Alter Mann in Pflegebett Bild: Photographee.eu / Shutterstock.com

Sterbehilfe: Allerletzter Wille

premium

Beihilfe zum Selbstmord war bisher unter Strafandrohung verboten. Nun hat der Gesetzgeber die vom Verfassungsgerichtshof geforderte Neuregelung vorgelegt.

Die alte Regelung des Strafgesetzbuchs wurde vom Verfassungsgerichtshof zum ­Jahresende 2021 aufgehoben. Der Gesetz­geber reagierte mit dem sogenannten Sterbeverfügungsgesetz. Dessen enger Rahmen soll dafür Sorge tragen, dass die neue Regelung nur sehr restriktiv genutzt werden kann. Im Folgenden haben wir deren wesentlichste Inhalte zusammengefasst.

Betroffener Personenkreis

Eine Sterbeverfügung kann nur von einer Person errichtet werden, die an einer unheilbaren, zum Tod führenden Krankheit oder an einer schweren, dauerhaften Krankheit mit anhaltenden Symptomen leidet, deren Folgen die betroffene Person in ihrer gesamten Lebensführung dauerhaft beeinträchtigen. Eine schwere Depression oder Lebensüberdruss sind also nicht ausreichend.

Selbstbestimmung

Die sterbewillige Person muss sowohl zum Zeitpunkt der Aufklärung als auch zum Zeitpunkt der (höchstpersönlichen) Errichtung der Sterbever­fügung volljährig und entscheidungsfähig sein. Die Entscheidungsfähigkeit muss ­zweifelsfrei gegeben sein. Auch muss das den Tod herbeiführende Mittel selbst ein­genommen werden. Ist aufgrund von Krankheit (Demenz, Bewusstlosigkeit etc.) bei den späteren Terminen keine eigene Entscheidungsfähigkeit mehr gegeben, greift das Gesetz nicht.

Ärztliche Aufklärung

Es muss eine Aufklärung durch zwei Ärzte erfolgen, die auch bestätigen müssen, dass die Voraussetzungen der zuvor genannten Punkte gegeben sind. Einer der Ärzte ist frei wählbar (in der Regel wohl der die Krankheit behandelnde Arzt), der andere muss ein Palliativmediziner (Beratung und Begleitung schwerkranker Menschen mit unheilbarer Krankheit) sein.

Sterbeverfügung

Die Sterbeverfügung wird durch einen Notar oder einen rechts­kundigen Vertreter einer Patientenvertretung erstellt. Zwischen der ärztlichen Aufklärung und der Erstellung muss ein Zeitraum von mindestens zwölf Wochen liegen. Dieser kann nur bei nahendem Tod auf zwei Wochen verkürzt werden. Die Frist dient dazu, sich der Konsequenzen nochmals bewusst zu werden und diese ruhig überdenken zu können.

Präparat und Wirkung

Der Sterbewillige erhält bei Vorlage der Sterbeverfügung das entsprechende Präparat in der Apotheke. Es ist in der Regel das bereits in der Schweiz verwendete Natrium-Pentobarbital. Es führt zum Einschlafen und zum Tod innerhalb von fünfzehn Minuten. Per Verordnung kann der Gesundheitsminister auch andere Präparate zulassen.

Fristen

Die für die Erstellung der Sterbeverfügung erforderliche ärztliche Aufklärung muss wiederholt werden, wenn seit der Aufklärung mehr als ein Jahr verstrichen ist. Eine Sterbeverfügung wird unwirksam, wenn seit der Errichtung mehr als ein Jahr vergangen ist.

Freiwilligkeit der Unterstützenden

Alle unterstützenden Personen wie Ärzte, Notar, Mitarbeiter einer Patientenvertretung, Apotheker etc. handeln freiwillig – das heißt, sie können die Unterstützung auch ablehnen.

Patientenverfügung versus Sterbeverfügung

Sowohl die Sterbeverfügung als auch die Patientenverfügung beziehen sich auf Menschen mit Krankheiten, die zum Tod führen. Auch bei der verbindlichen Patientenver­fügung ist eine ärztliche Beratung und die Abfassung durch einen Notar oder anderen Rechtsvertreter vorgesehen. Ebenso ist die freie Willensäußerung erforderlich. Dennoch sind die Unterschiede beachtlich.

Freie Willensäußerung im Zeitablauf

Bei der Patientenverfügung ist die freie ­Willensäußerung nur bei ihrer Erstellung ­erforderlich. Bei der verbindlichen Patientenverfügung inklusive ärztlicher und recht­licher Aufklärung, bei der beachtlichen ­Patien­tenverfügung auch ohne diese. Der (zukünftige) Patient regelt damit, welche medizinischen Behandlungen er ablehnt, wenn er sich nicht mehr selbst hierzu äußern kann (z.B. im Koma).

Die konkrete Erkrankung muss noch nicht ­gegeben sein. Bei der Sterbeverfügung hingegen schon: Hier wird keine Behandlung abgelehnt, sondern der Tod bewusst herbeigeführt. Auf die ärztliche und rechtliche Beratung kann nicht ver­zichtet werden, die Selbstbestimmung muss bis zuletzt gegeben sein.

Inhalt

Bei der Patientenverfügung wird ausgesagt, welche medizinischen Behandlungen der Patient ablehnt. Hierdurch wird eine künstliche Verlängerung des Lebens bei tödlichen Erkrankungen verhindert und der Tod tritt früher ein. Bei der Sterbeverfügung lehnt der sterbenskranke Patient keine ­Behandlung ab, sondern er wählt den Suizid, unabhängig von der möglichen oder gewünschten ärzt­lichen Versorgung.

Empfehlung

Wir empfehlen jedem ­Erwachsenen die Abfassung einer ­Patientenverfügung. Nicht nur Demenz, auch ein Verkehrsunfall oder eine schwere Erkrankung können dazu führen, dass sich für Sie die Frage stellt, ob und wie Sie behandelt werden wollen. Können Sie sich selbst dazu nicht mehr äußern, müsste sich der Arzt für lebensverlängernde Maßnahmen entscheiden und Ihre Familie müsste Ihren mutmaßlichen Willen gerichtlich durch­setzen.

Buchtipp: "Alles geregelt"

Alles geregelt. Das KONSUMENT-Vorsorgebuch Bild: Alles geregelt. Das KONSUMENT-Vorsorgebuch

Das KONSUMENT-Vorsorgebuch

4. Auflage | broschiert | 172 Seiten | € 19,90 + Versand

Unfall, Krankheit oder Begleiterscheinungen des Alterns können jederzeit dazu führen, dass man die Kontrolle über sein Leben verliert, weil man wichtige Entscheidungen nicht mehr selbst treffen kann. Dieses Buch ist ein Leitfaden, das Leben möglichst selbstbestimmt vorauszuplanen und Angehörigen zusätzliche Belastungen in schwierigen Situationen zu ersparen.

Mehr Infos zum Buch

Bestellungen: Tel. 01 588 774,  E-Mail: kundenservice@konsument.at

 

 

Diesen Beitrag teilen

Facebook Twitter Drucken E-Mail
Zum Seitenanfang

DATENSCHUTZ IST UNS WICHTIG!

Bitte erteilen Sie uns die Zustimmung, Ihre Daten zur internen Analyse zu verwenden. Wir geben Ihre Daten nicht weiter. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung.