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Supermärkte im Ethiktest - Nicht wirklich super

Bio, fair, heimatverbunden, gesund – wie nachhaltig ist das Sortiment unserer Supermärkte? Diese Frage stand im Vordergrund eines Ethik-Tests des österreichischen Lebensmittelhandels.

Supermärkte setzen immer mehr auf Nachhaltigkeit, sie bieten ein wachsendes Sortiment an biologischen, fair gehandelten, regionalen und gesunden Lebensmitteln an. Bei Eiern oder Fleisch wird der Bauernhof genannt, wo die Produkte herstammen, und man arbeitet mit kritischen Organisationen wie Greenpeace oder dem WWF zusammen, um die Nachhaltigkeit seiner Produkte garantieren zu können.

Supermärkte haben eine enorme Marktmacht

Supermärkte haben eine enorme Marktmacht, sie setzen ihren Lieferanten das Messer an – wenn einer schlechte Qualität liefert oder die Lieferfristen nicht einhalten kann, wird er sofort ausgelistet. Die Angestellten werden ausgebeutet, miserabel entlohnt, müssen auch sonntags arbeiten, Vor- und Nacharbeitszeiten werden nicht bezahlt.

Peinliche Lobhudeleien und vernichtende Kritik

Über Supermärkte werden jede Menge Informationen verbreitet, peinliche Lobhudeleien und vernichtende Kritik lösen einander ab. Nüchtern betrachtet kann man über jeden der großen Konzerne Gutes oder Schlechtes sagen, wie aber stehen sie insgesamt da – werden sie, wenn man alles zusammennimmt, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht? Bedenkt man, welche Macht die großen Player im Lebensmitteleinzelhandel haben, kann ihre Verantwortung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sie beherrschen Produktionsbetriebe, können sie durch ständig wachsenden Preisdruck in den Ruin treiben; sie prägen das Konsumverhalten, können Konsumrausch und Wegwerfmentalität auslösen oder zumindest entscheidend beeinflussen.

Mittler zwischen Produktion und Konsum

Als Mittler zwischen Produktion und Konsum spielen sie eine Schlüsselrolle. An ihnen bzw. an der Gestaltung ihres Produktsortiments liegt es, wie nachhaltig sich die Lebensmittelwirtschaft (und nicht nur die) entwickelt; sie entscheiden letztlich, was und wie produziert bzw. konsumiert wird. Und die Macht konzentriert sich zunehmend auf einige wenige. Im Jahr 2010 kamen die drei größten Handelskonzerne (Rewe, Spar und Hofer) laut übereinstimmenden Marktanalysen auf einen gemeinsamen Marktanteil von über 83 Prozent. Das ist europaweit ein Spitzenwert. - Lesen Sie dazu auch den Kommentar "Tierschutz - Kein Schwein merkt es" von KONSUMENT-Redakteur Peter Blazek.

Im Test waren diese Supermarktketten: MPreis, Hofer, Lidl, Spar, Rewe
(Adeg, Billa, Merkur, Penny)

Rewe (Adeg, Billa, Merkur, Penny) (Bild: VKI) 

  MPreis (Bild: VKI)


 

Vier haben nichts zu sagen

Vier haben nichts zu sagen

Der vorliegende Ethik-Test (durchgeführt von einer Forschungsgruppe am Institut für Internationales Management der Universität Graz) nimmt die Branche unter die Lupe. Das Hauptgewicht liegt – wegen der erwähnten Schlüsselrolle – auf der Sortimentspolitik, während die allgemeine Unternehmenspolitik und die innerbetriebliche Performance in ökologischer und sozialer Hinsicht (betrieblicher Umweltschutz und Personalpolitik) geringer gewichtet werden.

Fünf haben die Herausforderung angenommen

Die neun größten Handelskonzerne wurden eingeladen, ihre Nachhaltigkeit unter Beweis zu stellen. Fünf haben die Herausforderung angenommen:

  • Rewe (inklusive Adeg)
  • Spar
  • Hofer
  • Lidl
  • und der Tiroler Regionalanbieter MPreis.

Die Nah&Frisch-Organisation betrachtet sich nur als Dienstleister für ihre Mitglieder (die selbstständigen Unternehmen wie Kastner, Kienast, Wedl, Pfeiffer) und fühlt sich daher nicht zuständig. Doch auch von den Selbstständigen kam keine Antwort, ebenso wenig von Unimarkt, der gemeinsam mit Nah&Frisch zur Markant-Gruppe gehört. Keine Reaktion kam außerdem vom Vorarlberger Unternehmen Sutterlüty. Nach einer Denkpause schließlich abgesagt hat Zielpunkt.

MPreis liegt voran

In der Endabrechnung liegt das relativ kleine Tiroler Handelsunternehmen MPreis voran. Es verdankt diese Stellung vor allem seinem starken Bezug zur Region. Das Duell Spar – Rewe entscheidet das österreichische Handelshaus für sich. Rewe ist zwar die einzige Gruppe, die die Nachhaltigkeit institutionell verankert hat (sichtbares Zeichen: der Nachhaltigkeitsreport), aber Spar hat insgesamt mehr konkrete Akzente in seiner Sortimentspolitik gesetzt.

Diskonter: Hofer vorne, Lidl hinten

Den Zweikampf der Diskonter kann Hofer klar für sich entscheiden, nicht zuletzt dank seiner Bio-Schiene "Zurück zum Ursprung". Insgesamt liegen die Ergebnisse nicht allzu weit auseinander, nur Schlusslicht Lidl weist einen deutlichen Rückstand auf.

Rating verfeinert

Rating verfeinert

Das übliche Rating von A bis E wurde durch Plus-/Minus-Angaben verfeinert, um die oft nur geringen Unterschiede besser sichtbar zu machen. Bewertungsmaßstab ist wie immer in Ethik-Tests kein absoluter Wert (z.B. hundertprozentige Umstellung des Angebotes auf Bioprodukte), sondern ein Vergleich – nicht nur mit den Mitbewerbern in Österreich, sondern auch mit internationalen Vorreitern.

Vergleich mit Schweizern und Engländern

Konkret handelt es sich dabei um die Schweizer Handelsunternehmen COOP und Migros und die britischen Ketten Marks & Spencer, The Co-operative und Sainsbury‘s. Sie gelten als die nachhaltigsten Unternehmen im Lebensmittel-Einzelhandel. Außerdem wurde der Bewertung eine realistische Zielvorstellung zugrunde gelegt: Maßstab ist demnach ein Zustand, der aus heutiger Sicht innerhalb der nächsten fünf Jahre erreicht werden kann.

Österreichischer Lebensmittelhandel hat Nachholbedarf

Im Schnitt der fünf bewerteten Unternehmen steht ein gutes "Durchschnittlich" in der Endabrechnung. Das zeigt, dass der österreichische Lebensmittelhandel im internationalen Vergleich noch einen recht großen Nachholbedarf hat. Die besten Resultate wurden beim Angebot für nachhaltigen Fisch und bei den Maßnahmen gegen die Verschwendung von Lebensmitteln erzielt.

Die Vermeidung von unnötigen Leiden bei der Nutztierhaltung fristet dagegen ein Schattendasein. Zugespitzt formuliert konzentriert sich die Verantwortung im Wesentlichen auf ein Produkt – das Hühnerei; Käfigeier wurden ja aus den Supermärkten verbannt.

Die folgende Grafik zeigt Stärken und Schwächen der getesteten Supermarktketten im Vergleich:

Supermärkte im KONSUMENT-Ethiktest: Nachhaltigkeitsprofile im Vergleich (Grafik: Institut für Internationales Management an der Uni Graz) 

In der Spinnengrafik werden Stärken und Schwächen der einzelnen Supermarktketten auf einen Blick sichtbar - je größer das Netz, desto besser. Auffallend ist der starke Ausschlag von MPreis im Punkt "Regionale Produkte". Das kleinste Netz weist Lidl auf. (Grafik: Institut für Internationales Management an der Universität Graz)

 

Nachhaltig nur in Nischen

Nachhaltig nur in Nischen

Der alles übergreifende Schwachpunkt der Branche ist jedoch, dass "Nachhaltigkeit“ stark auf Randbereiche konzentriert ist. Ökologische und soziale Zielsetzungen sollten aber nicht in Nischen ausgelagert werden, sondern vielmehr auch das Kernsortiment erfassen. Man reagiert auf gesellschaftliche "Reizthemen" wie eben die Käfigeier oder leergefischte Ozeane, es bleibt jedoch bei Ansätzen, die nicht auf die konventionellen Produktsparten ausgedehnt werden.

Marks & Spencer: ehrgeizig 

Die internationalen Vorreiter sind da wesentlich ambitionierter: Marks & Spencer beispielsweise verfolgt das Ziel, dass bis 2020 alle Produkte im Sortiment zumindest ein Nachhaltigkeitskriterium aufweisen. Rewe ist hierzulande bislang das einzige Unternehmen, das Bewegung in diese Richtung signalisiert. Das Eigenlabel "Pro Planet" soll konventionell hergestellte Produkte zieren, die Umwelt und Gesellschaft deutlich weniger belasten. Doch die Kriterien und deren Überprüfung sind nicht ausreichend transparent und die Anzahl der ausgezeichneten Produkte bleibt begrenzt; der Großteil des Kernsortiments bleibt weiter unberührt.

Non-Food: Ansätze zu Nachhaltigkeit sichtbar

Vor allem im sogenannten Non-Food-Bereich (alle Produkte, die nicht Lebensmittel sind) sind erst Ansätze zu mehr Nachhaltigkeit sichtbar. Während bei Lebensmitteln ein Basis-Sortiment von Bioprodukten bereits selbstverständlich ist, gibt es beispielsweise bei Bekleidung nur vereinzelt Fairtrade- oder Bio-Angebote. Reinigungsartikel und Hygienepapier sind fallweise mit dem (Österreichischen) Umweltzeichen ausgezeichnet. In der Schweiz ist man weiter: So liefern sich Migros und COOP ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Titel "Weltweit größter Anbieter von fairer Baumwolle"; und es werden eigene Forschungsprojekte durchgeführt, mit dem Ziel, die Versorgung mit nachwachsenden Rohstoffen sicherzustellen.

Verantwortung abschieben

Verzicht auf unfaire Arbeitsbedingungen

Auch die Sozialstandards sind im Gegensatz zu ökologischen Kriterien schwach ausgeprägt. Hier geht es um den Verzicht auf unfaire Arbeitsbedingungen in bzw. Handelsbeziehungen mit der Dritten Welt. Es gibt zwar mittlerweile fast überall Fairtrade-zertifizierte Produkte, die Wachstumsraten sind zweistellig, doch gemessen am Gesamtumsatz beträgt ihr Anteil immer noch bescheidene 0,6 Prozent. Zum Vergleich: In der Schweiz ist jede zweite Banane fair gehandelt; das zeigt, dass das Entwicklungspotenzial bei Weitem noch nicht ausgereizt ist.

Abschieben der Verantwortung

Beim Rest des Sortiments begnügt man sich vielfach noch immer mit einem Abschieben der Verantwortung: Man lässt die Lieferanten Verhaltenskodizes unterschreiben, die Einkaufspolitik (hoher Kostendruck und enge Lieferfristen) bleibt aber unverändert.

Keine Auflagen für Lockartikel

Praktisch keine Auflagen gibt es für Lockartikel aus dem Non-Food-Bereich: Textilien, Elektronikprodukte oder Spielzeug. In Großbritannien ist der faire Handel viel stärker Gegenstand öffentlichen Interesses: Alle drei Branchenvorreiter arbeiten in der Ethical-Trading-Initiative (ETI) zusammen, die sich ehrgeizige Ziele gesetzt hat, so zum Beispiel ein transparentes System zur Rückverfolgbarkeit von Waren bis zum Produzenten in der Dritten Welt.

"Heimat" sticht

"Heimat" sticht

Sehr stark ausgeprägt ist im österreichischen Lebensmittelhandel das Bekenntnis zu Produkten aus der Region. Kein Wunder, sind doch die heimischen Konsumentinnen und Konsumenten sozusagen Weltmeister auf diesem Gebiet. 75 Prozent kaufen "häufig" regionale Lebensmittel, ein Drittel ist bereit, auch mehr dafür zu bezahlen. Das führt natürlich dazu, dass mit dem Begriff viel Schindluder getrieben wird. Denn oft werden bei industriell gefertigten Produkten "die Heimat", "Omas Rezept" oder "der Huber-Bauer" beschworen, was der real existierenden Agrarindustrie kaum entspricht. Dennoch konnten die getesteten Unternehmen hier sehr viele Pluspunkte einheimsen.

MPreis: Pionier in Sachen Regionalität

Pionier in Sachen Regionalität ist MPreis. Ein Viertel des Sortiments kommt aus Tirol bzw. der Alpenregion, bei Obst und Gemüse liegt der Anteil im Sommer bei 80 Prozent. Das Unternehmen hat sich über Jahre ein dichtes Netz von mehr als 200 regionalen Lieferanten aufgebaut und versucht, die Existenz der alpinen kleinstrukturierten Landwirtschaft langfristig abzusichern. 

Spar: echte Regionalitätsstrategie 

Selbst Lidl, der früher kaum heimische Produkte angeboten hat, listet zunehmend Lebensmittel aus Österreich und lobt sie auch entsprechend aus. Rewe setzt (vergleichbar mit Lidl) auf eine breite Definition von Regionalität, die mit österreichischer Herkunft gleichgesetzt wird. Spar beweist, dass auch große Supermarktketten eine echte Regionalitätsstrategie verfolgen können (zumindest aus dem jeweiligen Bundesland). Hofer ist mit der Biomarke "Zurück zum Ursprung" auch punkto Regionalität gut positioniert.

Tierschutz ist kaum ein Thema

Erstaunlich zurückhaltend agiert der Lebensmittelhandel dagegen beim Tierschutz, obwohl dieses Thema mindestens ebenso emotional besetzt ist wie "die Region".

Nachhaltigkeit im Unternehmen

Nachhaltigkeit im Unternehmen

Was nun die innerbetriebliche Performance betrifft, so sind die Maßnahmen im Umweltbereich schon recht weit gediehen. Kein Wunder, denn der sparsame Umgang mit Energie und die Vermeidung von Abfall sparen ja auch Kosten. Aber auch dort, wo kein materieller Vorteil damit verbunden ist, werden die Konzerne initiativ: Rewe deckt seinen Strombedarf eigenen Angaben zufolge zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energieträgern, Rewe und Spar haben sich konkrete Ziele zur Reduktion der Treibhausgasemissionen gesteckt, MPreis hat das Restmüllaufkommen seit 2006 um fast zwei Drittel gesenkt.

Hofer: der einzige, der höhere Löhne bezahlt

Im sozialen Bereich (Personalpolitik) ist die Bewertung nicht ganz leicht. Laut Angaben der Gewerkschaft ist Hofer der einzige, der höhere Löhne bezahlt als in der notorisch schlecht entlohnten Branche (laut Kollektivvertrag) üblich. Allerdings fällt ihm das auch leicht, weil Diskonter generell mit einem viel geringeren Personalstand auskommen als Vollsortimenter.

Während Lidl mit 0,77 Vollzeitbeschäftigten pro 100 m² Verkaufsfläche auskommt, Hofer mit 1 Beschäftigten, weist MPreis mit 3,4 Personen das beste Verhältnis auf. Bei allen Unterschieden der Geschäftsmodelle ist dies doch ein Indikator für eine deutlich niedrigere Arbeitsbelastung beim Tiroler Unternehmen.

MPreis: kein Betriebsrat

Großes Minus: Es gibt – wie bei Lidl – keinen Betriebsrat; die Bildung eines Betriebsrates wird laut Gewerkschaft von der Unternehmensführung torpediert. Am besten wird die Personalpolitik bei Spar beurteilt; die Pluspunkte sind hohe Lehrlingszahlen, Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie, das Gesundheitsmanagement und die gute Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft. Rewe fällt durch unterschiedliche Sozialstandards in seinem Reich auf: Sie dürften bei Billa deutlich besser sein als bei Penny oder Merkur.

Rewe: Vorreiter in Sachen Transparenz

Die institutionelle Verankerung von Nachhaltigkeitskriterien steckt meist noch in den Kinderschuhen. Sie wäre eigentlich Voraussetzung für eine glaubwürdige Nachhaltigkeitspolitik, die sonst Gefahr läuft, auf Einzelfälle beschränkt zu bleiben oder von Einzelpersonen abhängig zu sein. Nur Rewe hat Strukturen geschaffen, um gesellschaftliche Verantwortung langfristig in die Unternehmensstrategie zu integrieren. Der Konzern ist Vorreiter in Sachen Transparenz. Als einziges Handelsunternehmen veröffentlicht er einen Nachhaltigkeitsbericht, noch dazu nach dem höchsten Qualitätsstandard. Auch hier weisen internationale Branchenleader den Weg. Bei Marks & Spencer haben alle Führungskräfte nachhaltige Zielvorgaben zu erfüllen und werden auch entsprechend erfolgsabhängig entlohnt.

+++

Die Studie wurde von der Forschungsgruppe "Unternehmen & Gesellschaft" am Institut für Internationales Management der Universität Graz durchgeführt und kann hier abgerufen werden: http://uni-graz.at/fswecsr/nahaleh

Testtabelle: Supermärkte im Ethiktest

Steckbriefe

Hofer: Der Diskonter hat besonders mit der Eigenmarke „Zurück zum Ursprung“ Akzente in Richtung Bio-Sortiment und Regionalität gesetzt. Zahlt als einziger Marktteilnehmer Löhne über dem KV. Weniger ambitioniert z.B. im Bereich Verpackung (keine Mehrweggebinde).

Lidl: Der zweite Diskonter fällt im Vergleich zur Kon­kurrenz deutlich ab. Positiv ist aber schon die Teilnahme an der Untersuchung zu werten. Lidl hat in den letzten Jahren (nicht zuletzt aufgrund heftiger Kritik) stark aufgeholt. Besonders engagiert ist die Fischeinkaufspolitik.

Rewe: Rewe hat die Nachhaltigkeit am besten in seine Unternehmenspolitik integriert, veröffentlicht als einziges Unternehmen einen Nachhaltigkeits­bericht. In der Umsetzung gibt es aber Schwächen, abgesehen von der Rolle als Pionier und Markt­führer bei Bio-Lebensmitteln.

Spar: Spar setzt branchenweit Akzente und punktet damit gegenüber dem direkten Konkurrenten Rewe. Vorreiter vor allem bei gentechnikfreien ­Produkten und bei nachhaltigem Fisch-Angebot. Ein systematischer Aufbau von Nachhaltigkeitsstrukturen steht jedoch aus.

MPreis: Das Tiroler Familienunternehmen steht punkto Regionalität ohne Konkurrenz da. Aber auch bei heimischen Biolebensmitteln nimmt es die Top-Position ein, fair gehandelte Produkte gibt es seit über 25 Jahren. Das wiegt Schwächen in anderen Bereichen auf.

Zusammenfassung

  • Von der Nische zum Kern. Der Lebensmittelhandel ist Mittler zwischen Pro­duzenten und Konsumenten. Mit seiner Sortimentspolitik kann er Nachhaltigkeit initiieren und verstärken. Nach wie vor konzentrieren sich die Handelskonzerne auf Nischen, eine durchgehende Nachhaltigkeitspolitik – auch im Kernsortiment – bleiben sie bislang schuldig.
  • Keine Utopie. Im Vergleich zu den ­Branchenvorreitern aus Großbritannien und der Schweiz besteht in mehreren Bereichen noch großer Nachholbedarf. Die Beispiele aus dem Ausland zeigen, dass gesellschaftliche Verantwortung kein Lippenbekenntnis bleiben muss, sondern wirklich "gelebt" werden kann.
  • Druck machen. Konsumenten können durch ihr Kaufverhalten tagtäglich Druck ausüben. Kaufen Sie Bio- und Fairtrade-Produkte, vermeiden Sie Großpackungen und unnötigen Verpackungsmüll. Verlangen Sie (per Telefon oder Mail) Auskunft über die Nachhaltigkeitspolitik des Unternehmens, bestehen Sie auf konkrete Zahlen statt bloßer Floskeln.

Testkriterien

Der Ethik-Test wurde im Auftrag des VKI von der Forschungsgruppe unternehmen & gesellschaft am Institut für Internationales Management der Universität Graz durchgeführt. Ausgewählt wurde alle Lebensmittel-Einzelhandelsunternehmen mit einem Marktanteil über 3 Prozent österreichweit bzw. 10 % in einem Bundesland. Die Erhebungsphase dauerte von Juni bis August 2011.

Folgende Instrumente kamen dabei zum Einsatz:

  • schriftliche Befragung zur Nachhaltigkeitspolitik & -performance der Unternehmen
  • Dokumentenanalyse von Leitbildern, Berichten, Unternehmenskommunikation, Werbung usw.
  • fallweise ergänzende Interviews mit Repräsentanten der Unternehmen
  • Interviews mit Experten bzw. Vertretern von Anspruchsgruppen (Gewerkschaften, umwelt- und entwicklungspolitische NGOs, Innungen, Wissenschaft)
  • Analyse internationaler Beispiele guter Praxis
  • Sekundäranalyse relevanter wissenschaftlicher Untersuchungen

"Feedback-Runde" mit den teilnehmenden Unternehmen: Vor der abschließenden Bewertung und Erstellung des vorliegenden Berichts wurde den Unternehmen Gelegenheit gegeben, zu zusammenfassenden Einschätzungen ihrer Politik in den unterschiedlichen Nachhaltigkeitsbereichen schriftlich Stellung zu nehmen. Alle Retailer machten von dieser Möglichkeit Gebrauch. Diese Stellungnahmen wurden in begründeten Fällen bei der Endauswertung berücksichtigt.

Zentrales Erhebungsinstrument der Studie war ein umfassender Fragebogen zu "Nachhaltigkeit und CSR im österreichischen Lebensmitteleinzelhandel". Damit wurden über 30 thematische Bereiche zur nachhaltigen Sortiments- und allgemeinen Unternehmenspolitik anhand von mehr als 100 Einzelfragen erhoben.

Dazu wurde ein umfassendes Kriterienset erstellt. Dieses sollte Forderungen zivilgesellschaftlicher Anspruchsgruppen, unternehmensethische Konzepte verantwortungsbewussten Managements und Praxiserfahrungen vereinen und beruhte

  • auf gängigen Schemen zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Unternehmen;
  • auf Gesprächen mit Verantwortlichen von Handelsunternehmen (im Rahmen einer Vorstudie);
  • auf Gesprächen mit Experten aus Forschung, Wirtschaft, NGOs und Gewerkschaften.

Die Kriterien sind in drei Bereiche gegliedert:

1) Sortiment: Hier wurde die Sortimentspolitik nach ökologischen und nach sozialen Kriterien beurteilt; weiters die Einkaufs- und die Vertriebspolitik. Das beinhaltet den Umgang mit Lieferanten, die Beziehungen zu Geschäftspartnern u.Ä.m. sowie die Verantwortung gegenüber den Kunden, Marketingmethoden, Kennzeichnung und Information über Nachhaltigkeitsthemen.

2) Unternehmen: Betrieblicher Umweltschutz und Personalpolitik wurden beurteilt, weiters das gesellschaftliche Engagement. Darunter ist zu verstehen: karitative Projekte, Sponsoring, Dialogbereitschaft mit gesellschaftlichen Anspruchsgruppen (Stakeholdern) wie Umweltschutz- oder Menschenrechtsorganisationen, Sicherstellung der Nahversorgung, Transparenz von Investitionstätigkeit und Finanzpolitik.

3) Institutionelle Verankerung: Dieser Punkt soll die Bedeutung einer Integration des Themas in Kerngeschäft und Strategie des Unternehmens berücksichtigen. Dabei wurde insbesondere Wert auf eine transparente und glaubwürdige Informationspolitik gelegt. Berücksichtigt wurde hier neben Verfügbarkeit und Qualität öffentlicher Informationen auch die Auskunftsbereitschaft im Zuge der Erhebung.

Die Bewertung erfolgt durch eine fünfstufige Skala – von A bis E. Stufe A bedeutet, dass fast alle Kriterien erfüllt wurden, Stufe E, dass fast keine Kriterien erfüllt wurden. Zur weiteren Differenzierung werden diese Bewertungen im Bedarfsfall mit einem "+" oder "–" auf- bzw. abgewertet. Jede Stufe außer A und E kann somit in drei Unterstufen untergliedert werden, z.B.: B–, B, B+.

Die Bewertungen basieren auf einem dreifachen Vergleich:

  • mit internationalen Vorreitern;
  • mit den Mitbewerbern im österreichischen LEH;
  • mit der individuellen Performance der Retailer in anderen Bereichen.

Als Bewertungsmaßstab wurde für jedes Kriterium eine spezielle Skala mit einer individuellen "Benchmark" (einem quantitativen oder qualitativen Zielwert) definiert. Diese "Benchmark" wurde nicht allein durch die "beste Praxis" in der Branche definiert, sondern normativ begründet. Norm war dabei aber nicht ein "absolutes Nachhaltigkeitsziel" (z.B. die 100%ige Umstellung des relevanten Angebots auf Bioprodukte oder umfassend CO2-neutrale Prozesse), sondern die Vorstellung eines Zustands, der aus heutiger Sicht innerhalb der nächsten 5 Jahre als wünschbar und als erreichbar erachtet werden kann. Die formulierten Zielwerte bringen somit die Zielvorstellung eines mittelfristig nachhaltiger wirtschaftenden Lebensmitteleinzelhandels zum Ausdruck. Sie wurden für jedes Kriterium gesondert definiert. Zweck der Bewertung war der Vergleich im Hinblick auf eine realistische Zielvorstellung ("Benchmark").

Internationale Beispiele "guter Praxis" im Lebensmitteleinzelhandel dienten als eine wesentliche Grundlage zur Ermittlung nachvollziehbarer, realistischer Zielwerte. Konkret handelt es sich dabei um die Schweizer Handelsunternehmen COOP und Migros und um die britischen Handelsunternehmen Marks&Spencer, The Co-operative und Sainsbury's. Diese Retailer wurden auch in einem aktuellen Ranking von oekom research zu den nachhaltigsten der Branche gezählt. Als Datenbasis dienten die aktuellen Nachhaltigkeitsberichte der genannten Retailer.

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Aus dem Inhalt

  • Lebensmittel: fair und natürlich
  • Lifestyle: modisch, aber ökologisch
  • Mobilität, Tourismus, Freizeit
  • Nachhaltigkeit im Haushalt
  • Abfall vermeiden, Ressourcen schonen
  • Trend: gemeinsam nutzen statt besitzen

160 Seiten, 14,90 € + Versand

KONSUMENT-Buch: Nachhaltig leben (Bild:VKI)

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