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Berger Putenschinken - Verwirrend

   Was Konsumenten alles versprochen und dann nicht gehalten wird. Diesmal im Lebensmittel-Check: Ein Putenschinken, der auf österreichisch macht, während seine Rohstoffe weitgereist sind.

Berger Putenschinken (Bild: VKI/K. Schreiner)
Berger Putenschinken (Bild: VKI/K. Schreiner)

Berger Putenschinken (Bild: VKI/K. Schreiner)

Berger Putenschinken: Zutatenliste (Bild: VKI/K. Schreiner)
Berger Putenschinken: Zutatenliste (Bild: VKI/K. Schreiner)

Berger Putenschinken: Zutatenliste (Bild: VKI/K. Schreiner)

Lediglich verarbeitet in Österreich

Das steht drauf: Berger Putenschinken

Gekauft bei: in vielen Geschäften erhältlich 

Das ist drin

Ob Adeg, Billa, MPreis, Spar oder Zielpunkt: Schinken von Berger gibt es in praktisch allen Supermärkten zu kaufen. Das Familienunternehmen aus Sieghartskirchen im niederösterreichischen Tullnerfeld setzt pro Jahr mit rund 400 Mitarbeitern mehr als 100 Millionen Euro um. Eines der wichtigsten Produkte von Fleischwaren Berger ist Schinken. Im Sortiment finden sich mehr als 35 verschiedene Sorten. Darunter auch ein Putenschinken mit 2 % Fett, der einer Konsumentin positiv auffiel. Besonders angesprochen fühlte sie sich von der rot-weiß-roten Schleife mit dem Schriftzug „Premiumqualität aus Österreich“. Vor dem Schmausen daheim warf sie noch einen Blick auf die Rückseite der Verpackung. Das AT im ovalen Identitätskennzeichen – es gibt an, wo eine Ware zuletzt verarbeitet oder verpackt wurde – beruhigte sie ebenso wie die Zutatenliste auf Deutsch.

Italienischkenntnisse notwendig

Routinemäßig las sie auch noch die in Italienisch abgedruckte Auflistung durch und stutzte: „Ingredienti: carne di tacchino*“. Das heißt auf Deutsch Zutaten: Putenfleisch, doch was hatte * zu bedeuten? Das stand für „Paese di provenienza Ungheria, Polonia, Germania, Inghilterra“ – Herkunft des Fleisches Ungarn, Polen, Deutschland, England. In der deutschen Zutatenliste war davon kein Wort zu lesen. „Für mich ist die Verpackung eine klare Täuschung des Konsumenten. Es wird ein österreichisches Produkt vorgetäuscht. Nur bei genauestem Lesen und italienischen Sprachkenntnissen stellt sich heraus, dass es ein Importfleisch ist, lediglich in Österreich verarbeitet“ schrieb uns die Kundin empört.

Berger holte in seiner Stellungnahme an uns weit aus. Von Mitbewerbern war die Rede von der Verfügbarkeit der Rohstoffe, erzielbaren Verkaufspreisen und dass die Herkunft des Fleisches auf Italienisch nur deswegen abgedruckt wird, weil es das italienische Kennzeichnungsrecht so vorsieht. Und dass es auch Schinken mit AMA-Gütesiegel geben würde, falls Kunden Wert auf 100 Prozent österreichische Rohstoffe legen.

Viele Siegel

Ja, es gibt Berger Schinken mit dem AMA-Siegel. Leider sind sie optisch kaum von den anderen Produkten zu unterscheiden und man muss schon sehr genau schauen, um bei all den auf den Verpackungen aufgedruckten Siegeln noch den Überblick zu behalten. Und dass das bei den Mitbewerbern ebenso ist und auch die Konkurrenz mit Farbbändern in Rot-Weiß-Rot winkt, obwohl die Rohstoffe nicht aus Österreich kommen, ist nur ein schwacher Trost.

Woher stammt das Fleisch?

Immerhin: Obwohl nicht gesetzlich vorgeschrieben findet sich beim Putenschinken von Berger inzwischen auch auf Deutsch der Hinweis auf die Rohstoff-Herkunft. Gelegentlich kommen dabei die Sachen ein bisschen durcheinander. „Ursprungsland: Ungarn, Polen, Deutschland, England“ steht nun auf der Rückseite unserer abgebildeten Verpackung. Auf Italienisch ist vermerkt: „Paese di provenienza Ungheria, Polonia, Germania, Brasile“. „Ursprungsland: Ungarn, Polen, Deutschland, Brasilien“. Also was jetzt: Kommen die Puten nun aus England oder aus Brasilien?

Reaktionen

Was Berger dazu sagt, dass bei der Herkunft der Rohstoffe seines Schinkens einiges im Dunkeln bleibt.

„Vorerst dürfen wir festhalten, dass das Produkt den derzeit gültigen Rechtsvorschriften, insbesondere auch im Hinblick auf die Kennzeichnung, entspricht. Allerdings erhält die von Ihnen zitierte Konsumentin unsere Zustimmung, dass die derzeitige rechtliche Regelung betreffend Kennzeichnung nicht als zufriedenstellend anzusehen ist. Hier sind wir als Hersteller jedoch stark von den üblichen Gepflogenheiten und Rahmenbedingungen abhängig, nach denen auch unsere Mitbewerber agieren.

Im Zusammenspiel von Herstellern, Kunden (LEH) und Konsumenten sind oft auch die Verfügbarkeit der Rohstoffe und deren Einkaufs- sowie die erzielbaren Verkaufspreise Kriterien an denen sich ein Unternehmen im freien Markt orientieren muss, um konkurrenzfähige Produkte anbieten zu können. Daher greifen wir im Fall unserer Geflügelprodukte auf Rohstoff mit der Herkunft aus anderen Ländern zurück.

Für die unterschiedlichen Länderangaben in italienisch und deutsch dürfen wir uns entschuldigen. Dieser Fehler passierte durch eine Unachtsamkeit bei der Texteingabe durch einen unserer Mitarbeiter. Zwischenzeitlich wurde auch die Anzahl unserer Lieferanten reduziert, und das derzeit für unsere Putenprodukte verwendete Fleisch stammt aus den Ländern Ungarn und Polen. Parallel dazu hat unser Rohstoffeinkauf auch österreichische Lieferanten kontaktiert, um Preise und Verfügbarkeit zu prüfen um auch auf Putenfleisch aus Österreich zugreifen zu können.

Bei dem von Ihnen ebenfalls angesprochenen „Wellness-Schinkenaufschnitt“ wurden im Zuge der letzten Etikettenüberarbeitung die Ursprungsländer ebenfalls im deutschen Text ergänzt. Somit sind bei allen von uns produzierten Putenartikeln die Ursprungsländer des Rohfleisches sowohl in Italienisch als auch in Deutsch auf den Etiketten angeführt.

Der Umstand, dass die Herkunft des Rohstoffes nur im italienischen Teil des Textes zu finden ist beruht darauf, dass wir dieses Produkt auch in Italien vermarkten, und das italienische Kennzeichnungsrecht die Herkunftsangabe vorschreibt. In diesem Zusammenhang dürfen wir jedoch auch anmerken, dass die FLEISCHWAREN BERGER bereits seit 2009 verschiedene Produkte unter dem „AMA-Gütesiegel Fleischwaren“ herstellt, bei denen der Rohstoff Fleisch zu 100% von Tieren stammt, die in Österreich geboren, gemästet, geschlachtet und verarbeitet wurden.

Unabhängig davon hat die FLEISCHWAREN BERGER unter der Marke „Regional/Optimal“ bereits im Jahr 2008 ein Schweinemastprogramm ins Leben gerufen, bei dem es im speziellen um die Vermeidung langer Transportwege, Verzicht auf Futtermittel aus Südamerika und um gentechnikfreie Futtermittel geht. Außerhalb von „BIO“ war das das erste „gentechnikfrei“ produzierte Schweinefleisch in Österreich.

Die FLEISCHWAREN BERGER wird auch künftig alles daran setzen, nach Möglichkeit Rohstoffe aus Österreich einzusetzen und befürwortet in diesem Zusammenhang auch die verpflichtende Herkunftsangabe der Rohstoffe bei Lebensmitteln.“

Fleischwaren Berger
14. März 2012


Wir meinen: Wir sind auch für die verpflichtende Angabe der Herkunft von Rohstoffen. Und gegen das Spiel mit den österreichischen Nationalfarben. Und zwar nicht nur bei Berger, sondern auch bei allen anderen, die ebenso auf der Verpackung etwas versprechen, was der Inhalt nicht erfüllt.

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