Zum Inhalt

Alzheimer-Selbsttest - Nur ein Mosaikstein

Wann ist eine Gedächtnislücke noch normal, wann schon pathologisch? Chancen und Risiken eines Selbsttests.

Kennen Sie das? Zu Hause haben Sie im Kopf eine Einkaufsliste zusammengestellt, nun stehen Sie im Geschäft – und wissen genau, da war doch noch etwas zu besorgen. Nur was? Es fällt Ihnen nicht ein. Ach, klagen Sie, hätte ich mir doch nur alles aufgeschrieben! Natürlich kennen Sie das. Jeder kennt das. Ein Aussetzer der ganz normalen Art. Wohl ärgerlich, aber längst kein Grund zur Beunruhigung. Oder doch?

Vergesslichkeit: Was ist normal, was Anzeichen für Alzheimer?

Gedächtnislücken sind auch charakteristisch für die Alzheimererkrankung, den allmählichen kognitiven Abbau. Wo verläuft die Grenze? Wann ist eine Gedächtnislücke einfach der Unkonzentriertheit, der Überarbeitung oder der Müdigkeit geschuldet, und wann weist sie auf einen Krankheitsprozess hin? Was ist noch normal, was schon pathologisch?

Eine Frage, die gerade Menschen ab 50 beschäftigt. Sie erleben an sich einen Abbau in unterschiedlichen Bereichen. Laufen können sie nicht mehr so schnell wie früher, und zum Lesen benötigen sie mittlerweile eine Brille. Nicht nur der Körper, auch der Geist beginnt zu schwächeln. Wie, fragen sie sich besorgt, wird es erst in zwanzig Jahren um mich bestellt sein, wenn ich jetzt schon Schwierigkeiten habe, mir zu merken, was ich einkaufen soll?

Alltagstests: Geistige Fitness selber testen

Wer zur Abklärung seiner geistigen Fitness nicht gleich einen Arzt aufsuchen möchte, hat die Möglichkeit, einen Selbsttest zu machen. Im Internet findet man jede Menge solcher Alltagstests, längere und kürzere, jeder ist etwas anders aufgebaut. Prof. Dr. Peter Dal-Bianco, Leiter der Spezialambulanz für Gedächtnisstörungen und Demenzerkrankungen, Universitätsklinik für Neurologie, MedUni Wien, hat selbst einen entwickelt: Braincheck 50 im Internet zu finden unter

Braincheck50: Vergeßlichkeitstest

Ein Fragenkatalog, der auf jene Bereiche fokussiert, in denen sich – wie die Analyse unzähliger Alzheimer-Fälle ergeben hat – typischerweise erste Defizite im Krankheitsfall zeigen.

Fragenkataloge aus dem Internet

"Ich lese etwas und weiß schon unmittelbar danach nicht mehr, was es war." So lautet eine Aussage, zu der der Selbsttester Stellung nehmen soll: Trifft sie auf ihn zu oder nicht? Die Antwort kann von "sehr" bis "gar nicht" reichen. Unter anderem wird im Braincheck 50 auch das Orientierungsvermögen abgefragt: "Ich habe Schwierigkeiten, einen Ort wiederzufinden, an dem ich bisher nur ein oder zwei Mal war."

Hinweis, aber keine Diagnose

Hinweis, aber keine Diagnose

Der Test umfasst 21 Fragen. Zur Beantwortung braucht man nur wenige Minuten. Dal-Bianco betont, der Selbsttester solle nicht lange über den Fragen grübeln, sondern sie möglichst spontan beantworten, aus dem Bauch heraus. Ersetzt dieser Test die ärztliche Diagnose? Natürlich nicht! Er kann höchstens einen Hinweis liefern. Einen Hinweis darauf, dass mit der geistigen Leistungsfähigkeit etwas nicht in Ordnung sein mag und zur genaueren Abklärung der Hausarzt aufgesucht werden sollte. Der kann dann vielleicht feststellen, dass die Gedächtnisschwäche auf eine Schilddrüsenfehlfunktion zurückzuführen ist.

Gedächtnisschwäche bedeutet nicht gleich Alzheimer

Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht ist eine Gedächtnisschwäche nämlich nicht gleich Alzheimer. Sie kann eine Vielzahl von Ursachen haben. Der Hausarzt hält es unter Umständen für geboten, den Patienten zur genaueren Untersuchung an einen Nervenfacharzt zu überweisen.

Fatal: Es gibt keine klar umrissenen Defizite, die eindeutig auf Alzheimer hinweisen würden. "Auch bei dem, der seine Schlüssel in den Eiskasten legt, ist nicht gesagt, dass er an Alzheimer leidet", sagt Dal-Bianco. Diese Person kann das ja aus purer Schusseligkeit getan haben.

Individuelle Stärken und Schwächen beachten

Jeder Mensch verfügt über spezifische Stärken und Schwächen. Der eine hat ein gutes Orientierungsvermögen, der andere ein gutes Namensgedächtnis. Wer schon immer links und rechts verwechselt hat, der wird dieses Manko mit Sicherheit auch im Alter aufweisen – kein Hinweis auf ein krankhaftes Geschehen.

Eher als Warnzeichen ist zu deuten, so Dal-Bianco, wenn jemand in seinen vormals starken Bereichen einen gewissen Abbau zeigt: "Ich hatte eine Patientin, die mir zu Ostern immer Ostereier geschenkt hat. Anfangs waren die wundervoll bemalt, später nur noch mit Farbe angekleckst. Nicht, dass ich die angeklecksten nicht auch schön gefunden hätte, doch eine besondere Fähigkeit dieser Person hatte mit der Zeit offensichtlich nachgelassen."

Längeren Zeitraum beobachten

Das heißt, nicht die Momentaufnahme zählt für die Diagnosestellung, sondern vielmehr die Beobachtung über einen längeren Zeitraum.

Dal-Bianco weist auf eine weitere Schwierigkeit hin: "Der Alzheimer-Patient neigt am Beginn seiner Erkrankung zu einer Dramatisierung seiner Situation: Ich kann überhaupt nichts mehr! Ich vergesse alles! Im Spätstadium vergisst er sein Vergessen und ist davon überzeugt, alles machen zu können." Ein Alzheimer-Kranker im fortgeschrittenen Stadium wird also den Selbsttest gerade so wie ein Gesunder ausfüllen.

Gefahr von "falsch positiv"

Gefahr von "falsch positiv"

Alles Unsicherheiten, die rund um die Diagnosestellung bedacht werden wollen. Der Selbsttest ist eine Chance, er birgt allerdings auch eine gewisse Gefahr. Die Gefahr nämlich, dass der Selbsttester zu einem "falsch positiven Ergebnis" gelangt. Er macht sich dann unnötig Gedanken über seine kognitiven Fähigkeiten. Unnötig deswegen, weil ohnehin alles in Ordnung ist.

Alzheimer ist heute ein Problem, eine zuweilen schon um sich greifende Alzheimer- Hysterie ebenso. Die Betroffenen sind völlig gesund, fühlen sich aber krank. In den USA hat man bereits einen Begriff für diese Menschen geprägt: Es sind die "worried-well".

Kein eindeutiger Krankheitsnachweis

Ein Knochenbruch ist mit einer Röntgenaufnahme nachzuweisen, eine AIDS-Erkrankung mit einem Bluttest. Wir wollen es noch einmal betonen: Ähnlich einfach ist die Sache bei Alzheimer nicht. Da fehlt jener Marker, der als eindeutiger Krankheitsnachweis dienen könnte.

Alois Alzheimer, der Arzt, nach dem die Krankheit benannt worden ist, glaubte noch Anfang des vorigen Jahrhunderts, eine Plaquebildung im Hirn sei für diese neurodegenerative Erkrankung verantwortlich zu machen. Mittlerweile wissen wir, dass ein Hirn bei der Autopsie alle Formen der Zerstörung aufweisen kann und dennoch war die betreffende Person bis an ihr Lebensende völlig klar im Kopf.

Komplexes Geschehen

Bei Alzheimer handelt es sich, so Dal- Bianco, wohl um ein Krankheitsgeschehen, bei dem mehrere Ausfälle zusammenkommen, mithin um ein vernetztes Geschehen. Der behandelnde Arzt kann sich nicht wie ein Flugzeugpilot an Checklisten orientieren, nach dem Muster: Das ist richtig, das ist falsch. Überall dort, wo sich einfache Antworten verbieten – so typischerweise auch bei Alzheimer –, ist im Besonderen die Erfahrung des Arztes und sein Einfühlungsvermögen gefragt.

Kurz: die "ärztliche Kunst", wie Dal-Bianco es ausdrückt. Ein Selbsttest kann insofern höchstens einer von mehreren Mosaiksteinen sein, die zu einem Ganzen zusammengefügt werden müssen.

Buchtipp: "Alzheimer"

Jede Zeit hat ihre Krankheit. Heute ist das sicherlich Alzheimer - das schleichende Vergessen. Vor keiner Erkrankung haben die Menschen mehr Angst. Wir klären über diese und andere Formen von Demenz auf. Wir liefern Hintergründe und Tipps, lassen Experten und Betroffene zu Wort kommen und erinnern daran, dass auch ein Mensch mit Alzheimer durchaus glücklich sein kann.

www.konsument.at/alzheimer

Aus dem Inhalt

  • Verlauf einer Alzheimererkrankung 
  • Therapiemöglichkeiten 
  • Betreuung und Pflege 
  • Rechte der Betroffenen 
  • Hilfe und finanzielle Unterstützung

Zweite, überarbeitete Auflage 2017;  240 Seiten, 19,60 € + Versand

 KONSUMENT-Buch: Alzheimer 

Diesen Beitrag teilen

Facebook Twitter Drucken E-Mail

Das könnte auch interessant sein:

Ginko Blätter und Tabletten auf weißem Hintergrund

Ginkgo bei Demenz

Kann Ginkgo-Extrakt die geistige Leistungsfähigkeit von Demenzkranken verbessern?

Gefördert aus Mitteln des Sozialministeriums

Sozialministerium
Zum Seitenanfang