Geschichte des Sonnenschutzes: Von nobler Blässe zu LSF 50+
Zwischen Schönheitsideal und Gesundheitsrisiko: Wie sich der Schutz vor der Sonne entwickelt hat – und warum zwei österreichische Forscher dabei lange vergessen wurden, erörtern wir im Interview mit dem Dermatologen Dr. Harald Maier.
Zur Person
a.o. Univ.-Prof. Dr. Harald Maier ist ein renommierter österreichischer Facharzt für Dermatologie und Venerologie in Wien.
Neben seiner Ordinationstätigkeit lehrt und forscht er an der Medizinischen Universität Wien über Auswirkungen von Umweltfaktoren auf die Haut (Umweltdermatologie).
Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten zählen u.a. UV-Schutz der Haut sowie Gesundheitsgefahren durch Giftraupen (z. B. Eichenprozessionsspinner).
KONSUMENT: Wem haben wir die Erfindung von Sonnencreme zu verdanken?
Dr. Harald Maier: Die Erkenntnis, dass UV-Strahlung für den Sonnenbrand verantwortlich ist, geht auf den englischen Arzt und Forscher Sir Everard Home 1820 zurück. Bis zur Entwicklung des ersten Sonnenschutzmittels mit chemischen UV-Filtern dauerte es aber noch einige Zeit. Es wurde in den 1890er-Jahren in Deutschland entwickelt, durchgesetzt hat es sich aber nicht.
Das erste ausführlich beschriebene Sonnenschutzmittel kommt aus Österreich. 1922 haben es Josef-Maria Eder, ein Fotochemiker, und der Mediziner und Strahlenbiologe Leopold Freund entwickelt. Letzterer war sogar einmal für den Nobelpreis vorgeschlagen.
Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse waren entscheidend für wirksamen UV-Schutz?
Eder wurde berühmt durch seine fundamentalen Arbeiten zur analogen Fotografie. Die Arbeit zum Thema Sonnenschutz war praktisch nur ein „Nebenprodukt“. Das Mittel nannte das Forscherduo „Anti-Lux“, also „Gegen das Licht“. Sie ließen die Lichtschutzformulierung patentieren und gingen in Produktion. Der wirtschaftliche Erfolg blieb jedoch leider aus. Diesen haben dann in den 1930er-Jahren Delial aus Deutschland und Ambre Solaire aus Frankreich geschafft.
Die beiden Forscher gerieten weitgehend in Vergessenheit und sind erst jetzt, durch meine Recherchen, wieder bekannter geworden. In unserer dermatologischen Fachgesellschaft haben wir zu Ehren der beiden Forscher einen Preis ausgelobt (Josef Maria Eder Preis der AG Photomedizin der ÖGDV, Anm.), der an junge Wissenschafter:innen für Forschungsarbeiten auf den Gebieten UV-bedingte Hautschäden und UV-Schutz vergeben wird.
Wie haben sich die Inhaltsstoffe im Laufe der Zeit verändert?
Delial und Ambre Solaire traten den Siegeszug mit der Entwicklung immer neuer, UV-absorbierender Stoffgruppen an. Franz Greiter, ein Chemiker aus Vorarlberg, definierte nicht nur die Begriffe Sonnenschutzfaktor und Wasserfestigkeit in den 1960ern, sondern brachte zuvor Ende der 40er-Jahre das Mittel Piz Buin Gletscher Crème auf den Markt. Ebenfalls noch zu erwähnen: Die Forschungszusammenarbeit Ende der 90er-Jahre von mir und dem VKI über die Photostabilität von UV-Filtern, die gerade aktuell wieder auf große Beachtung in der Fachwelt stößt.
Über die Jahrzehnte sind die Inhaltsstoffe von Sonnenschutzmitteln jedenfalls sicherer geworden, das kann man schon sagen, denn UV-Filter haben nicht nur positive Eigenschaften. Vonseiten der Aufsichtsbehörden wird genau darauf geachtet, dass die Produkte nicht toxisch, mutagen oder karzinogen sind. Besonders beachtet werden eine mögliche endokrine Wirksamkeit und die Umweltverträglichkeit.
Würde das Produkt von Eder und Freund heute zugelassen werden?
Dazu kann ich leider nichts sagen. Ich habe es zwar geschafft, den Wirkstoff herauszufinden, leider habe ich bis jetzt keine detaillierte Stoffbeschreibung gefunden.
Gibt es noch „alte“ UV-Filter, die immer noch zugelassen sind?
Von den UV-Filtern der 1. Generation sind Cinnamate noch häufig in Sonnenschutzmitteln zu finden, während Para-Aminobenzoesäure praktisch nicht mehr zum Einsatz kommt.
Sonnenschutz im alten Ägypten
Was sind denn die ältesten bekannten Methoden, um sich gegen die Sonnenstrahlen zu schützen?
Man wusste sicher schon seit der Urzeit, dass zu viel an der Sonne nicht unbedingt gut für den Teint ist. Interessanterweise war es gar nicht so sehr die Hautschädigung, die für den Sonnenschutz im Altertum verantwortlich war, sondern die soziale Bedeutung von heller und dunkler Haut. Aus einem Papyrus aus dem alten Ägypten wissen wir, dass gerade die sozial höher Stehenden versucht haben, sich vor der Sonne zu schützen. Man legte schon damals Wert auf einen hellen Teint. Und eine „Sonnencreme“ hatten sie auch schon: Ein Gemisch aus Olivenöl und Kleie.
Noble Blässe war über Jahrhunderte ein Schönheitsideal. Sich nur moderat der Sonne auszusetzen ist aber nicht nur aus modischen, sondern auch aus dermatologischer Sicht eigentlich ideal, oder?
Wenn sich die Haut zu bräunen beginnt, reagiert sie schon auf ein Zuviel an Sonnenstrahlung – sie versucht sich damit zu schützen. Wenn man puristisch ist, dann wäre die noble Blässe also das Gesündere. Aber die Sonne hat auch positive Auswirkungen, z.B. die Vitamin-D-Produktion. Und auch der Wohlfühlfaktor ist relevant. Ich würde sagen: Der Mittelweg ist das Richtige.
Wie sieht es aus geschichtlicher Betrachtung in unseren Breiten aus? Viele haben z.B. noch das Bild der eigenen Großmutter vor Augen, die häufig Kopftuch trug – und das nicht aus religiösen oder modischen Gesichtspunkten heraus…
Man kannte in dieser Zeit die Gefahren, die von der Sonne ausgehen, zwar noch nicht im Detail. Aber man schützte sich den-noch oft besser als heutzutage. Menschen, die viel im Freien zu arbeiten hatten, z. B. Landwirte, trugen breitkrempige Hüte, gingen nur mit langärmligen und geschlossenen Hemden auf das Feld und mieden die Mittagssonne. Das ist leider alles über Bord geworfen worden.
Wann änderte sich eigentlich das gängige Schönheitsideal weg von der noblen Blässe?
Bis in die 1850er-Jahre war der helle Teint das sozial prägende Schönheitsideal. Mit der industriellen Revolution kam die erste Änderung. Die Städte sind gewachsen, die Lebensbedingungen dort waren schlecht, Zivilisationskrankheiten haben zugenommen. Da gab es dann recht bald eine Gegenbewegung unter dem Motto „Der Mensch muss wieder näher an die Natur herangeführt werden – Luft, Licht, Sonne“. So kam es zur Gründung der ersten Sonnenbadeanstalten.
Coco Chanel und Helena Rubinstein: Braun als Schönheitsideal
Und dann vollendete sich der Paradigmenwechsel hin zu „Bräune macht schön“…
Richtig, ab den 1930er-Jahren wurde Braun als Schönheitsideal maßgeblich geprägt von Menschen wie Coco Chanel oder Helena Rubinstein. Da passten die Fortschritte bei den Sonnenschutzmitteln gut dazu: Tolle Bräune, ohne schmerzhaften Sonnenbrand. Der historischen Vollständigkeit halber muss man dazu sagen, dass auch die Nationalsozialisten Hautbräune propagandistisch ausgeschlachtet haben: Muskulöse, braungebrannte, wie Bronzestatuen aussehenden Männertypen als Idealtypus des „deutschen Herrenmenschen“.
Irgendwann setzte sich offenbar die Erkenntnis durch: Zu viel Sonne ist auch nicht gut…
Ja, nach den „wilden 1960er-, 70er- und 80er-Jahren“ setzte langsam ein Umdenken ein. Man wusste auch immer mehr über die negativen Auswirkungen der Sonne Bescheid. Auch das Ozonloch und die damit verbundene Sorge hat dazu beigetragen, dass man vorsichtiger wurde. In den 90ern starteten Gesundheitskampagnen wie „Sonne ohne Reue“ in Österreich.
„Europäer sind weiß. Asiaten sind weiser“
Wobei man konstatieren muss, dass diese Umkehr des Schönheitsideals in Richtung „Bräune macht schön“ auch nicht überall Fuß gefasst hat…
Ich zeige bei Vorträgen gern eine Folie, auf der steht: „Europäer sind weiß. Asiaten sind weiser“. Die schützen sich ganz einfach vor der Sonne! Und legen ein vernünftiges Verhalten an den Tag: Sonnenhüte, Handschuhe, Sonnenschirme – das ist dort gang und gäbe. Wobei es nicht immer nur um den Schutz geht: Das soziale Gefälle ist in Asien vielfach immer noch an die Hautfarbe, an den Teint, gebunden.
Sind heutige Sonnencremes aus dermatologischer Sicht „ausgereift“, oder gibt es noch große Lücken?
Vor nicht allzu langer Zeit konzentrierte man sich fast ausschließlich auf die Vermeidung von Sonnenbrand. Der Fokus lag entsprechend auf der UVB-Strahlung. Laut neuerster Forschung wissen wir, dass man sich auch tunlichst gegen UVA-Strahlung schützen sollte. Sie ist z. B.an der Entstehung von schwarzem Hautkrebs, dem Melanom, beteiligt. Sie hat eine Bedeutung bei sogenannten Photodermatosen, also z. B. bei der sehr häufig auftretenden Sonnenallergie. Auch das Immunsystem wird durch UVA-Strahlung unterdrückt. Und: 90 Prozent der Hautalterung ist auf Sonne zurückzuführen, UVA spielt dabei eine wichtige Rolle. Somit muss ein modernes Sonnenschutzmittel in UVB- und UVA-Bereich wirksam sein.
Wenn Sie eine historische Epoche wählen müssten: Wann gingen Menschen am klügsten mit Sonne um?
(lacht) Eine schwierige Frage: Ich hoffe, die Zeit kommt noch!

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