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Demenz-Prävention: Strategien - Auf zum Tanz!

Von Sport bis Gedächtnisübungen: Es besteht kein Mangel an Strategien, sich vor dem kognitiven Abbau zu schützen. Wie sinnvoll sind sie?

Was haben Ronald Reagan und Margaret Thatcher gemeinsam – außer, dass sie einst ihren Ländern vorstanden? Beide erkrankten im Alter an Alzheimer. (Politische) Macht scheint also nicht vor dieser Art des kogni­tiven Abbaus zu schützen. Geistes­größe ­offensichtlich auch nicht, denn zu den ­pro­minenten Alzheimer-Opfern zählt der ­Philosoph und Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker.

Alzheimer kann jeden treffen

Das ist die demokratische Seite der Alzheimererkrankung: Sie kann jeden treffen. Männer wie Frauen. Prominente wie unsereinen. Insofern herrscht eine gewisse Gerechtigkeit. Niemand wird bevorzugt, niemand benachteiligt. Das ist aber auch das Tückische an dieser Krankheit: Niemand scheint vor ihr ­sicher zu sein. Wobei wir bis heute nicht ­sagen können, warum der eine Alzheimer bekommt und der andere nicht. Wir haben es mit einer Krankheit zu tun, deren Erscheinungsbild zwar bekannt ist, deren Ursache aber noch weitgehend im Dunkel liegt. Mit anderen Worten: Der Feind ist sichtbar, bleibt aber unkenntlich.

Theorien, Hypothesen, Spekulationen

Entsprechend schwierig gestalten sich die Präventionsstrategien. Denn wie soll man sich wirkungsvoll vor etwas schützen, das selbst noch große Rätsel aufgibt? Gar nichts tun? Den Dingen ihren Lauf lassen? Nein. Für viele, wenn nicht die meisten, ist das keine Lösung. Sie wollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und werden aktiv – auf ganz unterschiedliche Weise; je nachdem, welchem Erklärungsmodell sie am meisten ­Glauben schenken. Denn an Theorien, Hypothesen und Spekulationen, was für diese Form der Demenz verantwortlich zu machen ist, besteht kein Mangel. Nur passen die eben oft nicht zusammen oder widersprechen sich gar diametral – von einem Konsens ist die Fachwelt noch weit entfernt.


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Sport, geistige Anstrengung und soziale Kontakte

Alter ist der größte Risikofaktor

Nur in dem einen Punkt scheinen sich die Experten einig zu sein: „Der stärkste Risikofaktor für Alzheimer ist das Alter.“ Das sagt Prof. Dr. Peter Dal-Bianco, Leiter der Spezial­ambulanz für Gedächtnisstörungen und ­Demenzerkrankungen/Universitätsklinik für Neurologie/MedUni Wien und Co-Autor ­unseres Buches „Alzheimer“.

Jeder dritte über 90-Jährige bekommt Alzheimer, so die Statistik. Doch die Statistik wird dem Einzelfall nicht immer gerecht. Führen wir noch einmal einen früheren ­Regierungschef an, Helmut Schmidt: Der vormalige deutsche Kanzler geht mittlerweile auf die Hundert zu. Trotzdem oder gerade deswegen ist er häufig Gast in politischen Sendungen. Er sitzt im Fernsehstudio, zieht genüsslich an einer Zigarette und äußert ­seine Ansichten – so klar und bestimmt, wie wir es oft genug bei Politikern vermissen.

Große Unsicherheit

Dieser Mann ist topfit im Kopf. Was macht er anders als seine Altersgenossen? Liegt es am Rauchen? Vielleicht. Wer den Zusammenhang googelt, stößt auf eine HEUTE-Nachrichtensendung des ZDF, die von einer Studie berichtet, die nachweisen konnte, dass es Alzheimer-Patienten nach der Applikation von Nikotinpflastern merklich besser ging. Es finden sich allerdings auch Studien mit der genau gegenteiligen Aussage: Demnach erhöht Rauchen das Alzheimer-Risiko. Wir wollen hier keine Diskussion über das Rauchen anzetteln – keiner wird bestreiten, dass die Negativa überwiegen. Dieses Beispiel führen wir nur an, um zu zeigen, dass erstens große Unsicherheit rund um Alzheimer herrscht und dass es zweitens nicht schwierig ist, für jede These eine Studie zu finden, die sie bestätigt.

Bewegung für Körper und Kopf

Welche Gegenstrategien sind üblich? Wie versuchen Menschen, dem kognitiven Abbau vorzubeugen? Ein Ansatz zielt auf gesunde Lebensführung: Mens sana in corpore sano; ein gesunder Geist wohnt in einem gesunden Körper, hieß es bei den Römern. Bewegung tut dem Menschen gut – und ­offenbar insbesondere seinem Kopf. Einigen Untersuchungen zufolge kann man der Alzheimererkrankung regelrecht davonlaufen. Erklärt wird das damit, dass eine gute ­Durchblutung hilft, zelluläre Abfallprodukte zu entsorgen, mehr schützende Substanzen zur Verfügung zu stellen und Regenerationsprozesse durch neu entstehende Nerven­zellen zu unterstützen.

Das ist eine Erklärung, die physiologische. Sie allein wird dem Phänomen aber nicht gerecht. Es scheint ein größerer Zusammenhang zu bestehen. Vieles spricht dafür, dass körperliche Bewegung dem Geist gleichsam auf die Sprünge zu helfen vermag. Das ­ergaben Beobachtungsstudien.

Sport und geistige Anstrengung kombinieren

Dal-Bianco formuliert es vorsichtig: „Es scheint sinnvoll, aufgrund des generell positiven ­gesundheitlichen Effekts von regelmäßiger Bewegung, ältere Menschen zu körperlicher Aktivität zu motivieren.“ Noch besser sei es, sagt er, wenn im Sinne der Alzheimer-Prävention sportliche Betätigung mit geistiger Anstrengung und geselligem Zusammensein gekoppelt werde. Der Experte bricht in diesem Zusammenhang eine Lanze für das Tanzen. In seinen Augen ist es eine gute Übung für Körper und Geist. Schrittkombinationen und Figurenfolgen werden einstudiert, Gleichgewichts- und Orientierungssinn trainiert. Nicht zu vergessen: Zur Anstrengung kommt der Spaß. Und das Gemeinschafts­erlebnis. Warum einsam sporteln, wenn es auch gemeinsam geht?

Denksport fürs Gehirn

Hilft es, jeden Tag Kreuzworträtsel zu lösen? Vielleicht. Wer es gerne macht, sollte es ­weiterhin tun. Warum nicht? Zugrunde liegt die Überlegung, dass der Kopf gleich einem Muskel regelmäßig trainiert werden sollte. Getreu dem Motto: Use it or lose it; gebrauche deine geistigen Fähigkeiten, oder du büßt sie ein.

Kein Patentrezept

In den Alltag einbauen

Wer sein Gehirn anstrengt, erzeugt neue neuronale Verbindungen. Das ist unbestritten. Nur schafft man das genauso, indem man eine Fremdsprache lernt. Oder ein Buch liest. Oder musiziert – alles Tätigkeiten, die zudem den Vorteil haben, dass sie sich in den Alltag integrieren lassen und weniger den Charakter eines Pflichtprogramms haben.

Ein Manko der expliziten Gedächtnisübungen liegt darin, dass sie einen streng linearen Ansatz verfolgen. Sie setzen beim Gehirn an. Und nur dort. Als würde das Hirn isoliert ­bestehen. Hier wirkt ein mechanistisches Welt- und Menschenbild aus dem 17. Jahrhundert fort, das längt überwunden sein sollte, denn das Hirn existiert ja nicht für sich allein, sondern es bildet mit dem Körper (und der Seele) eine Einheit. Heißt also: Das Gehirn lässt sich genauso trainieren, wenn wir an einer vermeintlich ganz anderen Stelle ansetzen – beispielsweise, indem wir soziale Kontakte pflegen.

Soziale Kontakte halten jung

Wer viel mit anderen Menschen zusammen ist, der ist wohl weniger gefährdet, Alz­heimer zu bekommen, als jemand, der ein zurückgezogenes Leben führt. Das legen ­einige Studien nahe. Älteren Menschen kann demzufolge der Rat gegeben werden: Spielen Sie mit Ihren Enkeln, machen Sie mit anderen Leuten Ausflüge, pflegen Sie das Familienleben. Menschen, die sich sozial ­engagieren, leben sogar länger – das ist eine aufregende empirische Erkenntnis.

Vorsicht: "digitaler Demenz"

Nun geht der Trend allerdings gerade in die entgegengesetzte Richtung: Das Singledasein ist angesagt. Junge Menschen spielen lieber mit der Playstation, als mit anderen Menschen zu kommunizieren. Sie hocken vor dem Computer, statt unter die Leute zu gehen. Sie schreiben SMS, statt sich mit ihren Mitmenschen zu unterhalten, von ­Angesicht zu Angesicht. In den Augen von Prof. DDr. Manfred Spitzer, Leiter der Psy­chiatrischen Universitätsklinik in Ulm, eine gefährliche Entwicklung. Er warnt vor der „digitalen Demenz“.

Alzheimer ist eine Art Infarkt. Eine Folge ständiger Überforderung. Der Alzheimer-Kranke kann und will mit dem vorherrschenden Tempo nicht mehr Schritt halten – er klinkt sich gleichsam aus, zieht sich in seine eigene Welt zurück. So eine Erklärung. Aus dieser Sicht ist der beste Schutz gegen Demenz, dem Kopf zwischendurch immer wieder Ruhe zu gönnen, etwa öfter einen Mittagsschlaf zu halten. Das Handy auch ­einmal auszuschalten. Eine Auszeit von der steten Informationsflut zu nehmen. Wieder runterzukommen. Sich zu regenerieren.

Vitamine und Hormone

Taugen Lebensmittel quasi als Gesundheitsmittel? Dal-Bianco rät im Sinne der Alzheimer-Vorbeugung zum Verzehr von viel Obst und Gemüse; nicht jedoch zu einer vermehrten Einnahme von Vitamin E: „Die bisher vorliegenden Ergebnisse variieren zwar beträchtlich, aber bislang liegen keine überzeugenden Ergebnisse vor, die Vitamin E für die Alzheimer-Prävention qualifizieren. Darüber hinaus konnte in den letzten Jahren ein ­erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen bei hoch dosierter Einnahme von Vitamin E aufgezeigt werden.“

Hormone können Demenzrisiko erhöhen

Einen Schwenk um 180 Grad gibt es nicht zuletzt in Sachen Hormonersatztherapie. In den 1990er-Jahren wurde sie Frauen noch empfohlen, heute nicht mehr. „Neuere Ergebnisse zeigen, dass die Östrogen-Ersatztherapie das Risiko für Demenzerkrankungen möglicherweise erhöht und zudem bei langzeitiger Anwendung auch andere negative Folgen haben kann (z.B. ein erhöhtes Brustkrebsrisiko)“, sagt Dal-Bianco.

Was heute gilt, kann schon morgen im Lichte neuer Erkenntnisse verworfen werden. Eine Unsicherheit, die nicht nur bei Alzheimer, sondern auf vielen Gebieten der Medizin ­besteht. Denn die Wissenschaft ist im stän­digen Fluss.

Ein Patentrezept gibt es nicht

Vielleicht sind Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, nun etwas enttäuscht. Vielleicht haben Sie sich so etwas wie ein Zehn-­Punkte-Programm erwartet, das sicheren Schutz vor Alzheimer garantiert. Kein Zweifel: Uns allen wäre damit geholfen. Allein, das gibt es nicht!

Prof. Dal-Bianco etwa ist der Ansicht, dass wir mit Präventionsstrategien Alzheimer nicht verhindern, jedoch deren klinische Symptomatik zeitlich hinausschieben können: „Statt zum Beispiel mit 75 tritt dann die klinische Alzheimer-Symptomatik erst mit 80 auf. Falls ich also mit 79 sterbe, werde ich Alzheimer nicht erleben, obwohl meine ,alzheimerischen‘ Hirnveränderungen existieren.“

Schon vor Jahren meinte Prof. DDr. Konrad Beyreuther, deutscher Molekularbiologe und Gründungsdirektor des Netzwerkes Alternsforschung: „Jeder bekommt Alzheimer – man muss nur alt genug werden!“ Möglicherweise hat er mehr recht, als uns lieb sein kann.

Buchtipp: "Alzheimer"

Jede Zeit hat ihre Krankheit. Heute ist das sicherlich Alzheimer - das schleichende Vergessen. Vor keiner Erkrankung haben die Menschen mehr Angst. Wir klären über diese und andere Formen von Demenz auf. Wir liefern Hintergründe und Tipps, lassen Experten und Betroffene zu Wort kommen und erinnern daran, dass auch ein Mensch mit Alzheimer durchaus glücklich sein kann.

www.konsument.at/alzheimer

Aus dem Inhalt

  • Verlauf einer Alzheimererkrankung 
  • Therapiemöglichkeiten 
  • Betreuung und Pflege 
  • Rechte der Betroffenen 
  • Hilfe und finanzielle Unterstützung

Zweite, überarbeitete Auflage 2017;  240 Seiten, 19,60 € + Versand

 KONSUMENT-Buch: Alzheimer 

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