ÖBB: Ärger - Null Toleranz statt Kulanz

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Fahrgastbeschwerden. Übermäßige Preiserhöhungen, empfindliche Strafen für Vergesslichkeit und Irrtum, null Toleranz statt Kulanz – Fahrgastbeschwerden an die KONSUMENT-Redaktion zeigen, wo das Bahnfahren zum Ärgernis wird.

ÖBB-Tickets würden für die neue Fahrplanperiode ab Dezember 2019 im Durchschnitt um 1,9 Prozent teurer, hatte ÖBB-Chef Andreas Matthä angekündigt – eine „sehr faire Preisanpassung im Verhältnis zur Leistung“. Für KONSUMENT-Leser Gerald P. klingt das wohl wie blanker Hohn. Er schreibt uns: „Ich muss feststellen, dass die ÖBB seit 1.1.2020 heimlich, still und leise den Preis für die Verbindung Wien–Baden (Online-Vorteilsticket) um 8,7 Prozent von 2,30 auf 2,50 Euro erhöht haben. Seit 2015 wurde der Preis dieser Verbindung von 1,90 Euro somit um fast 32 Prozent bzw. jährlich über 6 Prozent erhöht – und das bei einer Inflationsrate von knapp unter 2 Prozent.“

Viele Strecken verteuert

Seit die ÖBB vor etwa fünf Jahren vom österreichweit einheitlichen Kilometertarif zu „Relationstarifen“ wechselten, werden viele Strecken immer wieder weit über dem veröffentlichten Durchschnittswert verteuert. Und auch die Österreichcard: „Bei der Österreichcard beträgt die Tariferhöhung wieder 6 Prozent“, stellte Alfred L. im Ok­tober 2019 fest. „Kostete die Österreichcard 1. Klasse Classic 2014 noch 2.190 Euro, sind es ab 15.12.2019 unfassbare 2.998 Euro. Immer wieder wird mit der deutschen Bahncard 100 verglichen, an die man sich annähern müsse. Nur ist das Bedienungsgebiet der DB etwa achtmal so groß und hat fast jeder Zug eine 1. Klasse. Die Preis­gestalter der ÖBB scheinen jedes Gefühl für das rechte Maß, für Nachhaltigkeit und Verhältnismäßigkeit verloren zu haben.“

Teure Vergesslichkeit

Gering ist die Toleranz, wenn mal einem Fahrgast ein Irrtum unterläuft. So hatte Thomas E. seine Jahresstreckenkarte vergessen und bekam im Zug eine Nachforderung in der Höhe von 135 Euro aufgebrummt. Laut Zugbegleiter sollte er sich an die Mailadresse fahrgeldnachforderung@pv.oebb.at wenden, damit von der Nachforderung abgesehen werde. Die Mail­adresse erwies sich als „tot“. Telefonische Kontaktversuche blieben erfolglos, niemand fühlte sich zuständig. Auch auf das digitale ÖBB-Kontaktformular war nach 10 Tagen noch immer keine Rückmeldung eingelangt. Die Zahlung ist aber binnen 14 Tagen zu leisten. Dann kam doch noch eine Antwort: Die Nachforderung werde auf 10 Euro reduziert.


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Keine Umbuchung, geringe Seniorenermäßigung, Anschlusszüge warten nicht

Überpfrüfung vergessener Zeitkarten durch Zugbeleiter wünschenswert

Es bleibt die Frage: Warum schaffen es die ÖBB nicht, die Zugbegleiter mit der Möglichkeit auszustatten, selbst sofort zu überprüfen, ob jemand eine (angeblich) vergessene Zeitkarte, Vorteilscard etc. wirklich besitzt. Die Bediensteten am Bahnschalter können das bereits, wie Christoph H. feststellte. Aber: Nein, schriftlich bestätigen konnte die Dame ihm den Besitz der Vorteilscard nicht – das sei nicht vorgesehen. Sie hätte ihm nur eine Ersatz-Vorteilscard um 15 Euro ausstellten können.

Die Qual der Zugwahl

Renate K. fährt oft zwischen Wien und St. Pölten mit dem Zug. Und schöpfte bis vor Kurzem aus der Angebotsfülle, mal Westbahn, mal ÖBB zu nutzen – was eben zeitlich gerade am besten passte. Bis die Tücken der Digitalisierung sie teuer zu stehen kamen, als sie einen ÖBB-Zug nahm. „Da ich keine Zeit mehr hatte, das Ticket am Automaten zu kaufen, wollte ich es online erwerben. Obwohl noch zwei Minuten bis zur Abfahrt, war dies nicht mehr möglich, da der Zug laut Anzeige bereits abgefahren war – was nicht korrekt war. Ich versuchte es daher mit der Eingabe Wien Hütteldorf – dasselbe Ergebnis. Der Schaffner, der bereits in Hütteldorf zur Kontrolle kam, wischte meine Erklärungen unfreundlich vom Tisch und letzt­endlich musste ich 105 Euro Strafe zahlen – der Preis des Tickets wäre 8,90 Euro gewesen.“

Umbuchung nicht möglich

Auch die Sparschiene-Tickets sind eine stete Quelle für teure Irrtümer, wie Wolfgang D. im Juli 2019 feststellen musste: „Mir ist leider ein Fehler bei der Buchung von nur online buchbaren Sparschiene- Inlandtickets für unsere Gruppe passiert. Mir ist nicht aufgefallen, dass ich das falsche Datum für die Rückreise gebucht hatte. Nach zwei Tagen wollte ich diese Tickets bei der Hotline umbuchen lassen. Mir wurde aber gesagt, dass das bei der Sparschiene nicht möglich ist und ich nochmal sechs Tickets für den richtigen Tag kaufen müsse.“

Erik S. gab irrtümlich seinen eigenen Namen ein, als er für seine Tochter online ein Sparschiene-Ticket nach Frankfurt löste. Das fiel ihm erst nach Ablauf der Drei-Minuten-Frist für den Rücktritt auf. „Die gebuchten Sparschienetickets können aus tariflicher Sicht ab dem Kauf nicht mehr umgetauscht oder erstattet werden. Ich bedaure, Ihnen in diesem Fall nicht ent­gegenkommen zu können“, beschied der ÖBB-Kundenservice.

Verwirrspiel Vorteilscard Senior

„Mit der ÖBB-Vorteilscard Senior, habe ich mir gedacht, erhalte ich laut Werbung der ÖBB österreichweit immerhin 45 Prozent Ermäßigung auf Standard-Einzeltickets beim Schalter. Ja, das war einmal. Bei meiner vergangenen Fahrt vom Oberpinzgau nach Schwarzach (50 km) habe ich lediglich eine Ermäßigung von 20 Prozent erhalten“, berichtet Renate R. „Laut Auskunft der ÖBB gelangt bei Fahrten innerhalb eines Verkehrsverbundes stets der jeweilige Verbundtarif (und die Verbund-Ermäßigung) zur Anwendung. Da habe ich mich gefrotzelt gefühlt.“ Tatsächlich berechtigt die ÖBB-Vorteilscard Senior mittlerweile in vielen Verkehrsverbünden nur noch zur oft geringeren Seniorenermäßigung nach Verbundtarif – und nicht zur oft höheren ÖBB-Ermäßigung.

Unklare Zuganzeige

Für Verwirrung sorgen im Bereich Wien missverständliche Zuganzeigen betreffend Fahrten nach Norden. So wird bei Zügen zwar augenfällig das (Zwischen-)Ziel Floridsdorf angezeigt, aber die Endbahnhöfe sind nicht mehr angeführt. Jutta C.: „Heute ist es immer ein Raten und Tüfteln, welcher Zug es denn nun ist und ob er in Floridsdorf endet oder nicht. Wäre es nicht logisch, dass der nach Floridsdorf fährt, wenn wie früher Wolkersdorf, Hollabrunn, Stockerau, Gänserndorf, Absdorf-Hippersdorf, Korneuburg oder Mistelbach draufstehen würde?“ „Jetzt muss ich bis zur Anzeige gehen, um zu sehen, wohin die Reise geht – einstweilen fährt der Zug weg, und der wäre womöglich der richtige ge­wesen!“, schildert auch Margareta P. ihren Ärger.

Anschlusszüge warten nicht

Ein Dauerbrenner ist, dass Zugverspätungen durch die ÖBB minimiert werden, indem Anschlusszüge nicht warten – und so die Verspätung umsteigender Fahrgäste maximiert wird. „In Wiener Neustadt musste ich feststellen“, schreibt Gerhard K., „dass der Anschluss-REX unmittelbar vor Ankunft des Zuges abgefahren war! Mir ist eine solche Vorgangsweise absolut unverständlich, da sich dadurch auf der Strecke über Mattersburg nach Deutschkreutz aufgrund der großen Zugintervalle je nach Reiseziel eine Verlängerung der Reisezeit von bis zu 60 (!) Minuten ergibt!“

Das Hoffen auf Kulanz

„Fehlende Kulanz der ÖBB bei einem kleinen Fehler hat unsere Tochter erfahren“, berichtet Burgi F. „Sie ist langjährige Vorteilscard-Besitzerin und Vielfahrerin mit der Bahn. Sie löste am Automaten das Ticket zum Vorteilscard-Preis. Bei der Kontrolle durch den Zugbegleiter stellte dieser fest, dass die Vorteilscard am Vortag abgelaufen war, was unsere Tochter übersehen hatte. Daraufhin nahm ihr der Zugbegleiter die Vorteilscard ab und verließ ohne Erklärung den Waggon. Kurz darauf stieg unsere Tochter aus. Am nächsten Tag kaufte sie die neue Vorteilscard. Etwa zwei Monate später erhielt sie ein Mahnschreiben mit einer Forderung von 153 Euro, obwohl sie nie die Möglichkeit gehabt hatte, sofort zu bezahlen. Der Schaffner hatte nichts von einer Bezahlung erwähnt. Es stand Aussage gegen Aussage – und der Fahrgast sagt natürlich nicht die Wahrheit! Kulanz? Fehlanzeige!“

VKI-Tipps

All diesen negativen Erfahrungen zum Trotz sollten Sie sich nicht vorweg ent­mutigen lassen. Auch wenn die Kulanzregelungen der ÖBB undurchsichtig und willkürlich erscheinen, lohnt sich – sachlich begründet – ein Versuch. Und wenn es im Konfliktfall nicht gelingt, mit den ÖBB eine zufriedenstellende Regelung zu finden, können Sie sich an die Agentur für Agentur für Passagier- und Fahrgastrechte wenden.

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