Stress für die Umwelt, Stress für die Psyche
ÖKO.LOGISCH
Lange unterschätzt, aber inzwischen wissenschaftlich gut belegt: Umweltbelastungen können Depressionen, Angststörungen und sogar Suizidrisiken beeinflussen.
Im KONSUMENT-Magazin und -Blog schreibe ich über Themen im weiten Feld der Nachhaltigkeit. Die Kolumne nennt sich ÖKO.LOGISCH.
Markus Stingl, Redakteur
Wer von einer Umweltkatastrophe betroffen ist, also beispielsweise die Überflutung seines Hab und Guts hilflos mitansehen muss, ist vordergründig in einer finanziellen Notlage. Was diese Extremsituation aber noch mit sich bringt, ist eine nicht zu unterschätzende psychische Belastung.
Darüber wird allerdings, in guter alter Tradition, selten gesprochen. Auch die wissenschaftliche Bearbeitung dieses Teilaspekts von Klimawandel, Umweltverschmutzung & Co fristet vergleichsweise ein Schattendasein.
Wenngleich die Europäische Beobachtungsstelle für Klima und Gesundheit bereits 2022 einen Bericht veröffentlicht hat, der aufzeigt, dass der Klimawandel zunehmend auch massive psychische Gesundheitsrisiken birgt. Er wirkt oft als Verstärker bestehender Probleme, bringt aber auch neue Phänomene mit sich, wie z. B. die insbesondere bei Jugendlichen verbreitete Klimaangst.
Neue Meta-Studie
Vor einigen Monaten veröffentlichte die Europäische Umweltagentur (EUA) nun einen umfangreichen Report, der die Zusammenhänge zwischen Umweltverschmutzung und psychischer Gesundheit thematisiert. Diese Meta-Analyse fasst rund 350 Reviews und 300 Studien zusammen.
Die Ergebnisse bilden den wissenschaftlichen Status quo ab und sind entsprechend gut abgesichert. Um die Erkenntnisse weiter zu vertiefen, bedarf es allerdings noch zusätzlicher Forschung, konstatiert auch die EUA.
Depression, Schizophrenie & Co.
Aber was sind nun die Ergebnisse? Umweltbelastungen, vor allem Luftverschmutzung, Schadstoffe und Verkehrslärm, wirken sich messbar auf die psychische Gesundheit aus. Es gibt quantifizierbare Daten, reproduzierbare Studien und statistisch signifikante Zusammenhänge, die zeigen, dass Umweltbelastungen mit psychischen Problemen zusammenhängen. Im Fokus stehen Depression, Angst, Schizophrenie und auch Suizid.
Einige Beispiele:
- Wer langfristig schlechter Luftqualität ausgesetzt ist, insbesondere Feinstaub und dem u. a. von Autos und Industrie ausgestoßenen Stickstoffdioxid (NO2), hat ein erhöhtes Depressionsrisiko. Darüber hinaus verschlechtern kurzfristige Belastungsspitzen Symptome von Depression und Schizophrenie – und stehen sogar mit einer erhöhten Suizidrate in Verbindung. Die Luftverschmutzung wirkt hier vielfach als akuter Stressor bzw. Trigger, der bestehende Krisen verschärft.
- Wenn Kinder und Jugendliche über längere Zeiträume in Kontakt mit Schadstoffen wie Blei, Passivrauch, endokrinen Disruptoren oder anderen Chemikalien (PFAS, Phthalate etc.) kommen, kann das das Risiko für psychische Probleme später im Leben erhöhen.
- Flugzeug- und Straßenverkehrslärm kann mit einem erhöhten Risiko für Depressionen und Angstzustände verbunden sein, insbesondere für Personen in gefährdeten Gruppen.
Wer zählt zu den gefährdeten Gruppen?
Wie so oft die ohnedies benachteiligten, vulnerablen Teile der Gesellschaft. Also Alte, Kinder, Jugendliche, Schwangere (und ihre ungeborenen Kinder) und generell Menschen in dicht besiedelten, stark belasteten Regionen.
Umweltschutz = Gesundheitsschutz
Faktum ist, dass psychische Erkrankungen die sechstgrößte Krankheitslast (verlorene gesunde Lebenszeit) und die achthäufigste Todesursache in der EU darstellen.
Das nur auf Umweltbelastungen zurückzuführen, wäre unseriös. Aber die Evidenz, die Umweltverschmutzung mit psychischen Gesundheitsproblemen in Verbindung bringt, wächst. Und sie zeigt die Dringlichkeit, Umwelt- und Gesundheitsschutz noch viel stärker synchron zu denken.

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