"Der Wein geht mit der Zeit" – in der Mehrwegflasche
Seit April gibt es die erste bepfandete Mehrwegflasche für Wein in Österreich. Auch wenn der ökologische Nutzen unbestritten ist, wird eine flächendenkende Verfügbarkeit wohl noch einige Jahrgänge auf sich warten lassen.
2022 widmete sich VKI-Nachhaltigkeitsredakteur Markus Stingl in seiner Öko.Logisch-Kolumne der Frage, ob ein Mehrwegsystem für die Wein-Branche ein machbares ökologisches Ziel sei.
Diese Kolumne, verrät Philipp Haderer, war im Grunde der letzte Funke, den es noch brauchte, um ein entsprechendes Projekt auf den Weg zu bringen. Haderer ist beim Österreichischen Ökologie-Institut beschäftigt und Projektkoordinator der neuen Mehrwegweinflasche, die, nach langjähriger Vorbereitung, im April das Licht der Welt erblickte. Konkret wurden in einem ersten Schritt knapp 370.000 Stück an den Flaschenhandel verteilt, die mittelfristig wohl hauptsächlich in Ostösterreich kursieren werden.
Die Zielsetzung
Auf der Website mehrwegweinflasche.at ist Folgendes zu lesen: „Das Ziel des Projekts ist es, ein österreichweites, offenes (herstellerunabhängiges) Mehrwegsystem für 0,75-l-Weinflaschen inklusive Mehrwegkiste einzuführen. Dabei werden Schritt für Schritt regionale Kreisläufe rund um externe Spülzentren aufgebaut, mit einem möglichst dichten Netz an Verkaufs- und Rücknahmestellen.“
Grundvoraussetzung für das Projekt ist eine einheitliche Flaschenform. Man hat sich für die sogenannte Rheinwein-Flasche (olivgrün) inklusive Drehverschluss entschieden. Bordeaux-Flaschen als Ergänzung sind in Vorbereitung. Das Flaschenpfand wird bei 60 Cent liegen, jenes der 6er-Mehrwegkiste aus Kunststoff mit Tragegriff bei 6 Euro.
C02-Emissionen im Weinbau
Mehrweg = nachhaltiger
Um noch einen Schritt weiter zurückzugehen: Was ist der ökologische Hintergrund dieses Vorhabens? Mehrweg = nachhaltiger, das ist die simple Antwort darauf. Die etwas längere Antwort: Wie eine Studie des Umweltbundesamts und des Bundesamts für Wein- & Obstbau zeigt, machen Einwegflaschen rund die Hälfte der CO2-Emissionen eines Weingutes aus (siehe Grafik). Da ist es nur naheliegend, wenn dort der ökologische Hebel angesetzt wird. Laut Studie kann mit einer Umstellung auf Mehrweg der Flaschen-CO2-Fußabdruck um bis zu 90 Prozent verkleinert werden.
Im Projektteam geht man davon aus, dass die robuste, standardisierte Flasche bis zu 12 Umläufe aushalten wird. Wenn man sich vor Augen hält, dass der Pro-Kopf-Weinkonsum in Österreich bei rund 25 Litern pro Jahr liegt, sieht man das grüne Potenzial noch einmal deutlicher.
Ökologie und Ökonomie
Gerhard Kolkmann, Winzer aus Fels am Wagram, hat sich sehr früh dem Projekt verschrieben. „Wir alle müssen uns Gedanken machen, die Umwelt und die Ressourcen zu schonen. Mehrwegflaschen sind eine naheliegende Möglichkeit für uns Winzer“, erklärt Kolkmann seine Motivation. „Auch der Wein soll mit der Zeit gehen.“
Abgesehen vom ökologischen, gibt es für Kolkmann auch ein ökonomisches Motiv, hier ein Pionier zu sein. „Mehrwegflaschen sind ein gutes Verkaufsargument in Richtung Gastronomie, so kann man sich gegenüber dem Mitbewerb abgrenzen.“ Und auch neue Märkte könne man möglicherweise leichter erschließen, z. B. den Bio-Fachhandel.
Wo ist die Mehrwegflasche erhältlich?
Und tatsächlich, erklärt Projektkoordinator Haderer vom Ökologie-Institut, werde man als Konsument:in neben dem Ab-Hof-Verkauf direkt beim Weinbaubetrieb (Tipp: aktiv nachfragen!) vorerst insbesondere im Weinfachhandel und in ausgewählten Bioläden mit der Mehrwegweinflasche in Kontakt kommen.
Mit Biogast, dem größten Bio-Großhändler Österreichs, stehe man in Kontakt. Auf Anfrage heißt es dort, dass man final noch keine Entscheidung getroffen habe, ob man beim Projekt mitmachen werde.
Wo man darüber hinaus alsbald mit einer Mehrwegweinflasche bewirtet werden könnte: bei Green-Events-Veranstaltungen. Die entsprechende Richtlinie des Österreichischen Umweltzeichens ist gerade in Überarbeitung. Das neue Mehrwegweinflaschen-Angebot am Markt wird in die diesbezüglichen Überlegungen mit einfließen.
Und im Supermarkt?
Dosenöffner für eine flächendeckende Ausrollung des Projekts ist freilich der Lebensmitteleinzelhandel (LEH). Der ist aber noch zurückhaltend – vornehm formuliert.
Bei Rewe (Billa, Penny etc.) heißt es auf Anfrage: „Unsere Analysen haben gezeigt, dass der Sammelaufwand für die niedrige Drehung dieser Gebinde zum aktuellen Zeitpunkt für uns wirtschaftlich nicht darstellbar ist.“ Man verweist auf eine 0,75‑l‑PET-Flasche, die man 2024 eingeführt habe und die „über das Einwegpfand wieder in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt wird“.
Bei Spar ist man noch klarer in der Kommunikation: „Derzeit ist das Projekt so nicht umsetzbar im Handel.“ Knackpunkt: Die Kisten, die beim Mehrwegweinflaschen-Projekt integraler Bestandteil der Logistik sind, seien nicht praktikabel. In der Branche arbeite man mit Kartons, eine Umstellung auf Kisten wäre aufwendig und teuer. Das habe man bei der Entwicklung des Projekts mehrfach eingebracht.
Gut Wein braucht Weile
Winzer Kolkmann ist diesbezüglich aber gar nicht sonderlich traurig. „Ich finde es gut, wenn der LEH nicht gleich mit dabei ist. Ich bin ein Fan davon, wenn sich solche Projekte langsam entwickeln.“
Auf eine realistische, mittelfristige Zielsetzung für das Projekt angesprochen, meint Haderer vom Ökologie-Institut: „In fünf Jahren würde ich einen Anteil von drei Prozent bei heimischen Weinen in 0,75-l-Flaschen in Österreich konsumiert als realistisch einstufen.“
Steiermarkflasche: Freiwilliges Mehrweg
Bereits vor rund 15 Jahren startete in der Steiermark ein Mehrwegsystem für Weinflaschen, genannt die Steiermarkflasche.
Großer Unterschied zum neuen Projekt: Die Steiermarkflasche ist nicht bepfandet, die Rückgabe also freiwillig. Bei diesem steirischen Projekt ist Spar von Anfang an dabei, die Flaschen können in Sparmärkten retourniert werden (man bekommt 10 Cent fürs Sammeln).

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