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Bahnfahren: Undurchschaubare Tarife - Blackbox Ticketpreise

Der Preis für ein Bahnticket kann für ein und dieselbe Strecke stark schwanken. Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Preisbildung fehlen.

VOR Ticketautomat ÖBB Bahnfahren (Foto: VKI)

Die Preisentwicklung bei den ÖBB und ihren Konkurrenten WESTbahn (auf der Westbahnstrecke) und RegioJet (Wien–Prag) vergleicht die Schienen-Control GmbH jährlich an ausgewählten Stichtagen auf Beispielstrecken wie Wien–Linz, Wien–Salzburg, Wien–Graz oder Wien–Prag. Dabei werden Standard-Tickets und auch Dauerermäßigungen wie die ÖBB-Vorteilscards und angebotene Aktions-Tickets (z.B. Sparschiene Österreich oder WESTspartage-Tickets) berücksichtigt.

Undurchschaubare Tarife

Es zeigt sich, dass der Zeitpunkt des Ticketkaufs eine große Rolle für den Preis spielt. Bei ÖBB und WESTbahn konnten Fahrgäste im Jahr 2019 die maximale Preisreduktion vier Wochen vor Fahrtantritt erzielen. So sind bis zu 74 Prozent (Wien–Graz) Ersparnis möglich, wenn das Ticket zum richtigen Zeitpunkt gekauft wird – auf der Westbahnstrecke sind es bis zu rund 50 Prozent. Bei RegioJet auf der Strecke Wien–Prag war die maximale Preisreduktion sieben Tage vor Fahrtantritt zu erzielen.

Halbpreis nicht immer am billigsten

Zu beachten ist auch, dass der Halbpreis mit ÖBB-Vorteilscard nicht immer den niedrigstmöglichen Preis garantiert. Auf den Strecken Wien–Graz und Wien–Klagenfurt zahlte sich die Nutzung der ÖBB-Vorteilscard durchschnittlich erst ab einem Ticketkauf drei Tage vor Fahrtantritt aus, auf der Strecke Wien–Innsbruck bereits ab 14 Tage vor Fahrtantritt. Auf der Strecke Wien–Prag wurden mit der ÖBB-Vorteilscard überhaupt nur in Einzelfällen günstigere Ticketpreise erzielt. Auf den Strecken Wien–Graz, Wien–Klagenfurt und Wien–Prag drückt auch die starke Konkurrenz des Busunternehmens FlixBus die Preise.

Relation statt Kilometer

Relation statt Kilometer

Seit dem Jahr 2014 errechnen ÖBB wie WESTbahn die Ticketpreise nicht mehr nach gefahrenen Schienenkilometern, sondern nach sogenannten Relationspreisen. Seither werden die Ticketpreise für jede Relation (Ticket zwischen zwei Orten in Österreich) nach wenig nachvollziehbaren Kriterien – offenbar eine Mischung aus Entfernung, Angebot und Nachfrage in den jeweiligen Komfortklassen, Geschwindigkeit, Reisezeit – individuell gestaltet.

Das Ergebnis dieser Tariffestsetzung? War es früher eine Seite, auf der Zugkilometer und dazugehörige Preise dem Fahrgast das eigene Errechnen der Preise aller Bahntickets ermöglichte, braucht es heute Listen von geschätzt 160.000 Seiten mit etwa 9 Millionen Einträgen, um überprüfen zu können, ob der Ticketpreis, den der Ticketautomat oder die ÖBB-Website ausspuckt, tatsächlich der korrekte Preis ist. Diese Seiten können auf der ÖBB-Website (> Tarifbestimmungen > Relationspreise) eingesehen werden.

Preisentwicklung

Die ÖBB verweisen bei Preiserhöhungen auf die jährliche Angleichung entsprechend dem Verbraucherpreisindex. Dass sich „hinter“ dieser durchschnittlichen Preiserhöhung die Preise auseinander entwickeln, zeigen willkürliche Stichproben: So stieg von 2015 bis 2020 der Standard-Ticketpreis für Wien–Klagenfurt um 8 Prozent, für Wien–Salzburg um 9,3 Prozent, für Wien–Graz um 10 Prozent, für Wien–Linz um 12 Prozent.

ÖBB-Tarife kontra Verbundtarife

ÖBB-Tarife kontra Verbundtarife

Die Tatsache, dass die Züge sich in unterschiedlichen Tarifgebieten – ÖBB und sieben Verkehrsverbünde – bewegen, macht den Ticketpreis für Nicht-Tarifspezialisten zusätzlich undurchschaubar. Denn die Berechnung springt zwischen Tarifen: innerhalb eines Verbund-Gebietes gilt der Verbundtarif, bei Fahrten darüber hinaus der ÖBB-Tarif. Wer mit der ÖBB-Vorteilscard classic reist, fährt zum ermäßigten ÖBB-Tarif. Mit der Vorteilscard Senior hingegen ist es der ermäßigte Verbundtarif. Zurück bleibt beim Fahrgast oft ein Gefühl der Verunsicherung bzw. der Eindruck, zu viel bezahlt zu haben, wie E-Mails an die KONSUMENT-Redaktion immer wieder belegen.

Extreme Preissprünge

Das Tarifsystem hält auch extreme Preissprünge bereit – etwa, wenn die Familienermäßigung wegfällt, weil die Kinder 15 Jahre alt geworden sind: Kostet bis dahin die Österreichcard Familie für eine vierköpfige Familie etwas über 2.000 Euro, so müssen ab dem 15. Geburtstag der Kinder separate Österreichcards gekauft werden, was sich auf über 6.000 Euro summiert. Da wird Bahnfahren dann plötzlich wirklich teuer.

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