Alzheimer: Dem Schicksal trotzen - Neue Studie macht Hoffnung

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Die sogenannte FINGER-Studie aus Finnland macht Hoffnung: Mit einem Mix aus gesunder Ernährung, Bewegung und Gedächtnistraining sowie sozialer Interaktion lässt sich der Krankheitsausbruch offenbar hinauszögern.

Bild: Ruslan-Guzov / Shutterstock.com

Flüchtlinge, Ibiza, Klimakrise – eben noch heiß diskutiert, ist es um diese Themen schlagartig still geworden. Denn jetzt geht es nur noch um Corona. Zu den vielen ­Ungewissheiten rund um diese Pandemie gehört die Frage, wie lange dieses Virus uns wohl noch beschäftigen wird.

Angst vor dem Vergessen

Ewig jedenfalls nicht, so viel kann jetzt schon gesagt werden. Irgendwann werden Ermüdung und Überdruss eintreten; und spätestens, wenn dagegen ein Impfstoff gefunden ist, wird es zur Beruhigung kommen. Ein generelles Ende der Angst wird das allerdings nicht bedeuten, vielmehr werden andere Ängste sich dann wieder in den Vordergrund drängen; nicht zuletzt diese eine: die Angst vor dem Vergessen.

Warum jagt es gerade älteren Menschen ­einen solchen Schrecken ein, wenn ihnen der Name eines guten Bekannten partout nicht einfallen will? Oder sie sich nicht ­daran erinnern können, wo sie den Autoschlüssel am Vortag hingelegt haben? Gedächtnis­aussetzer dieser Art werden ­sogleich als Vorboten einer Demenzerkrankung gedeutet.

Nicht jeden Gedächtnis­aussetzer überbewerten

Heute, sagen sich die Betroffenen, weiß ich nicht, wo mein Autoschlüssel liegt; in fünf, zehn Jahren weiß ich womöglich nicht mehr, was ich gerne esse und welcher mein Lieblingsfußballverein ist. Sie fürchten nicht weniger, als sich selbst ein Fremder zu ­werden – unser Gedächtnis brauchen wir nicht nur dazu, uns einen Termin zu merken, sondern auch zum Reden, Gehen, Riechen, Träumen, Pläneschmieden.

Nun, genauso wenig, wie ein Kratzen im Hals eine Covid-19-Erkrankung bedeuten muss, weist eine Erinnerungslücke zwingend auf eine Demenzerkrankung hin. Der Grund für das Vergessen kann auch einfach in zu viel Stress oder in geringer Aufmerksamkeit und Konzentration im Rahmen einer leichten Depression liegen. 

Risikofaktor Alter

Risikofaktor Alter

Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko, an Demenz zu erkranken. Das ist eine der wenigen Gewissheiten, die wir über diese Erkrankung haben. Von den Sechzigjährigen ist 1 Prozent betroffen, von den Siebzigjährigen sind es 10 Prozent und von den Achtzigjährigen 30 Prozent. Angesichts dieser Zahlen könnte man sogar eher von Schicksal als von Krankheit reden, von einer bestimmten Variante des Lebens im hohen Alter.

Bleibt uns also nicht viel anderes übrig, als den Dingen ihren Lauf zu lassen und uns in unser Schicksal zu fügen? Nein, sagt Prof. Dr. Peter Dal-Bianco, Präsident der Österreichischen Alzheimer-Gesellschaft und Co-Autor unseres .

Ausbruch hinausschieben

Ganz so fatalistisch müssten wir die Sache nicht sehen. Unser Schicksal hätten wir zumindest zu einem Teil selbst in der Hand. Seinen Optimismus stützt Dal-Bianco auch auf die sogenannte FINGER-Studie aus Finnland. In einem Zwischenergebnis zeigt sie, dass die Studienteilnehmer (im Alter zwischen 66 und 70 Jahren) mit Anzeichen einer beginnenden Demenz den symptomatischen Ausbruch dieser Erkrankung erfolgreich hinausschieben konnten, wenn sie sich einem Mix aus gesunder Ernährung, Bewegung, Gedächtnistraining und sozialer Interaktion unterzogen, was für einige von ihnen bedeutete, ihren Lebensstil radikal umzustellen.

Ernährung und Bewegung

Was dem Herzen gut tut, tut auch dem Hirn gut. Diese Weisheit scheint sich durch die 2015 mit rund 1.200 Studienteilnehmern ­gestartete Untersuchung einmal mehr zu bestätigen. Ebenso, dass offensichtlich alles miteinander zusammenhängt. Der Mensch ist nicht nur Hirn, sondern auch Körper. Gedächtnistraining allein reicht offenbar nicht aus, um den Kopf fit zu halten. Dazukommen muss eine gesunde Ernährung – viel Obst, Gemüse und Fisch, wenig Fleisch – und eben Bewegung. Bemerkenswert an der Studie ist ihr mehrdimensionaler Ansatz.

Das richtige Gedächtnistraining

Manche meinen, sie trainierten ihr Gedächtnis besonders wirkungsvoll, indem sie jeden Tag ein Kreuzworträtsel lösen. Ein Irrtum! Kreuzworträtsel fokussieren bloß auf eine Gedächtnisfunktion: das Faktengedächtnis. Wie heißt die Hauptstadt von Frankreich? Viel mehr gefordert wird das Hirn etwa durch das Erlernen einer Fremdsprache: Man lernt neue Wörter, neue Laute, neue Intonationen, neue grammatikalische Strukturen. Man koordiniert Atem-, Sprech- und Mundmuskeln. Man erfährt eine ­andere Kultur. Man interagiert, falls man etwa einen Sprachkurs an der Volkshochschule belegt, mit anderen Teilnehmern. Kurzum: Jede Menge Herausforderungen kommen da auf einen zu.

Soziale Teilhabe

Manche mögen darüber überrascht sein, doch schon das Zusammensein mit anderen Leuten ist eine gute Kopfübung: Man spricht miteinander, man nimmt auf, was der ­andere sagt, reagiert darauf, registriert ­dabei dessen Gefühle. Soziale Teilhabe, sagt Dal-Bianco, habe generell einen großen schützenden Effekt gegen Alzheimer. So wie auch Tanzen: Wir müssen den Rhythmus in Bewegung umsetzen, den Takt halten, mit dem Partner interagieren, die Bewegungen aufeinander abstimmen. Ein hohes Maß an Koordination und Ausdauer wird uns da abverlangt (siehe auch Demenz-Prävention: Strategien - Auf zum Tanz!).

Wir sehen: Gedächtnisübungen müssen nicht unbedingt Schweiß und Anstrengung bedeuten. Sie können auch Spaß machen und sich leicht in den Alltag integrieren lassen. In jedem Fall gilt: Wer seinem Hirn Gutes tun will, schont es nicht, sondern fordert es. 

Dement mit 90, nicht mit 80

Keine Garantie

Und trotzdem: Auch wer alle Empfehlungen befolgt, hat damit keine Garantie, nicht an Demenz zu erkranken. So gerecht ist das ­Leben nicht. Diese Erkrankung resultiert ­aller Wahrscheinlichkeit nach aus einem Zusammenspiel von genetischem Erbe und Lebensstilfaktoren – ein epigenetischer Einfluss. Nur das Zweitere können wir beeinflussen, und dieses beeinflusst dann das Erstere.

Es ist also falsch, zu behaupten: Wer seine grauen Zellen immerfort auf Trab hält, wird kein Alzheimer bekommen. Und es gilt auch nicht der Umkehrschluss: Wer mit 70 Alzheimer bekommt oder kognitiv stark abbaut, hätte sich nur mehr anstrengen müssen.

Dement mit 90, nicht mit 80

Und dennoch bleibt die gute Nachricht: Wir haben es selbst in der Hand, eine Demenz zwar nicht zu verhindern, aber ihren Symptomausbruch zeitlich hinauszuschieben. Wer nicht nachlässt, an seiner Fitness zu ­arbeiten, seiner körperlichen wie geistigen (wobei wie gesagt das eine mit dem anderen zusammenhängt), kann sich eine Art Puffer oder Reserve schaffen und das Vergessen hinauszögern. Er bekommt dann die Alz­heimerbeschwerden nicht mit 80, sondern vielleicht erst mit 90. 

FINGER-Studie: Ein Meilenstein der Prävention?

STOCKHOLM/HELSINKI. Es könnte sich um einen Meilenstein in der Demenzprävention ­handeln: Erstmals haben Forscher einen multimodalen Ansatz zur Demenzprävention in einer großen randomisiert-kontrollierten Studie erfolgreich geprüft.

Offenbar, so das Ergebnis, lässt sich der geistige Abbau im Alter deutlich bremsen, wenn es älteren Menschen gelingt, sich gesünder zu ernähren, sich mehr zu bewegen und auf ihre kardiovaskulären Risikofaktoren zu achten.

Damit nährt die Studie die Hoffnung, dass sich über Lebensstiländerungen tatsächlich auch eine Demenz verzögern lässt. Dies ist bisher aufgrund von epidemiologischen Untersuchungen vermutet worden, kann über solche Studien jedoch nicht belegt werden. Gefordert wurden daher schon lange randomisierte kontrollierte Interventionsstudien (RCT).

Nichtmedikamentöse RCT-Studien gibt es bisher kaum, und wenn, so wurden dabei nur ­einzelne Faktoren wie Bewegung oder Ernährung modifiziert. Zudem waren in diesen Studien nur wenige Teilnehmer eingeschlossen. Medikamentöse RCTs gibt’s zahlreich, nicht zuletzt werden diese Studien von der Pharmaindustrie finanziert.

Da eine Demenz mittlerweile als multifaktorieller Prozess verstanden wird, scheint es Sinn zu machen, sämtliche wichtigen Risikofaktoren gleichzeitig anzugehen. Genau das haben Forscher aus Finnland und Schweden in der FINGER-Studie bei 1.260 älteren Menschen getan (Ngandu T et al., Lancet 2015, epub 12.3.15). Auf die Ergebnisse der Langzeit-Folgestudie muss noch gewartet werden. (Aus: Deutsche Kurzerklärung der FINGER-Studie)

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Jede Zeit hat ihre Krankheit. Heute ist das sicherlich Alzheimer - das schleichende Vergessen. Vor keiner Erkrankung haben die Menschen mehr Angst. Wir klären über diese und andere Formen von Demenz auf. Wir liefern Hintergründe und Tipps, lassen Experten und Betroffene zu Wort kommen und erinnern daran, dass auch ein Mensch mit Alzheimer durchaus glücklich sein kann.

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Aus dem Inhalt

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Zweite, überarbeitete Auflage 2017;  240 Seiten, 19,60 € + Versand

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