Laufschuhehersteller im Ethik-Test - Raus aus dem Hinterhof

  • Vor-Ort-Untersuchung in chinesischen Fabriken
  • Auf dem Weg von schmuddeligen Hinterhöfen zu überprüften Produktionsstätten
  • In keiner anderen Branche ist die soziale Verantwortung der Unternehmen so sehr ins Rampenlicht einer kritischen Öffentlichkeit gerückt worden wie in der Sportartikelindustrie. Mit den Boykottaufrufen gegen den Branchenleader Nike hat die Diskussion um mehr Moral in der Wirtschaft in den Neunzigerjahren so richtig begonnen. Auch der erste  Ethik-Test  in „Konsument“ – erschienen in der Ausgabe 10/2000 – befasste sich mit der sozialen Verantwortung der Laufschuhhersteller.

    Langsame Verbesserung

    Damals hatten gerade erst die Marktführer angefangen, den ausgelagerten Produktionswerken in Südostasien soziale und ökologische Auflagen in Form von Codes of Conduct (freiwilligen Selbstverpflichtungen) zu erteilen. Kritische Non-Government-Organisationen (NGOs – regierungsunabhängige Organisationen) wie die Clean Clothes Kampagne bemängelten an den Ethiktests, dass hier nur leere Versprechungen bewertet würden. Aber diese Versprechungen waren ein notwendiger Beginn. Standen sie zunächst nur auf dem Papier, so wurden sie nach und nach auch von den Produktionswerken übernommen und umgesetzt.

    Umsetzung der Leitlinien

    Heute kommt kaum mehr ein Markenhersteller an Mindeststandards für sich und seine Lieferanten vorbei. Selbst Handelskonzerne, die mit Eigenmarken den Weltmarken Konkurrenz machen, sehen sich veranlasst, diesem Trend zu folgen. Das Augenmerk der interessierten Öffentlichkeit verlagert sich von der Unternehmenspolitik, die Leitlinien für sozial und ökologisch verträgliche Aktivitäten eines Unternehmens setzt, hin zu deren Umsetzung in der Praxis. Dafür ist es notwendig, die Verhältnisse vor Ort, in den Produktionsstätten, zu untersuchen.

     

    Vor-Ort-Untersuchungen

    Vor-Ort-Untersuchungen

    Für diesen Test wurden daher nicht nur die Beantwortung eines Fragebogens und die zur Verfügung gestellten Unterlagen der Unternehmen bewertet, sondern auch die Ergebnisse einer Vor-Ort-Untersuchung, bei der auch Interviews mit Arbeitnehmern mit berücksichtigt wurden.

    Von jedem Hersteller bzw. Handelskonzern sollte ein Produktionswerk untersucht werden, in dem die gängigen Modelle für den europäischen Markt endgefertigt werden (Assemblingwerk). Da bei der Produktion von Laufschuhen die Fertigung der Sohle eine zentrale Rolle spielt (sie ist für die Eigenschaften eines Laufschuhs verantwortlich), sollte auch je ein Werk geprüft werden, das die Sohlen für den Schuhproduzenten zuliefert.

    Unterschiedliche Kooperationsbereitschaft

    Neun Markenhersteller und vier Handelskonzerne, die Laufschuhe anbieten, wurden diesem Ethiktest unterzogen. Vier Markenkonzerne verweigerten die Beantwortung des Fragebogens, während sich die Handelsunternehmen zumindest in Ansätzen kooperationsbereit zeigten. Nicht in allen Fällen war es allerdings möglich, Produktionswerke zu besichtigen. Der Besuch von Assembling- und Sohlen-Werk war nur bei vier Marken möglich, der Besuch des Assemblingwerkes allein in drei Fällen; bei zwei Handelsmarken war überhaupt kein Werksbesuch möglich.

    Fast alle haben CSR für sich entdeckt

    In den letzten Jahren hat das soziale Verantwortungsbewusstsein der Unternehmen – unter dem englischen Kürzel CSR – einen Aufschwung erlebt. Fast alle Markenkonzerne, aber auch Handelsketten, haben aus Sorge um ihr Image entsprechende Maßnahmen ergriffen. Unternehmen, die das Thema ignorieren (wie Saucony), sind selten geworden.

    Die großen Konzerne sind der FLA, der Fair Labor Association, beigetreten, die Mindeststandards definiert und deren Einhaltung überprüft. Aber auch die Handelsunternehmen sind nicht untätig geblieben. Aldi (deutsche Mutter der Hofer-Kette), Lidl und Deichmann sind heute Mitglied bei der BSCI (Business Social Compliance Initiative) und orientieren sich am BSCI-Verhaltenskodex. Im Gegensatz zur FLA, in der auch NGOs und Gewerkschaften mitarbeiten, ist die BSCI eine reine Unternehmensinitiative.

    Spezialfall Hofer

    Diskonter Hofer geht eigene Wege. Er bezog die Laufschuhe für die Frühjahrsaktion 2009 vom Salzburger Schuhimporteur Grohmann - dieser ist wie Aldi Mitglied beim BSCI. Da Hofer beim Schuh-Einkauf also eigenständig agiert, können die Untersuchungsergebnisse von Aldi nicht auf die Österreich-Tochter umgelegt werden. Sie sind deshalb auch nicht in der Tabelle wiedergegeben. Über Hofer liegen nur Ergebnisse der in Österreich durchgeführten anonymen Anfragen vor (unter "Konsumenteninformation" in der Gesamttabelle zu finden).

    Arbeitsbedingungen

    Arbeitsbedingungen

    Das verstärkte Engagement hat sich offenbar auch auf die reale Situation in den Produktionswerken positiv ausgewirkt. Bei den Vor-Ort-Überprüfungen (zehn in China, eine in Vietnam) konnten keine „sweat-shops“ (Schlagwort für ausbeuterische Betriebe) entdeckt werden. Überall gab sich das Management kooperationsbereit und aufgeschlossen gegenüber aufgezeigten Mängeln.

    Beanstandet wurde vor allem das hohe Ausmaß an Überstunden: Arbeiter müssen bitten, davon befreit zu werden, was letztlich eine Art von Zwangsarbeit darstellt. Es gibt eine Menge Abzüge von den Löhnen, die Arbeiter müssen nicht nur für Mahlzeiten und für Strom in den Schlafräumen bezahlen, sondern etwa auch für den Wasserverbrauch während der Arbeit. In vielen Fällen werden die gesetzlichen Mindestlöhne nur erreicht, wenn entsprechend viele Überstunden geleistet werden.

    Kinderarbeit gibt es keine, wohl aber werden Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren beschäftigt; für sie gelten dieselben Arbeitsbedingungen wie für Erwachsene, Jugendschutzbestimmungen werden nicht eingehalten. Und es gibt kaum eine ernstzunehmende Arbeitnehmervertretung, Kollektivverträge gibt es keine oder sie werden nicht beachtet.

    Adidas-Reebok-Gruppe in Front

    Branchenführer in Sachen Ethik sind Adidas und dessen Tochter Reebok, die derselben Unternehmenspolitik unterworfen ist wie Adidas. Das Schlusslicht bei den Markenfirmen bilden Brooks und Saucony. Die Handelskonzerne schneiden trotz erkennbarer Bemühungen unterdurchschnittlich ab.

    Marktführer schwach

    Marktführer schwach

    Schwach ist auch Marktführer Nike. Er hat zwar unbestritten eine sehr gut entwickelte CSR-Unternehmenspolitik, mit 120 Mitarbeitern beschäftigt er bei Weitem am meisten Angestellte im CSR-Bereich. Aber Nike lässt sich ungern in die Karten blicken.

    Da Nike keinerlei Kooperationsbereitschaft für den Ethiktest erkennen ließ, konnten die zur Verfügung stehenden Daten (aus dem Internet oder anderen öffentlich zugänglichen Quellen) nicht überprüft und bestätigt werden. Daher das schwache Abschneiden des smarten US-Konzerns. Anonyme Interviews mit Arbeitern, die Nike-Schuhe in Vietnam herstellen, mögen belegen, dass ihre Lebensbedingungen bei Weitem nicht so gut sind wie in Nike-Publikationen suggeriert wird – aber das wurde für den Ethik-Test nicht bewertet.

    Gute Ergebnisse für die Unternehmensebene

    Generell sind die Ergebnisse für die Unternehmensebene am besten ausgefallen. Beim Umgang mit Beschäftigten ist zu beachten, dass davon in der Regel nur die Angestellten der Verwaltungszentrale betroffen sind, keine Fabriksarbeiter und auch nicht die Handelsangestellten. Das mag erklären, dass der Diskonter Lidl in diesem Punkt mit einem guten B bewertet wird. Derselbe Lidl steht ja in Deutschland wegen der prekären Arbeitsbedingungen seiner Filialangestellten unter Dauerbeschuss von Gewerkschaften, Datenschützern und anderen kritischen Beobachtern.

    Schlecht ist es auch um die Informationsfreudigkeit gegenüber Konsumenten bestellt. Die Bewertung von anonymen Anfragen und dem Internetauftritt in Österreich lässt allein Adidas gut aussehen, im Übrigen wurde nur Unterdurchschnittliches geboten.

    Tabelle: Ethik-Test Laufschuhehersteller

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    Konsumenteninformation

    Information an die Konsumenten (Teilurteil)

    Ein Teil des Ethiktests befasste sich mit der Informationsoffenheit der Laufschuhhersteller gegenüber Konsumenten. Mit der ist es nicht weit her, wie sich mit wenigen Ausnahmen zeigen sollte (siehe auch Tabelle, Konsumenteninformation).

    Die meisten geben sich verschlossen

    Zur gesellschaftlichen Verantwortung eines Unternehmens gehört auch die Bereitschaft, die Konsumenten und Konsumentinnen offen und umfassend zu informieren. Um das zu überprüfen, haben wir anonyme Anfragen an die Unternehmen gerichtet sowie die über deren Homepage verfügbaren Informationen zum Thema Ethik (bzw. CSR, wie es im Fachjargon genannt wird) bewertet.

    Die anonymen Anfragen hatten durchwegs CSR-Belange zum Thema:

    Schadstoffe: Sind in Ihren Schuhen Schadstoffe enthalten? Welche Maßnahmen treffen Sie, um deren Einsatz zu reduzieren?

    Als Antwort hätten wir erwartet, dass konkrete Angaben zum Einsatz von krebserregenden oder allergenen Farbstoffen, PVC oder flüchtigen organischen Verbindungen gemacht werden und ein Ausstiegsszenario skizziert wird.

    Ethische Produktion: Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Laufschuhe nach ethischen Grundssätzen produziert werden?

    Im Speziellen: Was unternehmen Sie, um Kinderarbeit zu vermeiden? Hier wäre zu erwarten gewesen, dass die Befragten Angaben zum Code of Conduct (Verhaltenskodex) machen und dazu, wie die Einhaltung desselben in den Produktionswerken kontrolliert wird.

    Öko-Design: Ist Öko-Design in Ihrer Unternehmenspolitik integriert und wie wird eine umweltgerechte Produktgestaltung sichergestellt?

    Öko-Design ist ein Schlagwort, das besagt, dass das betreffende Unternehmen bei der Entwicklung und Gestaltung seiner Produkte Umweltaspekte einbezieht. Dazu gehört beispielsweise, in der Erzeugung Recycling-Stoffe einzusetzen, den Verpackungsmüll zu minimieren bzw. Vorsorgen zu treffen, dass Schuhe am Ende ihres Lebenszyklus eingesammelt und die Bestandteile einer Wiederverwertung zugeführt werden.

    Arbeitsrecht in China: Inwieweit ist Ihr Unternehmen vom neuen Arbeitsrecht in China betroffen?

    Welche Vorkehrungen haben Sie getroffen, um die neuen Bestimmungen zu erfüllen? Das neue Arbeitsrecht in China ist seit 2008 in Kraft und sieht verbesserte Rechte für die Arbeitnehmer vor. So müssen sie einen Arbeitsvertrag ausgestellt bekommen, was bislang Wanderarbeitern vorenthalten wurde. Auch ohne Fixanstellung müssen Mindestlöhne gezahlt werden.

    Mit Anfragen überfordert

    Mit so vielen Detailinformationen waren die befragten Unternehmen heillos überfordert. Manche Gesprächspartner waren Kundenkontakt offensichtlich nicht gewöhnt: „Wie sind Sie zu meiner Nummer gekommen?“, so die spontane Reaktion in einem Fall. Daher haben wir die Antworten äußerst nachsichtig beurteilt. Insbesondere bei der ersten Frage, die telefonisch an die auf der Homepage angegebene Kontaktstelle gerichtet wurde (die anderen drei wurden per E-Mail gestellt).

    Wir waren schon mit sehr allgemeinen Antworten zufrieden, die wenigstens ein bisschen Problembewusstsein vermuten ließen. Wir haben akzeptiert, wenn statt einer ausformulierten Antwort ein Link angegegeben wurde, also ein Hinweis, wo man auf den Internetseiten des Unternehmens konkrete Angaben zum Thema finden konnte. Es wurde auch der bloße Versuch einer Antwort honoriert, also wenn das Unternehmen auf unsere Anfrage (telefonisch oder per E-Mail) reagierte, auch wenn es keine brauchbare Antwort gab. In diesem Fall gab es immerhin für den Ablauf der Beantwortung (volle) Punkte, der Inhalt wurde mit Null gewertet.

    Nur Adidas wusste Bescheid

    Dennoch waren die Ergebnisse äußerst dürftig. Einzig Adidas gab in allen vier Anfragen einigermaßen substanzielle Antworten. Mit deutlichem Abstand folgten Nike und New Balance. Als völlig indiskutabel ist das Informationsverhalten der US-Hersteller Brooks und Saucony zu bewerten, die auf keine Mail-Anfrage reagierten. Brooks hat das Kunststück zuwege gebracht, auf der Homepage eine Mailadresse anzugeben, die offenbar gar nicht existiert.

    Selbst die Handelsunternehmen schnitten da etwas besser ab, wobei diese vor allem im Ablauf fleißig punkteten (das heißt, sie reagierten auf Anfragen innerhalb einer akzeptablen Frist). Inhaltlich hatten sie allerdings wenig zu bieten. Fast schon skurril mutet die Vorgehensweise von Reno auf die telefonische Anfrage an. In der Verwaltungszentrale für Österreich schlug man uns vor, doch in einer Filiale nachzufragen. Das taten wir auch, nur: Die Verkäuferin, die sich dort meldete, konnte mit der Frage nach Schadstoffen in Schuhen nicht viel anfangen und legte kurzerhand auf.

    Auch Internetauftritt kein Ruhmesblatt

    Der zweite Teil im Testbereich Konsumenteninformation betraf den Internetauftritt: Welche Informationen zum Thema Ethik werden auf der Homepage der Unternehmen geboten? Werden soziale und ökologische Problemfelder aufrichtig und ausführlich geschildert, gibt es eine kritische Bestandsanalyse, werden Verbesserungsmaßnahmen getroffen? Und wie aktuell sind all diese Informationen?

    Die Informationen an Konsumenten sollten möglichst in deutscher Sprache erfolgen. Wer Interessierte nur über seine internationale Homepage in englischer Sprache informiert, konnte daher nicht besser als mit D beurteilt werden. Besser wurden nur jene Unternehmen bewertet, die ausreichende Daten in deutscher Sprache boten.

    Adidas war hier natürlich im Vorteil, es war das einzige Unternehmen, das auch in diesem Fall die Bestnote A erhielt. Die zweite deutsche Markenfirma, Puma, hat den Vorteil nicht genutzt, die CSR-Thematik wird überwiegend in englischer Sprache abgehandelt. Kurioserweise beschränkt sich die Adidas-Tochter Reebok ausschließlich auf Informationen in Englisch, obwohl diese inhaltlich ident mit den deutschsprachigen Angaben von Adidas sind.

    Lässt man die Sprache außer Betracht, so sind es vier Laufschuhhersteller, die auf ihren Websites ausführlich über Ethik-Belange informieren: Adidas, Nike, Puma und Reebok. Sehr wenig bis gar keine Ethik-Informationen werden auf den Websites der Handelskonzerne geboten, aber auch auf jener der Markenfirma Saucony.

    Tabelle: Laufschuhehersteller Konsumenteninformation

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    Reportage: Nike in Vietnam

    „Just do it!“ lautet der bekannte Werbeslogan der Marke Nike. Doch wenn die Arbeiter in den Nike-Fabriken in Vietnam diesen Slogan befolgen und einfach ihre Rechte einfordern, werden sie gefeuert.

    Offizielle Werksbesichtigungen mit Einsichtnahme in die Bücher des Betriebes sind eine Sache. Eine andere Sache ist es, wenn Journalisten über Vermittlung systemkritischer Organisationen mit Arbeitern reden. Da wird der Finger auf Wunden gelegt, die bei einer formalen Überprüfung nur als ein Punkt von vielen behandelt werden können. Für die betroffenen Arbeitnehmer kann gerade dies aber zur Überlebensfrage werden.

    Daher hat in Ergänzung zu den Betriebsbesichtigungen im Rahmen unseres Ethiktests ein Reporterteam des dänischen Verbrauchermagazins „Taenk“ Arbeiter und Arbeiterinnen auf eigene Faust interviewt. Was lag näher, als Produktionsstätten auszuwählen, die bei Nike unter Vertrag stehen? Denn Nike hat ja offizielle Betriebsbesichtigungen verweigert. 13 (bestehende und ehemalige) Arbeitskräfte von drei Nike-Werken in Vietnam wurden dabei außerhalb des Betriebes befragt.

    Neun Euro verfügbares Einkommen

    Die Bezahlung eines existenzsichernden Lohns (living wage) wird von NGOs (Non-Government-Organisations) als Menschenrecht angesehen. Doch fast alle Markenfirmen ignorieren das. Adidas ist der einzige Sportartikelkonzern, der bereit ist, darüber wenigstens zu diskutieren.

    Als geschiedene Frau mit zwei Kindern kann man im Westen Vietnams kaum überleben. Daher hat Frau L. ihre Kinder bei ihren Eltern gelassen und ist nach Ho-Chi-Minh-City gefahren, um sich dort bei der Pou-Chen-Fabrik, einem riesigen Nike-Lieferanten mit 40.000 Beschäftigten, zu bewerben. Sie bedient dort eine Hochdruckmaschine zur Herstellung der Sohlen von Nike-Sportschuhen. Es ist heiß und stickig, aber immerhin bekommt sie 1,6 Mio. vietnamesische Dong pro Monat bezahlt – umgerechnet 72 Euro. Vorausgesetzt sie erfüllt die Tagesnorm. Tut sie es nicht, werden ihr gleich wieder 11 Euro abgezogen. Und die Erfüllung der Norm ist verdammt schwer, da Nike jeden Monat das Design seiner Modelle ändert.

    L. sendet monatlich umgerechnet 22 Euro an ihre Eltern. 27 Euro gehen für die Miete drauf (für einen 15-Quadratmeter-Raum hinter der Fabrik). Fürs Essen benötigt sie 13 Euro. So verbleiben ihr in einem guten Monat (ohne Abzüge) 9 Euro für andere Ausgaben wie zum Beispiel Kleidung, Hygiene, usw. „Oh, ich kaufe mir selten Kleider“, sagt Frau L. „Es ist zu teuer.“ Neun Euro kostet auch eine Retourkarte mit dem Bus in ihren Heimatort. So kann sie ihre Kinder bestenfalls alle zwei, drei Monate besuchen. „Ich weiß, dass die Bedingungen hier besser sind als anderswo. Daher habe ich keine andere Wahl. Ich hoffe, dass meine Kinder einmal bessere Möglichkeiten haben werden.“

    Interviews mit anderen Arbeiterinnen bestätigen es: Das Einkommen reicht nicht aus, um die Familie zu besuchen. „Den größten Teil unserer Freizeit verbringen wir in unserem Zimmer und vermissen unsere Familie“, so die Aussage einer 22-jährigen Arbeiterin.

    „Selber schuld!“

    Die Klagen der Arbeiterinnen in den Nike-Werken in der Umgebung von Ho-Chi-Minh-City klingen alle ähnlich: Wenn sie die Produktionsziele nicht einhalten, werden sie von den Vorarbeitern angeschrien und gedemütigt. Tag für Tag. Nach 12 Jahren Arbeit in der Klebeabteilung der Dona-Victor-Fabrik hat sich Frau B. an den Umgangston gewöhnt. Er geht bei einem Ohr rein und beim anderen raus. Keine der befragten Arbeiterinnen hat sich jemals über die rüden Umgangsformen ihrer Vorarbeiter beklagt. Eine meint: „Wenn du dich bei der Gewerkschaft beschwerst, wirst du als erstes befragt, ob du deine Norm erfüllst. Wenn nicht, sagen sie, du bist selber schuld, wenn sie dich anschreien.“

    Nike hat ein regionales Beschwerdesystem für Arbeitskräfte in den Vertragsbetrieben errichtet. Keine der interviewten Arbeiter(innen) hat davon gewusst. Auch über den Code of Conduct (Verhaltenskodex) von Nike sind die Arbeitskräfte nicht informiert. Die wenigen, die davon gehört haben, glauben, dass es da um Qualitätsnormen und Umweltanforderungen geht, aber nicht, dass das etwas mit ihren Rechten als Arbeitnehmer zu tun hätte.

    Lange Liste von Berufskrankheiten

    Wenn die Schmerzen zu arg werden, geht Frau B. in die Gesundheitsabteilung. Dort bekommt sie ein Medikament, um den Schmerz zu lindern, aber die Ursachen bleiben bestehen. Sie leidet fast permanent unter Kopfschmerzen, die vom Kleber herrühren, mit dem die Schuhe verklebt werden. Weitere gesundheitliche Folgen sind Magenbeschwerden, Halsentzündungen und eine rinnende Nase. Andere Frauen klagen über extreme Müdigkeit und Schmerzen in Rücken und Schultern. Ein Arzt meint, all das seien typische Symptome von Personen, die in der Bekleidungsindustrie beschäftigt sind. Die Hälfte seiner Patienten leide an Atembeschwerden, ein Drittel klage über Verspannungen und Taubheitsgefühl in den Beinen. Für Arbeiter in Schuhfabriken kämen noch weitere Beschwerden dazu: Gedächtnisverlust, Hautausschläge und sogar Fehlgeburten. All das sei eine Folge des Einsatzes gefährlicher Substanzen in der Produktion.

    Der Verhaltenskodex von Nike normiert: Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten sollen reduziert werden, die Gesundheit der Arbeitnehmer ist zu fördern.

    Nach Streik wurden Dutzende Vorarbeiter gekündigt

    In der Ching-Luh-Fabrik, eine Autostunde von Ho-Chi-Minh-City entfernt, traten im März 2008 über 20.000 Arbeiter in Streik, um höhere Löhne einzufordern (konkret 200.000 Dong bzw. 9 Euro mehr). Angesichts der hohen Inflation (15 Prozent) könnten sie ihre elementaren Lebenshaltungskosten nicht mehr decken. Am zweiten Streiktag wurde ein massives Polizeiaufgebot in der Fabrik stationiert, das die Streikenden einschüchterte und auch verprügelte. Die Unternehmensführung stellte die Arbeiter vor ein Ultimatum: Entweder sie gäben sich mit 100.000 Dong zufrieden oder sie hätten den Betrieb zu verlasen. Gewerkschaftsfunktionäre unterstützten diese Entscheidung.

    Nach einer Woche war der Streik vorbei. Nach Angaben eines Vorarbeiters seien er und über 100 seiner Kollegen fristlos entlassen worden, weil sie mit den Streikenden kooperiert hätten. Nur wenigen hätte man die Möglichkeit geboten zu bleiben, wenn sie schriftlich Selbstkritik üben. Als der Vorarbeiter zur Gewerkschaft ging, hätte man ihm nur lapidar mitgeteilt, Gruppenleiter seien dazu da, ihre Leute zu kontrollieren, und nicht dafür, sie in einem Aufruhr zu unterstützen.

    Die Streikführer wurden für einige Tage verhaftet, danach intensiv von der Polizei überwacht. Einmal in der Woche wurden sie aufs Polizeirevier gerufen und dort intensiv verhört. Man stellte ihnen immer wieder dieselben Fragen: „Wer steckt dahinter? Für wen arbeitest du?“ Eine Arbeiterin, die diese Prozedur sechs Monate lang durchmachen musste, stellte dazu fest: „Es ist nicht so, dass du Angst davor hast, verletzt zu werden. Aber die ständigen Schikanen machen es schwer, ein normales Leben zu führen. Manchmal glaubst du, dass du verrückt wirst.“

    Für Nike ist alles o.k.

    Gemäß Nikes Code of Conduct sind alle Vertragsbetriebe verpflichtet, die Rechte aller Beschäftigten zu respektieren. Aber in dem konkreten Fall sieht es der Markenhersteller anders: In einer Reaktion stellte Nike fest, kein Arbeiter sei infolge des Streiks gefeuert worden. Einige seien allerdings entlassen worden, weil sie mehr als fünf Tage nicht an ihrem Arbeitsplatz gewesen seien. Der Rest hätte aus eigenem Antrieb den Betrieb verlassen. Das Unternehmen stellte auch fest, niemand sei diszipliniert worden, die Polizei sei seines Wissens nur aus dem Grund gerufen worden, um „die Streikenden, das Management und das Fabrikseigentum zu schützen“.

    Der Generalsekretär der Organisation Committee to Protect Vietnamese Workers, Trung Doan, kommentiert diese Stellungnahme wie folgt: „Nike täuscht Ethik-Ideale vor, während sie in Wahrheit mit den Arbeitgebern und der Polizei eng zusammenarbeiten.“ Vor der Unterdrückung der unter Nike arbeitenden Personen schließe die Konzernspitze einfach die Augen.

    Diktatur zieht Investoren an

    Vietnam wird von einem der repressivsten Regime der Welt geführt. Die einzige legale Gewerkschaft wird von der herrschenden Einheitspartei kontrolliert. Die hohe Inflation der letzten Jahre hat zu einer steigenden Zahl wilder Streiks geführt. Allein im Jahr 2008 wurden mehr als 500 solcher Streiks gezählt.

    Da sich in China die Arbeitsbedingungen zuletzt verbessert haben – nicht zuletzt im Hinblick auf die Olympischen Spiele im Vorjahr –, ziehen viele westliche Konzerne ihre Produktion von China ab und verlagern sie in benachbarte Länder, zu einem großen Teil nach Vietnam, wo die Verhältnisse für Investoren attraktiver sind. Auch Nike hat diesen Trend vollzogen. 200.000 der weltweit 800.000 für Nike tätigen Arbeitskräfte befinden sich heute in Vietnam.

    Hinzuzufügen bleibt, dass auch die Mitbewerber von Nike in Vietnam Produktionsbetriebe unter Vertrag haben. Ob die Arbeitsbedingungen dort besser sind, sei dahingestellt …

    Beurteilung: Hersteller und Händler

    Adidas: Die deutsche Marke steht für eine profunde CSR-Politik, die Lieferanten werden bei deren Umsetzung intensiv unterstützt. Schwächen sind die Einhaltung der Jugendschutzbestimmungen, niedrige Umwelt- anforderungen. Top auch in der Informations- offenheit.

    Reebok: Gehört zur Adidas-Gruppe und unterliegt deren CSR-Politik. Auch in der Praxis kaum Unterschiede. Der Respektabstand im Endurteil (11 Prozentpunkte) erklärt sich allein aus dem schwachen Abschneiden bei Anfragen und Homepage (unter „Konsumenteninformation“ in der Gesamttabelle).

    Puma: Auch die zweite große deutsche Marke kann auf eine etablierte CSR-Politik verweisen. Transparenz und Aufgeschlossenheit gegenüber den Prüfern, aber der Zutritt zum Sohlen-Produzenten wurde verweigert. Generell unzureichende Überwachung der Sublieferanten.

    New Balance: Der US-Konzern unterhält langjährige Beziehungen zu seinen Lieferanten, die sich allerdings nur als teilweise transparent erwiesen – wichtige Dokumente wurden nicht zur Verfügung gestellt. Schwache Arbeitszeitkontrollen und niedrige Umweltanforderungen.

    Mizuno: Offene Kooperationsbereitschaft ist das große Plus der japanischen Marke. Allerdings mangelt es an Kommunikation mit den Zulieferbetrieben, die über die CSR-Standards nur ungenügend informiert waren. Unregelmäßigkeiten bei Beschäftigung Jugendlicher.

    Nike: Nike demonstriert Engagement, auch auf der Homepage wird der Ethik breiter Raum gewidmet. Der US-Konzern agiert jedoch eigenbrötlerisch, kein Bezug auf internationale Konventionen. Mangels Offenlegung jeglicher Unterlagen kann die Bewertung nur niedrig ausfallen.

    Asics: Gegenüber der japanischen Marke gelten ähnliche Vorbehalte wie gegenüber Nike. Es existieren zwar positive Berichte über das Engagement, punktuelle Zusammenarbeit mit unabhängigen Organisationen, aber eine systematische Überprüfung wird verhindert.

    Brooks: Das US-Unternehmen bemüht sich um umweltverträgliches Design seiner Produkte (biologisch abbaubare Sohlen). Aber öffentlichkeitsscheu und keine Hinweise auf stringente CSR-Politik. Dazu passt, dass die E-Mail-Adresse für Österreich nicht funktioniert.

    Saucony: Noch eine schwache US-Marke, und mit null Punkten ein würdiges Schlusslicht. Bei Saucony gibt es nicht den zartesten Hinweis auf soziales oder ökologisches Engagement. Die (versuchte) Antwort auf eine telefonische Anfrage war die einzige „positive“ Reaktion.

    Lidl: Nicht ganz erwarteter „Spitzenplatz“ für den deutschen Diskonter, allerdings auf niedrigem Niveau. Steht daheim unter heftiger Kritik, hat sich aber immerhin in den letzten Jahren bemüht, seine zahl­reichen Lieferanten auf Ethik-Standards zu prüfen.

    Deichmann: Der deutsche Schuhdiskonter hat Mindeststandards definiert, aber die Informa­tion seiner Lieferanten ist völlig unzureichend. Angaben zum Sohlen-Produzen­ten wurden verweigert. Information der Konsumenten am – relativ – besten unter den Handelsmarken.

    Reno: Schlusslicht unter den Handelsfirmen, wenn auch eine Spur besser als die Nachzügler bei den Marken. Die HR-Gruppe, zu der Reno gehört, konnte keinerlei schriftlichen Beleg für ihr ethisches Engagement ­liefern, auch die Zuliefer­betriebe blieben geheim.

    Hofer: Da Hofer im Schuh-Einkauf eigenständig agiert, kann die Aldi-Bewertung nicht auf Hofer umgelegt werden. Hofer-Lieferant Grohmann aus Salzburg ist aber wie Aldi seit kurzem Mitglied beim BSCI und orientiert sich an dessen Verhaltenskodex. Die Information der Konsumenten zu Ethik-Themen ist bei Hofer noch eine Spur schlechter als bei anderen Diskontern.

    Testkriterien

    Die Untersuchung der Laufschuhhersteller wurde im Rahmen einer internationalen Kooperation durchgeführt, ausgewählt wurden international tätige Markenfirmen und Eigenmarken von Handelskonzernen.

    Fragebogen, Besichtigungen, Unterlagen

    Die Untersuchung basiert auf 29 Kriterien zur sozialen und ökologischen Unternehmensverantwortung, jedes davon unterteilt in eine Reihe von Subkriterien. Jedes Unternehmen erhielt einen umfangreichen Fragebogen. Bei Zustimmung durch das Unternehmen wurde eine Expertenbesichtigung der Unternehmenszentrale sowie von Produktionsstätten in China bzw. Vietnam (jeweils Assembling der Laufschuhe und Sohlenproduktion) durchgeführt und die zur Verfügung gestellten Unterlagen wurden gesichtet, um die Antworten auf dem Fragebogen zu überprüfen. Mit Zustimmung des Unternehmens wurden darüber hinaus Arbeiter auf dem Werksgelände interviewt, wobei die Prüfer die Arbeiter auszuwählen hatten. Wurden Besichtigungen und Interviews nicht gewährt, so erfolgte die Beurteilung des Unternehmens nach den öffentlich zugänglichen Informationen.

    Bewertet wurden außerdem die Beantwortung verdeckter Kundenanfragen, der Internetauftritt und die Bereitschaft zur Kooperation. Untersuchungszeitraum: November 2008 bis März 2009.

    So wird beurteilt

    Die Erfüllung jedes einzelnen Kriteriums wird in 5 Abstufungen beurteilt – von umfassend bis unzureichend erfüllt. Dafür werden als Symbole die Buchstaben A bis E verwendet. Zusätzlich werden die Kriterien gewichtet (in 3 Stufen), je nachdem, ob die Erfüllung der Kriterien nur dokumentiert werden konnte oder durch die unabhängigen Prüfer vor Ort bestätigt werden konnte. Das Endurteil wird ebenfalls in 5 Stufen (A bis E) angegeben bzw. in Form einer Prozentzahl, die angibt, wie viel Prozent aller Kriterien erfüllt wurden.

    Die Kriterien im Einzelnen:

    • Soziales (Produktionsstätte). Bewertet wurden soziale Mindeststandards für die Fertigung: die Definition von Anforderungen (betreffend z.B. Mindestlohn, Überstundenregelung, Gesundheit, Sicherheit), die Information der Arbeitskräfte darüber und die Überprüfung der Einhaltung der Anforderungen.
       
    • Umwelt (Produktionsstätte). Bewertet wurden ökologische Anforderungen an die Produktionsstätten (Umwelt-Management-System) und an das Produkt (Öko-Design, Haltbarkeit): die Definition von Anforderungen, deren Kommunikation und deren Überprüfung.
       
    • Unternehmenspolitik. Überprüft wurden unter anderem Leitlinien zum sozialen und ökologischen Handeln, zur Verankerung des Umweltschutzes, zur Umsetzung ökologischer Beschaffungsrichtlinien sowie zum Engagement in Sozial- und Umweltprojekten.
       
    • Umgang mit Beschäftigten (auf Unternehmensebene). Bewertet wurden freiwillige soziale Maßnahmen wie unter anderem familienfreundliche Angebote (z.B. Teilzeitarbeit, Heimarbeit), Maßnahmen zur Gesundheitsförderung (z.B. ergonomischer Arbeitsplatz, Vorbeugemaßnahmen) und Weiterbildung (z.B. Höhe der Ausgaben, Zugang für alle).
       
    • Transparenz (Unternehmensebene). Einbezogen wurden öffentlich zugängliche Berichte, die Teilnahme an der Befragung, die Bereitschaft zur Überprüfung beim Anbieter und in dessen Fertigung, Genehmigung von Arbeiterinterviews, Austausch mit Interessengruppen (NGOs).
       
    • Konsumenteninformation (Österreich). Ausgewertet wurden vier verdeckte Konsumentenanfragen (eine telefonisch, drei per E-Mail) sowie Informationen auf der österreichischen bzw. internationalen Homepage des Unternehmens.

     

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    www.konsument.at/nachhaltig-leben

    Aus dem Inhalt

    • Lebensmittel: fair und natürlich
    • Lifestyle: modisch, aber ökologisch
    • Mobilität, Tourismus, Freizeit
    • Nachhaltigkeit im Haushalt
    • Abfall vermeiden, Ressourcen schonen
    • Trend: gemeinsam nutzen statt besitzen

    160 Seiten, 14,90 € + Versand

    KONSUMENT-Buch: Nachhaltig leben (Bild:VKI)

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