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Hochseefischerei - Sklaven für den Fischgenuss

Thailand ist der drittgrößte Fischexporteur der Welt. Die erschreckenden Arbeitsbedingungen auf Trawlern und in Verarbeitungsanlagen sind in den letzten Jahren an die ­Öffentlichkeit gelangt und bringen das Land unter Zugzwang.

Thailand, der drittgrößte Produzent von Meeresprodukten weltweit, versucht seit Jahren, ein EU-Freihandelsabkommen mit Brüssel abzuschließen – als dritter ASEAN-Staat nach Singapur und Vietnam. Doch die Verhandlungen wurden seitens der EU nicht nur auf Eis gelegt, sondern Thailand drohen wegen massiver Menschenrechtsverletzungen sogar internationale Sanktionen.

Aufgedeckt von US-Reporterinnen

2013 tauchten erstmals Berichte über erschreckende Zustände auf thailändischen und indonesischen Trawlern (das sind Schiffe für die Hochseefischerei) in internationalen Medien auf – von Ausbeutung und Sklaverei war die Rede.

Im April 2016 gewann ein Reporterinnenteam der US-Nachrichtenagentur Associated Press (AP), das in einer umfangreichen Reportage Sklavenarbeit in der Fischindustrie aufdeckte, den Pulitzer Preis für herausragenden Journalismus. Ausgezeichnet wurden vier Journalistinnen, die mit ihren Recherchen die Gefangenschaft für über 2.000 Menschen beendeten. Ein Dutzend Verdächtige wurden danach fest­genommen, Schiffsladungen im Wert von Millionen Dollar beschlagnahmt.

Eingesperrt und verprügelt

Über 18 Monate hatten die Journalistinnen für die Reportage "Seafood from Slaves" ­recherchiert. Die Arbeiter – Männer aus ­Burma, Kambodscha, Laos und Thailand – berichteten, wie sie in die Sklaverei gelockt, eingesperrt und mit Prügeln zur Arbeit gezwungen worden waren. Viele hatten ihre Familien seit Jahren nicht gesehen. Mithilfe von Satelliten verfolgten die Reporterinnen die Wege der Ware und deckten so die Verbindungen zu amerikanischen Einzelhandelsketten wie Walmart sowie einigen bekannten Restaurants auf. Die Recherchen führten auch zu Razzien in thailändischen Anlagen, in denen Zwangsarbeiter, darunter Jugend­liche, Garnelen schälen mussten.

Strafrechtliche Ermittlungen

Die Regierung Indonesiens leitete bald nach Veröffentlichung der AP-Berichte strafrechtliche Ermittlungen ein. Nach Protesten der Europäischen Union gegen die Arbeitsbedingungen in der thailändischen Fischindustrie nahm auch die dortige Polizei mehr als hundert Menschen fest. Die EU drohte mit einem Importstopp.

Bild: EJF / WWF

Die Arbeit auf thailändischen Trawlern ist hart, auch wenn die Arbeitskräfte nicht versklavt sind.

17 bis 24 Stunden Arbeit

Gewalt, finanzielle Einbußen

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) übte bereits 2013 massive Kritik an der ­thailändischen Fischindustrie. Es gebe "ernsthafte Vergehen" wie Zwangsarbeit und ­Gewalt, erklärte die Organisation. Eine Befragung von fast 600 Beschäftigten hatte er­geben, dass rund 17 Prozent der überwiegend illegal angestellten Fischer aus Burma und Kambodscha unter Androhung von Gewalt, finanziellen Einbußen und Denunziation arbeiteten.

17 bis 24 Stunden Arbeit

Die breite Mehrheit der Arbeiter ­habe einen "irregulären Status" und könne daher leichter ausgebeutet werden, sagte Max Tunon von der ILO in einem Interview mit dem "Handelsblatt". Rund zehn Prozent der Beschäftigten würden während der Arbeit geschlagen, mehr als ein Viertel von ihnen habe angegeben, zwischen 17 und 24 Stunden arbeiten oder in Rufbereitschaft sein zu müssen. Unter den Befragten waren auch ­sieben Kinder unter 15 Jahren und 26 Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren.

Nur langsam Verbesserungen

Und wie sieht die Situation heute aus? "Noch funktioniert nicht alles zu hundert Prozent", sagte der Chef der Fischereiabteilung im thailändischen Landwirtschaftsministerium, Adisorn Promthep, kürzlich gegenüber der Nachrichtenagentur AFP etwas euphemis­tisch. Er forderte mehr Zeit für die Umsetzung der von der EU geforderten Reform. Die EU-Kommission hatte im April 2015 mit Sanktionen gedroht, sollte es in der thailändi­schen Fischindustrie keine Reformen geben.

Überprüfung der Lieferkette

Der WWF arbeitet mit Organisationen wie der Environmental Justice Foundation zusammen, um die Arbeitsbedingungen in Thailand zu verbessern. Freilich sei die ­Überprüfung auf hoher See ein schwieriges Unterfangen, so der WWF. Es geht aber auch um nachgelagerte Stufen in der Lieferkette. "Wir kooperieren auch hier mit Unternehmen, um Standards zu schaffen, die Missstände ausschließen sollen", erklärt Axel Hein, ­Corporate Relations Manager Seafood beim WWF. Großbritannien sei hier Vorreiter: "2015 wurde der ,Modern Slavery Act‘ verabschiedet, der Unternehmen ab einer gewissen Größe dazu verpflichtet, Sklaverei oder ähnliche Zustände entlang der Lieferkette auszuschließen", so Hein.

Gütesiegel, Klagen, Entschädigungen

Auf Gütesiegel achten

Für den WWF macht es durchaus Sinn, auf Gütesiegel wie jenes des MSC (Marine Stewardship Council) zu achten. Schon ­alleine durch die Lieferketten-Zertifizierung könnten die Produkte bis zum Fangschiff rückverfolgt werden und somit sei die Wahrscheinlichkeit von Missständen geringer (Hein). Darüber hinaus widme sich der MSC dem Thema Arbeitsbedingungen jetzt verstärkt.

Laut einer MSC-Presseaussendung von Juli 2016 hat sich die Zertifizierungs­organisation das Ziel gesetzt, arbeitsrecht­liche Anforderungen schrittweise in ihre Richtlinien zu übernehmen; im Jahr 2020 sollen die neuen Anforderungen schließlich auch Teil des MSC-Fischereistandards sein.

Entschädigung zugesagt

Der internationale Druck beginnt, Wirkung zu zeigen: Eine thailändische Thunfischfabrik kündigte zu Beginn dieses Jahres angesichts drohender internationaler Sanktionen eine Entschädigung für mehr als tausend Arbeiter an. Das Unternehmen Golden Prize Tuna Canning nannte eine Summe von rund 48 Millionen Baht (1,2 Millionen Euro), die ausgezahlt werden sollte. Ob das auch tatsächlich passiert ist, dafür gibt es allerdings noch keine Bestätigung.

Wie Unternehmen reagieren

Im vergangenen November gab der Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé zu, dass zahlreiche Arbeiter seiner Fischlieferanten in Thailand unter sklavereiähnlichen Bedin­­g­ungen schuften müssen, nachdem das Unternehmen von US-Behörden wegen Beihilfe zur Sklaverei angezeigt worden war. Nestlé gab daraufhin eine Untersuchung der Arbeitsbedingungen durch die Nicht­regierungs­organisation Verité in Auftrag. Der Bericht von Verité enthüllte gravierende Missstände wie Zwangsarbeit und Menschenhandel.

"Nestlé verpflichtet sich dazu, Zwangsarbeit in seiner Fisch-Lieferkette in Thailand zu eliminieren und mit anderen Akteuren dieses ernste und komplexe Thema anzugehen", sagte Magdi Batato, stellvertretender Generaldirektor von Nestlé, damals und legte ­einen Aktionsplan vor.

US-Klagen gegen Großhändler

Der Bericht von Verité zeigte aber auch, dass Nestlé bei Weitem nicht der einzige involvierte Konzern ist. Viele Firmenketten und Unternehmen beziehen ihre Meeresfrüchte von thailändischen Lieferanten, die wiede­rum in Zwangsarbeit und Menschenhandel verwickelt sind. In den USA laufen in diesem Zusammenhang gleich mehrere Klagen gegen große Lebensmittelhändler, die Meeresfrüchte aus Thailand importieren.

Zusammenfassung

  • Moderne Sklaverei. Vor allem auf thailändischen Trawlern herrschen unvorstellbare Arbeitsbedingungen. Männer aus den bitterarmen Nachbarstaaten werden in die Sklaverei gelockt und ­jahrelang gefangen gehalten.
  • Druck zeigt Wirkung. Die Missstände sind an die Öffentlichkeit gelangt. Die EU droht Sanktionen an; der internationale Druck zeigt Wirkung, wenn auch langsam.
  • Auf MSC achten. Was kann der Konsument tun, will er als Käufer von Seefisch Sklaverei nicht unterstützen? Das MSC-Siegel hat zwar vor allem die Zielsetzung, Überfischung zu vermeiden und das Meeres-Ökosystem zu erhalten, arbeitsrechtliche Kriterien werden erst ausge­arbeitet. Dennoch bietet das Gütesiegel schon heute eine höhere Sicherheit, dass beim Fischfang auch soziale Mindeststandards eingehalten werden.

Reaktionen

Was österreichische Lebensmittelkonzerne dazu sagen

Rewe und Spar lassen sich von ihren Lieferanten bestätigen, dass es zu keiner Ausbeutung kommt. Hofer zeigt sich hier etwas engagierter.

Rewe: "Unsere Lieferanten haben uns auf Nachfrage bestätigt, dass sie nicht mit Unternehmen bzw. Produzenten zusammenarbeiten, die Menschenrechte missachten."

Spar: "Wir arbeiten grundsätzlich nur mit vertrauenswürdigen Lieferanten zusammen, haben aber trotzdem alle unsere Lieferanten kontaktiert und eine schriftliche Stellungnahme einge­fordert – und auch erhalten."

Hofer: "Um dem Problem von Sklavenarbeit in der thailändischen Fischindustrie entgegen zu wirken, ist Hofer gemeinsam mit der Unternehmensgruppe ALDI SÜD dem sogenannten South East Asia Reduction Fisheries Supplier Roundtable beigetreten. Dabei arbeiten zahlreiche ­ Akteure der Lieferkette – koordiniert durch die NGO 'Sustainable Fisheries Partnership' – daran, die Fischereipraktiken in der Lieferkette von Fischmehl für südostasiatische Aquakulturen zu verbessern."

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