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Merinowolle - Das Leiden der Lämmer

Im Winter schätzen wir kuschelige Wollpullover. Doch gerade die besonders weiche und äußerst atmungsaktive Merinowolle ist mit viel Tierleid verbunden.

Bild: Ruslan-Kalnitsky / Shutterstock.com

Auf einer Schaffarm in Australien: Ein Schafzüchter fixiert ein blökendes Merinolamm auf einer speziellen Vorrichtung. Mit einem scharfen Messer und ohne Betäubung schneidet er dem nicht mehr als ein paar Monate alten Lamm handtellergroße Haut- und Fleischstücke vom Hinterteil ...

Merinowolle ist ein begehrtes Produkt – sie ist besonders weich, hält im Sommer kühl, im Winter warm und sie ist atmungsaktiv. 90 Prozent der Merinowolle werden in Australien produziert (generell entfallen drei Viertel der globalen Wollexporte auf Australien).

Faltige Haut angezüchtet

Um der steigenden Nachfrage zu begegnen, wurde Merinoschafen eine besonders faltige Haut angezüchtet, auf der das Fell dichter wächst. Auf diese Weise wird ein möglichst hoher Wollertrag erzielt. Aufgrund der dichten, feinen Wolle schwitzen die Tiere jedoch stärker. In ihren Hautfalten sammelt sich Feuchtigkeit, im Schwanzbereich auch Kot und Urin.

Das zieht die in Australien weit verbreitete Schaf-Schmeißfliege (Lucilia cuprina) an, die in den Hautfalten ihre Eier ablegt. Durch die feuchte Haut entsteht ein hohes Risiko, dass die Schafe am sogenannten Fliegenmadenbefall erkranken – eine schmerzhafte Krankheit, die auch zum Tod führen kann.

Mulesing in Australien 

Durch das sogenannte Mulesing (gesprochen: Mjulsing) wird diese Haut bei Merinoschafen vorbeugend entfernt. Benannt ist die Praxis nach dem Schafzüchter John H. Mules, der durch ein Versehen erkannte, dass die Entfernung der Hautfalten das ­Risiko eines Fliegenbefalls senkte.

Mulesing verursacht bei Lämmern Angst und Stress. Und Schmerzen, die bis zu drei Tage nach dem Eingriff anhalten. Die Wundheilung kann Wochen dauern. Unglücklicherweise verhindert diese Verstümmelung den Fliegenmadenbefall nicht einmal vollständig, da die Maden sich auch in anderen Hautfalten einnisten können.

Mulesing wird nur noch in Australien betrieben. Neuseeland, ein anderer wichtiger Merinowolle-Exporteur, hat es 2018 verboten. Auch in Uruguay, Argenti­nien oder Südafrika wird Merinowolle ohne Mulesing gewonnen, da die Schmeißfliege dort nicht vorkommt. 

Resistentere Schafzüchtungen

Zeit für Veränderung 

2004 verpflichtete sich die australische Wollindustrie dazu, Mulesing bis 2010 zu beenden. Diese Verpflichtung wurde jedoch 2009 zurückgezogen, weil Teile der Industrie der Meinung waren, dass man noch nicht so weit sei. "Damals gab es aber schon Betriebe, die von sich aus das Mulesing beendet haben, indem sie auf resistentere Schafzüchtungen umgestiegen sind", erzählt Rebecca Picallo Gil von der Tierschutz-NGO Vier Pfoten. "Diese Züchtungen haben wenig bis keine Hautfalten und sind daher resistenter gegenüber Parasiten, aber auch extremen Wetterbedingungen."

Eine kürzlich von Vier Pfoten und der Humane Society International (HSI) in Auftrag gegebene Umfrage unter 97 Schafhaltern zeigt, dass es genügend Beispiele von Betrieben gibt, die auf resistentere Schafzüchtungen umgestiegen sind und dadurch auf das Mulesing verzichten können.

Resistentere Schafzüchtungen

"Die Ergebnisse sprechen für sich", sagt Jessica Medcalf, Kampagnenleiterin von Vier Pfoten in Australien. "Während man sich jahrzehntelang Sorgen über die Kosten eines Umstiegs auf Mulesing-frei und den damit verbundenen hohen Zeitaufwand gemacht hat, zeigen Schafhalter im ganzen Land nun, dass es nicht nur machbar, sondern auch finanziell rentabel ist, Mulesing zu beenden und auf resistentere Schafzüchtungen umzusteigen."

Mittlerweise sind es mehr als 3.000 Betriebe in Australien, die diesen Schritt gesetzt haben und damit erfolgreich sind. "Sie empfehlen diesen Umstieg auch weiter, da es das Tierwohl erhöht und wirtschaftliche Vorteile für den Betrieb bringt", sagt Rebecca Picallo Gil. Der Umstieg dauert laut Vier Pfoten drei bis fünf Jahre und löst beide Probleme: Fliegenmadenbefall und Mulesing.

Marken im Test

Marken im Test

Vor rund einem Jahr hat sich Vier Pfoten 14 österreichische Firmen, die Merinowolle verarbeiten oder Produkte mit Merinowolle verkaufen, genauer angesehen. Das Ergebnis: Nur bei vier Marken können Konsumenten davon ausgehen, dass kein Mulesing dahintersteckt.

Hervis, der oberösterreichische Sportbekleidungs-Hersteller SCROC und das Grazer Modeunternehmen Zerum können nicht nur die komplette Rückverfolgbarkeit ihrer Lieferkette garantieren, sondern sie kontrollieren auch bis zum tierhaltenden Betrieb, sodass Mulesing mit größtmöglicher Sicherheit ausgeschlossen werden kann.

Auch die Firma Grüne Erde bezieht seit August 2020 nur noch nach dem Responsible Wool Standard (RWS) zertifizierte Merinowolle aus Australien. Das bedeutet, dass für alle Merinowollprodukte unabhängige Kontrollen bis zum tierhaltenden Betrieb gewährleistet sind und die gesamte Lieferkette rückverfolgbar ist.

"Wolle mit Po"

Über 100 internationale Marken haben sich bereits gegen das Mulesing ausgesprochen und wollen Mulesing-freie Wolle beziehen. Einige wenige Marken bieten bereits ausschließlich Mulesing-freie Wollprodukte an, darunter Patagonia, Ortovox und Fjällräven. Vier Pfoten hat gegen das Mulesing die Kampagne "Wolle mit Po" ins Leben gerufen.

Unterstützer können dazu eine Petition unterschreiben: Petition: "Wolle mit Po"

Missstände nicht nur bei der Schafwollproduktion

Wolle von glücklichen Schafen vom Bauern nebenan – das ist bei den meisten Produkten, die wir im Handel kaufen können, nur von dreisten Werbebotschaften unterfüttertes Wunschdenken.

Die Realität: Die Wolle stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit von Großfarmern in Australien, China, den GUS-Staaten, Russland, Weißrussland, der Ukraine oder Neuseeland. Tierleid beschränkt sich bei der Wollherstellung nicht auf das Mulesing.

Probleme gibt es auch hinsichtlich hoher Lämmersterblichkeit, Kastration, Schwanzkupieren, Lebendtransporten und umstrittenen Schlachtungspraktiken. Wobei sich Missstände nicht nur bei der Schafwollproduktion zeigen, sondern insbesondere auch im Zusammenhang mit Mohair-, Alpaka-, Kaschmir- und Angorawolle.

Hauptprobleme sind: 

- Stress, Panik sowie Verletzungen bei der Schur und fehlende ärztliche Behandlung.

- Alpakas leiden unter dem z.T. brutalen Niederbinden für die Schur. 

- Kaschmirziegen wird das feine Unterhaar schmerzhaft mit Metallkämmen herausgerissen.

- Angorakaninchen leiden unter erhöhter Körpertemperatur durch übermäßigen Fellwuchs, Deformationen der Wirbelsäule, Verletzungen sowie Verhaltensstörungen und Aggressionen aufgrund der Käfighaltung.

Da Standards entweder noch nicht ausreichend geprüft sind oder Tierwohlprobleme nur ­unzulänglich angegangen werden, rät Vier Pfoten von der Verwendung bzw. dem Kauf dieser Wollarten ab. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, kauft Bio-Wolle aus Österreich oder achtet auf ent­sprechende Gütesiegel: 

Responsible Wool Standard (RWS)

Das Gütesiegel für verantwortungsvolle Wolle bezieht sich auf den Tierschutz, nachhaltige Bewirtschaftung und den Schutz der Böden sowie volle Transparenz in der Lieferkette mit einem integrierten System der Rückver­folgbarkeit. Mulesing ist verboten.

Das internationale Bio-Gütesiegel GOTS (Global Organic Trace­ability Standard)

Allerdings verbietet GOTS das Mulesing nicht explizit, da es laut australischer Bio-Verordnung erlaubt ist, sofern die Schafe betäubt werden. Die Betäubung ist in der Praxis jedoch schwer zu überwachen und verhindert generelles Tierleid bei Merinoschafen nicht. ­Betriebe, die Mulesing-frei sind, halten Merinoschafe ohne überschüssige Hautfalten. 

Gütesiegel für Merinowolle: ZQ Merino, New Merino

Leserreaktionen

Beobachtungen in Neuseeland

Wir waren vor einem Jahr in Neuseeland und können Ihnen leider berichten, dass das „Leiden der Lämmer“ in Neuseeland keineswegs zu Ende ist. Wir hatten von der Praxis des „Mulesing“ zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung und haben uns nur über die Lämmerherden mit den roten Hintern gewundert. Ist das eine neue Rasse? Wir nannten sie „Pavianlämmer“. Und auch Lämmerherden mit kupierten Schwänzen zuhauf.

Erst in Österreich aufgrund eines Inserats von „Vier Pfoten“ haben wir von dieser Praxis erfahren. Also nix mit der Aufgabe des „Mulesing“ in Neuseeland. Gewundert haben wir uns auch über die großen Schafherden, die offensichtlich in den Häfen auf das Verschiffen gewartet haben. Wohin wohl?

Zu Ostern 2020 habe ich mich bei Merkur für Lammfleisch interessiert und da stand auf der Produktbeschreibung: aufgewachsen in NZ, geschlachtet „PH 1“. PH ist die Abkürzung für Philippinnen. Also unsere Conclusio: lebend eingeschifft und geschlachtet auf einem Schiff unter philippinischer Flagge?! Und damit ergibt sich ein Kilopreis-Unterschied zu österreichischem Lammfleisch von 5 Euro.

Anita Pichler
E-Mail
(aus KONSUMENT 3/2021)

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