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Musiktherapie: Interview - "Angst und Entspannung widersprechen sich“

Von der Förderung Frühgeborener bis zur Begleitung Sterbenskranker im Hospiz – der Einsatz der Musiktherapie umfasst die gesamte Lebensspanne. Kann sie auch bei Angst helfen? Wir sprachen mit Prof. DDr. Thomas Stegemann, Leiter des Instituts für Musiktherapie an der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

Das Thema Angst ist Gegenstand einer mehrteiligen Serie zu unserem Buch "Phänomen Angst". Bisher erschienen:

In KONSUMENT 10/2019: Angst beim Zahnarzt


KONSUMENT: Vom Wiegenlied bis zum Pfeifen im Keller – dass Musik eine angstreduzierende Wirkung haben kann, wissen wir aus dem Alltag. Was sagt die Forschung dazu?
Prof. Stegemann: Interessanterweise gibt es zu dem Thema wenig Forschungsliteratur. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass Angst bei vielen psychischen Erkrankungen eine Rolle spielt, also selten isoliert auftritt, wie man das für ein gutes Forschungsdesign gerne hätte. Zu den wenigen Studien, die durchgeführt wurden, gehört eine der Heidelberger Gruppe, die in einer Überblicksarbeit die Effekte von Musiktherapie bei internalisierenden Störungen – also Störungen, die nicht nach außen ausagiert werden (und dazu gehören klassischerweise Angststörungen) – untersucht hat. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Musiktherapie bei Angststörungen gute Effekte erzielt. Freilich: Die Methode der Wahl ist bei diesen Störungen die Verhaltenstherapie.

Wie gestaltet sich die Musiktherapie, was versteht man darunter? 
Unter Musiktherapie versteht man den gezielten Einsatz von Musik zu therapeutischen Zwecken. Wobei der Begriff Musik weit gefasst wird – auch Klang und Geräusche können dazu zählen. Man unterscheidet zwischen aktiver und rezeptiver Musiktherapie. Rezeptiv bedeutet, der Patient hört eine bestimmte Musik, die entweder von einem Tonträger kommt oder vom Therapeuten live vorgespielt wird. Gerade bei der Arbeit mit Jugendlichen ist es oft so, dass die ihre Lieblingsmusik mitbringen und man mit der arbeitet.  Aktive Musiktherapie bedeutet: Der Patient macht selbst Musik. Hier liegt auch der Schwerpunkt der Wiener Schule. Eine häufige Frage lautet: Muss man für diese Form der Therapie musikalisch sein? Die Antwort lautet: Nein, im Gegenteil – je naiver und unverstellter die Herangehensweise, umso direkter auch der Zugang zu den Emotionen. 

Wie dürfen wir uns den Ablauf einer Musiktherapie vorstellen?  
Um ein konkretes Beispiel anzuführen: Einmal habe ich mit einem Mädchen gearbeitet, das unter Emetophobie litt, der Angst vor dem Erbrechen. So groß war die Angst, dass die Patientin nicht mehr in die Schule ging. Zur Vorgeschichte: Das Mädchen hatte einmal in der Schule erbrochen, wahrscheinlich aufgrund eines Infekts. Im Grunde ein nicht gerade dramatischer Vorfall; jedenfalls nicht so dramatisch, dass er das Fernbleiben vom Unterricht erklärt hätte.  Am Anfang standen Gespräche mit den Eltern. Ich wollte herausfinden, ob vielleicht andere Ereignisse zu dieser Angst geführt hatten. Die Arbeit mit der Patientin selbst sah so aus, dass ich sie bat, Instrumente auszuwählen und mit denen eine „Angstmusik“ zu kreieren.

Selbstwirksamkeit und Kontrolle von Angst

Mit viel Spaß machte sich das Mädchen an die Arbeit und schuf eine wahrhaft gruselige Musik, zu der ich es auf dem Klavier begleitete – das ging so über mehrere Stunden. Wir haben uns also im wahrsten Sinne auf spielerische Art dem Thema Angst genähert.  Als Nächstes hieß die Aufgabe: Wie klingt „Mutmachmusik“? Wieder schuf das Mädchen eine Musik, diesmal eine ganz andere – eine, die Kraft gab. Dazwischen fanden immer wieder Gespräche statt. Dabei kam heraus, dass es doch einen Vorfall in der Familie gegeben hatte, der mit großer Wahrscheinlichkeit zu der Angst des Mädchens geführt hatte: Ein halbes Jahr zuvor hatte die Mutter des Mädchens einen leichten Schlaganfall erlitten, mit Rettungswagen und Krankenhauseinlieferung. Hinter der Angst, in die Schule zu gehen, stand also die Angst, die Mutter alleine zu Hause zu lassen. Die Musiktherapie half dem Mädchen, seine Angst zu überwinden – es ging dann wieder in die Schule.

Musiktherapie beschränkt sich also nicht auf das Musikmachen oder -hören, sondern schließt auch Gespräche mit ein?
Die Musiktherapie besteht aus einem Wechsel von Musik und Reflexion darüber, welche Gefühle durch diese Musik ausgelöst werden. Wobei die jeweilige Gewichtung unterschiedlich ist, je nach Situation und Therapeut. Viele Musiktherapeuten haben zusätzlich eine psychotherapeutische Ausbildung. Im Extremfall kann eine Musiktherapie-Stunde auch bloß aus Reden bestehen. Abhängig ist das nicht zuletzt davon, wo diese Therapie eingesetzt wird. Im klinischen Setting ist sie in der Regel in ein multimodales Angebot eingebettet. Patienten haben eine Gesprächstherapie oder Ergotherapie und gehen dann in die Musiktherapie. In den Fallbesprechungen erörtern die Therapeuten, wo ein Patient am besten aufgehoben ist, bei welchem der therapeutischen Verfahren sich seine Themen am besten bearbeiten lassen.

Worin besteht nun die Besonderheit der Musiktherapie?
Was bewirkt sie beim Patienten?  Letztlich wissen wir das selber nicht genau. Ein Wirkfaktor ist gewiss unspezifischer Art und betrifft die Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Generell gilt, dass es nicht einfach ist, sich in eine Therapie zu begeben. Dieser Schritt ist mit Angst verbunden und erfordert eine gewisse Überwindung. Und das heißt, dass beim Patienten am Beginn eine Grundspannung gegeben ist. Musik hilft, diese Anspannung zu senken – und so dem Patienten dabei, sich auf die Beziehung zum Therapeuten einzulassen. Angst und Entspannung widersprechen sich. Indem ich die Entspannung fördere, senke ich die Angst. Dazu kommt, wie ich annehme, ein Effekt auf neurobiologischer Basis.

Unser Gehör hat sich evolutionär als Alarmsystem ausgebildet, das auch im Schlaf funktioniert. Anatomisch ist es also darauf getrimmt, die Umwelt gleichsam nach Alarmzeichen abzuscannen. Nun scheint Musik über Ablenkung oder Maskierung in der Lage zu sein, dieses Alarmsystem hinunterzufahren und zur Entspannung beizutragen, im Sinne einer Emotionsregulation.  Um auf das Beispiel mit dem Mädchen zurückzukommen: Über das Musikmachen konnte die Patientin ihrer Angst eine Gestalt geben. Die Angst wurde damit kontrollierbar – der Faktor Selbstwirksamkeit spielt in der Musiktherapie eine wichtige Rolle.

Geschützter Gesundheitsberuf

Gibt es so etwas wie eine musikalische Hausapotheke, nach dem Motto: Je nach Leiden ist eine bestimmte Musik einzusetzen?  
Allgemein gilt: Entspannungsmusik ist eher leise und weist abfallende Melodien und keine großen Tonsprünge auf – doch dann findet man bei Jugendlichen, dass die ganz andere Musik hören, um sich zu beruhigen. Es kommt immer auf den Einzelfall an. Wer Bach mag, der kann sich unter Umständen bei dieser Musik wunderbar entspannen. Ein Jugendlicher dagegen vielleicht eher bei Hip-Hop-Musik. Der individuelle Musikgeschmack ist immer das, was in der Musiktherapie leitend ist.

Kommt Musiktherapie bei manchen Menschen auch gar nicht infrage?  
Ja, beispielsweise bei Menschen nicht, die einfach eine Aversion gegen Musik haben – die sollte man dann auch nicht bekehren wollen. Eine Kontraindikation besteht bei bestimmten Formen von Epilepsie und bei Menschen, bei denen Musik als Folter eingesetzt wurde. Bei Berufsmusikern, die etwa unter Auftrittsangst leiden, kann eine Musiktherapie mal wunderbar helfen – die Betroffenen erleben in diesem Fall Musik als leistungsfreien Raum –, mal überhaupt nicht: dann nämlich, wenn sie zunächst einen Abstand zur Musik brauchen und vielleicht besser bei einem Gesprächstherapeuten aufgehoben sind.

Viele Angst-Patienten lernen Musiktherapie das erste Mal bei einem Klinikaufenthalt kennen und erfahren sie in der Regel als etwas Herrliches und Hilfreiches. Nach der Klinik gibt es allerdings meistens keine Fortsetzung. Das ist tatsächlich ein Problem. Zwar nimmt die Zahl der Musiktherapeuten im ambulanten Bereich zu, doch für diese Therapiestunden muss der Patient selbst aufkommen. Manche sind dazu finanziell in der Lage, andere nicht. Wir hoffen, dass wir in den Gesprächen mit den Krankenkassen weiterkommen und erreichen, dass in der Musiktherapie ebenso wie in der Psychotherapie zumindest eine Teilfinanzierung möglich sein wird. Etwas salopp gesagt darf sich in Deutschland jeder Musiktherapeut nennen, der eine Klangschale halten kann. Bei uns handelt es sich um einen staatlich anerkannten – und somit geschützten – Gesundheitsberuf, der an eine bestimmte Ausbildung gebunden ist und regelmäßige Weiterbildungen erfordert. Heuer feiert unser Institut im Übrigen sein 60-jähriges Jubiläum.

Ausbildung und Zulassungsprüfung

Wie sieht die Ausbildung aus? Und wie die Zulassungsprüfung zu diesem Studium?  
Musiktherapie wird hier an der Universität für Musik und darstellende Kunst gelehrt. Und das heißt: Die künstlerische Eignung zu diesem Beruf ist ein wichtiger Punkt. Die Zulassungsprüfung dauert insgesamt drei Tage – an zwei Tagen muss der Nachweis hoher Musikalität erbracht werden. Am dritten Tag schaut eine relativ große Prüfungskommission, bestehend aus 12 bis 14 Lehrenden, welche Qualitäten die Kandidaten, die es in die Schlussrunde geschafft haben, im zwischenmenschlichen Bereich aufweisen. Wie schwingungsfähig sind sie, wie reflexionsfähig? Dazu müssen sie verschiedene Aufgaben bewältigen.

Pro Jahr nehmen wir nicht mehr als zehn Studierende auf. In der Ausbildung geht es neben dem Erwerb der musiktherapeutischen Kompetenzen auch um Selbsterfahrung, damit die künftigen Therapeuten blinde Flecken an sich selber erkennen und somit der Gefahr entgehen, in der therapeutischen Arbeit womöglich nur sich selber behandeln zu wollen. Wir leben in einer Zeit, wo genaue Wegweisungen gewünscht werden. Wir sagen allerdings: In unserem Beruf, der Musiktherapie, geht es vor allem darum, sich auf das Ungewisse einzulassen. Denn jeder Fall ist anders. Wir können und wollen keine stereotypen Handlungsanleitungen geben. Was wir dagegen gerne vermitteln, ist ein Handwerkszeug, das dem künftigen Musiktherapeuten dabei hilft, sich bei jedem Patienten wieder neu auf das nicht Vorhersehbare, Individuelle einzulassen.

Prof. Stegemann: beruflicher Werdegang

Prof. DDr. Thomas Stegemann - Leiter des Instituts für Musiktherapie, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (Foto: Wilke)2016: Ernennung zum Institutsleiter des Instituts für Musiktherapie an der mdw

2015: Bestellung zum stellvertretenden Studiendekan des wissenschaftlichen Studiendekanats an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw)

2014: Abschluss der berufsbegleitenden Weiterbildung zum Psychoanalytischen Paar- und Familientherapeuten (BvPPF)

2013: Musiktherapeutische Dissertation (summa cum laude) Hochschule für Musik und Theater Hamburg (Prof. Dr. Decker-Voigt)  Thema: „Stress, Entspannung und Musik – Untersuchungen zu rezeptiver Musiktherapie im Kindes- und Jugendalter” seit 2011 Professor für Musiktherapie  Universität für Musik und darstellende Kunst Wien

2007 – 2010: Oberarzt (zuletzt in leitender Funktion)  Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

2007: Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

2003: Medizinische Dissertation (magna cum laude) Institut für Medizinische Psychologie des Universitätsklinikums Kiel (Prof. Dr. Gerber) Thema: „Zum Einfluss der NoGo-Bedingung auf Amplitude und Habituation der Contingenten Negativen Variation bei Migränepatienten und Gesunden”

2002 – 2007: Wissenschaftlicher Mitarbeiter (Assistenzarzt) Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (Direktor: Prof. Dr. Riedesser)

2002 – 2005: Aufbaustudium Musiktherapie (Abschluss: Diplom-Musiktherapeut) Institut für Musiktherapie (Prof. Dr. Decker-Voigt) Hochschule für Musik und Theater Hamburg

2001 – 2002: Arzt im Praktikum (AiP) Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Tübingen (Direktor: Prof. Dr. Buchkremer) Fernstudium „BWL für Ärztinnen und Ärzte” (Abschlussgrad: Dipl.-Gesundheitsökonom Oec. med.) Betriebswirtschaftliches Institut Prof. Dr. Braunschweig, Bonn

1994 – 2001: Medizinstudium in Mainz und Kiel

1993 – 1994: Gitarrenstudium Musicians Institute, Los Angeles, USA

1991 – 1993: Zivildienst im Kulturzentrum Psychiatrisches Krankenhaus Eichberg, Eltville

1991: Abitur Leibniz-Gymnasium, Wiesbaden

Buchtipp: "Phänomen Angst"

Dieses Buch gibt Anregungen und Antworten in der Auseinandersetzung mit dem Phänomen Angst. Und es leistet Hilfestellung für alle Betroffenen. Es informiert über professionelle Hilfsangebote und darüber, was man für sich selbst tun kann, um den eigenen Ängsten entgegenzutreten.

Aus dem Inhalt

  • Wovor fürchten sich Herr und Frau Österreicher?
  • Was macht das Wesen der Angst aus?
  • Welche Ängste begleiten uns durch das Leben?
  • Wer betreibt das Geschäft mit der Angst?
  • Warum schlägt sich Angst manchmal auf den Magen?
  • Warum kann die Angst vor Krankheit tatsächlich krank machen?
  • Wo verläuft die Grenze zwischen „normaler“ und „krankhafter“ Angst?
  • Welche Ursachen können zu einer Angststörung führen und wie kann eine Angststörung diagnostiziert werden?

256 Seiten, 19,90 € + Versand

 

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