Alzheimer: Lachen ist erlaubt - Kommunikation ist mehr als nur Sprache

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Kommunikation ist mehr als Sprache, ist außerdem Augenkontakt, Gestik, Berührung. Das gilt auch und vor allem im Umgang mit Menschen mit Demenz.

Bild: De-Visu / Shutterstock.com

Die Mutter ist unruhig, sagt, sie wolle nach Hause gehen. Aber dies hier sei doch ihr Zuhause, betonen wir. Immer wieder die gleichen Fragen, immer wieder die gleichen Antworten. Sie fragt nach ihrem Mann, wo der denn bleibe. Vater sei doch schon vor zehn Jahren gestorben, antworten wir, wie oft wir es ihr noch sagen müssten. Sie sucht ihre Brille. Die liege doch da, vor ihren ­Augen, auf dem Kästchen, wo sie sie gerade vorhin abgelegt habe.

Herausforderung für die ganze Familie

So geht es jeden Tag. Immer das gleiche Ritual. Geradewegs zum Verzweifeln ist es, und zwar für beide Seiten. Die Mutter weiß weder aus noch ein, und wir wissen nicht, wie wir ihr helfen sollen. Die Mutter ist ­dement, und wir sind latent dem Nerven­zusammenbruch nahe.

Demenz (häufigste Form: Alzheimer-Demenz) äußert sich im Nachlassen der kognitiven Fähigkeiten – die betroffene Person verliert ihre Erinnerungsfähigkeit, ihre Sprache, ihr Denkvermögen. Im wahrsten Sinne in Mitleidenschaft gezogen wird dabei das soziale Umfeld, so stark wie bei kaum einer anderen Krankheit. Es ändert sich nicht nur das Leben des erkrankten Menschen, es ­ändert sich auch das der Kinder, Verwandten, Freunde. Fortan ist für diese Menschen ­vieles nicht mehr so, wie es war.

Mal langsamer, mal schneller 

Ein Kennzeichen der Demenzerkrankung ist, dass sie keinem linearen, vorhersagbaren, regelhaften Ablauf folgt. Das Schwinden der kognitiven Kräfte erfolgt mal langsamer, mal schneller. Zwischendurch kann es auch immer wieder lichte Momente geben. So ist jeder Krankheitsverlauf anders, ganz ­individuell. Daher lassen sich auch kaum all­gemeine Empfehlungen geben.

Wenn man das Wort nicht findet

Wortfindungsschwierigkeiten kennt wohl jeder von uns. Man ringt nach einem Wort, aber es will einem partout nicht einfallen. Angestrengt denkt man nach, doch gerade das scheint die falsche Strategie zu sein. Später, in einem ruhigen Moment, als man schon gar nicht mehr an das gesuchte Wort denkt, ist es plötzlich wieder da, aufgetaucht wie aus dem Nichts, und man wundert sich, dass es einem überhaupt entfallen konnte. Es lag einem ja auch buchstäblich auf der Zunge, nur der Zugriff klappte nicht. Psychologen umschreiben dieses Phänomen mit dem Fachterminus "feeling of knowing" – man weiß, dass man etwas weiß, nur kommt man im Moment nicht darauf.

Die Kommunikation neu ausrichten

Wortfindungsschwierigkeiten sind also nicht unbedingt ein Krankheitszeichen, können es jedoch sein. Mit ihnen kann sich der Beginn einer demenziellen Erkrankung ankündigen. Sobald ein Mensch nur noch unzusammenhängend redet, sich an vieles nicht mehr erinnern kann, sollte unbedingt eine Abklärung vorgenommen werden.

Und wenn dieser Mensch damit beginnt, immer wieder wie scheinbar aus heiterem Himmel zu schreien, ohne ersichtlichen Grund, ­spätestens dann scheint klar zu sein, dass bei ihm eine Form der Demenz vorliegt.

­Erfolgt die Bestätigung durch eine medizi­nische Untersuchung, so haben wir, das Umfeld dieser Person, unser Verhalten ihr gegenüber neu auszurichten. Das betrifft auch und vor allem die Kommunikation.

Kein Maßregeln, Rücksicht, nonverbale Kommunikation

Klar sprechen, kein Maßregeln 

Klar und deutlich sprechen, möglichst in einfachen Sätzen, Namen statt Pronomen verwenden, dem Gegenüber während des Gesprächs in die Augen schauen – so lauten einige Empfehlungen, die vor allem für die Frühphase der Erkrankung gelten, für die Zeit, wenn ein gegenseitiger Austausch auf Augenhöhe mehr oder weniger noch möglich ist. Außerdem solle vermieden werden, den kranken Menschen zu maßregeln, vor allem in dem Sinne, ihn ins Hier und Jetzt, in die sogenannte Realität zurückholen zu wollen.

Einerseits, weil das ohnehin ein hoffnungsloses Unterfangen sei; andererseits, weil das nur seine Unruhe und latente Aggressivität steigere. So jedenfalls die Überzeugung der Vertreter der sogenannten Validation, einer Kommunikationsform mit Demenzkranken, die von der Krankenpflegerin Naomi Feil, 1932 in Deutschland geboren und später in die USA ausgewandert, begründet wurde. Kernpunkt dieses Konzepts: die innere Welt des Kranken ­anerkennen und sich darauf einlassen.

Schwindeln, oder der Frage ausweichen?

Die Mutter also anflunkern und ihr nicht ­sagen, dass ihr Mann schon vor zehn Jahren gestorben ist? Darf, soll man die Unwahrheit sagen? Das ist auch eine ethische Frage, auf die es unterschiedliche Antworten gibt.

Nein, man dürfe nicht lügen, sagen die ­einen. Schon aus Respekt gegenüber der anderen Person müsse man bei der Wahrheit bleiben. Andere sind nicht so strikt. Sie betonen, nun käme es vor allem darauf an, rücksichtsvoll zu handeln. Wenn der Patient sich nicht mehr der Umwelt anpassen könne, bleibe nur eine Lösung: dass die Umwelt sich dem Patienten anpasse. Es gibt noch einen weiteren Weg, eine Art Kompromiss: in einer heiklen Situation möglichst versuchen, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, auf ein unverdächtiges Thema.

Auf die neuen Fertigkeiten Rücksicht nehmen

Festzuhalten gilt in jedem Fall: Sich mit der erkrankten Person weiter so zu unterhalten, wie man es ein Leben lang gewohnt war, das ist in etwa genauso sinnvoll, wie einem einjährigen Kind den Satz von Pythagoras erklären zu wollen. Das eine führt wie das andere ins Leere, in beiden Fällen wird keine Rücksicht auf die Fertigkeiten und Fähig­keiten des Gegenübers genommen.

Berührung, Augenkontakt, gemeinsames Erlebnis

"Man kann nicht nicht kommunizieren", lautet ein berühmtes Wort des in Villach geborenen und in den USA gestorbenen Psychotherapeuten und Philosophen Paul Watzlawick (1921 – 2007). Weiters betonte er, dass Kommunikation weit mehr sei, als nur miteinander zu sprechen. Sie umfasse auch den Augenkontakt, die Berührung, die Gestik, das gemeinsame Erlebnis. Um mit Watzlawicks Worten zu sprechen: ­Kommunikation hat immer auch einen ­"Beziehungsaspekt", und der ist generell stärker als der "Inhaltsaspekt". 

Gefühlswelt bleibt intakt, Brücken bauen

Brücken bauen 

Wo gibt es Berührungspunkte mit dem ­Gegenüber? Das ist die entscheidende ­Frage auch im Umgang mit Menschen mit Demenz. Wie kann eine Verbindung her­gestellt werden? Demenz greift das Kurzzeitgedächtnis an, weniger das Langzeit­gedächtnis. Sich gemeinsam alte Fotos aus dem Familienalbum anschauen; Lieder, die einmal eine große Rolle im Leben des erkrankten Menschen gespielt haben, ­hervorkramen (wahlweise mit ihm auch ­singen); sein Lieblingsessen auftischen – das sind Wege, um Gemeinsamkeit zu stiften, Kontakt herzustellen, eine Brücke zu bauen, Kommunikation gelingen zu lassen.

Gefühlswelt bleibt meist intakt

Wenn beim Menschen mit Demenz auch die Sprache versiege, sagt Prof. Dr. Peter Dal-Bianco, Präsident der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft und Koautor unseres Buches "Alzheimer", so bleibe seine Gefühlswelt doch in der Regel intakt. Dieser Mensch registriere genau, wie sein Gegenüber ihm begegne, ob mit Unruhe oder ­Gelassenheit, mit Interesse oder Desinteresse, mit Zuneigung oder Kälte. Es komme nicht so sehr darauf an, was man sage, ­vielmehr darauf, wie man es sage, mit ­welchem Impuls.

Weniger Worte, mehr Blicke und Gesten

In einem späteren Stadium der Demenz­erkrankung ist ein Austausch kaum noch über Worte möglich. Da zählen vielmehr Blicke, Gesten. Einfühlungsvermögen ist gefragt. Warum schreit die kranke Person? Weil sie Schmerzen hat? Weil sie nach etwas Bestimmtem verlangt? Weil sie von Erinnerungen geplagt wird? Je besser man den anderen Menschen kennt, umso besser kann man die Ursache erahnen.

Der Mensch mit Demenz regrediert, er entwickelt sich zurück. Nicht, dass wir ihn mit einem Kleinkind vergleichen wollten, denn das hieße, seine gelebten Jahre zu ignorieren, seine Lebenserfahrung außer Acht zu lassen. Und doch kann es im Umgang mit diesem Menschen helfen, sich vor Augen zu halten, wie wir mit einem Kleinkind kommunizieren.

Gemeinsam Lachen

Da lassen wir uns auch auf ­dessen Welt ein, übernehmen dessen Lall­laute, machen es nach, vermitteln viel über Gestik und Mimik, lächeln es an. Überhaupt gibt es da immer viel zu lachen. Wohl­gemerkt: Wir lachen den anderen nicht aus, wir machen uns nicht über ihn lustig, wir haben vielmehr gemeinsam unseren Spaß.

Schön, wenn wir etwas von dieser Unbeschwertheit auch gegenüber dem Menschen mit Demenz an den Tag zu legen vermögen. Er erkennt uns nicht. Er sagt "Klaus" zu uns. Er verwechselt uns. Das ist tieftraurig, ­einerseits. Andererseits auch komisch. ­Warum nicht darüber lachen? Das ist erlaubt! Wunderbar, wenn dann auch noch der Mensch mit Demenz in das Lachen mit einstimmt.

Buchtipp: "Alzheimer"

Jede Zeit hat ihre Krankheit. Heute ist das sicherlich Alzheimer - das schleichende Vergessen. Vor keiner Erkrankung haben die Menschen mehr Angst. Wir klären über diese und andere Formen von Demenz auf. Wir liefern Hintergründe und Tipps, lassen Experten und Betroffene zu Wort kommen und erinnern daran, dass auch ein Mensch mit Alzheimer durchaus glücklich sein kann.

www.konsument.at/alzheimer

Aus dem Inhalt

  • Verlauf einer Alzheimererkrankung 
  • Therapiemöglichkeiten 
  • Betreuung und Pflege 
  • Rechte der Betroffenen 
  • Hilfe und finanzielle Unterstützung

Zweite, überarbeitete Auflage 2017;  240 Seiten, 19,60 € + Versand

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