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Lebensversicherung: Er- und Ableben - System auf der Kippe

, aktualisiert am

Klassische Lebensver­sicherungen werden für Konsumenten immer mehr zum Verlustgeschäft. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern. Was ist passiert?

In deutschen Medien wird schon recht offen benannt, was hierzulande noch weitgehend unter dem Motto „Wird schon wieder“ läuft: „Lebensversicherungen geraten in Existenznot“ heißt es da, oder „Sechs Lebensver­sicherer legen ihr Neugeschäft still“ – und ziemlich konkret: „Todesmelodie“.

Er- und Ablebensversicherung: im Detail undurchschaubar

Was ist passiert, dass ein Produkt, das über Jahrzehnte zur Standardausrüstung in deutschen und österreichischen Versicherungsmappen gehörte und vielen Versicherten auch schöne Profite brachte, so absackte? Die Antwort darauf liegt im System „Er- und Ablebensversicherung“ selbst, das auf den ersten Blick recht einfach wirkt, im Detail aber höchst undurchschaubar ist.

Garantierter und prognostizierter Teil

Die wichtigsten Parameter sind weitgehend bekannt: Die Anleger zahlen entweder einen größeren Einmalbetrag oder regelmäßig kleinere Prämien ein. Dafür wird neben dem Ablebensschutz ein garantierter Zins ("Garantie-/Rechnungszins") zugesichert, der bei Ablauf der Lebensversicherung auf jeden Fall ausgezahlt werden soll. Damit das gewährleistet ist, müssen die Versicherer einen Teil der veranlagten Gelder nach strengen gesetzlichen Vorschriften in einen sogenannten Deckungsstock einzahlen. Dieser besteht zumeist aus festverzinslichen Anleihen, Pfandbriefen, Hypotheken, Grundstücken, Schuldverschreibungen und anderen relativ sicheren Anlagen, nur zu einem geringen Teil aus Aktien.

Darüber hinaus wird den Versicherten eine Gewinnbeteiligung in Aussicht gestellt, die je nach Kapitalmarktentwicklung unterschiedlich hoch ausfallen kann und auf die es keinen fixen Anspruch gibt.


Weitere Artikel zum Thema finden Sie hier: Lebensversicherungen: Fondspolizzen (2011) Risiko-Ablebensversicherungen (2008) und Lebensversicherungen (2006) sowie die KONSUMENT-Bücher: Gut versichert und Polizzen-Check.  

Hohe Vertriebs- und Verwaltungskosten

Wie geschmiert gelaufen

In den 1970er- und 80er-Jahren, als das ­Geschäft mit den Lebensversicherungen so richtig zu boomen begann, wurden als ­Gesamtverzinsung aus Garantiezins und Gewinnbeteiligung in der Regel sieben bis acht Prozent versprochen. Ein tolles Geschäft für alle Beteiligten, denn die Wirtschaft wuchs beständig, die Zinsen waren hoch, und so konnten die Versicherer mit relativ sicheren Veranlagungen ihrer Kundengelder nicht nur die hohen Verwaltungs- und Vertriebskosten locker hereinspielen, sondern auch die Ren­diten im Bereich von vier Prozent auszahlen.

Jetzt geht’s an die Reserven

Das System begann zu stottern, als das Wirtschaftswachstum zurückging, und gerät jetzt in der Folge von Wirtschafts-, Finanz-, Schulden- und sonstigen Krisen gewaltig ins ­Wanken. Bislang betrifft das in erster Linie die prognostizierten Gewinnbeteiligungen: Da die Geldmarktzinsen gesunken sind und auf dem Kapitalmarkt nicht mehr so leicht Rendite zu machen ist, können die vor Jahren prognostizierten Gewinne bei Weitem nicht realisiert werden. So kommt es, dass Ver­sicherte bei der Auszahlung ihrer Polizze oft um Tausende Euro weniger erhalten als erwartet.

Und das ist mit großer Wahrscheinlichkeit nicht das Ende: Derzeit greifen wohl manche Versicherer bereits auf ihre Reserven zurück, um die Auszahlungen noch leisten zu können. Grund dafür sind die vielen Alt­verträge im Bestand der Versicherungsgesellschaften mit drei oder sogar vier Prozent ­Garantiezins. Diese Höhe ist im derzeitigen Marktumfeld nicht mehr zu erwirtschaften. Bei Neuabschlüssen liegt der Garantiezins nur noch bei höchstens 1,75 Prozent.

Garantiezins: nicht unantastbar

Theoretisch kann es sogar passieren, dass nicht einmal der garantierte Zins zur Gänze ausgezahlt wird. Das Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) sieht vor, dass ein Ver­sicherer im Fall einer drohenden Pleite Rückkäufe und Vorauszahlungen auf Polizzen untersagen oder Verpflichtungen aus der ­Lebensversicherung herabsetzen kann, um Zahlungsschwierigkeiten zu überwinden. Sprich: Wenn’s eng wird, können vertraglich garantierte Leistungen auch rückwirkend und mit dem Segen der Finanzmarktaufsicht „adaptiert“ werden.

Hausgemachte Probleme

Allein den Kapitalmarkt dafür verantwortlich zu machen, greift zu kurz. Denn wie sich im Wertpapierbereich zeigt, gäbe der Markt bei geschickter Veranlagung durchaus noch genügend her. Allerdings wollten und wollen bei dem Produkt „Lebensversicherung“ zu viele Beteiligte am Kuchen mitnaschen. So kritisieren wir seit Jahren die unglaublich ­hohen Vertriebs- und Verwaltungskosten, die in keinerlei Weise nachvollziehbar sind oder offengelegt werden.

Kostensenkungsprogramme in Diskussion

Die deutschen Branchenkollegen zeigen hier bereits Einsicht und diskutieren massive ­Kostensenkungsprogramme, die neben einer Reduktion der Gewinnbeteiligung vor allem die Versicherer selbst und deren Aktionäre betreffen sollen. Hierzulande neigt man eher noch dazu, das Risiko zur Gänze den Kunden umzuhängen. Wie ein Branchenvertreter meinte, „muss sich bei den Garantiezusagen was tun, denn so geht es nicht mehr weiter“.

Prämien sinken stark

Gut möglich, dass es so nicht mehr weitergeht und den Versicherern mangels Reform- und Öffnungswillens eine ganze Sparte ­wegbricht. Im vergangenen Jahr verringerte sich das Prämienvolumen bei den Lebens­versicherungen um fast 7 Prozent, die Einmal­erläge sanken um fast 19 Prozent. Und die Situation wird in den kommenden Jahren für die Versicherer nicht leichter: Aufgrund neuer Eigenkapitalvorschriften (Solvency II) muss ein Teil des erzielten Veranlagungs­gewinns in die Bildung von mehr Eigenkapital der Assekuranzen fließen.

Abstand von Neuabschlüssen

Das bedeutet laut einigen Versicherern niedrigere Ausschüttungsquoten für die Inhaber von Lebensversicherungspolizzen – falls es dann überhaupt noch Kundschaft gibt, die sich ein derartiges Produkt anhängen lässt. Wir raten bis auf Weiteres von Neuabschlüssen ab, denn wie es ein deutscher Branchen-Intimus formulierte: „Selbst wenn die Zinsen steigen, dauert es sehr lange, bis die Anlagen wieder positiv werden!“

Vom Hit zum Flop

Lebensversicherungen: Vom Hit zum Flop 

Ein Vergleich der Entwicklung von Sekundär­marktrendite (SMR), Gesamtverzinsung und Inflationsrate der letzten Jahrzehnte zeigt, warum die klassische Lebens­versicherung einmal ein Hit war, aber heute nicht mehr funktionieren kann: Die Nettorendite (= Gesamtverzinsung minus ca. 1,5 Prozent für Kosten und Steuern) liegt deutlich unter der Infla­tionsrate. Das bedeutet einen Kaufkraftverlust.

Was tun?

Keine Neuabschlüsse

  • Reine Ablebensversicherung wählen, wenn Sie einen Versicherungsschutz für Ihre Angehörigen oder wegen eines Kredits brauchen. Das kommt weitaus günstiger.
  • Lebenslange Rente kann man sich auch durch reine Kapitalansparprodukte sichern, wenn sie später in eine Rentenversicherung eingezahlt werden. Ob die privaten Rentenversicherungen ihre Bezieher sehr viel glücklicher machen werden als die staat­liche Pension, sei derzeit ebenfalls offen­gelassen. Bevorzugen Sie, wenn Sie auf ­diese Schiene setzen wollen, eine „richtige“ Rentenversicherung vor einer klassischen Er- und Ablebensversicherung, bei der die Rente erst bei Rentenbeginn kalkuliert wird.
  • Die prämienbegünstigte Zukunftsvorsorge (PZV) hat sich in der bestehenden Form als Flop erwiesen und wird derzeit von den Anbietern umstrukturiert.

Kein Tausch

  • Geldvernichtung: Wenn Ihnen ein Berater nahelegt, eine schlechte Polizze zu kün­digen und durch eine profitablere neue zu ersetzen, hat er in erster Linie die für ihn neu anfallenden Provisionen im Auge.

Bestehende Verträge

  • Nicht kopflos kündigen, meist steigen Sie dadurch mit noch höheren Verlusten aus.
  • Rückkaufswert Ihrer Versicherung fest­stellen lassen. Stellen Sie diesem die bisher geleisteten Einzahlungen gegenüber. Wenn der Verlust im Rahmen bleibt oder ein gewisser Gewinn herausschaut, können Sie sich einen Ausstieg überlegen – vor allem, wenn Sie das Geld aktuell brauchen oder eine rentablere Anlagemöglichkeit sehen.
  • Prämien freistellen oder Vertrag stilllegen und das Kapital anderweitig anlegen. Ob das sinnvoll ist, sollten Sie mit einem unabhängigen Berater (nicht Verkäufer) klären, der Restlaufzeit, Alter Lebens­situation, Ziele usw. mit berücksichtigt.
  • Änderungsvorschläge und Verlängerungsangebote durch den Versicherer bergen die Gefahr, die bisherigen besseren Garantiezinsen zu verlieren.
  • Downsizen“, wo geht: Nicht benötigte Zusätze (Unfalltod, ...) und Indexklauseln streichen lassen – vor allem, wenn Ihnen die Prämien ohnedies schon zu hoch sind; die Versicherungssummen steigen oft nicht im selben Ausmaß wie die Prämien! Außerdem Prämien unbedingt jährlich statt unterjährig zahlen.

Zusammenfassung

  • Schlechte Aussichten. Aufgrund niedriger Kapitalmarktzinsen und hoher Verwaltungskosten der Versicherer ist bei klassischen Lebensversicherungen auf Jahre hinaus kein Profit zu erwarten.
  • Wacklige Garantien. Gewinnbeteiligungen werden schon seit Längerem nicht mehr wie prognostiziert ausgezahlt. Bei anhaltend schlechter Entwicklung könnte auch bei bestehenden Verträgen der bisher unantastbare Garantiezins heruntergeschraubt werden.
  • Kein Neueinstieg. Wer jetzt neu abschließt, finanziert vor allem die noch besser ausgestatteten Altverträge mit und muss selbst bei bald steigenden Marktzinsen mit einem Kaufkraftverlust seines investierten Geldes rechnen.

Leserreaktionen

Unrentabel

Ihr Artikel unterscheidet nicht zwischen privater und betrieblicher Lebensversicherung. Dass die private Ansparung, egal in welche Form, unrentabel ist, müsste inzwischen jeder wissen. Die betriebliche Vorsorge wird durch die Steuervorteile zur höchst rentablen Sparform, sofern der Rententarif mit der garantierten Sterbetafel gewählt ist.

Mag. Hans Bretbacher
Hohenzell
(aus KONSUMENT 8/2013)

Wir untersuchen ausschließlich Produkte für Verbraucher. Betriebliche Altersvorsorge ist kein Konsumentenprodukt. Pensionskassen zur betrieblichen Altersvorsorge haben erhebliche Verluste gemacht.

Die Redaktion

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