Schützt Lithium vor Demenz?
Lithium als Nahrungsergänzungsmittel, so wird behauptet, könnte das Zünglein an der Waage im Kampf gegen die Volkskrankheit Demenz sein. Wir haben den Check gemacht.
Der Kontext
Es sind durchaus steile Thesen, die der deutsche Mediziner Michael Nehls in seinem Buch „Das Lithium-Komplott“ vorträgt. Destilliert lauten sie: Der Bevölkerung wird eine ausreichende Lithiumversorgung vorenthalten und deshalb sind die Demenz-Raten viel höher als notwendig.
Obwohl in der wissenschaftlichen Fachwelt mit einem Achselzucken abgetan, fand das Buch dennoch eine gewisse Leserschaft. Dort schwelt nun der Verdacht, dass da etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.
Der Check
Lithium ist ein natürlich vorkommendes Element, es findet sich im Boden und Grundwasser. Über die Nahrungskette nimmt man es in ganz geringen Mengen zu sich. Besonders wichtig ist Lithium als zentraler Bestandteil von Batterien. Im medizinischen Kontext kommt es in der Behandlung von Bipolaren-Störungen zur Anwendung. Dort wird es hoch dosiert verabreicht. Da Lithium toxisch für den Menschen ist, müssen betroffene Patient:innen regelmäßig präventive Bluttests vornehmen und haben fast immer mit Nebenwirkungen zu rechnen.
Als Nahrungsergänzungsmittel ist Lithium in der EU verboten. Aber sollte sich das ändern? Kann Lithium in niedriger Dosierung vor Demenz schützen, so wie in einschlägigen Kreisen behauptet? Unsere Kooperationspartner:innen von Medizin transparent haben sich in die internationalen Medizindatenbanken vertieft.
Was sie dort gefunden haben: Das Thema ist in der Wissenschafts-Community durchaus präsent, wird aber kontroversiell diskutiert. Die auffindbaren Studien sind zum Teil von unterschiedlicher Güte und zeichnen ein uneinheitliches Bild. In der einzigen Studie, die einen klaren Nutzen von Lithium zeigt, finden sich Mängel und Ungereimtheiten. Das Forschungsteam muss sich zudem den Vorwurf eines starken Interessenskonfliktes gefallen lassen, der die Ergebnisse beeinflusst haben könnte: Sie haben die Studie durchgeführt, um niedrigdosiertes Lithium als Mittel gegen Alzheimer-Demenz patentieren zu lassen.
Das Fazit
Schützt Lithium vor Demenz? Nein, laut aktueller Studienlage fehlen entsprechende Belege.
Die acht relevanten Studien, die die Faktenchecker:innen gefunden haben, sind von ihrer Grundcharakteristik so unterschiedlich, dass sie sich nicht vergleichen lassen. In jeder wurden unterschiedliche Mengen Lithium verabreicht und verschiedene Parameter gemessen. Zudem variierte die Laufzeit der Studien stark (zwischen zehn Wochen und zwei Jahren), auch das erschwert einen serösen Vergleich.
Faktum ist: Niemand weiß im Detail, wie die unterschiedlichen Arten von Demenz entstehen. Wie soll man eine „Wunderpille“ erfinden, wenn nicht einmal die Ursache der Erkrankung wirklich entschlüsselt ist?
Faktum ist freilich auch, dass es durchaus interessante wissenschaftliche Ansätze gibt, wonach Lithium bei Demenz eine positive Wirkung haben könnte. Mehr als eine Theorie ist es zum aktuellen Zeitpunkt aber nicht, denn brauchbare Belege fehlen. Zu behaupten, Lithium ist das Demenz-Präventionsmittel, und es wird den Menschen vorenthalten, ist jedenfalls unseriös.
Die Langfassung des Faktenchecks lesen Sie hier.
Hintergrund zum Faktencheck Medizin
Tagtäglich berichten Medien von neuen Behandlungsmethoden, diagnostischen Tests und Studien. Wie aber steht es mit den Fakten hinter diesen Meldungen? Kann man glauben, was man liest?
In unserer Rubrik „Faktencheck Medizin“ finden Sie Informationen, ob es für Berichte zu medizinischen Themen echte wissenschaftliche Beweise gibt.
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