Der Zertifikate-Markt ist für Privatpersonen kaum überschaubar. So verlässt man sich darauf, dass das, was versprochen, auch eingehalten wird. Faktum ist allerdings, dass es eine gewaltige Qualitätsspreizung der Kompensationsanbieter bzw. der Zertifikate am Markt gibt. Ist dieses Grundsatzproblem behebbar? Braucht es nicht viel strengere Regeln, vielleicht eine behördliche Aufsicht?
Reisinger: Das ist die Frage … Aber warum sollte es eine Behörde besser machen? Meiner Meinung nach wäre es auch nicht glaubwürdiger, wenn es z. B. ein EU-Siegel gibt. Es ist nicht entschuldbar, dass so viel danebengegangen ist. Aber ich glaube, dass der Markt inzwischen so bereinigt ist, dass sich keiner mehr traut, sich außerhalb des Rahmens zu bewegen. Die, die jetzt Klimaschutz machen, haben es verstanden.
Fink: Vielleicht wäre neben Regulierungsmaßnahmen auch ein Branchenverband eine Möglichkeit, mehr Vertrauen und Transparenz zu schaffen. Ein Branchenverband, der Richtlinien herausgibt, die für alle Marktteilnehmer gelten.
Herr Reisinger, wie können Sie garantieren, dass hinter Ihren Zertifikaten ehrliche, ambitionierte Klimaschutzprogramme stehen?
Reisinger: Mit Risikomanagement! Wie schon erwähnt: Die Projekte, die ich von Anbietern kaufe, haben eine Reserve, für den Fall, dass ein Projekt weniger als versprochen liefert. Das interne Riskmanagement haben wir im Zuge der laufenden Debatte noch weiter verbessert. Wir unterziehen die meisten Projekte einem sorgfältigen Screening, bevor wir einen Euro investieren. Viele Projekte werden nun von uns besucht, auch wenn es Flugreisen auslöst. Damit wir uns vor Ort überzeugen können, ob das passt oder nicht. Unseren Kunden raten wir zudem immer auch, dass die Kommunikation unaufgeregt und defensiv sein sollte, sonst ist sie nicht stimmig. Wie das dann schlussendlich gehandhabt wird, darauf haben wir keinen Einfluss.
Wird sich der Zertifikate-Markt wieder erholen? Und soll er sich aus Klimasicht überhaupt erholen?
Fink: Ja, es wird Klimaschutzprojekte brauchen. Aber definitiv nicht alle, die derzeit am Markt sind und nur einen positiven Beitrag fürs Klima vorgaukeln. Es wird nicht reichen, dass die öffentliche Hand, dass Staaten einen Beitrag leisten. Es wird auch privates Kapital brauchen und somit einen freiwilligen Zertifikate-Markt. Ob er sich komplett erholen wird, weiß ich nicht. Ändern muss er sich jedenfalls. Es ist notwendig, dass er seriös und limitiert ist. Unternehmen, die dann auf so einem transparenten Markt aktiv sind, können das auch kommunizieren und sagen: Schaut her, wir haben einen Beitrag geleistet!
Reisinger: Es ist einerlei, wo auf der Welt CO2 eingespart wird. Man kann es in Österreich machen. Oder woanders. Wenn der eingesetzte Euro woanders den größeren Hebel bringt, vielleicht ein bissl Entwicklungshilfe leistet und zusätzlich auch einen Technologietransfer auslöst, spricht doch viel dafür, dass man solche Projekte durchführt. Natürlich nur, wenn sie wirklich stattfinden. Also ja, es wird den freiwilligen Klimaschutzmarkt brauchen, sonst sterben wir in Schönheit.
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