Wirtschaftsbegriffe: Zinseszins - Kleine Zahlen mit großer ?Wirkung

Zinsen und Zinseszinsen wirken nicht nur auf Sparbücher und Kredite, sie spielen auch bei Löhnen und Gehältern eine wichtige Rolle.

Zinsen gehen jeden an: Den einen, weil er zu viel Geld hat, den anderen, weil er zu wenig hat. Will sich Letzterer Geld ausborgen, fährt er besonders gut, wenn die "Leihgebühr", also der Kreditzins, niedrig ist und es auch langfristig bleibt, denn dann muss er nur ­unwesentlich mehr als den geborgten Betrag zurückzahlen.

Rendite für Risiko und Veranlagungsdauer

Wer hingegen mehr Kapital hat, als er im Moment für das tägliche Leben, für Kleidung, Urlaub oder Extras braucht, will damit üblicherweise eine möglichst hohe Rendite erwirtschaften, um der kontinuierlichen Geldentwertung entgegenzuwirken und sein Vermögen zu mehren. Bei vielen ­An­lage­formen – vor allem Sparprodukten, aber auch Anleihen – wird diese Rendite in Form von Zinsen lukriert, also einem je nach Risiko und Veranlagungsdauer vereinbarten Prozentsatz, der für die Überlassung von ­Kapital bezahlt wird.

Zinsen auf die Zinsen

Diese Zinsen werden üblicherweise bei länger­fristigen Anlagen am Jahresende gutgeschrieben, also zu neuem Kapital des Anlegers gemacht ("kapitalisiert"). Falls man sich die Zinsen nicht sofort auszahlen lässt, werden sie im nächsten Jahr mitverzinst. Man erhält somit Zinsen für das investierte Kapital und für den Zinsgewinn aus dem ­vorangegangenen Jahr, den sogenannten Zinses­zins. Und dieser Zinseszins-Rucksack wird Jahr für Jahr größer, je länger die ­Ver­zinsung andauert. Eine feine Sache für Sparer; ein Drama für Kreditnehmer, wenn sie zahlungs­un­fähig werden, denn dann wächst der Schuldbetrag rasch an.

Zwang zum Wachstum

Auch wenn es für die einzelnen Anleger ­einen Unterschied macht, ob sie (oft fix vereinbarte) Zinsen oder (je nach Unter­nehmensgewinn schwankende) Dividenden erzielen, eines bleibt gleich: Sie alle erwarten sich für ihr angelegtes Geld gewissermaßen einen Zinseszinseffekt, also ein stetig steigendes Kapitalvermögen. Damit das funktioniert, muss – aus der gesamtwirtschaft­lichen Sicht eines Landes – das gesamte Volkseinkommen, das in diesem Land erwirtschaftet wird, beständig wachsen.

Lohn- und Nichtlohneinkünfte

Lohn- und Nichtlohneinkünfte

Dieses Volkseinkommen kann neben anderen Unterteilungen zum Beispiel unterschieden werden in Einkommen durch Arbeit (also Löhne und Gehälter) – Waren werden hergestellt oder veredelt bzw. Dienstleistungen werden ­erstellt, und andererseits in Renditen für Kapitaleigner sowie Unter­nehmer­gewinne, die auf Basis von Kapital­einsatz (für Maschinen, Anlagen, Kreditvergabe etc.) erzielt werden. Gemeinhin spricht man dabei von Lohneinkünften und Nichtlohn­einkünften. Geht man von ­dieser verein­fachten Zusammensetzung des nationalen Einkommens aus, so ergeben sich daraus bestimmte Konsequenzen:

Renditeerwartungen werden zuerst erfüllt

Bei einem gleichbleibenden Volkseinkommen und bei gleicher Rendite des Kapitals bleibt ein geringerer Teil für die Lohnein­künfte ­übrig, da üblicherweise zuerst die Nichtlohneinkünfte bedient, also die Renditeerwartungen erfüllt werden.

Löhne wachsen mit Volkseinkommen

Um diese und die Unternehmergewinne auf gleichem Niveau zu halten, müsste somit bei den Löhnen gekürzt werden – es sei denn, das Volkseinkommen ist angewachsen, und zwar in größerem Ausmaß als der Zinseszinseffekt des Kapitals, denn nur dann ist Spielraum für Lohnerhöhungen gegeben. Die Grafik im Kapitel "Hohe Zinsen - niedrige Löhne" zeigt auf, wie sich die Verteilung des Volksein­kommens bei niedrigen oder hohen Zins- bzw. Rendite­erwartungen entwickelt.

Sinkende Lohnquote ...

Bei Vergleichen dieser Art ist natürlich zu berücksichtigen, dass Vereinfachungen ­erforderlich sind. Die Realität liegt wohl irgend­wo zwischen den beiden Beispiel­szenarien. Tatsache ist aber, dass seit drei Jahrzehnten die Unternehmens- und Ver­mögenseinkommen fast durchgehend jedes Jahr stärker angestiegen sind als die Ein­kommen aus Arbeit. Das belegt etwa die sogenannte (bereinigte) Lohnquote.

... von 75 auf 70 Prozent

Sie gibt an, wie viel vom Kuchen des gesamten Volkseinkommens auf die Arbeitseinkommen (im Gegensatz zu den Vermögens- und Unternehmenseinkommen – oder anders ausgedrückt: Kapital­renditen und Unter­nehmensgewinnen) entfällt, und dient somit als Indikator für die Einkommensverteilung in Österreich. Laut dem alle zwei Jahre veröffentlichten Sozial­bericht des Sozialminis­teriums ver­ringerte sich die (bereinigte) Lohnquote von 75 Prozent im Jahr 1988 auf rund 70 Prozent im Jahr 2013.

Globaler Konkurrenzkampf

Mehr Abgaben, kürzere Arbeitszeiten

Als Grund für die ungleiche Einkommensverteilung wird vom Sozialressort angeführt, dass die Abgabenbelastung auf Arbeitseinkommen insbesondere seit 1995 stärker zugenommen hat als jene auf Unternehmens- und Vermögenseinkommen. Ein weiterer Grund sei der Anstieg von geringfügiger ­Beschäftigung, Teilzeit- und Saisonarbeit – mit dementsprechend niedrigen Löhnen.

Globalisierte Suche nach Rendite ...

Ein Gutteil der ungleichen Verteilung ist aber nach Meinung vieler Experten nicht haus­gemacht, sondern ein in allen Industrie­staaten feststellbares Phänomen, das mit der zunehmenden Globalisierung und der weltweiten Suche nach Rendite einhergeht. Als Ursache wird – neben vielen anderen – vor allem die Konzentration auf die Angebots- und Standortpolitik angeführt, die zu einem Konkurrenzkampf zwischen den Ländern um Unternehmensansiedlungen und Arbeitsplätze geführt hat.

... schwächt Position der Arbeitnehmer

Auch die mit der globalen Wirtschaft einhergehende ­steigende Arbeits­losigkeit wird als Grund für die sinkende Lohnquote ins Treffen geführt, weil sie die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer­seite zunehmend schwächt. Und nicht zuletzt wird die Dominanz der ­Finanzmärkte im Wirtschaftsgeschehen und der damit verbundene kontinuierliche Run auf die beste Rendite als Verursacher der fallenden Lohnquoten gesehen.

Konsequenzen der Kapitalausweitung

So positiv der Zinseszinseffekt also für den einzelnen Anleger ist, kann langfristig nicht außer Acht gelassen werden, wie sich das Streben nach anhaltender Kapitalausweitung gesamtwirtschaftlich auswirkt – und letzten Endes auch wieder auf jeden Einzelnen zurückwirkt.

Grafik: Hohe Zinsen – niedrige Löhne

Anhand von zwei Beispielszenarien lässt sich gut nachvollziehen, wie sich Zinsen bzw. Renditen auf die (Um-)Verteilung des Volkseinkommens auswirken. Hier werden ­Renditen/Zinsen ab Annahme vollständig weiterveranlagt.

Wir gehen von einem Volkseinkommen von 100 Mrd. Euro aus, von dem der Einfachheit halber im ersten Jahr jeweils die Hälfte auf Lohn- und Nichtlohneinkünfte entfällt.

Die Wirtschaft wächst jährlich um 2 %.

Infografik: Doris Seyser

Klick für größere Darstellung:

Infografik: Doris Seyser

Die Renditeerwartungen sind in Szenario A gleichbleibend bei 3 %, in Szenario B bei 5 % (eine noch immer relativ moderate Annahme; manche Aktiengesellschaften setzen ihre Renditeziele bei 10 % und mehr an).

Im Szenario A mit niedrigem Zins teilt sich das Volkseinkommen annähernd gleich auf beide Seiten auf. Im Szenario B mit hohen Zinsen erfolgt die Verteilung klar zulasten der Löhne.

Was die Zinshöhe bestimmt

Wie hoch die Zinsen für Geldanlagen aus­fallen, hängt von verschiedenen Faktoren ab:

  • Risiko: Je riskanter eine Kapitalanlage ist, desto höher ist der Zinssatz, denn ohne Risiko­aufschlag würden sich kaum Anleger finden, die einen Teil- oder Totalverlust in Kauf nehmen.
  • Laufzeit: Je länger die Laufzeit, desto höher der Zins, weil das Kapital dann längerfristig verplant werden kann.
  • Marktsituation: Hier herrschen die Marktprinzipien von Angebot und Nach­frage: Je mehr Kapital Renditen sucht, desto geringer fallen die Zinsen aus. Das Angebot unterliegt allerdings einem sehr starken wirtschaftspolitischen Einfluss: Sollen Konsum, Investitionen und Kredite angekurbelt werden, wird die Geldmenge ausgeweitet und der Zinssatz niedrig gehalten, wie in den vergangenen Jahren im Euro-Raum und in den USA geschehen.

Zusammenfassung

  • Positive und negative ­Zinseffekte. Für Kapitalbesitzer sind hohe Renditen wünschenswert; für Lohnempfänger nicht, weil dadurch die Löhne unter Druck geraten.
  • Zwang zum Wachstum. Neben posi­tiven Effekten für den einzelnen Anleger bringt der Zinseszins den Zwang zum kontinuierlichen Wirtschaftswachstum mit sich: Das Volkseinkommen muss beständig anwachsen, damit nicht nur die Renditeerwartungen der Anleger und Unternehmer erfüllt werden, sondern von dem Zuwachs auch noch genug übrig bleibt, um die Lohneinkünfte generell wenigstens teilweise anzupassen.
  • Verteilung des Wachstums. Die Lohnanpassungen fielen in den vergangenen drei Jahrzehnten immer geringer aus – zum einen aufgrund steigender Arbeitslosigkeit und somit schwächerer Verhandlungsposition der Arbeitnehmer, zum anderen durch steuerliche Entlastungen für die Arbeitgeberseite im zunehmenden Konkurrenzkampf im Zuge der Globalisierung.

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