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Wettbüros: kein Jugendschutz - Faule Wetten

, aktualisiert am

  • Jugendschutz wird in den meisten Wettbüros nicht eingehalten
  • Spielsucht einer der Hauptgründe für Verschuldung Jugendlicher
  • Bei Onlinewetten lässt sich der Jugendschutz problemlos umgehen

Am 11. Juni ist Anstoß zur Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. Auch wenn Österreich wieder einmal nicht dabei ist: Für einige heimische Firmen winkt dennoch das große Geschäft. Vor allem die Anbieter von Fußballwetten reiben sich die Hände. Bei den letzten großen Turnieren – wie der Euro 2008 oder der WM 2006 in Deutschland – verdoppelten die Tipper ihre Einsätze.

Seit 1988 in Wien erlaubt

Gewettet wird hierzulande ohnehin nicht wenig. In ganz Österreich kann man in Hunderten Wettlokalen dem Glücksspiel frönen. Der Boom geht auf den Beginn der 1980er-Jahre zurück. Konnte auf den Ausgang von Pferderennen bereits im 19. Jahrhundert gesetzt werden, so beharrte der Staat beim Fußball lange auf seinem Monopol. Neben dem 1949 eingeführten Sport- Toto waren keine Wetten auf Fußballspiele erlaubt.

Erst in der ersten Hälfte der 80er- Jahre wurde das Verbot gelockert, Lizenzen für Buchmacher wurden erteilt. In Wien dauerte es ein wenig länger. Die Metropole wachte besonders eifersüchtig über ihre Pfründe. Bis 1988 waren Fußballwetten innerhalb der Stadtgrenzen verboten. Die Broker mussten an die Peripherie ausweichen und eröffneten Büros in Baden, Schwechat oder Perchtoldsdorf. Die Tipps konnten direkt oder am Telefon abgegeben werden.

Inzwischen gehören die Wettcafés zum Straßenbild wie Bäckereien, Würstelstände und Trafiken. Nicht nur zur WM-Zeit genehmigen sich viele Tipper ihr Seidel und die Gulaschsuppe lieber hier als im Beisl. Lässt sich doch der Ausgang der Partien nicht nur live am Großbildschirm verfolgen, sondern man kann auch während der Partie noch schnell eine Wette platzieren.

15 Wiener Wettcafés gestestet

Auch wir haben im Vorfeld der WM unser Glück versucht. Zwei Testpersonen begaben sich in 15 Wiener Wettcafés, um dort auf den Ausgang von Fußballspielen zu setzen. Der Haken an der Geschichte: Unsere Tester waren minderjährig. Laut Jugendschutzgesetz dürften sie sich deshalb in Wettlokalen nicht einmal aufhalten, geschweige denn Einsätze platzieren.

Die Kontrolle der Einhaltung des Gesetzes obliegt den Betreibern der Etablissements. Nach eigener Aussage nimmt es die Branche damit sehr genau. „Der Wettkunde erklärt, dass er mindestens 18 Jahre alt ist. Im Zweifelsfall ist der Buchmacher berechtigt, eine Ausweisleistung zu verlangen“, heißt es etwa in den Allgemeinen Wettbestimmungen der Admiral Sportwetten GmbH.

Auch bei Cashpoint Malta Ltd. wird „großer Wert“ auf die jugendschutzrechtlichen Bestimmungen gelegt. „Es ist unsere Pflicht und Verantwortung, Kinder und Jugendliche vor unüberlegten Handlungen zu bewahren. Deshalb werden mit Personen unter 18 Jahren keine Wetten abgeschlossen“, ist auf der Homepage zu lesen.

80 Prozent illegal

80 Prozent illegal

Das Ergebnis unseres Tests zeigt ganz klar ein anderes Bild: In 12 der insgesamt 15 Wettbüros konnten die Jugendlichen problemlos ihre Wetten abschließen. In keinem dieser Lokale wurde eine Ausweiskontrolle vorgenommen.

Selbst die Frage nach der Volljährigkeit wurde nur ein einziges Mal (Sportwetten Pirker) gestellt – wie es scheint alibihalber. Als Antwort gab einer der Jugendlichen wahrheitsgemäß an, erst 17 zu sein. Als der andere (ebenfalls 17-jährige) behauptete, er sei 18, schlug der Lokalbetreiber pikanterweise vor, der Jüngere solle seine Wette doch vom Älteren platzieren lassen, was auch geschah.

Sorglos und Fahrlässig

Wie sorglos die Lokalbetreiber vorgehen, zeigt auch eine anderes Erlebnis, von dem unsere Tester berichten. In einem Wettbüro trafen sie Polizisten in Uniform an. Sie warteten vor der Tür, bis die Ordnungshüter das Lokal verlassen hatten und platzierten unmittelbar danach ihre Wetten. Diese wurden anstandslos und ohne Kontrolle entgegengenommen, obwohl die Gefahr bestand, dass die Polizisten unsere jugendlichen Testpersonen registriert hatten und zurückkehren könnten.

Drei Lokale gesetzeskonform

Nur in drei Wettbüros (Cashpoint/Südtiroler Platz 9, Admiral/Favoritenstraße 67 und Wettpunkt/Humboldtgasse 42) verhielten sich die Betreiber gesetzeskonform.

Sie fragten nach dem Alter, verlangten die Ausweise und verweigerten, nachdem unsere Tester angaben, diese nicht mit dabei zu haben, die Annahme der Wetten. Außerdem verwiesen sie die Jugendlichen korrekterweise des Lokals.

„Einstiegsdroge“ Fußballwette

 Fazit unseres Tests: In 80 Prozent der Wettbüros wird der Jugendschutz missachtet, Minderjährige können ungehindert ihre Einsätze platzieren. Eine Kontrolle findet nicht statt. Aus unserer Sicht vor allem deshalb ein unhaltbarer Zustand, da gerade Fußballwetten in Fachkreisen als „Einstiegsdroge“ in die Spielsucht gelten.

Dass der Jugendschutz allgemein missachtet wird, belegen auch die Zahlen der Spielsuchthilfe in Wien. Demnach liegt das Einstiegsalter von 40 Prozent der Spielsüchtigen bei unter 18 Jahren.

Spielsucht in Österreich

Spielsucht in Österreich

Exakte Zahlen, wie viele Menschen in Österreich spielsüchtig sind, fehlen. Die Leiterin der Spielsuchthilfe Wien, Dr. Izabela Horodecki, schätzt, dass rund 1,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung betroffen sind. Die Zahl derjenigen, die bei der Spielsuchthilfe eine Beratung bzw. Therapie in Anspruch nahmen, verdreifachte sich im Zeitraum 1989 (296) bis 2008 (903).

Wissenschaftler bringen die Tatsache, dass immer mehr Menschen spielsüchtig werden, vor allem mit der Liberalisierung des Glücksspiels in Zusammenhang. Dort, wo ein leichterer Zugang zu Casinos, Wettbüros und Spielautomaten besteht, steigt die Zahl der Spielsüchtigen merkbar.

Besonders Bundesländer wie Wien, Kärnten oder die Steiermark, in denen das kleine Glücksspiel bislang zugelassen ist, verzeichnen einer Studie der Universität Wien zufolge eine „exorbitante Zunahme“ an pathologischen Spielern.

Verschuldung, Vereinsamung, Kriminalität

Die Folgen für die Betroffenen sind häufig soziale Vereinsamung, Verlust der Familie bzw. des Arbeitsplatzes, Verschuldung und nicht selten Kriminalität. Mittlerweile müssen sich die Gerichte in zunehmendem Maß mit den Folgen der Spielsucht auseinandersetzen.

Laut Auskunft der Justizvollzugsanstalt für Jugendliche in Gerasdorf liegt bei den dort Inhaftierten in mehr als 50 Prozent aller Fälle Beschaffungskriminalität aufgrund von Spielschulden bzw. Spielsucht vor.

Die Tendenz ist steigend. Der Abstieg verläuft meist nach einem ähnlichen Muster: je mehr verspielt wird, desto höher die Einsätze und die Bereitschaft, Wetten mit hohen Gewinnmöglichkeiten abzuschließen.

Doch wie in der Welt der Finanzen gilt auch hier: Je höher der prognostizierte Gewinn, desto größer das Risiko und damit der Totalverlust. Unterm Strich gewinnt immer die Bank, sprich: das Wettbüro.

Gewinn nicht ausbezahlt

Und sollte dem jugendlichen Spieler das Glück tatsächlich winken, ist keineswegs sicher, dass er den Gewinn auch ausbezahlt bekommt. Eine derartige Erfahrung machten wir in einem Wettpunkt-Lokal. Der Tipp war richtig und unser Tester wollte seinen Wettschein einlösen. Doch plötzlich schaltete der Betreiber auf korrekt. An der Kassa wurde nach Alter und Ausweis gefragt und die Auszahlung schließlich mit dem Hinweis verweigert, dass der Spieler noch nicht volljährig sei.

Tabelle: Wettbüros

Interview: Frau Dr. Horodecki, Spielsuchthilfe in Wien

Die Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Izabela Horodecki leitet die Spielsuchthilfe in Wien. Der Verein Spielsuchthilfe ist die älteste und bis heute einzige ausschließlich mit der Problematik der Spielsucht befasste Fachstelle in Österreich und eine der ältesten Spielsucht-Facheinrichtungen im deutschsprachigen Raum. Die Spielsuchthilfe erhält keine öffentlichen Mittel und ist rein auf Unterstützungen und Spenden angewiesen.

Konsument: Wie viele spielsüchtige Menschen gibt es in Österreich?

Frau Dr. Izabela Horodecki: Verlässliche Zahlen gibt es nicht, weil in Österreich noch keine Grundlagenuntersuchungen zu diesem Thema vorliegen. Schätzungsweise sind es in etwa 1,5 Prozent der Erwachsenen, die spielsüchtig sind. Die große Beratungsnachfrage bei der Spielsuchthilfe bestätigt diese Schätzung. 85 Prozent der bei Spielsuchthilfe hilfesuchenden Spielsüchtigen sind Männer.

Konsument: Auch Minderjährige?

Horodecki: Etwa 40 % der zum Zeitpunkt der Erstberatung bereits erwachsenen Betroffenen schildern, dass sie als Jugendliche unter 18 Jahren gespielt und Probleme mit dem Spielen hatten. Unter jenen, die sich persönlich an uns wenden, sind unter 18-Jährige kaum vertreten. Die größte Gruppe stellen die 30- bis 40-Jährigen – die in etwa ein Drittel unser Klientel ausmachen. Im Durchschnitt dauert es etwa sieben Jahre, bis ein Spielsüchtiger Hilfe sucht.

Konsument: Was sind die Ursachen dafür, dass so viele als Jugendliche zu spielen beginnen?

Horodecki: Der Einstieg ins Glücksspiel geschieht meist über Wetten und Automaten. Zwar gibt es ein Jugendschutzgesetz und ein Glücksspielgesetz, doch funktioniert die Umsetzung nicht – die Einhaltung der Gesetze wird offensichtlich zu wenig kontrolliert. Zusätzlich ist auch das Spielen im Internet relativ einfach. Auch Jugendliche können sich den Zugang zu den Kontodaten der Eltern verschaffen und dann problemlos spielen.

Konsument: Welche Rolle spielen Fußballwetten?

Horodecki: Wetten werden von den meisten nicht als Glücksspiel gesehen. Besonders Fußballfans sind überzeugt, den Ausgang eines Fußballspiels besser vorhersagen zu können als Menschen, die sich für Sport weniger interessieren. Die Spieler wähnen sich gut informiert und glauben, dass sie alles unter Kontrolle haben. Man bekommt Spielergebnisse und -berichte ja schon aufs Handy geliefert.

Konsument: Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, damit der Jugendschutz tatsächlich greift?

Horodecki: Gesetzlich ist das Betreten eines Wettlokals für Jugendliche unter 18 Jahren verboten. Nachdem es aber bisher keine Ausweiskontrolleverpflichtung gibt, wird es offensichtlich häufig nicht eingehalten. Eine konsequente Alterskontrolle ist sowohl in Wettlokalen als auch in anderen Spiellokalen notwendig, um Jugendliche vor der Teilnahme an Wett- und Glücksspielen zu schützen. Es muss eine grundsätzliche Pflicht zur Prüfung der Identität und somit auch des Alters geben.

Konsument: Wie kommt es, dass Spielsucht zu einem immer größeren Thema zu werden scheint.

Horodecki: Spielsucht war in der Geschichte immer wieder ein Problem. Die Einstellung gegenüber dem Glücksspiel war ambivalent. Es ist jedoch das erste Mal in der Geschichte, dass das Glücksspiel für so breite Bevölkerungsgruppen frei zugänglich ist. Es gibt auch ständig neue Glücksspielangebote. Seit 1992 ist Spielsucht (in der Fachsprache sprechen wir übrigens von pathologischem, d.h. krankhaftem Glücksspiel) von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) als Krankheit anerkannt.

Konsument: Was sind die Auswirkungen von Spielsucht?

Horodecki: Die Problematik hat einen großen Stellenwert. Spielsucht ist häufig die Ursache individueller und familiärer Tragödien. Spielsüchtige Jugendliche vernachlässigen ihre Ausbildung, was ihren späteren beruflichen Lebensweg entscheidend beeinflussen kann. Gerade Jugendliche, die ein Problem mit dem Spielen haben, können besonders leicht auch mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Es leiden – sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen – die persönliche Entwicklung, die berufliche Situation und das Familienleben. Auch soziale Kontakte werden vernachlässigt, die Betroffenen isolieren sich zunehmend. Das Glücksspiel wird das Wichtigste im Leben. Die meisten Betroffenen sind, wenn sie zur Erstberatung kommen, auch hoch verschuldet.

Es wenden sich an unsere Einrichtung jährlich rund 1.000 Spielsüchtige und Angehörige. Um mit dem Spielen aufzuhören, spielabstinent zu bleiben und mit den Folgen des krankhaften Glücksspiels fertigzuwerden, benötigen Betroffene wie Angehörige professionelle Unterstützung. Und diese wird bei der Spielsuchthilfe angeboten.

Konsument: Wie beeinträchtigen die fehlenden Mittel Ihre Arbeit?

Horodecki: Jährlich wenden sich mehr Personen hilfesuchend an uns. Waren es 1989 noch 296 Personen, die wir betreut haben, so stieg diese Zahl auf 903 im Jahr 2008. Im Jahr 2009 konnten wir 140 Menschen unsere Hilfe nicht schnell genug anbieten, weil wir schlicht an unsere Kapazitätsgrenzen gestoßen sind. Dies ist bitter, weil schnelle Hilfe so wichtig ist.

Wie bei Süchtigen allgemein, öffnet sich auch bei Spielsüchtigen das Motivationsfenster – die Zeit, in der sie bereit sind, in ihrem Leben etwas zu ändern – nur für eine bestimmte Dauer. Wird dann keine Hilfe geleistet, ist die Motivation bei den Betroffenen wieder schwankend. Sie sind nicht mehr zu einer Therapie bereit oder sie können telefonisch nicht mehr erreicht werden.

Wir bemühen uns seit 2006 um finanzielle Unterstützung öffentlicher Stellen. Doch obwohl wir von der Stadt Wien als förderwürdig anerkannt sind, erhalten wir immer noch keine finanzielle Unterstützung zur Erweiterung der Behandlungskapazitäten.

Konsument: Derzeit wird über eine Ausweitung des kleinen Glücksspiels diskutiert. So möchte auch das Land Oberösterreich wie bisher schon Kärnten, die Steiermark, Niederösterreich und Wien das Aufstellen von Spielautomaten erlauben.


Horodecki: In Oberösterreich war das kleine Glücksspiel Anfang der 90er-Jahre bereits erlaubt, später wurde es verboten. Die Verlockung, das Glücksspiel zu erlauben, ist eben auch für die Kommunen groß. In Wien, nimmt die Stadt Wien pro Geldspielautomat 1.400 Euro an Aufstellungsgebühren im Monat ein.

Außer den finanziellen Einnahmen sind jedoch auch Folgen für die Allgemeinheit da. Es obliegt dem Gesetzgeber, die sozialen Vorteile und Nachteile abzuwiegen.

Konsument: Inwiefern?

Horodecki: Die Folgen pathologischen Glücksspiels betreffen nicht nur den Spieler. Es leiden ganze Familien, das weitere soziale Umfeld, und letztlich ist auch die Allgemeinheit durch solche Folgen wie Scheidungen, Selbstmordgefahr, Existenzzusammenbrüche, Kriminalität, Behandlungskosten betroffen.

Konsument: Welche Hilfestellung leistet die Spielsuchthilfe?

Horodecki: Die Spielsuchthilfe besteht seit 1982 – die Einrichtung hilft Spielsüchtigen also bereits seit über einem Vierteljahrhundert. Angeboten werden bei der Spielsuchthilfe Beratung (persönlich, online und telefonisch), Psychotherapie, psychiatrische Sprechstunde, Sozial- und Schuldnerberatung, Geldmanagementhilfe, therapeutisch geleitete Gruppen.

Alle Angebote sind für die Hilfesuchenden kostenlos. Bei Bedarf überweisen wir auch in stationäre Therapieangebote für Spielsüchtige und bieten anschließend auch eine Nachbetreuung an.

Konsument: Wie viele Betroffene schaffen den Weg aus der Sucht?

Horodecki: Der Therapieprozess in der Behandlung von pathologischen Spielern verläuft nicht immer gleichmäßig. Wie es bei Personen mit einem Abhängigkeitsproblem häufig der Fall ist, kommen auch Abbrüche, Unterbrechungen und mehrere Neustarts vor. Jemand, der erst ein Jahr spielt, ist mit ganz anderen Problemen konfrontiert als jemand, der bereits seit 25 Jahren spielsüchtig ist.

Wie Sie dem Forschungsbericht der Spielsuchthilfe entnehmen können, werden im 10-Jahres-Verlauf jährlich etwa 45 % unserer Klienten spielabstinent. Weitere etwa 40 % können als gebessert beurteilt werden. Insgesamt sprechen die Ergebnisse für die hohe Qualität unserer Arbeit.

 

Interview: Michaela Sint, Verein Rettet das Kind

Die Jugendtreffleiterin und diplomierte Sozialarbeiterin beim Verein Rettet das Kind (RdK) Michaela Sint beschäftigt sich seit Jahren mit Spielsucht unter Jugendlichen.

Konsument: Welche Bedeutung hat Spielsucht unter Jugendlichen?

Michaela Sint: Ohne Alkohol, Nikotin oder Drogen verharmlosen zu wollen, rein quantitativ betrachtet ist die Spielsucht sicherlich das größte Suchtproblem unter Jugendlichen. Die Zahl der Betroffenen ist wesentlich höher, die finanziellen Konsequenzen sind dramatischer und die langfristigen sozialen und wirtschaftlichen Folgen für die Gesellschaft nicht einschätzbar.

Konsument: Wie verläuft die Entwicklung in den letzten Jahren?

Sint: Die Problematik hat sich in den letzten Jahren verstärkt. Zum einen sinkt die Alterschwelle permanent – wir kennen 12-Jährige, die schon Wetten abschließen – zum anderen nimmt die Zahl der jugendlichen Spieler immer mehr zu. Von denjenigen, die unseren Treff besuchen, spielen schätzungsweise 60 Prozent, fast durchwegs Burschen.

Gefährdet sind Jugendlichen aus allen gesellschaftlichen Schichten, mit und ohne Migrationshintergrund. Glücksspiel und Wetten sind tägliches Gesprächsthema unter den Jugendlichen.

Konsument: Was macht das Wettgeschäft für Jugendliche so attraktiv?

Sint: Es ist eine Doppelbotschaft an die Jugendlichen. Glücksspiel ist zwar verboten, das Verbot wird aber nicht kontrolliert und es wird ihnen viel zu leicht gemacht. Sie erliegen der Verlockung des schnellen Geldes und träumen vom gesellschaftlichen Aufstieg für sich und ihre Familie.

Notfalls verschaffen sich 13- bis 14-Jährige mit gefälschten Schülerausweisen Zutritt. Und wenn dann doch einmal eine Kontrolle stattfindet, platziert einfach ein Freund, der älter aussieht, die Wette für die Jüngeren.

Konsument: Wie beginnt eine Spielerkarriere?

Sint: Die Jugendlichen sind fußballbegeistert, und so steht am Anfang die Fußballwette. Sie glauben, dass sie das Wettglück durch ihre Kenntnis beeinflussen können. Die Fußballwette wird weniger als Glücksspiel wahrgenommen, sondern eher als vorhersagbares Ereignis, bei dem man sich als Experte beweisen kann.

Häufig dient die Fußballwette auch als Mutprobe, sich in ein Wettlokal zu trauen. Für die Abgabe eines Wettscheines muss ich mich nur kurz darin aufhalten. Man kann testen, ob man unbehelligt bleibt.

Konsument: Und wenn man trotz seiner vermeintlichen Kenntnisse verliert?

Sint: Dann gibt man das im Freundeskreis nicht zu, weil es ein Gesichtsverlust wäre. Kommuniziert werden nur die Gewinne. Die Gewinnwette wird hergezeigt. Ich weiß aber von Betroffenen, dass sie auf ein und dasselbe Spiel drei Wetten abgeschlossen haben. Doch das verheimlichen sie sogar den besten Freunden.

Konsument: Und nach der Fußballwette folgt dann das Automatenspiel?

Sint: Das ist richtig. Irgendwann kommt der Moment, da steckt man dann die Zwei-Euro-Münze in den Automaten, anstatt sie auf ein Spiel zu verwetten, und dann beginnt die Spirale, die in die Sucht führt. Deshalb ist die Ausweitung des kleinen Glücksspiels für Jugendliche eine Katastrophe, weil dadurch nur weitere zur Sucht verführt werden.

Konsument: Neben dem Kontrollverlust steigt auch der materielle Verlust.

Sint: Genau, und damit die Gefahr, in die Kriminalität abzurutschen. Auf Verluste wird mit steigenden Einsätzen reagiert. Zuerst wird das Taschengeld verspielt, dann das Lehrlingsgeld. Man leiht sich Geld von Freunden und Bekannten zusammen, und je mehr man verliert, desto mehr muss man zurückholen.

Konsument: Der Geldbedarf steigt wie bei der Drogensucht?

Sint: Genau. Nicht zuletzt deshalb, weil viele bemüht sind, den äußern Schein, das Image des Gewinners zu wahren. Der vermeintliche Erfolg muss dann etwa durch teure Kleidung unterstrichen werden. Am Ende dieses Teufelskreises stehen nicht selten Raub und Gefängnis. Ich kenne inzwischen einige derartige Biografien. Aus meiner Sicht ist Spielsucht eine der Haupttriebfedern für Jugendkriminalität.

Konsument: In unserem Test sah sich einer der Jugendlichen mit der Situation konfrontiert, dass die Auszahlung eines Gewinns mit der Begründung verweigert wurde, dass er noch nicht volljährig sei.

Sint: Hier offenbart sich die zynische Seite der Doppelmoral. Beim Platzieren der Wette oder beim Spiel am Automaten erfolgt keine Alterskontrolle, wenn es um die Auszahlung geht jedoch sehr wohl. Für mich stellt sich hier auch die Frage, was passiert mit diesen Gewinnen und wer kassiert hier eigentlich?

Konsument: Was müsste also geschehen?

Sint: Es gibt zwar Gesetze, aber solange die Einhaltung nicht überprüft wird, sind sie zahnlos. Es bedarf zum einen vermehrter Kontrollen durch die Betreiber, zum Beispiel einer Ausweispflicht, und andererseits sind Sanktionen gegenüber den Betreibern nötig. Es fehlt am gesellschaftlichen Bewusstsein, dass Spielsucht für Jugendliche höchst gefährlich ist. Für Betroffene müsste es mehr bzw. leichter zugängliche therapeutische Angebote geben. Oder ist Spielsucht eine gesellschaftlich akzeptierte Form von Sucht?

Zusammenfassung

  • Jugendschutz: Der Jugendschutz wird in vielen Wettbüros nicht eingehalten. In 80 Prozent der getesteten Lokale konnten Jugendliche unkontrolliert Wetten platzieren. Damit machen sich nicht nur die Betreiber, sondern auch die Spieler strafbar.
  • Spielsucht: Glücksspiel und die daraus resultierende Spielsucht ist einer der wesentlichen Gründe für Verschuldung und Kriminalität unter Jugendlichen. Die Sucht nimmt häufig in Wettbüros ihren Anfang. Die Einsätze steigen und der Gewinn bleibt aus, da am Ende immer nur die Bank gewinnt.
  • Neues Glücksspielgesetz: Der Entwurf zum neuen Glücksspielgesetz sieht vor, dass sich die Spieler bei Betreten des Lokals ausweisen müssen. Die Betreiber der Wettbüros wären aber bereits bislang zur Kontrolle verpflichtet gewesen. Ob sie sich künftig an die Gesetze halten, bleibt abzuwarten. Wir werden dies zu gegebener Zeit überprüfen.
  • Online-Wetten: Völlig ohne Kontrolle verläuft das Geschäft bei den Online-Wetten. Bei den von uns überprüften Anbietern ist eine Umgehung des Jugendschutzes problemlos möglich. Wer ein gefälschtes Profil anlegt, Daten zum Onlinebanking besitzt und sein Spielkonto per Banküberweisung dotiert, ist dabei.

 

Testkriterien

  • Tester: 2 Jugendliche unter 18 Jahren (nicht volljährig, beide 17 Jahre) suchten 15 Wettbüros in Wien auf.
  • Wettbüro: Bei der Auswahl wurde Bedacht darauf genommen, dass neben großen Ketten mit vielen Filialen auch kleine, unbekannte Wettbüros vertreten waren.
  • Ablauf: Pro Wettbüro wurde versucht, zwei Testwetten zu platzieren. Die Jugendlichen wetteten mit einem Einsatz von jeweils 5 Euro auf je ein Fußballspiel.
  • Altersangabe: Auf die Frage des Wettbüros nach dem Alter erklärte einer der Jugendlichen, er sei 17 Jahre, der andere, er sei 18 Jahre alt. Wurde ein Lichtbildausweis verlangt, gaben sie an, diesen nicht bei sich zu haben.

Selbsttest: Spielsucht

Wer drei und mehr Fragen dieses Tests der Wiener Spielsuchthilfe mit Ja beantwortet, gilt als Problemspieler, bei mehr als sieben Ja-Antworten liegt vermutlich Spielsucht vor:

  • Haben Sie jemals Ihre Arbeit versäumt, um spielen zu können?
  • Wurden durch das Spielen bereits familiäre Missstände ausgelöst?
  • Haben Sie nach dem Spielen Gewissensbisse?
  • Haben Sie schon mit dem Vorsatz gespielt, mit dem Gewinn Schulden zu bezahlen
    oder andere finanzielle Probleme zu lösen?
  • Versuchen Sie einen Spielverlust sofort zurückzugewinnen?
  • Spielen Sie nach dem Gewinn weiter, um noch mehr zu gewinnen?
  • Haben Sie schon einmal so lange gespielt, bis Sie kein Geld mehr hatten?
  • Haben Sie sich schon Geld geborgt, um spielen zu können?
  • Haben Sie Kredite aufgenommen, die mit dem Spielen zusammenhängen?
  • Haben Sie schon eigene Sachen verkauft, um spielen zu können?
  • Geben Sie Geld widerwillig für andere Sachen als das Spielen aus?
  • Merken Sie, dass Ihr Interesse an der Umgebung nachlässt?
  • Haben Sie schon einmal länger gespielt, als Sie vorhatten?
    (Merken Sie, dass Sie beim Spielen zeitliche Vorgaben nicht mehr einhalten?)
  • Sind Sie unruhig und aggressiv, wenn Sie keine Gelegenheit zum Spielen finden?
  • Haben Sie schon angefangen, gedanklich oder auch real, die Möglichkeiten
    ungesetzlicher Finanzierung durchzuspielen?
  • Haben Sie schon gespielt, um sich Glücksgefühle zu verschaffen?
  • Haben Sie schon gespielt, um Sorgen, Ärger und Frustrationen zu vergessen?
  • Haben Sie weiter gespielt, obwohl Sie spürten, dass Sie sich selbst und andere schädigen?
  • Sind Sie trotz der fester Absicht, nicht zu spielen, bereits mehrmals rückfällig geworden?
  • Hatten Sie wegen des Spielens schon Selbstmordgedanken oder unternahmen
    Sie bereits Selbstmordversuche?

Anbieter

Admiral
Favoritenstraße 67
1100 Wien

Favoritenstraße 137
1100 Wien

Gudrunstraße 143
1100 Wien

Meidlinger Hauptstraße 75
1120 Wien

Hütteldorfer Straße 84
1140 Wien
www.admiralbet.com

CashPoint
Südtiroler Platz 9
1040 Wien

Hütteldorfer Straße 57
1150 Wien
www,cashpoint.com

Espresso Märzpark
Hütteldorfer Straße 6
1150 Wien
keine eigene Homepage

Sportwetten Pirker
Mariahilfer Straße 160
1150 Wien

Wetten Schwechat (Cafe Alfredo)
Märzstraße 60
1150 Wien
www.wetten-schwechat.net

Wettpunkt
Humboldtgasse 42
1100 Wien

Meidlinger Hauptstraße 73
1120 Wien

Paltaufgasse 12-14
1160 Wien

Wettpunkt L&F World Sports Cafe
Reinprechtsdorfer Straße 8
1050 Wien

Wettpunkt (Tivoli World)
Schanzstraße 2
1150 Wien
www.wettpunkt.at

 

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