Lippenstifte in verschiedenen Farben hintereinander aufgereiht. Bild: Andrey Popov/Shutterstock.com

TEST: Lippenstifte 1/2022

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Kein Produkt im Test ist gut, weil alle die kritische Substanz Titandioxid enthalten. Chanel und Catrice sind wegen weiterer Problemstoffe sogar nicht zufriedenstellend.

Diese Lippenstifte finden Sie im Test:

  • Annemarie Börlind Natural Beauty - Lippenstift mit Hyaluronsäure Rosewood 74
  • Benecos - Natural Lipstick Pink rose
  • Catrice - Full Satin Lipstick 030 Full of Passion
  • Chanel - Rouge Coco Ultra Hydrating Lip Color 428 Légende 
  • dm Alverde Naturkosmetik - Color & Care 42 Vintage Rose 
  • Dr. Hauschka - Lipstick 03 Camellia 
  • Lavera Naturkosmetik - Beautiful Lips Colour Intense Deep Berry 51
  • L'Oréal Paris - Color Riche 133 Rosewood Nonchalant
  • MAC - Satin Lipstick 808 Faux
  • Manhattan - All in One Lipstick 150 Rosewood Road
  • Max Factor X - Colour Elixier Lipstick Rosewood 030
  • Maybelline - Lippenstift 340 Blushed Rose Creme/Cream
  • NYX - Shout Loud Satin Lipstick SLSL05 Desert Rose
  • Sante Naturkosmetik - Mousture Lipstick 02 Sheer Primrose

Die Testtabelle enthält Infos und Bewertungen zu kritischen Stoffen wie Titanoxid, Mikroplastik Schwermetallen; Parfum, Inhaltsstoffen mit MOSH bzw. Mosch-ähnlichen synthetischen Kohlenwasserstoffen, Konservierungsstoffen, Wärme- und Kältebeständigkeit, Verpackung sowie zu: Naturkosmetiksiegel, Inhalt und Preis und Werbeaussagen; Lesen Sie nachfolgend den Testbericht.

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Test: 14 Lippenstifte

Dezent rot-bräunliche Töne, die möglichst natürlich wirken, das ist gerade die angesagte Kolorierung für die Lippen. Unsere Kolleginnen und Kollegen von der Stiftung Warentest haben 14 Produkte, die gerade en vogue sind, getestet. Das Ergebnis ist nicht gerade berauschend. Alle Lippenstifte, darunter auch einige Naturkosmetika, enthalten das problematische Titandioxid. Sie kamen deshalb über eine durchschnittliche Bewertung nicht hinaus.

Kritische Substanzen enthalten

Die Stifte von Chanel und Catrice sind mit kritischen Mineralölbestandteilen und mineralölartigen Substanzen belastet, die sich in den Organen anreichern können. Chanel und Catrice fielen deshalb mit der Note „nicht zufriedenstellend“ durch.

Schadstoff Titandioxid

Das weißende Farbpigment Titandioxid galt lange als unbedenklich für Menschen, die es zum Beispiel über Kaugummis oder Dragees verzehren. Wir haben bereits im Frühjahr 2020 auf die potenzielle Gefahr von Titandioxid, das in den Körper aufgenommen wird, hingewiesen. Im Mai 2021 hat auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) Konsequenzen gezogen und die Substanz als Zusatzstoff für Lebensmittel neu bewertet. Demnach ist eine erbgutschädigende Wirkung nicht auszuschließen.

Fünf Lippenstifte pro Jahr verspeisen

Wird Titandioxid verschluckt, kann das genetische Material von Zellen geschädigt werden und eventuell sogar Krebs entstehen. Diese Erkenntnis ist auch für Lippenstifte relevant. Wer sich täglich die Lippen schminkt, kann 57 Milligramm Farbmasse am Tag verzehren. Das besagen Worst-Case-Berechnungen des Wissenschaftlichen Ausschusses für Verbrauchersicherheit der EU-Kommission. Pro Jahr wären das umgerechnet etwa fünf ganze Lippenstifte.

Verbot lässt noch auf sich warten

Die getesteten Lippenstifte sind mit Titandioxid- Gehalten von rund 4 bis 13 Prozent belastet. Wer den am stärksten belasteten Stift von Benecos täglich benutzt, könnte etwa 2,6 Gramm Titandioxid im Jahr aufnehmen. Über Lebensmittel kommt zwar mehr zusammen – im Mittel 44 Gramm jährlich für eine 60 Kilogramm schwere Frau –, doch aus Sicht des vorsorgenden Verbraucherschutzes empfehlen wir keinen Lippenstift im Test uneingeschränkt. Die Hersteller sollten ihre Produkte ändern, damit auf diesem Weg kein Titandioxid mehr aufgenommen wird.

Inhaltsstoffe beachten

Wünschenswert wäre ein Verbot von Titandioxid in Produkten, aus denen es in den Körper gelangen kann, doch darüber will sich die EU-Kommission erst noch beraten. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt allen, die Lebensmittel mit Titandioxid meiden möchten, die Liste der Inhaltstoffe genau zu lesen.

Mineralölbestandteile

Auf die Gesundheitsrisiken durch Mineralölbestandteile weisen wir bereits seit Jahren hin. 2012 stufte die EFSA die Menge an MOSH, die Menschen über Lebensmittel aufnehmen, als „potenziell besorgniserregend“ ein. Auch über Lippenstift können diese Verbindungen in Organe und Gewebe gelangen – die Folgen sind noch unklar. Die Hersteller setzen in fast allen Stiften der konventionellen Kosmetik im Test bewusst Mineralölbestandteile und MOSH-ähnliche synthetische Kohlenwasserstoffe ein, weil diese Stoffe für die gewünschte Konsistenz, Pflege, Glanz sorgen.

Stifte mit hohem Anteil an kritischen MOSH-Pendants

Der Stift von Max Factor X weist hohe Gehalte an besonders kritischen MOSH-Pendants auf, in den Stiften von Catrice und Chanel sind es sehr hohe Gehalte. Wer sich täglich die Lippen mit dem Stift von Catrice schminkt, könnte pro Jahr rund 7 Gramm davon verzehren, bei Chanel wären es fast 3 Gramm.

Chanel und Catrice argumentieren mit Vorgaben des Kosmetikverbandes

Bedenkliche MOSH-Anreicherungen im Körper

Mit den hohen Werten konfrontiert, rechtfertigten sich Chanel und Catrice damit, dass sie sich an die Vorgaben des Europäischen Kosmetikverbandes halten würden. Die Stifte seien sicher bzw. unproblematisch. Wir sehen das anders: Solange nicht feststeht, welche Folgen MOSH-Anreicherungen im Körper haben, stufen wir sie als bedenklich ein.

Ohne Mineralöle: Annemarie Börlind- und 5 Naturkosmetik-Siegel-Stifte

Frei von Mineralölen sind neben dem Lippenstift von Annemarie Börlind alle fünf Produkte mit Naturkosmetik-Siegel. In zertifizierter Naturkosmetik sind die Stoffe verboten. Sechs Stiften fehlt die Originalitätssicherung. Sie können im Laden unbemerkt geöffnet werden. Unerfreulich ist auch, dass sich kein Lippenstift vollständig aufbrauchen lässt, wenn man keinen Pinsel benutzt. Das Problem der Restmengen, die im Müll landen, haben wir bereits in mehreren Tests zu Lippenpflegeprodukten (KONSUMENT 4/2019) oder in Pumpspendern angebotenen Kosmetika (KONSUMENT 12/2017) thematisiert.

Tabelle Lippenstifte

Produktfinder

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Kritische Stoffe

Titandioxid

Als weißes Farbpigment kommt Titandioxid in Wandfarbe, Medikamenten, Kosmetika oder als Lebensmittel- Zusatzstoff (E 171) etwa in Kaugummis (KONSUMENT 10/2021) zum Einsatz. Es hellt Zahnpasta und Lippenstifte auf, filtert in Sonnenschutzmitteln UV-Strahlen. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bewertet Titandioxid für Lebensmittel seit Mai 2021 nicht mehr als sicher: Es gebe Hinweise auf erbgutschädigende Wirkungen bei Verzehr. Auf der Haut gilt der Stoff als unkritisch. In der Inhaltstoffliste von Kosmetika wird Titandioxid unter dem Kürzel CI 77891 ausgewiesen, oft ergänzt um Titanium Dioxide.

MOSH

Der Begriff steht für Mineral Oil Saturated Hydrocarbons. Dabei handelt es sich um Bestandteile aus Erdöl (Mineralöl), kurz-, mittel- und langkettige Kohlenwasserstoffe. Als besorgniserregend schätzt die EFSA – ebenso wie wir – die kurz- und mittelkettigen Verbindungen ein. Werden diese verzehrt, können sie sich in Gewebe und Organen anreichern. Der Branchenverband Cosmetics Europe betrachtet für Lippenpflegeprodukte nur die kurzkettigen MOSH als problematisch.

Sie sollten nicht mehr als 5 Prozent im Mineralölanteil ausmachen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) teilt diese Sicht. Nur in Zusammenhang mit kurzkettigen MOSH seien in Experimenten mit Ratten entzündliche Reaktionen aufgetreten, für Menschen sei nichts belegt. Das BfR betrachtet Anreicherungen von Fremdstoffen im Körper grundsätzlich als unerwünscht. MOSH-Inhaltstoffe werden zum Beispiel als Petrolatum, Ozokerite, Cera Microcristallina oder Paraffin aufgeführt.

MOSH-ähnliche synthetische Kohlenwasserstoffe

Diese Verbindungen ähneln MOSH. Im Labor lassen sich die Gehalte von MOSH und ähnlichen Stoffen nicht getrennt analysieren. Gesundheitsbehörden der EU und Deutschlands haben MOSH-Pendants noch nicht bewertet. Wir gehen auf Basis wissenschaftlicher Literatur davon aus, dass sie wie MOSH wirken. Die Verbindungen werden als Polyethylene, Hydrogenated Polydecene, Hydrogenated Polyisobutene oder Ethylene/ Propylene Copolymer ausgewiesen.

Endokrine Disruptoren

In 5 Lippenstiften sind Verbindungen enthalten, die hormonell wirksam sein können. In diesem Test ging das zwar nicht in die Bewertung ein, wir halten einen Hinweis darauf, welche Produkte betroffen sind, jedoch für angebracht.

Propylparaben – enthalten in ­Manhattan, Max Factor

Propylparaben wird mit östrogener und antiandrogener Wirkung in Verbindung gebracht, die Einfluss auf die Funktion der Spermien bzw. die Entwicklung des Embryos haben kann. Die Substanz wurde in der Umwelt, im menschlichen Urin und in Milch nachgewiesen. Propylparaben wird in einer Liste (SIN-Liste) besonders gefährlicher Chemikalien geführt, die weltweit in einer Vielzahl von Produkten und Herstellungsverfahren verwendet werden.

Die Abkürzung SIN – Substitute It Now! – bedeutet, dass diese Chemikalien so schnell wie möglich durch weniger schädliche Alternativen ersetzt werden sollten, da sie eine Gefahr für die menschliche Gesundheit und die Umwelt darstellen.

BHT – enthalten in Max Factor, Maybelline, Nyx

BHT stört nachweislich die Schilddrüsenfunktion und hat Einfluss auf die Morphologie (Gestalt) von Lebewesen. Geringere Fruchtbarkeit, verändertes Wachstum, beeinträchtigte Entwicklung, gestörtes Lern- und Bewegungsverhalten werden mit BHT assoziiert. BHT ist ebenfalls in der SIN-Liste angeführt.

Benzylsalicylat – enthalten in Dr. Hauschka

Benzylsalicylat wird ebenfalls eine östrogene Aktivität nachgesagt, die einen Effekt auf das Fortpflanzungssystem haben kann. Eine Bewertung dieser Verbindung steht allerdings noch aus.

VKI-Tipps

Schadstoffe

Alle Lippenstifte im Test enthalten Titandioxid (CI 77891). Drei Stifte sind immerhin frei von Mineralölen und hormonähnlichen Substanzen bzw. Substanzen, die im Verdacht stehen, hormonähnlich zu wirken. Dies trifft auf die Produkte von Annemarie Börlind, Lavera und L’Oréal zu. Sie verfügen über gute Schminkeigenschaften und haben eine Originalitätssicherung.

Lippenstift und Pandemie

Beim Test wurden die Probandinnen gebeten, zu notieren, wie sich Lippenstifte und Maske vertragen. Je nach Lebenssituation trugen die Frauen pro Tag von 30 Minuten bis zu zehn Stunden eine Maske (Aura von 3M). Es gab kaum Klagen über Abfärbungen. Ohne Maske hielt die Farbe im Schnitt eine halbe Stunde länger. Gute Maske. Dass die Stifte kaum abfärbten, liegt allerdings vorrangig an der Maske. Die Aura von 3M lässt sich luftig in die Breite auffächern. Das Vlies berührt den Mund kaum. Im Handel sind auch Stifte, die als „long lasting“ oder „maskenfest“ bezeichnet werden.

Testkriterien

Die Stiftung Warentest hat 14 Lippenstifte in Rosenholztönen getestet, davon fünf mit Naturkosmetiksiegel. Getestet wurde mit einem K.-o.-Kriterium: Fiel ein Produkt bei der Eingangsprüfung auf kritische Mineralölbestandteile und ähnlich aufgebaute Verbindungen durch, wurde nicht weiter geprüft.

Kosmetische Eigenschaften

20 Probandinnen prüften jeden Lippenstift eine Woche im Praxistest. Die Stifte waren anonymisiert. Die Frauen sowie drei Fachleute beurteilten Haltbarkeit, Konturenfestigkeit, Deckkraft, Abfärben. Die Fachleute bewerteten das Abfärben, nachdem die Frauen aus Tassen getrunken hatten. Die Frauen bewerteten die Pflege.

Anwendung

Die 20 Probandinnen und drei Fachleute bewerteten bei jedem anonymisierten Stift etwa Konsistenz, Verteilbarkeit, Gleichmäßigkeit des Auftrags, Abschminken.

Kritische Stoffe

Es wurde auf die Mineralölbestandteile Mineral Oil Saturated Hydrocarbons (MOSH) und MOSH-ähnliche synthetische Kohlenwasserstoffe geprüft. Als kritisch wurden kurz- und mittelkettige Verbindungen mit Kettenlängen von C 17 bis 35 bewertet. Verbindungen mit einer Kettenlänge bis einschließlich 25 wurden dabei als kurzkettig eingestuft.

Die Bestimmung der gesättigten Kohlenwasserstoffe erfolgte mittels HPLC-GC-FID. Nach Lösung in einem geeigneten Lösungsmittel und Zugabe des internen Standards wurde der Extrakt verseift und bei Bedarf mittels Aluminiumoxid aufgereinigt. Nach Aufreinigung durch eine Normalphasen-HPLC wurden die MOSH-Analoge- und die MOAH-Fraktionen voneinander getrennt zeitversetzt der Bestimmung mittels GC-FID zugeführt.

Auf Titandioxid wurde mittels Flammen-Atomabsorptionsspektrometrie (FAAS) nach Vortrocknung, Veraschung und Aufschmelzen mit Kaliumhydrogensulfat geprüft.

Die Produkte wurden auch auf die Schwermetalle Arsen, Antimon, Blei, Kadmium und Nickel mittels ICP-MS in Anlehnung an Methode DIN EN ISO 17294–2:2007–01 nach Mikrowellenaufschluss gemäß Methode ASU K 84.00–29:2017–02 überprüft.

Wärme- und Kältebeständigkeit

Die Stifte wurden je 24 Stunden bei minus 5 Grad Celsius sowie bei plus 25 Grad und 40 Grad gelagert. Drei Fachleute prüften die Stifte danach visuell.

Nutzungsfreundlichkeit der Verpackung

Probandinnen und Fachleute testeten die Handlichkeit der anonymisierten Behälter – etwa, ob sie sich gut öffnen und schließen ließen. Originalitätssicherung und Entsorgungshinweise wurden erfasst und es wurde geprüft, bis zu welchem Anteil sich die Stifte ohne Hilfsmittel nutzen lassen. Ein Experte prüfte auf Mogel- oder Müllpackungen.

Deklaration und Werbeaussagen

Ein Experte prüfte, ob die Kennzeichnung der EU-Kosmetik- und der Fertigpackungsverordnung entsprach. Er beurteilte auch die Werbeaussagen. Drei Fachleute bewerteten Leserlichkeit und Übersichtlichkeit der Angaben.

Abwertungen

Durch Abwertungen wirken Produktmängel sich verstärkt auf das Testurteil aus. Folgende Abwertungen wurden eingesetzt: Das Urteil für kritische Stoffe konnte nicht besser sein als die Urteile für Titandioxid und MOSH, MOSH-ähnliche synthetische Kohlenwasserstoffe. Lautete das Urteil für kritische Stoffe „weniger zufriedenstellend“, konnte das Testurteil nur eine Note besser sein.

Weitere Untersuchungen

Es wurde zudem auf kritische Typen von Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons (MOAH) geprüft, die Ergebnisse waren unauffällig. Untersucht wurde quantitativ mittels HPLC-GC-FID. Bei einem positiven Befund erfolgte eine Absicherung der Ergebnisse durch GCxGC-TOF/MS. Mit diesem chromatographisch sehr leistungsstarken Analyseverfahren wurden zusätzliche Informationen über die Zusammensetzung der MOAH-Fraktion gewonnen und die Anwesenheit von mineralöl-typischen Verbindungen wurde bestätigt.

Die bei der Messung gewonnenen Massenspektren wurden durch die analytische Software mit einer Massenspektrum-Datenbank abgeglichen und erlaubten eine Identifizierung der in der MOAH anwesenden Verbindungsklassen. Zudem wurden deklarationspflichtige Duftstoffe mittels GC-MS in Anlehnung an Methode DIN EN 16274:2012–09 analysiert. Außerdem wurden die Anbieter gefragt, ob die Stifte Mikroplastik – feste, nicht wasserlösliche Partikel – enthalten.

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