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Bekleidungsindustrie im Ethik-Test - Keine weißen Westen

  • Markenfirmen mit eigenem Vertriebsnetz im Vergleich
  • Was der Strichcode mit der tristen Situation der Arbeiter zu tun hat
  • Millionen vergifteter Baumwollpflücker

 

Image in der Modebranche  

Der schwedische Moderiese Hennes & Mauritz hat dank seinem Konzept, Designerkleidung zu imitieren und mit massivem Werbeaufwand zu einem konkurrenzlos billigen Preis anzubieten, einen rasanten Aufschwung zu Europas führendem Textilhandelskonzern genommen. Berichte über katastrophale Zustände in den Zulieferbetrieben drohten jedoch das schicke Image zu zerstören. Als 1997 in Schweden eine TV-Dokumentation über Kinderarbeit in philippinischen Fabriken im Dienste von H&M ausgestrahlt wurde, war Feuer am Dach der Konzernzentrale. Das Management ging in die Offensive und verabschiedete einen freiwilligen Verhaltenskodex, den sämtliche Subunternehmer unterschreiben mussten.

Der Konzern scheute sich auch nicht, mit seinen Kritikern eng zusammenzuarbeiten. Heute kann sich Hennes & Mauritz als „Klassenbester“ bezeichnen. Im Ethik-Test, den wir zusammen mit anderen europäischen Verbraucherorganisationen in Auftrag gegeben haben, erreichte der schwedische Markenhersteller 73 Prozent der möglichen Punkte und führt das Ranking deutlich vor dem spanischen Mitbewerber Mango an.

H&M: Vorsprung dank Kritik

Das vergleichsweise gute Abschneiden von H&M ist nicht nur dem hohen Verantwortungsbewusstsein der Konzernspitze zu verdanken, einen nicht unbeträchtlichen Anteil an diesem Erfolg haben die Clean Clothes Kampagne und andere Organisationen, die die sozialen und ökologischen Missstände in den düsteren Fabriken in Fernost oder Lateinamerika ans Tageslicht gezerrt haben und nicht müde wurden, menschenwürdige Arbeitsbedingungen einzufordern. Man würde sich auch bei anderen Modemachen wie Benetton oder Esprit angesichts ihres schlechten Abschneidens bei dieser Untersuchung ein Umdenken wünschen: Sie haben bis dato noch gar nicht angefangen, sich den sozialen und ökologischen Herausforderungen zu stellen.

Die Markenkonzerne der Modeindustrie unterhalten ihre eigenen Filialen und dominieren solcherart den Markt (die drei größten Einzelhändler in Europa sind H&M, Zara und C&A). Auf der Produktionsebene herrscht eine gegenläufige Tendenz vor: Es gibt fast keine Unternehmen mehr, die ihre Produkte in eigenen Fabriken herstellen. Ein typischer Markenkonzern hat 400 bis 800 Zulieferbetriebe, vor allem in China, aber auch in der Türkei und in Marokko.

Kaum Eigenproduktion

Die Auslagerung der Produktion zielt darauf ab, die Herstellungskosten zu senken. Verschärft wurde dieser Trend durch das Aufkommen des Strichcodes. Jeder Kaufvorgang wird durch den Strichcode elektronisch festgehalten, damit verbunden ist ein automatisches Bestellsystem, das es dem Händler ermöglicht, zur rechten Zeit genau die erforderliche Anzahl an Produkten nachgeliefert zu bekommen („fast fashion“). So kann der Händler das Risiko, auf unverkäuflicher Ware sitzenzubleiben, drastisch reduzieren; natürlich wird dadurch auch das in Form hoher Lagerbestände gebundene Kapital vermindert .

Für den Lieferanten bedeutet es dagegen, dass er schneller und zu höheren Kosten produzieren muss. Von 2000 bis 2005 haben sich, Schätzungen zufolge, die Produktionszeiten in der Bekleidungsindustrie um 30 Prozent verringert.

 

Code of Conduct reicht nicht aus

Gleichzeitig versuchten die großen Handelsketten, durch die Verpflichtung zu einem freiwilligen Verhaltenskodex (Code of Conduct) aus dem Schussfeld der Kritik zu kommen. Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Diskriminierung oder Behinderung gewerkschaftlicher Aktivitäten waren fortan verpönt. In unserer Untersuchung trifft dies für die meisten Unternehmen zu. Nur Benetton, Promod und Stefanel haben bis heute keinen Code of Conduct, der diesen Namen verdient.

Bald war klar, dass die Einhaltung der Verhaltensregeln auch kontrolliert werden muss. Einige Unternehmen begnügten sich mit dem Beitritt zur BSCI (Business Social Compliance Initiative) – ein wenig verbindlicher Ansatz. Andere wiederum erkannten, dass sie sich mit ihren Kritikern an einen Tisch setzen mussten, und traten Initiativen bei, in der auch NGOs und Gewerkschaften präsent waren. So arbeitet beispielsweise H&M mit der Fair Labor Association zusammen, Mexx mit der Fair Wear Foundation und Zara mit der Ethical Trading Initiative.

Transparenz bis zum Arbeiter

Ein wichtiges Kriterium für die Glaubwürdigkeit eines Unternehmens ist die Offenlegung der Beschaffungskette („supply chain“). Wer alle Produktionsstätten nennt, die für ihn arbeiten, signalisiert damit, dass er nichts zu verbergen hat. Doch dieses Kriterium erfüllt im Test nur Mango.

Wer verdient wie viel an Jeans?
   Verdienst am Verkauf einer Jeans

Die Löhne liegen häufig unter dem Existenzminimum. Die niedrigsten Stundenlöhne werden laut einer ILO-Studie in Pakistan gezahlt: 17 Cent. Das Versprechen, die staatlichen Mindestlohnbestimmungen einzuhalten, greift zu kurz. So hat sich der Mindestlohn in Bangladesh in den letzten zehn Jahren unter Berücksichtigung der Geldentwertung halbiert. Wichtig wäre daher die Verpflichtung, „living wages“ zu zahlen – Löhne, die die Lebenshaltungskosten decken. Aber nur ein einziges Unternehmen hat sich dazu – zumindest theoretisch – verpflichtet: Zara.

Hohe Belastungen für Mensch und Umwelt

Auch im Hinblick auf die Umwelt steht nicht alles zum Besten. Für Baumwolle werden riesige Mengen von Schädlingsbekämpfungsmitteln benötigt, mehr als für jedes andere Agrarprodukt. 16 Prozent der weltweit verwendeten Insektizide werden in der Baumwollproduktion eingesetzt. Das hat nicht nur auf die Umwelt Auswirkungen, sondern mehr noch auf die Baumwollpflücker. Bis zu 3 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeiter weltweit leiden unter Vergiftungen, die von Insektiziden herrühren; in absoluten Zahlen sind das fast 80 Millionen Menschen.

Darüber hinaus benötigt Baumwolle Unmengen von Wasser. Für 1 kg Baumwollfaser werden zwischen 7000 und 29.000 Liter Wasser verschwendet. Der hohe Wasserverbrauch hat unter anderem zur Austrocknung des Aralsees in Zentralasien geführt.

Aber auch nachgelagerte Produktionsstufen verwenden große Mengen an schädlichen Chemikalien: Formaldehyde und perfluorierte Chemikalien zur Oberflächenbehandlung der Stoffe, krebserregende Farbstoffe (wie Anilin) und Schwermetalle zum Färben der Stoffe, aromatische Lösemittel, flüchtige organische Verbindungen, bioakkumulative Substanzen, PVC usw.

Alternativen zur Baumwolle?

Dabei gäbe es durchaus Alternativen zur Verwendung von Baumwolle. Nicht Polyamid oder Polyester sind damit gemeint, denn laut einer Lebenszyklusanalyse der Cambridge Universität sind Naturfasern alles in allem umweltfreundlicher als synthetische Fasern. Als besonders nachhaltig gilt Hanf, aber auch Bambus oder Leinen.

Will der Konsument ökologisch und sozial bewusst kaufen, könnte er auf Produkte, die in als besonders kritisch eingeschätzten Ländern hergestellt wurden, verzichten; oder er wählt biologische bzw. fair gehandelte Kleidung. Das kann er aber nicht wirklich, weil es nur ein minimales Angebot an Kleidung mit einem Bio- oder Fairtrade-Zeichen gibt. Nicht einmal die Kennzeichnung der Herkunft ist selbstverständlich (siehe in der Tabelle die Angaben zur Markterhebung bzw. Gruppenurteil Produktpolitik).

Druck auf Lieferanten

Generell haben wenigstens einige Markenhersteller erkannt, dass man sich sozial und ökologisch engagieren muss. Doch die hochtrabenden Grundsätze sozialer Verantwortung stehen in scharfem Gegensatz zur Praxis der Branche, die Lieferzeiten zu verkürzen, Risiken auf die Lieferanten abzuwälzen und die Preise zu drücken. Die Zulieferbetriebe geben den Druck an ihre Arbeiter weiter, die Einhaltung sozialer Mindeststandards wird auf diese Weise verunmöglicht. Die Folge davon, so wird unter der Hand berichtet: Die Lieferanten fälschen

Dokumente und legen den Kontrolloren geschönte Aufzeichnungen vor. Ein Fabrikmanager in Shenzen, China, bringt es auf den Punkt: „Ich kenne die Machtverhältnisse zwischen der Einkaufsabteilung und der für soziale Verantwortung zuständigen Stelle meines Auftraggebers gut genug, um zu wissen, wer wirklich das Sagen hat.“ Soll heißen: Die Lieferbedingungen werden strikt eingehalten, bei den sozialen Auflagen wird nichts so heiß gegessen … Eine substanzielle Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist nur möglich, wenn das Problem an der Wurzel bekämpft wird, und das ist die rigide Einkaufspolitik der Konzerne.

Kompetent mit "Konsument":

Druck auf Lieferanten. H&M bzw. Mango liegen recht gut, einige immerhin passabel. Aber kein Markenkonzern rüttelt an den Grundproblemen: dem steigenden  Preisdruck und der Verkürzung der Lieferzeiten.

Kaum Angebote an „sauberer Kleidung“. Biologische und Fairtrade-Produkte könnten den Konsumenten die Wahl erleichtern. Aber das Angebot ist lächerlich gering.

Auskunft verlangen. Das Verkaufspersonal ist mit Fragen zu sozialer Verantwortung heillos überfordert. Besser wendet man sich per E-Mail an die Konzernzentrale oder deren Österreich-Vertretung. Eine Garantie auf eine (zufriedenstellende) Antwort gibt es nicht.

Bekleidungsindustrie: Testkriterien

Der Ethik-Test wurde im Rahmen einer Kooperation europäischer Verbraucherorganisationen durchgeführt. Untersuchungsgegenstand waren 35 Markenfirmen im Bekleidungs-Einzelhandel. Ausgewählt haben wir jene 10 Unternehmen, die auch in Österreich vertreten sind.

Wie die Erhebung durchgeführt wurde

Die Erhebung basiert auf Informationen vonseiten der Unternehmen und auch auf Recherchen, die von der beauftragen Untersuchungsagentur durchgeführt wurden. Fragebögen wurden an die Unternehmen ausgeschickt, relevante Informationen auf deren Websites ausgewertet, Stellungnahmen der Unternehmen zu den Erhebungsergebnissen wurden mitberücksichtigt. Die Untersuchungsagentur konnte auf eine umfangreiche Datenbank zurückgreifen, darüber hinaus wurden Veröffentlichungen von Nichtregierungs-Organisationen (Clean Clothes Kampagne, Maquila Solidarity Network) berücksichtigt. Weitere Quellen bildeten Pressemeldungen und Internet-Agenturen für Unternehmens-, Industrie- und Marktdaten.

Bewertung relativ, nicht absolut

Die Bewertung erfolgt in einem 5-Stufen-Schema:

  • A bedeutet, dass das Unternehmen in diesem Bereich den überwiegenden Teil der Kriterien erfüllt.
  • B : Das Unternehmen erfüllt die Mehrzahl der Kriterien.
  • C : Das Unternehmen erfüllt rund die Hälfte der Kriterien.
  • D : Das Unternehmen erfüllt nur den kleineren Teil der Kriterien.
  • E : Das Unternehmen erfüllt keine oder nur einige wenige Kriterien.

Die Kriterien stellen Mindeststandards dar. Deren Erfüllung bedeutet somit nicht, dass die Leistung des Unternehmens als „sehr gut“ bezeichnet werden kann. Die Kriterien werden gewichtet, tragen also unterschiedlich stark zu einem Gruppenurteil bzw. zum Endurteil bei.

Das Endurteil wird überdies in Prozent angegeben: Die Prozentzahl gibt genauer an, wie viel der (gewichteten) Kriterien erfüllt wurden.

Die Kriterien im Einzelnen

  • Soziales (Anteil am Endurteil: 55 %)

Auflagen an Zulieferbetriebe. Bewertet wurden die Auflagen, die den Zulieferbetrieben erteilt werden: Gibt es einen Code of Conduct (CoC – freiwilliger Verhaltenskodex), werden die 8 zentralen ILO-Standards (keine Kinderarbeit, keine Zwangsarbeit oder Sklaverei, keine Diskriminierung von Arbeitnehmergruppen, Gewerkschaftsfreiheit, Recht auf Kollektivverhandlungen, Bezahlung von living wages = Löhnen, die die Lebenshaltungskosten decken, maximale Arbeitszeit, Sicherheit und Hygiene am Arbeitsplatz) abgedeckt? Ist dieser CoC öffentlich zugänglich? Gilt der CoC für die gesamte Zulieferkette in allen Ländern, in denen der Konzern produzieren lässt?

Kooperation. Wie eng ist die Zusammenarbeit mit NGOs (Nichtregierungsorganisationen) und Gewerkschaften? Ist das Unternehmen Mitglied von Ethical Trading Initiative, Fair Labor Association, Fair Wear Foundation, Social Accountability International oder einer vergleichbaren Initiative?

Management. Gibt es einen für Sozialstandards verantwortlichen Manager im Unternehmen, und wenn – welche Position in der Unternehmenshierarchie nimmt er ein? Gibt es eine Einschulung für Einkaufsagenten, gibt es eine für Arbeiter und Manager der Fabriken? Gibt es Anreize, ein Prämiensystem für die Einhaltung der Sozialstandards?

Kontrolle. Hat sich das Unternehmen zu einem Audit verpflichtet, in dem die Einhaltung der Sozialstandards kontrolliert wird? Gibt es einen Arbeitsplan dafür, wurde er bereits umgesetzt? Werden die Produktionsstätten offengelegt? Ist die Audit-Methode öffentlich zugänglich und folgt sie allgemein üblichen Standards? Werden die Audits extern überprüft? Werden die Ergebnisse veröffentlicht? Gibt es Festlegungen, wie im Falle von Kodexverletzungen vorzugehen ist?

Sonstige soziale Kriterien. Wird die Umsetzung der Auflagen vom Unternehmen finanziert? Wie reagiert das Unternehmen auf Meldungen über Missstände? Gibt es eine Schwarze Liste von totalitären Ländern, in denen das Unternehmen nicht produzieren lässt?

  • Umwelt (20 %)

Gibt es einen jährlichen Umweltbericht? Gibt es konkrete, quantifizierte Ziele zur Reduktion negativer Umwelteinflüsse? Gibt es einen für Umweltschutz zuständigen Manager, auf welcher Unternehmensebene? Gibt es ein Umweltmanagement-System (EMAS), wird es auditiert, gilt es überall? Gibt es eine spezielle Politik für den Umgang mit Problemstoffen?

  • Produktpolitik (10 %)

In welchem Ausmaß wird Kleidung mit folgenden Gütesiegeln angeboten: Biozeichen, Öko-Tex-Standard, EU-Umweltzeichen, Fairtrade-Siegel? Wird die Herkunft der Produkte gekennzeichnet? Gibt es Pläne, solche Gütesiegel zu forcieren?

  • Transparenz (15 %)

Beantwortung des Fragebogens, öffentlich zugänglicher, jährlicher CSR-Bericht (CSR, Corporate Social Responsibility = Gesellschaftliche Unternehmensverantwortung); wird dieser von unabhängiger Stelle überprüft? Gibt es eine formale Politik für den Umgang mit Konsumentenbeschwerden? Haben Konsumenten Zugang zu Informationen über die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmens?

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