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Angst vor Krankheit - Krank vor Sorge?

Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Das betrifft auch mögliche Gesundheitsgefahren.

Die Katastrophe liegt noch nicht lange zurück, nur etwas mehr als ein durchschnittliches Menschenalter: Vor hundert Jahren wütete auch bei uns die sogenannte Spanische Grippe, der weltweit viele Millionen Menschen erlagen.

Manche Forscher sprechen von 20 Millionen, andere von 100 Millionen Toten, genau weiß es niemand. Nie zuvor hatte eine Infektionskrankheit in so kurzer Zeit so viele Menschen um ihr Leben gebracht. Vor der Spanischen Grippe waren Pest und Cholera die großen Menschenkiller gewesen. An der Pest, dem Schwarzen Tod, starb im 14. Jahrhundert immerhin rund ein Drittel der europäischen Bevölkerung.

Es geht uns gut

Vor diesem Hintergrund lässt sich konstatieren, dass es uns heute gut geht, ja verdammt gut, jedenfalls in der westlichen Welt. Nie zuvor war unser Wohlstand so groß, unsere Lebenserwartung so hoch, die Kindersterblichkeit so niedrig. Wie ist der zivilisatorische Fortschritt zu erklären? Als wesentliche Faktoren gelten verbesserte Hygiene, gesündere Ernährung und modernere medizinische Versorgung. Das alles führt dazu, dass insbesondere Infektionen zurückgedrängt wurden, die noch bis vor 200 Jahren die häufigste Todesursache darstellten.

Wir sind aktiv

Gerade in jüngerer Zeit ist ein weiterer Grund hinzugekommen: Wir tun etwas für unsere Gesundheit, wir sind aktiv. Die Fitness-Studios boomen. Wir machen Bewegung, um in Form zu bleiben und den Ausbruch von Krankheiten hintanzuhalten. Der Fachbegriff dafür lautet: Prävention.

Körperliche Ertüchtigung dient sowohl unserem physischen wie auch dem psychischen Wohlbefinden. Trübes Gemüt und ein Leben voller Schwung? Nein, das passt nicht zusammen. Vielmehr sind körperlich träge Menschen oft traurig – und traurige Menschen oft träge. Dasselbe gilt für Ängstlichkeit. Körperlich träge Menschen sind oft ängstlich – und ängstliche oft träge.


Bisher erschienen:

 

Selbstoptimierung, Neue Erkenntnisse

Selbstoptimierung

Sportliche Betätigung bewährt sich als eine Art Jungbrunnen, als ein relativ einfacher, billiger und nebenwirkungsarmer Weg zu Wohlbefinden. Wie bei so manchem im Leben kann man es allerdings auch auf diesem Gebiet übertreiben. Wenn sich alles nur noch um die eigene Fitness dreht, die eigene Gesundheit zum ultimativen Lebensziel erklärt wird, verkehrt sich eine im Grunde gute Sache ins Gegenteil. Sich unter ständige Selbstbeobachtung zu stellen – dieser Trend ist zu einem kulturellen Phänomen unserer Zeit geworden.

Heute prahlt man nicht mehr mit teuren Uhren oder schnellen Autos, sondern mit einem fitten Körper. Unsere Vorfahren kannten noch existenzielle Probleme. Wir dagegen haben genug zu essen und ein Dach über dem Kopf. Somit hätten wir allen Grund, zufrieden zu sein. Wir sind es aber nicht. Uns plagen "Luxusprobleme" – Fettpölsterchen, Falten und Ähnliches werden zur vermeintlichen Bedrohung.

Wehwehchen

Wer verbissen an seiner Gesundheit arbeitet und in einem fort in sich hineinhorcht, wird garantiert fündig. Hier ein Zwicken, dort ein Zwacken – dahin ist alle Unbeschwertheit und damit gerade das, was Gesundheit ausmacht. Je besser es uns objektiv geht, sagt der amerikanische Psychiater Arthur Barsky, desto schlechter fühlen wir uns.

Mit anderen Worten: Nicht, weil es uns schlecht geht, ängstigen wir uns um unsere Gesundheit. Im Gegenteil: Wir ängstigen uns, weil es uns so gut geht. Einst galt man als gesund, wenn man keine Krankheitssymptome, keine Leiden oder Behinderungen hatte. Heute lautet das Motto: Sei wachsam! Schließlich kann man sich gesund fühlen und trotzdem krank sein. Der gesundheitsbewusste Bürger von heute geht regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung. Es klingt ja auch überzeugend: Je früher eine Erkrankung erkannt wird, desto besser ist sie zu behandeln. Einige Untersuchungen sind allerdings umstritten, weil sie zu falsch-positiven oder falsch-negativen Ergebnissen führen können.

Neue Erkenntnisse

Gesundheitstipps und Empfehlungen werden immer wieder revidiert, wenn nicht gar in ihr Gegenteil verkehrt, was mitunter für Verwirrung, Unsicherheit und Angst sorgt. So hieß es lange Zeit: Meide cholesterinhaltige Nahrung! Nun wollen Experten draufgekommen sein, dass das Cholesterin im Essen gar nichts mit dem in unserem Blut zu tun hat. Das Frühstücksei ist also wieder erlaubt.

Und so mancher Zeitgenosse trauert entgangener Lebensfreude nach: Warum nur habe ich mir all die Jahre die fürchterliche Margarine aufs Brot geschmiert, ich hätte ja bei meiner geliebten Butter bleiben können! Internationale Leitlinien empfahlen Erwachsenen zwischen 18 und 64 Jahren bisher, sich pro Woche mindestens 150 Minuten lang zu bewegen.

Neue Forschungen kommen zu dem Ergebnis: 75 Minuten pro Woche reichen auch schon. Ebenso wurde lange Zeit ein nach dem Body-Mass-Index errechnetes "Idealgewicht" propagiert. Doch mittlerweile heißt es, dass Menschen mit leichtem Übergewicht seltener krank werden und länger leben als jene mit "Idealgewicht".

Nocebo-Effekt, Gesundheit ist gleich Glück?

Der Nocebo-Effekt

Sein großer Bruder, der Placebo-Effekt, ist weithin bekannt. Placebo kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie "Ich werde gefallen". Ein Mittel wirkt, obwohl es keine Wirksubstanz enthält – besagter Effekt stellt sich ein. Das lässt sich mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht erklären. Wahrscheinlich geben Suggestivkräfte den Ausschlag. In jedem Fall is dieser Effekt anerkannt, selbst bei gestrengen Schulmedizinern.

Nocebo bedeutet so viel wie "Ich werde schaden". Wieder kommt es zum gleichen Prozedere, nur in umgekehrter Richtung: Ich bin fest davon überzeugt, dass mir etwas schadet – und genau das trifft dann ein. Auch hier vermag der Glaube Berge zu versetzen.

Dieser Noceboeffekt, sagen Fachleute, kann der Grund für die in letzter Zeit stark angestiegene Zahl einiger Unpässlichkeiten und Krankheiten sein, etwa der Glutenunverträglichkeit. Überall ist zu hören und zu lesen, Gluten, ein Bestandteil des Weizens, sei schädlich. Da wird so mancher hellhörig – sind die eigenen Beschwerden vielleicht auch auf dieses "Gift" zurückzuführen? Wie wir gesehen haben, kann man sich Krankheiten quasi selbst einreden und einhandeln. Es ist jedenfalls recht unwahrscheinlich, dass es binnen kürzester Zeit zu einer physiologischen Veränderung im Körper zahlloser Menschen gekommen ist. Also: Mit Bedacht seine Nahrung auszuwählen ist gut. Doch bei jedem Bissen ausschließlich mögliche Gesundheitsrisiken im Blick zu haben ist des Guten zu viel.

Gesundheit ist gleich Glück?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als einen "Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens". Einerseits ist diese weite Begriffsfassung zu begrüßen, denn sie reicht über ein bloßes Funktionieren des Körpers hinaus. Andererseits propagiert sie einen Idealzustand, der (wenn überhaupt) im wirklichen Leben höchstens zeitweilig zu erreichen ist. Sie setzt nämlich Gesundheit mehr oder weniger mit Glück gleich – und das gibt es nur ab und zu, nicht dauerhaft.

Provoziert die WHO damit ein Anspruchsdenken, das unweigerlich zu Enttäuschungen führt? Schließlich besteht das Leben nicht bloß aus Schaumbädern und Seligkeit. Und trotz aller Fortschritte der Medizin: Alles und jedes wird sie niemals kurieren können.

Natürliche Wechselfälle des Lebens

Wir sollten Phasen des Unwohlseins, der Unpässlichkeit, der Krankheit nicht fürchten, vielmehr als natürliche Wechselfälle des Lebens akzeptieren. So nehmen wir ihnen zugleich ihren Schrecken. Das propagiert der in Freiburg lehrende Mediziner und Theologe Giovanni Maio: "Gesund ist nicht, wer keine Beeinträchtigung hat, sondern, wer es lernt, einen kreativen Umgang mit seiner eigenen Begrenztheit und seiner grundsätzlichen Versehrbarkeit zu finden."

Maios Appell kann man so zusammenfassen: Findet zu mehr Gelassenheit! Macht nicht überall Gefahren aus! Nehmt euch selbst nicht so wichtig! Macht euch frei von euren Luxusproblemen! Möglicherweise ist uns schon sehr geholfen, wenn wir darangehen, nicht nur auf uns zu schauen, sondern auch auf andere.

Buchtipp: "Phänomen Angst"

Dieses Buch gibt Anregungen und Antworten in der Auseinandersetzung mit dem Phänomen Angst. Und es leistet Hilfestellung für alle Betroffenen. Es informiert über professionelle Hilfsangebote und darüber, was man für sich selbst tun kann, um den eigenen Ängsten entgegenzutreten.

Leseprobe und Buch finden sie in unserem Shop.

Aus dem Inhalt

  • Wovor fürchten sich Herr und Frau Österreicher?
  • Was macht das Wesen der Angst aus?
  • Welche Ängste begleiten uns durch das Leben?
  • Wer betreibt das Geschäft mit der Angst?
  • Warum schlägt sich Angst manchmal auf den Magen?
  • Warum kann die Angst vor Krankheit tatsächlich krank machen?
  • Wo verläuft die Grenze zwischen „normaler“ und „krankhafter“ Angst?
  • Welche Ursachen können zu einer Angststörung führen und wie kann eine Angststörung diagnostiziert werden?

256 Seiten, 19,90 € + Versand

 

 

Leserreaktionen

Übertrieben?

Nachdem die Firma Spar in der Werbung angekündigt hatte, dass man bei der Wurst/Käse- und Frischfleischtheke auch (wieder) sein mitgebrachtes und wiederverwendbares Verpackungsgefäß verwenden kann, habe ich diese Möglichkeit nun in Anspruch genommen. Sehr zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass die Dame an der Theke mein mit Viren und Bakterien aller Art verseuchtes Plastikgefäß nicht berühren durfte (ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, da ich es auf der Glasvitrine abstellte und so den gesamten Bereich kontaminierte) und mir, nachdem der Schinken umständlich über die Theke vom Verpackungspapier (das danach entsorgt wird!) ins Tuppergefäß gehoben wurde, extra noch ein Verpackungssackerl mit dem aufgeklebten Preispickerl dazu reichte.

Unsere hygienischen Errungenschaften in Ehren, aber es scheint mir, dass uns die Angst vor Hygienemangel (siehe dazu den hervorragenden Artikel Angst vor Krankheit - Krank vor Sorge?) noch umbringen wird. Des Weiteren möchte ich meine Missbilligung sämtlicher Pickerln auf Obst und Gemüse zum Ausdruck bringen, die den Konsumenten auf besondere Qualitäten aufmerksam machen sollten. Das Pickerl landet im Müll, der Klebstoff im Magen! Wie wäre es mit einer Kampagne?

Gregor Fauland
E-Mail
(aus KONSUMENT 3/2020)

Was meinen andere Leserinnen und Leser dazu?

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