Klimaerwärmung: Mehr Vielfalt im Wald - Nachhaltiges Interview

Die Waldfläche in Österreich wächst zwar, die Klimaerwärmung bringt aber große Herausforderungen mit sich. Fichten-Monokulturen werden deutlich zurückgehen, den Mischwäldern gehört die Zukunft.

Bilder: Mark Glassner, F-Kovacs / ÖBf

Wald ist für uns Menschen überlebenswichtig und der beste Klimaschützer: Er steuert den Wasserkreislauf, speichert CO2 und gibt Sauer­stoff ab. Wie ­Österreichs Wälder an den Klimawandel an­gepasst werden, erklärt Norbert Putzgruber, Leiter der Abteilung Waldbau, Naturraum und Nachhaltigkeit bei den Österreichischen Bundesforsten. 

Weltweit werden Wälder immer schneller abgeholzt, die Zerstörung der Amazonas-Regenwälder in Brasilien hat dramatische Ausmaße angenommen. Wie ist die Lage der Wälder in Österreich?
Österreich hat ein sehr strenges Forstgesetz, das besagt: Alles was Wald ist, muss Wald bleiben. Eine Abholzung darf nur für die Nutzung des Holzes erfolgen, danach muss der Wald wieder in Bestand gebracht werden, wie es in der Forstwirtschaft heißt – daher kommt auch der Begriff Nachhaltigkeit. Eine Situation wie in Brasilien, wo ­Urwald für landwirtschaftliche Nutzflächen gerodet wird, wäre in Österreich gar nicht möglich – hierzulande werden die Wald­flächen sogar größer. Zurzeit sind rund 48 Prozent der Fläche Österreichs mit Wäldern bedeckt.

Welche Bedeutung hat der Wald für uns Menschen?
Der Wald ist das beste Beispiel für Biodiversität, wo alles zusammenwirkt – Bäume, Pflanzen und Tiere. Die wahre Vielfalt machen hier Tierarten aus, die man gar nicht sieht: Insekten, Mikroben, Pilze oder Bakterien kommen im Wald in einer unglaub­lichen Vielfalt vor. Diese Vielfalt muss gefördert werden, damit das ganze System, von dem wir ein Teil sind, funktioniert. Die Bundesforste haben z.B. ein Programm zur Förderung der Wildbienen ins Leben gerufen.

Wie wirkt sich der Klimawandel auf unsere Wälder aus?
Steigende Temperaturen und zunehmende Trockenheit machen einzelnen Baumarten zu schaffen. Die Fichte zum Beispiel, Österreichs häufigste Baumart, ist ein sogenannter Flachwurzler; das heißt, ihre Wurzeln reichen nur bis zu einen Meter in den Boden hinein und können daher nicht viel Wasser aufnehmen. Geschwächte Bäume sind leichte Beute für die Borkenkäfer. Besonders im Wald- und Mühlviertel sind ganze Waldbestände durch die Ausbreitung des Käfers gefährdet. Dort hat es in den vergangenen Jahren sehr wenig Regen gegeben. Bis 2050 wird der Anteil der Fichten im Baumbestand der Bundesforste von derzeit rund 60 wohl auf etwa 40 Prozent zurück­gehen. Durch die Klimaerwärmung wird sich insgesamt die Baumgrenze nach oben verschieben.

Wie können Kleinwaldbesitzer ihren Baumbestand pflegen, gibt es Maßnahmen gegen den Borkenkäfer?
Rechtzeitige Waldpflegemaßnahmen sind wichtig, um den Wald gesund zu halten und auch ein gutes Baumwachstum zu erzielen – etwa die Durchforstung: Dabei wird die Stammzahl pro Fläche verringert, um den Zuwachs qualitativ hochwertiger Stämme zu fördern. Zum Thema Borkenkäfer gilt: Laufendes Monitoring im Wald und möglichst rasches Entfernen befallener Bäume sind unerlässlich, um die weitere Verbreitung dieses Waldschädlings einzudämmen. 

So erhalten wir unseren Wald

Welche forstwirtschaftlichen Maßnahmen gibt es, um die Wälder klimafit zu machen?
In Baumschulen werden bis zu 1,8 Millionen Bäume jährlich gesetzt. Ziel ist, den Wald auf natürliche Weise zu verjüngen. Mischwälder und Artenvielfalt haben sich dabei als wesentlich resilienter gegen negative Umwelteinflüsse und Schädlinge erwiesen als Monokulturen.

Welche Bäume findet man in einem österreichischen Mischwald?
Neben Fichten und Tannen werden auch ­andere typisch alpine Baumarten wie etwa Zirbe gepflanzt, aber auch Laubbäume wie Bergahorn, Buche oder spezielle Wildobstbäume (z.B. Speierling, Elsbeere, Wildapfel oder Vogelkirsche). Letztlich hängt die Wahl der Baumarten immer vom jeweiligen Standort ab.

Gibt es Baumarten, die sich besonders gut an die Klima­erwärmung anpassen?
Lärchen und Tannen sind gut gerüstet. Die Tanne kann als Tiefwurzler – sie holt sich Wasser und Nährstoffvorräte aus bis zu 3 Metern Tiefe – besser mit Trockenheit um­gehen. Die Lärche ist aufgrund ihrer herz­förmigen Wurzeln gut gegen Stürme gewappnet. Im niederschlagsärmeren Waldviertel oder im Wienerwald werden auch Dougla­sien ­zunehmen, da sie mit Trockenheit besser ­zurechtkommen. Diese Baumart war bisher vor allem in Nordamerika verbreitet und stellt an geeigneten Standorten eine Alternative dar, da sie schnell wächst und gewaltige Dimensionen erreichen kann. Auch die ­Buche kommt mit Trockenheit gut zurecht. Im Osten Österreichs werden die Eichenbestände ­zunehmen. Für den Wald der Zukunft braucht es jedoch einen langen Atem – Eichen benötigen bis zu 140 Jahre, bis sie groß sind.

Gutes Stichwort: Wurden in den vergangenen Jahrzehnten in der Forstwirtschaft nicht auch Fehler gemacht – wurde zum Beispiel der Fokus zu sehr auf Fichten gelegt, weil sie vergleichsweise schnell wachsen?
Produktionszyklen in der Forstwirtschaft liegen bei 120 Jahren und mehr – das ­bedeutet, dass etwa eine Fichte, die heute von den Bundesforsten geerntet wird, vor mehr als 100 Jahren gepflanzt wurde. ­Damals war der Klimawandel noch kein Thema. (Bei sehr guten Standorten werden Fichten allerdings oft bereits nach ca. 80 Jahren und weniger geerntet, Anm. d. Red.)

Es wurden nicht nur vor 100, ­ sondern auch noch vor 10 oder 20 Jahren ­Fichten in großem Stil in Österreich gepflanzt. Man hätte durchaus ­früher auf die Zeichen der Zeit achten können.
Die Fichte wurde im 20. Jahrhundert wegen ihrer Holzeigenschaften und ihrer wirtschaftlichen Attraktivität vielerorts stark gefördert. Das entsprach dem damaligen Wissensstand der Forstwirtschaft. Wie in allen Branchen werden Strategien und ­Konzepte, Methoden und Mittel über die Jahrzehnte weiterentwickelt.

Werden aufgrund des Klimawandels Waldbrände zunehmen?
Bis vor wenigen Jahrzehnten waren Waldbrände in Österreich kein Thema. Jetzt steigt die Gefahr jedoch aufgrund von ­längeren Hitzeperioden und Dürre. Zur ­Vorbeugung ist die Zusammensetzung der Baumarten wichtig: Aus Buchenlaub etwa entsteht sogenannter Mullhumus, der viel Wasser speichern kann. Fichtennadeln ­dagegen verwittern nicht so schnell und das Wasser fließt oberflächlich ab.

Gibt es auch Maßnahmen, um die Wälder auf Wetterkapriolen im ­Winter vorzubereiten?
Da bei großen Mengen an Schnee Äste ­abbrechen können, sind stabile und große Baumkronen wichtig. Das kann man schon bei der Pflanzung berücksichtigen: Jeder Baum braucht eine bestimmte Menge an Platz, um sich ausbreiten zu können. Jüngere Bäume kann man durch ältere vor Frost schützen. Auch hier gilt: Mischwälder sind auch im Winter resilienter und widerstandsfähiger.

Welche Rolle spielt die Jagd für den Wald?
Wildtiere wie Rehe, Hirsche oder Wildschweine lieben kleine Bäume. Vor allem Tannen und Buchen werden besonders gern verbissen, da ihre Triebe sehr nährstoffreich sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Tannen auf fast der Hälfte aller Flächen nicht höher als 1,30 Meter werden. Um ­Mischwälder zu erhalten, müssen diese ­Wildtiere daher bejagt werden.

Die Jagd hat bei manchen Menschen einen schlechten Ruf ...
... aber man darf nicht vergessen, dass Wildfleisch ein hochwertiges Lebensmittel ist. Wildtiere bewegen sich in freier Natur und merken von ihrem schnellen Tod meist nichts. Da Wölfe, Bären oder Luchse in unseren Breiten als natürliche Jäger fehlen, muss eben der Mensch zum Schutz des Waldes eingreifen.

Welche Rolle spielt der Waldboden?
Der Waldboden bildet die Lebensgrundlage für Bäume, er speichert Wasser und enthält Nährstoffe. Deshalb ist es erforderlich, den Boden gut zu schützen. Er darf keinen ­Schaden nehmen. Dafür braucht es ein ausgeklügeltes System an Forststraßen, die möglichst wenig befahren werden sollten. Denn wenn der Boden zusammengedrückt wird, bekommen die Bäume weniger ­Wasser und Nährstoffe.

Wald in Österreich

Mehr als 80 Prozent des österreichischen Waldes befinden sich in Privatbesitz. Neben vielen Kleinwaldbesitzern mit weniger als 200 ha Fläche gibt es etliche Großwaldbesitzer, u.a. die Kirche und (ehemalige) Adelige. Der Rest der Fläche ist im Eigentum der öffent­lichen Hand. Die Österreichischen Bundesforste sind für 15 Prozent des Waldes zuständig.

Nadelwälder überwiegen mit rund 61 Prozent (Fichte 49 %, Kiefer 5 %, Lärche 4 %, Tanne 3 %); die Fläche der Laubwälder macht 25 Prozent aus (Buche 10 %, Eiche 3 %, sonstiges Hartlaub 8 %, Weichlaub 4 %); der Rest, also 14 Prozent, sind Blößen, Lücken und ­Sträucher.

Fichtenholz wird zu Papier oder Brettern für die Bauwirtschaft verarbeitet. Der größte Abnehmer für Buchenholz ist das Unternehmen Lenzing, das daraus die Faser Lyocell oder Tencel fertigt. Eichenholz wird zu Möbeln und Fässern weiterverarbeitet.

Buchtipp: Zukunft wird mit Mut gemacht

Klimawandel, Umweltzerstörung, Artensterben – zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass wir nicht mehr viel Zeit haben, das Ruder herum­zureißen. Als Grundübel für den Zustand unseres Planeten gilt unser ausbeuterisches Wirtschaftssystem, das weiterhin grenzenloses Wachstum predigt – auf Kosten der Umwelt und von Arbeitskräften in den Herstellerländern.
Leistungs- und Ellbogendenken

Nachhaltiger Konsum und Lebensstil werden nicht ausreichen, um die Welt zu retten. Was also ist zu tun? Dieses Buch will aufrütteln und mobilisieren. Es zeigt auf, was schiefläuft in unserer Gesellschaft, aber auch welche Möglichkeiten es gibt, Teil des dringend notwendigen Wandels zu werden.

Aus dem Inhalt

  • Nackte Tatsachen
  • Nachhaltigkeit ad absurdum geführt
  • Shoppst du noch oder lebst du schon?
  • Schmeckt nicht? Weg damit!
  • Alles im Wandel
  • Alternative Modelle
  • Achtsamkeit oder: eins mit der Natur
  • Die Zukunft beginnt jetzt
  • Helden des Alltags: Lehrer

144 Seiten, 19,90 € + Versand

 

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