Greenwashing im Warenkorb
ÖKO.LOGISCH
Internetplattformen übertreiben bei Öko-Versprechen oder sparen das Thema Nachhaltigkeit ganz aus. Gibt es Aussicht auf Besserung?
Im KONSUMENT-Magazin und -Blog schreibe ich über Themen im weiten Feld der Nachhaltigkeit. Die Kolumne nennt sich ÖKO.LOGISCH.
Markus Stingl, Redakteur
Onlineshopping ist ein Thema, bei dem ich kein kundiger Kenner bin. Ich behaupte jetzt nicht, dass ich das nie mache. Natürlich kaufe ich im Netz ein. In dieser Beschleunigung von einer Epoche, in der wir leben, in der Zeit verdichtet wird, in der es um immer mehr Output geht (natürlich bei gleichbleibenden Zeitressourcen), in der wir alle gefühlt immer nur hinterherhecheln, ist es fast unmöglich geworden, nicht diese Abkürzung zu nehmen.
Trotzdem achte ich darauf, regelmäßig „in echt“ einzukaufen. Also ganz altmodisch in Geschäfte zu gehen – und damit meine ich nicht nur die Lebensmittelhändler. Amazon-Account habe ich nie einen besessen, auf den Seiten von Temu oder Shein war ich höchstens mal aus beruflichem Interesse.
Es tut sich wenig
Wir alle kaufen im Internet ein. Der eine mehr, die andere vielleicht etwas weniger. Insofern wäre es wünschenswert, wenn Onlineshops nicht nur die funktionellen Vorzüge ihrer Produkte anpreisen, sondern auch in puncto Nachhaltigkeit Aufklärungsarbeit betreiben würden. Aber da tut sich leider wenig.
Obwohl Nachhaltigkeitsbewusstsein vorhanden sei, bestimmen Preis, Komfort und schnelle Verfügbarkeit die Kaufentscheidungen, schreibt das deutsche Umweltbundesamt im Fazit einer aktuellen Untersuchung zum Thema. Wer online einkaufe, finde meist das billigste Produkt, aber zu selten das nachhaltigste.
Die Forderung: Internetplattformen sollen Nachhaltigkeitsaspekte stärker einbeziehen. „Algorithmische Empfehlungssysteme sollten z. B. Nachhaltigkeitskriterien systematisch berücksichtigen. Eine solche Vorgabe könnte die Politik über die EU-KI-Verordnung machen.“ Auch entsprechende Filtermöglichkeiten hinsichtlich Materialherkunft, Energieeffizienz oder Reparierbarkeit sollten implementiert werden – und zwar basierend auf rechtssicheren Standards.
Klare Regeln
Das kann ich nur unterstreichen. Insbesondere den letzten Halbsatz. Denn was Plattformen bisweilen schon machen: Irgendwelche Öko-Standards selbst festlegen und sie dann als Nachhaltigkeits-Kaufhilfe anpreisen. Das ist Greenwashing.
Wir haben 2021 im Zuge des VKI-Greenwashing-Checks zwei Konzern-eigene Öko-Gütesiegel von Amazon durchleuchtet. Insbesondere das Label „Climate Pledge Friendly“ sei ein irreführendes Fake-Label, urteilten wir damals. Produkte wurden unter dieser Dachmarke undifferenziert als klimafreundlich angepriesen (ob Amazon das Label inzwischen optimiert hat, schauen wir uns im Laufe des Jahres in einem Re-Check an).
Was ich sagen will: Wenn „mehr Nachhaltigkeit im Onlinehandel“, dann staatlich reglementiert. Sonst ist Greenwashing Tür und Tor geöffnet. Insofern hoffe ich sehr auf eine scharfe Umsetzung der sogenannten EmpCo-Richtlinie der EU (Stärkung der Verbraucher:innen für den ökologischen Wandel), die im Herbst in Kraft treten und sich u. a. dieser Problematik entgegenstellen soll.
Soziale Nachhaltigkeit: Essensboten
Noch ein Gedanke zur sozialen Nachhaltigkeit. Der „Falter“ hat unlängst die Lebensumstände von Essensboten (in Wien) thematisiert. Und aufgezeigt, unter welch menschenunwürdigen Bedingungen sie zum Teil hausen und zu welch ausbeuterischen Bedingungen sie arbeiten müssen. Auch in KONSUMENT haben wir bereits 2018 die prekäre Welt der (damals noch) Fahrradboten beanstandet.
Insofern: Vielleicht denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal Ihr bei Foodora, Lieferando oder Wolt bestelltes Essen entgegennehmen – und geben dem Boten zumindest ein anständiges Trinkgeld.

Kommentieren
Sie können den Text nach dem Abschicken nicht nachträglich bearbeiten, Länge: maximal 3000 Zeichen. Bitte beachten Sie auch unsere Netiquette-Regeln.
Neue Kommentare können nur von angemeldeten Benutzern veröffentlicht werden.
Anmelden0 Kommentare