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Kaffeeanbieter im Ethik-Test - Nicht mehr im Schatten

  • Sonnenplantagen verdrängen den traditionellen Schattenanbau
  • Wie Eduscho, Jacobs & Co auf die Herausforderung reagieren
  • Fairer Handel als Alternative

Zwischen 1997 und 2001 fielen die Kaffeepreise um nahezu 70 Prozent, inflationsbereinigt auf das niedrigste Niveau seit 100 Jahren. Für die 25 Millionen Menschen, die mit Kaffeeanbau ihren Lebensunterhalt bestreiten, verheerend: Sie waren gezwungen, den Kaffee mit Verlust zu verkaufen. Im Jahr 2000 lebten 61 Prozent der Bevölkerung von kaffeeproduzierenden Gemeinden unter der Armutsgrenze.

Schwere Konsequenzen

Die Folge waren Unterernährung und schlechtere Schulbildung, weil viele Familien ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken konnten. Unzählige Landarbeiter verloren ihre Arbeit, viele emigrierten – ohne Perspektive – in die Stadt oder ins Ausland.

Geringer Anteil am Geschäft

Seit 2002 steigen die Kaffeepreise wieder, doch die Produzentenländer bekommen einen immer kleiner werdenden Anteil an den Einnahmen. Hatte er 1992 noch 33 Prozent des Preises im Supermarkt betragen, so schrumpfte die Quote binnen zehn Jahren auf zehn Prozent. Ursache dafür sind Spekulationsgeschäfte – viele Investoren wechselten in den lukrativeren Erdölmarkt –, vor allem aber das Auftreten neuer Billigproduzenten: Besonders in Vietnam und Brasilien geht der Trend Richtung riesige Kaffeeplantagen mit modernster Ausstattung, die die teurer produzierenden Kleinbauern verdrängen.

Kleine Strukturen

Das könnte Millionen Menschen ihrer Existenzgrundlage berauben. Denn die Kaffeeproduktion war bis zuletzt arbeitsintensiv und kleinstrukturiert. Im Jahr 2000 kamen 70 Prozent der Betriebe mit einer Anbaufläche unter 10 Hektar aus, nur 15 Prozent waren Plantagen über 50 Hektar.


 

Immenser Verbrauch

In den reichen Ländern gehört Kaffee zu den beliebtesten Getränken überhaupt, in Österreich rangiert er (in Litern gerechnet) nach Mineralwasser und Bier an dritter Stelle. Pro Kopf werden hier zu Lande 8,2 Kilo im Jahr verbraucht, was nur von skandinavischen Staaten überboten wird. Die größten Kaffeeliebhaber sind die Finnen mit nahezu 12 Kilo. Und immer mehr Konsumenten wollen ihr Lieblingsgetränk ohne schlechtes Gewissen genießen, möchten wissen, unter welchen Bedingungen es hergestellt wird.

Die Nachfrage steigt

Kaffee gilt seit jeher als Symbol für die Ausbeutung der Dritten Welt; schon vor Jahrzehnten gab es erste Versuche, fair gehandelten Kaffee als Alternative zu etablieren. Heute boomt der Handel mit Fairtrade-Produkten, im Vorjahr wurde im weltweiten Verkauf die Milliarden-Euro-Marke übersprungen (ein Plus von 37 Prozent gegenüber 2004). Hauptumsatzträger im immer breiter werdenden Sortiment sind Kaffee und Bananen.

  Traditioneller Schattenanbau

Wie Kaffee angebaut wird, geht alle an. Ein Großteil der Anbauflächen (80 Prozent) befindet sich im Regenwaldgebiet. Der traditionelle Schattenanbau (unter dem Dach des Regenwaldes) hat große Vorteile: Die biologische Vielfalt sorgt dafür, dass dank natürlicher Feinde die Kaffeekirschen vor Schädlingen bewahrt werden. Der Boden kann sich regenerieren, Dünger ist nicht erforderlich.

Regenwald zerstört

Doch immer mehr Kaffeeproduzenten gehen zur unbeschatteten Anbauweise in Sonnenplantagen über: derzeit 40 Prozent der Anbaufläche in Lateinamerika; in Vietnam, dem zweitgrößten Kaffeeproduzenten nach Brasilien, hat es den traditionellen Schattenanbau nie gegeben. Das führt zwangsläufig zur Bodenerosion; der Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln sowie der hohe Mechanisierungsgrad belasten die Umwelt. Die Kaffee-Monokulturen beschleunigen den Klimawandel: Der verbleibende Regenwald kann nur mehr halb so viel CO2 binden wie ehedem.

 

Giftige Abwässer

Um die Kaffeebohnen vom Fruchtfleisch zu trennen, werden zwei Methoden angewandt: Das traditionelle Trockenverfahren durch Sonneneinstrahlung ist kostengünstig und es fällt kaum Abfall an. Um diesen Vorgang zu beschleunigen, werden aber vermehrt Trockengeräte eingesetzt – mit einem entsprechenden Treibstoffverbrauch. Doch für hochwertigen Kaffee wird heute überwiegend die „nasse“ Methode angewandt. Sie ist zwar schonender fürs Aroma, benötigt aber riesige Mengen Wasser (bis zu 70.000 Liter pro Tonne Kaffeebohnen). Die Abwässer enthalten Chemikalien, die die Flüsse – und damit das Trinkwasser – verseuchen.

Katastrophale Arbeitsbedingungen

Die Produktionsmethoden gefährden auch die Gesundheit der Arbeitskräfte, die generell unter äußerst schlechten Bedingungen ihr Leben fristen müssen. Vor allem betrifft dies die Saisonarbeiter, die fern der Heimat in Kojen oder Scheunen untergebracht sind, ohne Privatsphäre oder auch nur sauberes Wasser und sanitäre Anlagen.

Schlechte Entlohnung

Die Bezahlung liegt häufig unter dem gesetzlichen Mindestlohn. Eine Untersuchung in Guatemala kam zum Ergebnis, dass auf keiner der untersuchten Plantagen der Mindestlohn gezahlt wurde; in der Mehrzahl der Fälle erreichten die Löhne nicht einmal die Hälfte davon. Die niedrigsten Löhne in Mittelamerika gibt es in Nicaragua, wo ein Kaffeearbeiter mit 2,30 Dollar am Tag auskommen muss.

Kinderarbeit wird zur Notwendigkeit

Der Kaffeepreisverfall hat überdies zu einem Ansteigen der Kinderarbeit geführt: für die Plantagenbesitzer, um die Kosten zu senken, für die Arbeiter, weil sie ihre Familien allein nicht mehr erhalten könnten. Am ärgsten ist es in Kenia, wo 60 Prozent der Plantagenarbeiter Kinder sind.

Vorzeigeprojekte

Wie verhalten sich die großen europäischen Kaffeekonzerne angesichts dieser Probleme? Haben sie Vorkehrungen getroffen, um die Belastungen für Mensch und Natur in Grenzen zu halten? Acht europäische Verbraucherorganisationen haben die vorliegende Untersuchung in Auftrag gegeben. An 33 Firmen wurden Fragebögen ausgeschickt, darunter an die drei österreichischen Marktführer Tchibo/Eduscho, Kraft Foods (Jacobs, Café Hag) sowie Hofer, die zusammen zwei Drittel des heimischen Marktes repräsentieren.

Wenig Zusammenarbeit

Rund die Hälfte der befragten Unternehmen (17) verweigerten eine Kooperation, darunter Hofer und Segafredo. Viele renommierte Firmen haben allerdings in den vergangenen Jahren einiges unternommen. Multis wie Nestlé oder Kraft haben in den Anbauregionen Projekte zum Ausbau von Schulen, Spitälern oder Straßen unterstützt. Einige lassen einen (kleinen) Teil ihres Kaffees durch Rainforest Alliance zertifizieren, was zur Einhaltung gewisser ökologischer, aber auch sozialer Standards verpflichtet. Da der Rest der Produktion (95 bis 99 Prozent) aber unter unveränderten Bedingungen produziert wird, bleibt die Gesamtperformance dennoch mäßig (Tchibo bzw. Kraft).

Nestlé erreicht 74 Prozent

Unter den konventionellen Kaffeekonzernen schnitt Nestlé (Nescafé, Nespresso) am besten ab. Der Schweizer Multi hat zwar keine zertifizierten Kaffees im Angebot, aber er unterwirft seine gesamte Kaffeeproduktion strengen Umwelt- und Sozialstandards. Das bringt ihm einen Gesamtscore von 74 Prozent ein.

Fairtrade-Zertifizierung

Den europäischen Spitzenplatz nimmt allerdings Oxfam ein, eine NGO, die in mehreren europäischen Ländern Fairtrade-zertifizierten Kaffee anbietet (Gesamtwertung 80 Prozent). Sie kann stellvertretend für andere Fairtrade-Partner stehen, die ausschließlich zertifizierten Kaffee anbieten. In Österreich ist dies die EZA mit dem Organico-Kaffee. Kommerzielle Kaffeefirmen wie Meinl, Spar oder Hornig bieten zwar auch Fairtrade-Kaffee an, der stellt allerdings nur eine Sorte in einem breiten – konventionellen – Sortiment dar.

Im Normalfall bleibt dem Kaffeebauern nur ein kleiner Schluck vom Kaffee, den er erzeugt: Ganze 6,37 Prozent des Einzelhandelspreises darf er für sich verbuchen. Den Rest stecken Kaffee- und Handelskonzerne sowie Behörden (in Form von Steuern und Zöllen) ein. Fairtrade-Bauern geht es besser: Sie dürfen sich über nahezu 30 Prozent freuen.

<6,37% für den Kaffeebauern 29,15% für den Fairtrade-Bauern


Quelle: FLO 2002

Die Bedeutung von Fairtrade-Kaffee ist größer, als es der Abstand von 6 Prozentpunkten zu Nestlé vermuten ließe.Beim Ethik-Test wird die Einhaltung formaler Kriterien überprüft, egal ob der Kaffee von kleinen Bauern oder aufriesigen Plantagen hergestellt wird. Für multinationale Konzerne ist es effizienter, Großproduzenten unter Vertrag zu nehmen. Dort können auch die Ethik-Standards leichter überwacht werden.

Das Fairtrade-System hingegen ist maßgeschneidert für Kleinbetriebe. Die Kaffeebauern bekommen einen garantierten Mindestpreis von etwa 1,20 Dollar pro Pfund grünen (ungerösteten) Kaffee. (Der Weltmarktpreis lag in den letzten Jahren bei 60 Cent.) Zusätzlich gibt es eine Prämie von 5 Cent pro Pfund Kaffee.

Gemeinsam in die Zukunft

Der Zusammenschluss in einer Produktionsgenossenschaft bietet den Kleinbetrieben eine Reihe von Vorteilen, die sie auf sich allein gestellt nicht genießen könnten. Sie schließen langfristige Verträge mit den Kaffeehändlern, die ihnen einen Vorschuss gewähren. Sie bekommen Kredite für notwendige Investitionen. Schulungsmaßnahmen und technische Hilfestellung ermöglichen es ihnen, die Kaffeequalität zu erhöhen und den Kaffee weiterverarbeiten, wodurch sie wiederum einen höheren Anteil an der Wertschöpfung erlangen können.

Preisgarantie

Fairtrade ist für die Kaffeebauern auch gegenüber anderen Zertifizierungen, wie etwa jener von Rainforest Alliance, von Vorteil: Bei keinem anderen bestehenden System gibt es eine Preisgarantie, somit bleibt die Abhängigkeit vom Weltmarktpreis bestehen. Wer eine Zertifizierung anstrebt, übernimmt ein Risiko, das für einen Kleinbauern existenzgefährdend werden kann. Bei Fairtrade hat der Bauer die Gewissheit, dass er einen höheren Preis bekommt.

 

Der Ethik-Test wurde von der ICRT, der Testorganisation europäischer Verbraucherorganisationen, durchgeführt.

Kaffeefirmen auf dem Prüfstand

Ausgewählt wurden die jeweiligen Marktführer in acht europäischen Ländern (Österreich, Belgien, Finnland, Frankreich, Italien, Portugal, Schweiz und Spanien). Die Unternehmen wurden aufgefordert, einen Fragebogen zu beantworten. Auf Grundlage der Beantwortung wurden Unternehmensbewertungen erstellt und zur Verifikation an die betroffenen Unternehmen geschickt. Diese konnten zusätzliche Informationen bereitstellen und ihre Bewertung korrigieren. Zur Abrundung und Überprüfung der Unternehmensangaben wurde eine Sekundär-Erhebung über die Transparenz der Unternehmen und über ihr Image in der Öffentlichkeit durchgeführt.

Die Kriterien für die Überprüfung

Untersuchungsgegenstand war das ökologische und soziale Verhalten der Unternehmen. Die Kriterien wurden in 6 Gruppen gegliedert, diese wurden unterschiedlich gewichtet (Anteil am Endurteil in Klammer); im Folgenden eine beispielhafte Auswahl der Kriterien:

Umwelt: Standards und Maßnahmen (22,4 %)

Pestizid-Reduktion, Wasserbenützung, Treibhausgas-Reduktion, Abfallvermeidung, Düngemittelverwendung, ... Verpflichtung zu Managementsystemen und Umweltstandards (ISO 9000, HACCP, EuropGap, EMAS, SAI, CCCC, IFOAM, Rainforest Alliance,...). Anteil der Produzenten, die zu diesen Standards verpflichtet werden, regelmäßiges Audit durch unabhängige Stellen, Sanktionsmechanismen. Verantwortlichkeit auf Unternehmensebene.

Soziales: Standards und Maßnahmen (22,4 %)

Gesundheit und Sicherheit, maximale Tagesarbeitszeit, Mindestlöhne, Gleichbehandlung, Berücksichtigung der speziellen Bedürfnisse weiblicher Arbeiter, Mitbestimmungsmöglichkeiten, Gewerkschaftsfreiheit, ... Verpflichtung zu Konventionen und Standards (CCCC, FLO, ILO, SA 8000, ETI,...). Anteil der Produzenten, die zu diesen Standards verpflichtet werden, regelmäßiges Audit durch unabhängige Stellen, Sanktionsmechanismen. Verantwortlichkeit auf Unternehmensebene.

Faire Beziehungen zu Lieferanten (22,4%)

Rückverfolgbarkeit der Wertschöpfungskette, Fair Trade-Standards (Sicherung langfristiger Beziehungen zu den Produzenten, garantierte Preise, Prämien), Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung in den Anbauregionen.

Förderung nachhaltiger Politik (12,8 %)

Angebot an biologischem und fair gehandeltem Kaffee, Kundenberatung, Kennzeichnung, Präsentation des Angebots, Personalausbildung.

Allgemeine Umwelt- und Sozialpolitik (10 %)

Politik und Zielsetzungen in einzelnen sozialen oder ökologischen Bereichen, Managementsysteme, Verhaltenscodices, Verantwortlichkeiten.

Informationsoffenheit (10%)

Freiwillige Berichterstattung und Information (Themenstellung, Abdeckung der Unternehmensbereiche, inhaltliche Qualität), Beurteilung des Unternehmens durch Dritte (öffentliche Stellen, Medien, NGOs); Mitarbeit bei der Erhebung.

Bewertung relativ, nicht absolut

Die Bewertung erfolgt in 5 Stufen, in Zahlen von 0,5 bis 5; zu Grunde gelegt wird der Branchenstandard – es handelt sich also um eine relative Bewertung, eine Bestnote bedeutet nicht notwendigerweise, dass die Performance des Unternehmens allen Ansprüchen genügt.

0,5 bis 1,4: Ethische Performance liegt deutlich unter den Erwartungen (bzw. Branchenstandard)

1,5 bis 2,4: Performance liegt unter den Erwartungen

2,5 bis 3,4: Performance entspricht den Erwartungen

3,5 bis 4,4: Performance liegt über den Erwartungen

4,5 bis 5:    Performance liegt deutlich über den Erwartungen

Das Endergebnis für die „Unternehmensethik“ wird in Prozent vom maximal möglichen Ergebnis angegeben. Es kann somit zwischen 0 und 100 liegen.

Bildergalerie: Produktbeispiele

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