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Tomatenproduktion in Europa (Ethiktest) - Rot vor Scham

  • Die appetitliche Frucht wird unter üblen Bedingungen produziert
  • Auswüchse der Massenproduktion im Norden wie im Süden
  • Freilandtomaten sind vom Aussterben bedroht

Größtes Treibhaus der Welt

Schmutzig graue Plastikplanen, so weit das Auge reicht. Das „Plastikmeer“ zwischen El Ejido und Almería im Süden Spaniens erstreckt sich über eine Fläche von rund 350 km² – das ist größer als der Neusiedler See. In diesem wohl größten Treibhaus der Welt gedeihen Tomaten, Gurken und Paprika, die – vor allem in den Wintermonaten – halb Europa ernähren.

  Riesige Plastikplanen prägen die Landschaft Almerías.

Unzumutbare Arbeitsbedingungen

In dem Plastikmeer leben aber auch die Arbeitskräfte, zehntausende Menschen, gut getarnt in ihren „Chabolas“, Verschläge aus Karton- und Plastikresten. „... meist nicht größer als zwei mal zwei Meter und mit einer notdürftigen Pritsche ausgestattet – ohne Strom, ohne Trinkwasser und sanitäre Anlagen, immer in der Angst, von der Polizei aufgegriffen und ausgewiesen zu werden.“ (Europäisches BürgerInnenforum, März 2005)

Geliebter Paradeiser

Paradeiser sind des Österreichers liebstes Gemüse, mit 15 Prozent der Ausgaben für Frischgemüse führen sie die Rangliste vor Paprika und grünem Salat an. Doch gerade die hohe Beliebtheit zwingt zu Massenproduktion mit verheerenden Auswirkungen für Mensch und Natur. Jetzt in der Saison wachsen die Tomaten ja auch vor unserer Haustür. Andererseits verzehren Herr und Frau Österreicher übers Jahr gerechnet lediglich zu 17 Prozent Tomaten aus heimischer Produktion. Der Rest wird importiert – überwiegend aus Spanien (33 % der Frischtomaten-Importe 2004/2005), Italien (31 %) und den Niederlanden (12 %).

Acht europäische Organisationen untersuchten

Wie sind dort die Produktionsbedingungen wirklich und was unternehmen die Supermarktketten als die eigentlichen Hauptakteure in diesem Spiel, um wenigstens die schlimmsten Auswüchse der Massenproduktion zu unterbinden? Diesen Fragen ging eine Untersuchung auf den Grund, die von acht europäischen Verbraucherorganisationen, darunter dem VKI, in Auftrag gegeben wurde.

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In der Testtabelle finden Sie Urteile zu:

  • Billa
  • Spar
  • Hofer

und zum Vergleich

  • Eroski (Spanien)
  • Carrefour (Spanien)

Tomatenproduktion in Europa: So haben wir erhoben

Der Ethik-Test wurde von der ICRT, der Testorganisation europäischer Verbraucherorganisationen, durchgeführt. Die Tomatenproduktion wurde von zwei Seiten durchleuchtet: über die Produktionsbetriebe und über die Lebensmittel-Supermärkte.

Produktionsbetriebe

Auf der einen Seite wurden die Produktionsverhältnisse in den Haupterzeugerländern Europas untersucht, vor allem in Spanien, Italien und den Niederlanden. Dazu wurden in jedem Land zwei Produktionsbetriebe bzw. Großhändler besucht, wobei einer davon als Vorreiter in Ethikfragen bezeichnet werden kann. Anhand einer Checkliste wurden die wichtigen ökologischen und sozialen Parameter abgefragt. Zur Überprüfung der Unternehmensangaben wurden Vertreter örtlicher Gewerkschaften interviewt.

Supermärkte

Zum Zweiten wurde das andere Ende der Wertschöpfungskette untersucht: die Supermärkte, in denen ein Großteil der Tomaten zum Verkauf gelangt. Ausgewählt wurden die jeweiligen Marktführer in acht europäischen Ländern (Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Italien, Portugal und Spanien). Die Unternehmen wurden aufgefordert, einen Fragebogen zu beantworten. Auf Grundlage der Beantwortung wurden Unternehmensbewertungen erstellt und zur Verifikation an die betroffenen Unternehmen geschickt. Diese konnten zusätzliche Informationen bereitstellen und ihre Bewertung korrigieren. Zur Abrundung und Überprüfung der Unternehmensangaben wurde eine Sekundär-Erhebung über die Transparenz der Unternehmen und über ihr Image in der Öffentlichkeit durchgeführt.

Die Kriterien für die Supermarkt-Überprüfung

Untersuchungsgegenstand war das ökologische und soziale Verhalten der Unternehmen im Hinblick auf den Einkauf (aber auch den Verkauf) von Tomaten.

Die Kriterien wurden in 6 Gruppen gegliedert, im Folgenden eine beispielhafte Auswahl:

Umwelt: Standards und Maßnahmen

Pestizid-Reduktion, Wasserbenützung, Treibhausgas-Reduktion, Abfallvermeidung, Düngemittelverwendung, ... Verpflichtung zu Managementsystemen und Umweltstandards (ISO 9000, HACCP, EMAS, EurepGap, IFOAM). Anteil der Produzenten, die zu diesen Standards verpflichtet werden, regelmäßiges Audit durch unabhängige Stellen, Sanktionsmechanismen. Verantwortlichkeit auf Unternehmensebene und auf Ebene der Produktionsbetriebe.

Soziales: Standards und Maßnahmen

Gesundheit und Sicherheit, maximale Tagesarbeitszeit, Mindestlöhne, Gleichbehandlung, Berücksichtigung der speziellen Bedürfnisse weiblicher Arbeiter, Mitbestimmungsmöglichkeiten, Gewerkschaftsfreiheit, ... Verpflichtung zu Konventionen und Standards (ILO, SA 8000, ETI). Anteil der Produzenten, die zu diesen Standards verpflichtet werden, regelmäßiges Audit durch unabhängige Stellen, Sanktionsmechanismen. Verantwortlichkeit auf Unternehmensebene und auf Ebene der Produktionsbetriebe.

Faire Beziehungen zu Lieferanten

Sicherung langfristiger Beziehungen zu den Produzenten, garantierte Preise, vorausschauende Einkaufspolitik, Personalausbildung.

Förderung nachhaltiger Politik

Angebot an biologischen Tomaten, an Tomaten aus regionaler Produktion, an Tomaten mit anderen ökologischen oder sozialen Standards, Präsentation dieses Angebots, Kundenberatung, Personalausbildung.

Allgemeine Umwelt- und Sozialpolitik

Politik und Zielsetzungen in einzelnen sozialen oder ökologischen Bereichen, Managementsysteme, Verhaltenscodices, Verantwortlichkeiten.

Informationsoffenheit

Freiwillige Berichterstattung und Information (Themenstellung, Abdeckung der Unternehmensbereiche, inhaltliche Qualität), Beurteilung des Unternehmens durch Dritte (Öffentliche Stellen, Medien, NGOs); Mitarbeit bei der Erhebung.

Bewertung relativ, nicht absolut

Die Bewertung erfolgt in 5 Stufen, in Zahlen von 0,5 bis 5; zu Grunde gelegt wird der Branchenstandard – es handelt sich also um eine relative Bewertung, eine Bestnote bedeutet nicht notwendigerweise, dass die Performance des Unternehmens allen Ansprüchen genügt.

  • 0,5 bis 1,4: Ethische Performance liegt deutlich unter den Erwartungen (bzw. Branchenstandard)
  • 1,5 bis 2,4: Performance liegt unter den Erwartungen
  • 2,5 bis 3,4: Performance entspricht den Erwartungen
  • 3,5 bis 4,4: Performance liegt über den Erwartungen
  • 4,5 bis 5: Performance liegt deutlich über den Erwartungen

Das Endergebnis für die „Unternehmensethik“ wird in Prozent vom maximal möglichen Ergebnis angegeben. Es kann somit zwischen 0 und 100 liegen.

Ethiktest Tomatenproduktion: Mehr zum Thema

Das Europäische BürgerInnenforum hat im Jahr 2004 ein Taschenbuch über „die moderne Sklaverei in der industriellen Landwirtschaft Europas“ herausgebracht:

 

„Bittere Ernte“ 128 Seiten, 14 Euro inkl. Versand.

Bestellmöglichkeit:

Nord gegen Süd

Die europäische Tomatenproduktion kann in zwei Produktionssysteme unterteilt werden: die Glashaus-Industrie im Nordwesten (Niederlande und Belgien) konzentriert sich auf Frischware, im Süden werden Tomaten auf freiem Feld angebaut, wenn sie zur Weiterverarbeitung bestimmt sind, Frischware wird unter Plastikfolien produziert.

In den niederländischen Glashäusern wird nichts mehr der Natur überlassen.

Norden - Tomaten aus dem Glashaus

Das nördliche System bedient sich stabiler Glashausstrukturen, die zumeist auch beheizt und beleuchtet werden. Künstliche Substrate (Nährböden) haben die Erde längst ersetzt. Die Nährstoffversorgung erfolgt ebenso computergesteuert wie die Düngemittelzugabe, Wasser wird recycelt. Großteils wird auch ein integriertes Pestizidmanagement-System angewandt. Das System ist sehr kapitalintensiv, Innovationen werden rasch übernommen.

Süden : Erde oder Sandkulturen

Das System des Südens ist weniger kapitalintensiv. Die Tomaten werden in der Erde oder auf Sandkulturen gezogen und künstlich bewässert. Die Felder für frische Tomaten werden großflächig mit Plastikfolien abgedeckt. Produziert wird das ganze Jahr über gleichmäßig, für Frischware gibt es keine Hauptsaison.

Folgen für die Umwelt

Energie wird nicht nur für Transport und Verpackung benötigt, im Norden ist der Energiebedarf für die Beleuchtung und Beheizung der Glashäuser sehr hoch. Ein Kilo Tomaten benötigt solcherart 9300 g CO2-Äquivalente an Energie, das ist sogar mehr als Tomaten benötigen, die von den Kanarischen Inseln per Flugzeug nach Mitteleuropa geliefert werden. Freiland-Tomaten aus der Region begnügen sich mit 80 bis 90 g CO2-Äquivalenten. Die Transportwege spielen also eine untergeordnete Rolle. Tomaten aus Spanien verbrauchen weniger Energie als Glashaus-Paradeiser aus Wien oder dem Burgenland. Es kommt auf die Anbauweise an.

Mehr Wasserverbrauch im Süden

In den heißen Ländern wiederum wird deutlich mehr Wasser benötigt. Zur Bewässerung wird Grundwasser in großen Mengen verbraucht. In Holland reicht der natürliche Niederschlag aus. Regenwasser wird für moderne Berieselungsanlagen herangezogen. Substrate können effizienter bewässert werden als Erdböden.

Immer mehr Anbauflächen

In den Niederlanden hat die konsequente Nutzung technologischer Fortschritte zu einem ständig steigenden Hektarertrag geführt. Er liegt derzeit bei rund 500.000 kg, im Süden dagegen erreicht er kaum mehr als 60.000 kg. Entsprechend groß ist dort der Flächenbedarf. Vor allem in Almería wird versucht, die Anbauflächen mit allen Mitteln zu vergrößern, beispielsweise durch die Aufschüttung künstlicher Hügel.

Rückstände von Pestiziden

Die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln bedroht die Gesundheit der Arbeitskräfte wie der Konsumenten. In wärmeren Regionen müssen generell mehr Pestizide eingesetzt werden. Ansätze zur Reduktion gibt es in den Niederlanden: Verwendung von biologischen „natürlichen Feinden“ von Insekten, seit Jänner 2005 ist ein integriertes Pestizidmanagement-System verpflichtend vorgeschrieben. Dennoch ist die Problematik auch im Norden großteils noch immer ungelöst. Untersuchungen zufolge zeigen die Pestizid-Rückstände in Tomaten überall steigende Tendenz. Ähnliches gilt für die Abfallbehandlung: Trotz der soliden Glashäuser anstelle der ständig zu erneuernden Plastikfolien fallen auch im Norden große Mengen Abfall an.

Negative Sozialbilanz

Gibt es im Umweltbereich eine Menge ungelöster Probleme, so muss die Sozialbilanz als durchgehend negativ bewertet werden. Unabhängig von der eingesetzten Technologie bleibt das Pflücken der Tomaten Handarbeit. Dem starken Preisdruck, der von den Auftraggebern (den Großhändlern und den Supermärkten) ausgeübt wird, versuchen die Produzenten durch Senkung der Arbeitskosten zu begegnen. Billige Arbeitskräfte aus dem Ausland verdrängen die heimischen Arbeitnehmer.

Illegale Beschäftigung

Der unregelmäßige Arbeitsanfall treibt die Produzenten dazu, ein Heer von Arbeitern bereitzuhalten, die jederzeit eingesetzt werden können. Illegale Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu, Arbeit Suchende werden gegeneinander ausgespielt (so etwa in Spanien illegale Immigranten aus Nordafrika gegen Saisonarbeiter aus Osteuropa). Den Behörden fehlen die Mittel, Kontrollen in ausreichendem Maß durchzuführen oder sie schauen überhaupt weg, um die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Landwirtschaft nicht zu gefährden.

Es geht auch anders

Trotz der generell schlechten Gesamtsituation, wie sie in der Grafik ("Wie werden Tomaten in Europa produziert?") sichtbar wird, gibt es überall Betriebe, die sich ernsthaft um eine Verbesserung bemühen. Das haben Vor-Ort-Untersuchungen in Spanien, Italien und den Niederlanden ergeben. Positiv zu erwähnen ist vor allem ein Großbetrieb aus der Region Murcia. Er beschäftigt nur spanische Staatsbürger. 80 Prozent der Arbeitskräfte haben fixe Verträge, jeder, der zwei bis drei Saisonen beschäftigt war, bekommt eine Anstellung. Der Bruttostundenlohn beträgt 5,42 Euro.

Schwer kontrollierbar

Andere besichtigte Betriebe zeigen eher im Umweltbereich großes Engagement. Die Einhaltung sozialer Kriterien bleibt oft im Unklaren: So kann ein weiterer spanischer Großbetrieb auf ein ausgefeiltes Umweltmanagementsystem verweisen. Aber 96 Prozent seiner Arbeiter sind Saisoniers, die von Leiharbeiterfirmen bereitgestellt werden. Die Firma weiß deshalb auch nicht, zu welchen Bedingungen die Leute für sie arbeiten. Ein sizilianischer Großhändler wiederum beteuerte, er könne die Beschäftigung in seinen 250 kleinen Zulieferbetrieben nicht kontrollieren. Auch die Behörden sind mit der Kontrolle überfordert. So gibt es in Almería ganze sechs Inspektoren für die rund 32.000 Betriebe.

Big is beautiful?

Während in dieser Region die Kleinbetriebe dominieren, sind es in Murcia die Großbetriebe. Fast scheint es, dass dort die ökologischen und sozialen Standards eher eingehalten werden als in Kleinbetrieben. „Die Leute arbeiten lieber in größeren Unternehmen, weil da höhere Löhne gezahlt werden und auch die Sicherheitsbedingungen besser sind“, meinte auch ein Vertreter der spanischen Gewerkschaft UGT.

Lohnniveau 

Auf der anderen Seite ist überall vor allem in größeren Betrieben ein Trend zur Leiharbeit erkennbar. Arbeitsvermittler stellen illegale Immigranten zur Verfügung, die Druck auf das Lohnniveau ausüben und damit geregelte Arbeitsverhältnisse verdrängen. Für Großbetriebe ist die Gefahr, erwischt zu werden, relativ gering. Die Einsparungen an Arbeitskosten überwiegen mögliche Strafen wegen illegaler Beschäftigung bei Weitem.

Fairtrade für Obst- und Gemüseproduktion?

Außerdem sprechen auch die Erfahrungen mit dem Fairtrade-Gedanken eher gegen Großbetriebe. Fairtrade-zertifizierte Betriebe sind meist kleinere Genossenschaften, die ihren Mitgliedern nicht nur ein garantiertes Einkommen verschaffen, sondern auch regionale Entwicklungsprogramme finanzieren. Ein Fairtrade-Gütesiegel, das bisher nur für Produkte aus der Dritten Welt vorgesehen ist, könnte auch für die Gemüse- und Obstproduktion in Europa ein brauchbarer Lösungsansatz sein.

Macht der Supermärkte

Den größten Einfluss auf eine verantwortungsbewusste Tomatenproduktion üben jedoch die Supermarktketten Europas aus. Sie dominieren den Markt, in Holland werden 80 bis 85 Prozent der Frischtomaten in Supermärkten verkauft. Ihre Beschaffungspolitik ist entscheidend dafür, wie Tomaten in Europa produziert werden. Sie können ihre Lieferanten durch Preisdruck in die Knie zwingen oder aber durch das Auferlegen von Standards dazu veranlassen, ökologische und soziale Kriterien einzuhalten.

Ethik-Test Verweigerer

38 nationale Supermarktketten in acht europäischen Ländern wurden einem Ethik-Test unterzogen, darunter die drei größten in Österreich. Nur 18 haben geantwortet, das sind 47 Prozent. Unter den Verweigerern finden sich so klingende Namen wie Aldi, Lidl, Intermarché oder Carrefour, aber auch der österreichische Diskonter Hofer. Letzterer rechtfertigte seine Absage damit, dass der Einkauf von Gemüse regional erfolge und die Zentrale daher über keine Informationen verfüge. Im Hofer-Zentraleinkauf wurde uns aber auch mitgeteilt, dass man grundsätzlich nichts bekannt gebe, wenn man nicht dazu gezwungen sei.

Generell ist zu beachten, dass die Bewertung auf Angaben des Unternehmens beruht, die nicht alle überprüft werden können. In der Tendenz sind die Ergebnisse jedoch in jedem Fall plausibel.

REWE engagiert, SPAR enttäuscht

Die Ergebnisse derer, die sich an der Erhebung beteiligten, sind alles andere als berauschend. Im Durchschnitt erfüllen sie lediglich 41 Prozent der in sie gesetzten Erwartungen. Vergleichsweise gut konnte sich REWE Austria (Billa, Merkur, Penny) halten. Das Ergebnis in Prozent: 66. Deutlich schwächer dagegen die SPAR-Gruppe mit 22 Prozent. Von ihr kam nur ein knappes Statement über ihre Einkaufspolitik statt eines ausgefüllten Fragebogens.

Spanier im Vormarsch

Die beste Performance brachten zwei spanische Supermarktketten: Eroski und Carrefour Spanien. Erstere entstammt einer sozial engagierten Kooperative (Mondragon). Im zweiten Fall handelt es sich hingegen um ein ganz normales kommerzielles Unternehmen: die spanische Tochter des französischen Konzerns Carrefour. Mit über 80 Prozent setzen sie sich deutlich vom Rest des Feldes ab.

REWE - Vor- und Nachteile

REWE Austria erweist sich vor allem in Bezug auf die Umweltauflagen, die der Konzern seinen Tomatenlieferanten erteilt, als besonders engagiert. So bietet er (als einziger neben Eroski) Qualifikationsprogramme für die Lieferanten an, belegt sie aber auch mit Sanktionen, wenn sie die Anforderungen nicht erfüllen. Am schwächsten schneidet REWE bei der Förderung nachhaltiger Produktion ab. Dazu gehören Auswahl und Kennzeichnung der Produkte, Kundenberatung sowie Schulung des Personals.

Fairness klein geschrieben

Die sozialen Kriterien werden von fast allen Supermärkten schlechter erfüllt. Häufig gibt man sich mit Auflagen an Gesundheit und Sicherheit zufrieden, während Lohnfragen und Lebensbedingungen stark vernachlässigt werden. Noch tiefer das Niveau, wenn es um Fairness in den Handelsbeziehungen geht: dazu zählen langfristige Verträge mit den Lieferanten, das Zahlen angemessener Preise, faire Zahlungsbedingungen etc. Der Fairtrade-Gedanke hat sich bei den Supermärkten offensichtlich noch nicht durchgesetzt …

Glückliches Österreich?

Treibhäuser dominieren. „Bei uns gibt es doch nur Familienbetriebe und keine industriellen Strukturen, und schon gar keine Ausbeutung von Ausländern“ – diese Idylle ist längst Geschichte. Laut Statistik Austria werden 98,8 Prozent der Tomaten in Glashäusern oder im Folienanbau produziert. Der Trend ist eindeutig: Nährlösung statt Mutter Erde, „Wasserbomben“ statt Paradeiser. Freilandtomaten spielen gesamtwirtschaftlich gesehen keine Rolle mehr (1,2 Prozent).

Jedem sein Schwarzarbeiter. Geerntet wird bis Ende November, trotz Kontingentierung wird die tatsächliche Zahl von Saisonarbeitern und Erntehelfern auf 50.000 pro Jahr geschätzt. Sie kommen vorwiegend aus den Anrainerstaaten Slowakei und Ungarn. Doch auch bei uns gilt: Der Noch-Billigere ist der Feind des Billigen, immer mehr Arbeitskräfte kommen mittlerweile aus Rumänien oder der Ukraine. Der Stundenlohn beträgt laut Kollektivvertrag 5,94 Euro brutto – nur ein paar Cent mehr als in Spanien. Vorausgesetzt, der Kollektivvertrag wird eingehalten. Auch in Österreich wird illegale Beschäftigung als Kavaliersdelikt betrachtet: „Im Vorjahr haben wir 72 Betriebe kontrolliert. Jeder vierte Ausländer war ein Illegaler, fast in jedem Betrieb fanden wir Illegale.“ (Stefan Biczo von der Kontrollbehörde für illegale Arbeitnehmerbeschäftigung, KIAB-Burgenland)

Was zählt. Heißt das nun, dass Paradeiser aus Österreich um nichts besser sind als importierte Tomaten? Nein. Produkte aus der Region zu erstehen, bleibt eine sinnvolle Empfehlung. Aber man sollte die Tomaten bevorzugt in der Saison kaufen (Juni bis Oktober). Wenn es sich dann auch noch um Biotomaten handelt, ist der Slogan „kauft österreichische Qualität“ wirklich gerechtfertigt.

Erfahrungen einer Beraterin im Burgenland

„3 Euro 50 – das ist alles“

Mag. Eszter Toth ist Projektleiterin des IGR (Interregionaler Gewerkschaftsrat Burgenland – Westungarn), einer grenzüberschreitenden und zweisprachigen Gewerkschaftskooperation; Aufgabe: Beratung und Rechtsbeistand für ausländische Arbeitskräfte. Konsument sprach mit ihr über die Situation ausländischer Landarbeiter im Burgenland.

Was macht das IGR?

Wir informieren und beraten ungarische Arbeitnehmer im Burgenland. Die überwiegende Zahl ausländischer Arbeitskräfte im Burgenland kommt aus Ungarn – 8000 oder zehn Prozent der Gesamtbeschäftigten, und davon sind wiederum die meisten Tagespendler.

Welche Personen kommen zu Ihnen?

Zu 50 Prozent sind es Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind. Das rührt daher, weil gerade diese kaum Deutsch sprechen. In der Gastronomie ist die Situation wesentlich besser, weil in der Branche Deutschkenntnisse die Voraussetzung für eine Beschäftigung sind.

Welche Probleme haben ungarischen Landarbeiter?

Es ist immer das Gleiche: Die Leute verdienen 3,50 Euro pro Stunde brutto für netto. Das ist alles, was sie bekommen – es gibt keine Überstunden, kein Urlaubs- oder Weihnachtsgeld. Laut Kollektivvertrag müssten sie etwa 5,94 Euro bekommen, zuzüglich der üblichen gesetzlichen Zulagen. Viele haben keinen Vertrag, oft werden sie nur für 20 Stunden pro Woche angemeldet, obwohl sie in der Saison bis zu 60 Stunden arbeiten müssen. Abgerechnet wird auf irgendwelchen „Kaszetteln“.

Wie kommen sie hierher?

Die Anreise erfolgt einzeln oder in Fahrgemeinschaften, aber es gibt kaum organisierte Transporte durch den Arbeitgeber. Ganze Dörfer in Ungarn arbeiten kollektiv im Burgenland. Sie werden von ungarischen Vermittlern angeheuert, die ihnen nur die Adresse mit auf den Weg geben. Meistens kennen sie ihren Arbeitgeber gar nicht.

Können Sie etwas bewirken?

Wenn wir intervenieren, hilft das nicht nur dem, der zu uns gekommen ist, sondern allen Arbeitskräften im betreffenden Betrieb. Oft genügt schon eine Aufforderung, die Leute anzumelden. Wenn die Gebietskrankenkasse erfährt, dass Personen ohne Anmeldung tätig sind, kann das für den Betrieb sehr schmerzhaft werden. Erschwert wird unsere Arbeit dadurch, dass mittlerweile auch landwirtschaftliche Betriebe (ähnlich wie in der Güterbeförderungsbranche üblich) „doppelte Buchhaltung“ betreiben: Offiziell rechnen sie ordnungsgemäß ab, aber die ausgezahlten Beträge sind ganz andere.

Sind es eher Groß- oder Kleinbetriebe, die sich etwas zu Schulden kommen lassen?

Im Bezirk Neusiedl überwiegen die Großbetriebe, aber es können auch kleine Bauern oder Weinbauern sein.

Gibt es keine seriösen Betriebe?

Natürlich wird es auch Betriebe mit korrekten Beschäftigungsverhältnissen geben. Aber es kommen so viele Leute zu uns, das kann nur bedeuten, dass das ein großes Problem in der Branche ist.

Link: www.igr.at

Tomatenproduktion in Europa: Kompetent mit Konsument

  • Herkunft spielt keine Rolle. Ganz gleich, ob die Tomaten aus Spanien, Holland oder Österreich kommen: Die Probleme der Massenproduktion sind überall groß – hoher Energie- bzw. Wasserverbrauch, Pestizideinsatz, Ausbeutung rechtloser Saisonarbeiter.
  • Supermärkte haben die Macht. Je stärker der Preisdruck, den die Supermärkte ausüben, desto schlimmer die Verhältnisse in der Tomatenproduktion. Unser Test ergibt: REWE Austria zeigt Engagement, während SPAR deutlich zu wünschen übrig lässt. Hofer lehnt jede Verantwortung ab.
  • Kaufen in der Saison. Tomaten aus Österreich sind nur dann ökologisch und sozial der Konkurrenz überlegen, wenn sie in der Saison gekauft werden. Bevorzugen Sie „Freiland“-Tomaten vom Direktvermarkter und solche aus biologischer Produktion.
  • Fairtrade. Ein soziales Gütesiegel wie das Fairtrade-Logo könnte auch für die Obst- und Gemüseproduktion in Europa ein Weg zum Besseren sein. Denn unfaire Arbeitsbedingungen gibt es nicht nur in Afrika oder Mittelamerika, sondern auch in Simmering und St. Ändrä.

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