung hat: Ob die Kosten für einen Aufsperrdienst erstattet werden, kommt auf Ihren Versicherungsvertrag an. In manchen Polizzen ist diese Leistung als Zusatz zu den sogenannten Assistanceleistungen vorgesehen. In diesem Fall wird der Schlüsseldienst Ihres Versicherers mit dem Aufsperren der Tür beauftragt.

Haben Sie eine solche Polizze, müssen Sie Ihre Versicherung anrufen, die sich dann um alles kümmert. Die für diese Leistung vorgesehenen rund 110 bis 300 Euro decken jedoch die tatsächlich anfallenden Kosten nicht immer ab, wie unser Aufsperrdienste - Aufgebohrt statt aufgesperrt zeigt.

Nur bei Einbruch Geld

Ob eine Leistung für einen Aufsperrdienst vorgesehen ist und zu welchen Bedingungen, steht also in Ihrer Polizze. Finden Sie dazu nichts, wird ein Schlosstausch oder eine Türschlossreparatur lediglich dann übernommen, wenn bei Ihnen eingebrochen wurde. Nur das gehört zum Umfang einer Haushaltsversicherung. Fällt die Tür zu oder geht der Schlüssel verloren, haben Sie Pech gehabt.

Vertrag ändern: nicht sinnvoll

Einen bestehenden Versicherungsvertrag deswegen zu ändern, macht trotzdem keinen Sinn. Eine Versicherung soll existenzgefährdende Risiken abdecken und nicht für jede Kleinigkeit eine Lösung bieten. Das treibt nur die Prämien in die Höhe und macht die Leistungsinhalte für die Kunden noch verwirrender.

Interview Innungsmeister Georg Senft: "Es gibt schwarze Schafe"

"Ja, es gibt schwarze Schafe" - KONSUMENT im Gespräch mit Kommerzialrat Ing. Georg Senft, dem Innungsmeister der Wiener Schlosser, über Aufsperrdienste.

Ing. Georg Senft - Innungsmeister der Wiener Schlosser (Bild: Foto Weinwurm)
Ing. Georg Senft

Wie viele Aufsperrdienste gibt es in Wien?
In der Bundeshauptstadt sind derzeit etwa 60 Unternehmen tätig, wobei wir nicht zwischen Aufsperr- und Schlüsseldienst unterscheiden. Prinzipiell muss man sagen: Aufsperrdienste gibt es eigentlich nur in größeren Städten. Am Land macht das der ortsansässige Schlosser gewissermaßen mit.

Welche Ausbildung haben Handwerker, die Schlösser öffnen?
Wer in dieses Gewerbe einsteigen möchte, braucht einen Lehrabschluss in Metalltechnik. Im Idealfall kommt zur dreieinhalbjährigen Schlosserlehre noch ein Lehrgang "Aufsperren" dazu. Wer sich selbstständig machen möchte, muss außerdem eine einschlägige fachliche Tätigkeit über 3 Jahre nachweisen. Durch die allgemeine Liberalisierung des Gewerbes ist der Zugang leichter geworden. Das führt unter anderem dazu, dass auch ausländische Firmen auf den Markt drängen.

Was darf Aufsperren kosten?
Auf Preiserhebung Aufsperrdienste Wien (PDF) veröffentlichen wir unter dem Menüpunkt "Brancheninfo" eine laufend aktualisierte Erhebung zu den Aufsperrpreisen in Wien. Die Liste gibt Konsumenten einen Überblick, womit sie in etwa rechnen müssen, wobei es sich hier um Durchschnittswerte handelt. Klar ist: Eine Tür öffnen, vor allem, wenn sie nicht zugefallen ist, sondern versperrt wurde, ist eine Arbeit für Spezialisten. Nur hoch Qualifizierte mit viel Gefühl, jeder Menge Sachkenntnis und noch mehr Übung sind in der Lage, ein Schloss zu überlisten. Alles, was die Hersteller sich überlegt haben, um ihr Schloss sicher zu machen, müssen diese Profis umgehen können. Die Kunden, die in einer Notsituation sind, sehen oft aber nur, dass für wenig Arbeitszeit viel Geld verlangt wird.

Gibt es schwarze Schafe in der Branche?
Ja, die gibt es leider. Als Konsument sollte einen stutzig machen, wenn jemand damit wirbt, dass er z.B. für 9 Euro ein Schloss aufsperrt. Das spielt es in der Realität sicher nicht. Alarmstufe Rot herrscht auch bei Aufklebern am Schwarzen Brett, wo nur eine 0800-Nummer angegeben ist. Dasselbe gilt für Aufkleber und Inserate, auf denen sich nur eine Handynummer findet, aber kein Firmenname und auch keine Adresse.

Was passiert bei einem Anruf unter einer dubiosen Nummer?
Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein "Aufsperrdienst", sodass die Kunden nicht wissen, mit wem sie eigentlich reden. Irgendwann kommt jemand vorbei, und wieder gibt es keinen Namen und keine Firmenbezeichnung. Die Konsumenten müssen sofort bar zahlen und werden persönlich zum Bankomat eskortiert, falls sie nicht genug Geld bei sich haben. Die für die Türöffnung verlangten Beträge sind zum Teil horrend, wie wir aus zahlreichen Beschwerden wissen. Wir kennen einen Fall, in dem fürs Aufsperren der Tür 1.600 Euro kassiert wurden! Die ausgestellte Rechnung, falls es überhaupt eine gibt, lautet praktisch immer auf eine Firma in Deutschland. Man erkennt das nicht zuletzt an den verlangten 19 % Mehrwertsteuer. Wer den verlangten Preis nicht zahlen will, wird mit Drohungen eingeschüchtert.

Seit wann gibt es dieses Raubrittertum?
Wir beobachten das seit etwa drei Jahren. Die Kontaktaufnahme zum Kunden geht über ein Wertkartenhandy, vorgefahren wird mit dem Privat-Pkw. Oft kommen die Handwerker zu zweit, was im Konfliktfall die Position des Kunden zusätzlich schwächt. Am Ende zahlen alle drauf: die Konsumenten, weil sie selbst für das Öffnen einer zugefallenen Tür mindestens 450 Euro hinlegen müssen. Und die seriösen Anbieter, denen die miese Geschäftspraxis einiger weniger auf den Kopf fällt.

Wie kommen Kunden zu einem seriösen Aufsperrdienst?
Wer untertags einen Spezialisten braucht, kann bei uns in der Innung anrufen: 01 514 50 26 12, Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr. Eine 24-Stunden-Hotline bietet dagegen das Kuratorium für Einbruchschutz und Objektsicherung (KEO) an: 01 513 513 8. Das KEO vergibt ein Gütesiegel an besonders qualifizierte Betriebe. Diese geprüften Aufsperrer müssen zumindest einen eigenen Aufsperrkurs mit 80 Einheiten samt anschließender Prüfung erfolgreich absolvieren. Gibt es daran anschließend nachweislich keine Kundenbeschwerden, kann eine besondere Zulassungsprüfung abgelegt werden. Kommt es zu Problemen, wird das Gütesiegel für drei Jahre entzogen und die betroffene Firma muss sich neu qualifizieren. Natürlich kann man auf der Suche nach einem Aufsperrdienst auch das gute alte Telefonbuch zu Rate ziehen.

Viele Aufsperrdienste behaupten, dass die Haushaltsversicherung die Kosten für eine Türöffnung übernimmt.
Ja, das hören wir auch immer wieder von Kunden. Leider stimmt diese Auskunft nicht immer. Die Haushaltsversicherung zahlt für das Öffnen einer Tür nur einen bestimmten Betrag, wenn diese Leistung in der Polizze vorgesehen ist.

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