Heilpilz mit Stachelbart und Löwenmähne?
Gut für Magen, Darm und Immunsystem – oder nur geschicktes Marketing? Der Pilz Hericium im Faktencheck.
Der Kontext
Faszinierend anzusehen ist der Pilz Hericium allemal. Seine markante Erscheinung hat ihm klingende Namen eingebracht – von Löwenmähne über Igelstachelbart bis hin zu Affenkopfpilz und Pom-Pom.
2026 steht er besonders im Rampenlicht: Der Hericium ist Pilz des Jahres! Ausgezeichnet von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie, also einer der zentralen Institutionen für Forschung und Förderung der Pilzkunde im deutschsprachigen Raum.
Vielleicht ist es dieser Promistatus, der den Hericium zuletzt in den Fokus etlicher Konsument:innen gerückt hat. Unser Kooperationspartner Medizin transparent bekam zuletzt mehrere Anfragen zu diesem Pilz – mit der Bitte um Verifizierung der unterschiedlichen positiven Attribute, die ihm auf Social Media bzw. von Nahrungsergänzungsmittel-Herstellern (NEM) zugeschrieben werden.
Welche Eigenschaften sind das? Allen voran soll der Hericium das Immunsystem stärken bzw. ein wirksames Mittel gegen Sodbrennen und Gastritis sein.
Der Check
Hericium ist insbesondere in Asien ein bekannter Speisepilz. Er kommt vor allem in Laubwäldern mit hoher Luftfeuchtigkeit in Ostasien, Nord- und Mittelamerika sowie (Nord-) Europa vor. Im Alpenraum wächst er (praktisch) nicht. Laut der Deutschen Gesellschaft für Mykologie ist der Bestand in Europa bedroht. Entsprechend sollten die Wildbestände aus Naturschutzgründen geschont werden. Als Kultur- und Heilpilz gewinnt er zunehmend an Bedeutung und Bekanntheit.
In der traditionellen chinesischen Medizin ist der Hericium ein alter Bekannter. Insbesondere bei Verdauungsproblemen wird er eingesetzt, weshalb auch NEM-Hersteller ihn heute als „Vitalpilz“ für Magen und Darm vermarkten. Auch das Immunsystem stärkende Eigenschaften werden ihm zugeschrieben.
Doch wie viel Substanz steckt hinter diesen Gesundheitsversprechen, wie sieht die Studienlage aus?
Kurz gesagt: Es gibt sie nicht. Die Faktenchecker:innen unseres Kooperationspartners fanden keine einzige aussagekräftige Studie, die die Wirksamkeit von Hericium gegen Sodbrennen, Völlegefühl oder Gastritis bei Menschen untersucht hat. Genauso wenig eine Studie, die eine substanzielle Antwort auf die Frage gibt, ob Menschen tatsächlich seltener krank werden, wenn sie Hericium einnehmen.
Was auffindbar ist: Labor-Experimente mit Zellen oder Versuchstieren. Dabei zeigte sich, dass bestimmte Inhaltsstoffe des Pilzes (wie z. B. Polysaccharide) Immunzellen stimulieren können. Aber: Ein Mensch ist kein Reagenzglas und auch keine Maus. Stoffe wirken im komplizierten menschlichen Körper oft ganz anders als im Labor. Solche Ergebnisse bieten interessante Hinweise für die Forschung, beweisen aber keine Wirkung im Menschen.
Das Fazit
Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Hericium positive Eigenschaften auf Verdauung und/oder Immunsystem hat. Wenn ein NEM-Hersteller selbiges behauptet, tut er das wider besseres Wissen. In der EU ist die Rechtslage klar: Gesundheitsversprechen wie „stärkt das Immunsystem“ oder „ist bei Erkrankungen und Beschwerden des Magen-Darm-Trakts empfehlenswert“ dürfen nur verwendet werden, wenn sie wissenschaftlich belegt sind. Für Hericium gibt es solche Belege nicht. Hersteller, die trotzdem damit werben, machen es verbotenerweise.
Abgesehen von der rechtlichen Dimension sollten Sie, bevor Sie ein NEM auf Hericium-Basis einnehmen, Folgendes bedenken: Als Speisepilz ist Hericium zwar unbedenklich. Aber ob das auch für hochkonzentrierte NEM gilt, ist unklar.
Die Langfassung des Faktenchecks lesen Sie unter medizin-transparent.at/hericium-immunsystem bzw. medizin-transparent.at/hericium-magen-darm
Hintergrund zum Faktencheck Medizin
Tagtäglich berichten Medien von neuen Behandlungsmethoden, diagnostischen Tests und Studien. Wie aber steht es mit den Fakten hinter diesen Meldungen? Kann man glauben, was man liest?
In unserer Rubrik „Faktencheck Medizin“ finden Sie Informationen, ob es für Berichte zu medizinischen Themen echte wissenschaftliche Beweise gibt.
Kooperation mit Medizin transparent
„Faktencheck Medizin“ ist eine Kooperation von KONSUMENT mit Medizin transparent. Medizin transparent ist werbefrei, unabhängig und wird öffentlich finanziert.
Schlagen Sie ein Thema vor!
Gesundheits-Claim entdeckt? Schreiben Sie uns!
Unser Kooperationspartner Medizin transparent prüft ausgewählte Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt – sofern sie sich mit Studien belegen lassen.
Bitte beachten Sie: Nicht jedes gemeldete Beispiel wird bearbeitet bzw. veröffentlicht.
Hier geht es zum Meldeformular von Medizin transparent.

Kommentieren
Sie können den Text nach dem Abschicken nicht nachträglich bearbeiten, Länge: maximal 3000 Zeichen. Bitte beachten Sie auch unsere Netiquette-Regeln.
Neue Kommentare können nur von angemeldeten Benutzern veröffentlicht werden.
Anmelden0 Kommentare