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Fairtrade Österreich Geschäftsführer Hartwig Kirner
Hartwig Kirner ist bereits seit 16 Jahren Geschäftsführer von Fairtrade Österreich. Bild: Fairtrade Österreich/Peter Tuma

„Ich mache dann gern etwas anderes“

Warum Hartwig Kirner als Geschäftsführer von Fairtrade Österreich unter anderem daran arbeitet, Fairtrade abzuschaffen, erklärt er im „Nachhaltigen Interview“.

Herr Kirner, Sie sind seit 16 Jahren Fairtrade-Österreich-Geschäftsführer. Gar keine Amtsmüdigkeit? 
Nein, gar nicht. Schon als Student habe ich einen Weltladen mitgegründet. Mir taugt diese Idee des fairen Welthandels ganz einfach. Wohlstand durch Handel, aber gerecht. Weil wenn jemand nur am Existenzminimum oder sogar darunter dahinschrammt, kann kein Wohlstand entstehen. Und das ist auch das Ziel von Fairtrade: Den Bauern vernünftige Preise und menschenwürdige Arbeitsbedingungen auf den Plantagen zu ermöglichen. 

Die Fairtrade-Umsätze in Österreich steigen ungebrochen. 2023 um 12 % auf 663 Millionen Euro. Auch die Teuerungskrise der vergangenen Jahre tat dem keinen Abbruch. Wie erklären Sie sich das?
Durch die Finanzkrise 2008 ist das Thema soziale Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit stark in den Fokus der Menschen gerückt. Das Fairtrade-Wachstum ist durch Corona nochmal angeschoben worden. Übrigens auch das von Bio-Produkten. Aktuell gab es nur eine leichte Wachstums-Abschwächung. Die Menschen, die Fairtrade-Produkte kaufen, scheinen relativ loyal zu sein. 

Loyal und kaufkräftig? 
Da muss man differenzieren. Der Handel bestätigt: Es werden vermehrt Preiseinstiegsprodukte gekauft. Aber auch Fairtrade. 

Beides von der gleichen Person?
Ja, es sind hybride Konsumenten und Konsumentinnen, die beides kaufen. Fairtrade wird über alle Bevölkerungsschichten hinweg gekauft. 

Bio und Fairtrade kombiniert gilt gemeinhin als der aktuelle Goldstandard. Der Bioanteil bei Fairtrade-Kaffee (71 %), -Bananen (96 %) oder -Orangensaft (75 %) ist in Österreich bereits sehr hoch. Der von Rohrzucker (16 %) und Kakaobohnen (9 %) hingegen gering. Woran liegt das und wie könnte der Bioanteil erhöht werden?
Bei Kakao war der Bio-Anteil vor einigen Jahren noch deutlich höher. Kakao kam damals fast ausschließlich aus Südamerika. Wir haben dann aber die Strategie geändert. Ziel war es, den Bio-Anteil zu senken – um in den konventionellen Markt reinzukommen. Hintergrund: In Westafrika gibt es praktisch kein Bio. Dort wird aber 70 Prozent der Welternte produziert. Wir haben begonnen, verstärkt in Westafrika zu zertifizieren. Natürlich ist es wünschenswert, dass sich dort auch Bio entwickelt. Das passiert auch langsam. 

Bäuerin in Elfenbeinküste klopft Kakaofrucht auf
70 Prozent der Kakao-Welternte entfällt auf Westafrika. Bio ist dort erst im Entstehen. Bild: Stanislav Kominek/Fairtrade Czech Republic and Slovakia

Und Rohrzucker? Liegt es daran, dass man in Österreich den Rübenzucker kennt und schätzt?
Der Bio-Rohrzuckermarkt ist ganz klein in Österreich, ja. Wir forcieren Rohrzucker auch nicht. Denn regionale Produktion ist auch ein Wert an sich. 

Baumwollprodukte sind schon seit mehr als 15 Jahren im Fairtrade-Portfolio. Der Absatz grundelt aber so dahin. Woran liegt das?
Die Entwicklung war nicht sensationell, aber gut. Was gut funktioniert sind Basic-Produkte wie Heimtextilien, Bettwäsche, Handtücher, Einkaufstaschen – überall dort, wo die Lieferkette relativ überschaubar ist. Im Modebereich gibt es zum Teil 50 Kollektionen pro Jahr – ein Wahnsinn! Das zu zertifizieren ist extrem kompliziert. Die Nachfrage ist zudem nicht groß. 

Gibt es Pläne, das Fairtrade-Angebot zu erweitern? Ein heißes Eisen wäre ja faire Elektronik.
Eine gute Frage... Industriebetriebe erfordern eine andere Art der Zertifizierung. Da gibt es andere, die da besser aufgestellt sind als wir. Wir sind primär im Bereich Landwirtschaft tätig. Zudem haben wir die Strategie geändert. Während es zu Beginn meiner Tätigkeit hier noch der Ansatz war, mehr Produkte in den Markt zu bringen, versuchen wir nun seit einigen Jahren nicht mehr zu verbreitern, sondern zu vertiefen. Damit auch der Impact für den einzelnen Bauern steigt. Es hat niemand etwas davon, wenn sehr viele Kooperativen wenig bekommen. Es muss das Ziel sein, dass jene Kooperativen, die zertifiziert sind, eine kritische Masse überschreiten. Dass Investmentvolumina zusammenkommen, damit sich Strukturell etwas ändert. 

Noch einmal zurück zur Elektronik. De facto gibt es da keine Zertifizierungen, denen man als Verbraucher:in wirklich Vertrauen schenken könnte. Dann also doch Unternehmen wie Fairphone?
Fairphone macht das schon recht glaubwürdig, habe ich den Eindruck. Aber wenn sich Unternehmen selbst kontrollieren, entstehen zwangsläufig Probleme. Externe Zertifizierungen haben einfach einen deutlich höheren Glaubwürdigkeitsgrad. Und selbst dort kann immer etwas passieren. Ich kann zum Beispiel für Fairphone ausschließen, dass nie etwas passiert – bei mehreren Millionen zertifizierten Bauern ist das schlichtweg nicht zu verhindern. Knackpunkt ist: Wie geht man damit um, wenn wirklich mal ein Problem auftaucht? Bei den unternehmenseigenen Programmen ist immer die Frage, ob man es ernst nimmt und den Mangel behebt. Da werden wohl oftmals die Qualitätsstandards dem Profit untergeordnet. 


Das EU-Parlament hat im April ein Lieferkettengesetz abgesegnet. Es soll weltweit Menschen- beziehungsweise Arbeiterrechte stärken und die Umwelt schützen. Großunternehmen werden dabei stärker in die Pflicht genommen, entlang ihrer gesamten Wertschöpfungskette, also zum Beispiel auch bei Zulieferbetrieben, diese Bestimmungen einzuhalten. Keine Kinderarbeit, keine Zwangsarbeit. Klingt vielversprechend, auch wenn das Gesetz final noch abgeschwächt wurde. Wird es halten können, was es verspricht?
Wir begrüßen sehr, dass es gekommen ist. Jetzt kommt es darauf an, was daraus wird, wenn es in den kommenden Jahren in nationale Gesetze übergeführt wird. Ein Bürokratiemonster? Oder schaut man, dass man sich auf die wichtigen Probleme konzentriert und die Unternehmen möglichst wenig belastet? Wenn es nur dazu führt, dass sich die Berater draufschmeißen und sagen „Juhu, jetzt machen wir Prozesse, die nur wir können und verstehen“, dann bringt das nichts. Wichtig wäre, den Fokus dort zu setzen, wo die wirklichen Probleme liegen. Dass Unternehmen dort, wo konkrete Probleme entstehen, genau hinschauen müssen. Ich hoffe, dass die Politik die Umsetzung nicht am allerletzten Drücker macht. Denn die Unternehmen warten auf klare Vorgaben. 

Auch die EU-Entwaldungsverordnung, die besagt, dass Produkte nur dann in der EU verkauft werden dürfen, wenn für deren Herstellung kein Wald in landwirtschaftliche Fläche umgewandelt worden ist, wird Auswirkungen auf Produzenten im globalen Süden haben. Nur positive?
Die Umsetzung der Entwaldungsverordnung ist deutlich weniger komplex als das Lieferkettengesetz. GPS-Koordinaten zu erfassen ist keine Raketenwissenschaft. Aber die Bauern vor Ort haben nicht nur Freude damit, auch mit dem Lieferkettengesetz nicht. Ich finde es aber wichtig und richtig. Es ist halt immer ein Spagat: Wie schränke ich die Bauern im globalen Süden ein versus was brauchen wir als Menschheit? Wenn wir die letzten Regenwälder auch noch opfern, ich weiß nicht, ob das der richtige Schritt wäre. Auf unsere Arbeit hat es jedenfalls unmittelbare Auswirkungen. Wir sind gerade dabei, Zertifizierungsstandards neu auszuarbeiten. Kaffee und Kakao haben wir zum Beispiel schon an die Entwaldungsverordnung angepasst. 

Arbeiter in Südafrika ernten Trauben
Lieferkettengesetz, Entwaldungsrichtlinie: Nicht uneingeschränkt beliebt bei Fairtrade-Bauern Bild: Fairtrade/Jeanelde Mouton

EZB und das Potsdam Institut für Klimafolgenforschung haben vor Kurzem berechnet, dass sich die Klimakrise nachhaltig im Einkaufswagerl festsetzen wird. Schon im Laufe der nächsten zehn Jahre könnte sich aufgrund steigender Durchschnittstemperaturen die jährliche Inflation bei Nahrungsmitteln um bis zu 3,2 Prozentpunkte erhöhen. Wie lautet Ihre Prognose: Welches Produktsortiment wird den Österreicher:innen 2034 im Supermarkt feilgeboten? Und zu welchen Preisen?
Die Vielfalt wird steigen, so wie sie auch in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen ist. Exotisches, wie auch regionale Produkte. Das wird sich in Relation zum Einkommen nicht dramatisch auswirken. Im Durchschnitt geben wir nur 10 % unseres Einkommens für Lebensmittel aus. Das soll sich nicht arrogant anhören, denn es gibt Menschen, die wirklich kämpfen müssen. Aber es ist zum Glück nicht die Mehrheit der Bevölkerung. Wir müssen auch in Zukunft über Transfers sicherstellen, dass sich jene, die nicht so viel Einkommen haben, gute Lebensmittel leisten können.

Und die Warenverfügbarkeit im Jahr 2034?
Die wird bei manchen Produkten ein Thema werden. Wir haben zum Besispiel Studien, die zeigen, dass sich die Anbauflächen für Arabica-Kaffee bis Mitte des Jahrhunderts halbieren werden. Das wird unweigerlich zu einer Verknappung führen – inklusive Verteuerung dieser führenden Kaffeesorte.

Fairtrade ist auch, wie Sie es selbst einmal genannt haben: Hilfe zur Selbsthilfe. Fairtrade Österreich gibt es bereits seit 31 Jahren. Wie lange wird diese Hilfestellung noch notwendig sein? Irgendwann muss das Kind doch auf eigenen Beinen stehen? 
Das tut es zum Teil bereits. Wenn wir uns Kooperativen anschauen, die schon seit vielen Jahren dabei sind, dann sehen wir, wie viel professioneller die inzwischen agieren. Aber wir decken natürlich nur einen kleinen Teil des Marktes ab, das muss man schon auch sagen. Fairtrade kann im globalen Süden nicht alle Probleme in der Landwirtschaft lösen, schon gar nicht auf einen Schlag. Aber unser Ziel muss ganz klar sein, dass wir in Richtung Living Income gehen. 

Apropos Lohnniveau. Auch wenn man immer wieder Verbesserungen verspricht und auch umgesetzt hat: Kritische Stimmen rund ums Fairtrade-System sagen unter anderem, es implementiere einen perspektivenlosen Zustand von „Armut-light“... 
Fairtrade ist ein handelsbasiertes System, kein Spendensystem. Wenn Bauern ihre Ernte nicht verkaufen können, dann gibt es von uns keine Abnahmegarantie, das können wir nicht leisten. Fairtrade ist nicht die Ultima Ratio, aber eine unserer wichtigen Funktionen ist auch, dass wir seit 30 Jahren zeigen, dass fairere Bedingungen möglich sind. 

Wenn man den Unternehmenszweck zu Ende denkt, müsste es doch das finale Ziel von Fairtrade sein, nicht mehr notwendig zu sein, sich selbst abzuschaffen? 
Sie haben recht, das Beste wäre, wenn die Politik faire Rahmenbedingungen schafft, wo Organisationen wie die unsrige obsolet werden. Damit hätte ich gar kein Problem, ich mache dann beruflich gern etwas anderes. 

Herr Kirner, danke für das Gespräch.

Fairtrade: Was ist das?

Grundsätzlich kann jede:r für sich in Anspruch nehmen, fairen Handel zu betreiben. Das Fairtrade-Gütesiegel ist ein geschütztes Zeichen, das sicherstellt, dass mit dem Siegel versehene Produkte unter Einhaltung bestimmter sozialer, ökologischer und ökonomischer Kriterien hergestellt wurden.

Dazu gehören unter anderem die Zahlung eines fairen Preises, die Bezahlung einer Prämie zur Finanzierung von Infrastrukturvorhaben oder die Vorfinanzierung der Ernte, das Verbot von Kinderarbeit, die Einhaltung von Arbeitsschutzbestimmungen, die Durchführung von Schulungen und vieles mehr.

Die Einhaltung der Fairtrade-Standards wird regelmäßig von geschulten, ortskundigen Auditor:innen überprüft, bei Verstößen werden Korrekturmaßnahmen eingeleitet.

Das Fairtrade-Gütesiegel ist das am weitesten verbreitete unter den Sozialsiegeln und eines der glaubwürdigsten. Es wird vor allem für Lebensmittel aus dem globalen Süden vergeben, aber auch für Textilien, Rosen oder Gold. 

Weitere Informationen unter fairtrade.at

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