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Spielzeughersteller im Ethik-Test - Kein Blut, doch Schweiß und Tränen

  • Verdeckte Interviews mit Arbeitern in sechs chinesischen Fabriken
  • Besonders schlecht sind die Bedingungen unter Disney
  • Lego wird am besten bewertet, gefolgt von Mattel (Barbie-Puppe)

Strengste Sicherheitsmaßnahmen

Die drei Besucher wurden von sechs Managern und mehreren Sicherheitskräften begleitet. Es war unmöglich, ohne Begleitung auch nur auf die Toilette zu gehen. Jeder Kontakt mit einem Angestellten, jede Notiz, die ein Besucher machte, wurde zumindest von einer der Begleitpersonen beobachtet. Mit Sprechfunkgeräten ausgerüstete Männer gingen voran und informierten die Abteilungen im Voraus über das baldige Eintreffen der Gäste.

Ein Besuch in Fort Knox, der legendären Hochsicherheitsanlage, in der die USA ihre Goldvorräte lagern? Nein, es handelt sich um eine Spielzeugfabrik in Guangdong/China, in der Power Rangers und Tamagotchi für die Kinder der (westlichen) Welt produziert werden.

Andere Spielzeughersteller lehnten ab

Und da haben die drei Besucher in dem für den japanischen Bandai-Konzern arbeitenden Werk noch Glück gehabt, alle anderen Spielzeughersteller lehnten Werksbesichtigungen von vornherein ab (Ausnahme: Lego).

Besichtigungen und Interviews

Die europäischen Verbraucherorganisationen (darunter der VKI), die seit rund zwei Jahren die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen unter die Lupe nehmen, haben diesmal die Direktvariante gewählt. Den großen Markenfirmen der Spielzeugindustrie (Hersteller und Lizenzgeber) sollte nicht wie üblich durch Befragung der Konzernzentrale und Auswerten aller zugänglichen Informationen auf den Zahn gefühlt werden, sondern durch Ermittlungen vor Ort – durch Besichtigung von Produktionsstätten in der Dritten Welt und Interviews mit betroffenen Arbeitern.

Verhaltenskodex

Berichte über katastrophale Zustände in den asiatischen Zulieferbetrieben zu Beginn der Neunzigerjahre haben die europäischen und US-amerikanischen Auftraggeber zum Reagieren gezwungen: Im Jahr 2001 hat der Weltverband der Spielwarenindustrie ICTI einen Verhaltenskodex verabschiedet, in dem sich die großen Markenfirmen zur Einhaltung sozialer Mindeststandards verpflichten.

Vor-Ort-Recherchen

Doch hat sich dadurch etwas zum Besseren gewendet, sind die Lebensbedingungen der Arbeitskräfte in den chinesischen Sonderwirtschaftszonen erträglicher geworden? Um dies zu ergründen, wurde eine Organisation mit Vor-Ort-Recherchen beauftragt, die mit den rechtlichen und sozialen Bedingungen der chinesischen Spielzeugproduktion eng vertraut ist, ihre Mitarbeiter sprechen fließend mehrere chinesische Dialekte.

Interviews nur außerhalb der Arbeitsstätte

Die geradezu groteske Abneigung gegenüber Werksbesichtigungen mag schon ein Anzeichen dafür sein, dass es mit der sozialen Verantwortung der Konzerne in der Praxis nicht zum Besten steht. Bestätigung für diese Vermutung lieferten die Interviews, die verdeckt mit Arbeitern außerhalb ihrer Arbeitsstätte geführt wurden.

Keine Kinderarbeit

Um mit dem Erfreulichen zu beginnen: In keiner der sechs Fabriken gab es Anzeichen für Kinderarbeit. Auf die Gesundheit und Sicherheit der Arbeitnehmer wird offensichtlich größeres Augenmerk gelegt als früher. Fortschritte scheint es vor allem bei Brandschutzeinrichtungen zu geben.

Überstundenbeschränkung wird nicht eingehalten

Dennoch bleiben zahlreiche Missstände bestehen. In vielen Bereichen werden gesetzliche Bestimmungen, aber auch die freiwilligen Verpflichtungen des ICTI-Verhaltenskodex ignoriert. Hauptsächlich werden junge Frauen eingesetzt (Anteil bis zu 95 Prozent). Sie gelten als geschickt, fügsam und geduldig genug, eintönige Arbeiten zu vollführen. Auffallend ist besonders die systematische und massive Überschreitung der Überstundenbeschränkung. Die chinesischen Gesetze erlauben, selbst bei großzügiger Auslegung, höchstens 66 Überstunden pro Monat in der Hochsaison (Mai bis Oktober). Tatsächlich lag die Überstundenzahl im Juni 2004 fast durchwegs über 100, in einem Fall waren es sogar 214 – angeordnet, nicht freiwillig. Das bedeutet eine tägliche Arbeitszeit bis zu 13 Stunden, bestenfalls ein Tag pro Woche frei, in einer Fabrik muss in der Saison überhaupt ohne einen einzigen freien Tag durchgearbeitet werden.

Ungerechte Bezahlungen

Die Löhne halten mit dieser extremen Arbeitszeitüberschreitung keineswegs mit. Ein Großteil des Überstundenentgelts wird nicht ausbezahlt. Die Arbeiter bekommen in der Hochsaison zwischen 650 und 850 RMB (Renminbi), das entspricht etwa 65 bis 85 Euro. Bei Einhaltung der Gesetze würde ihnen wesentlich mehr zustehen (bis zu 160 Euro). In zwei Fabriken werden die Arbeiter um die Hälfte ihres Lohns geprellt.

Lohn deckt nur das Überleben

Man muss bedenken, dass die Lebenshaltungskosten in der Provinz Guangdong aufgrund der Nähe zu Hongkong wesentlich höher sind als im Landesinneren. Der Lohn reicht oft gerade zum Überleben; die ursprüngliche Absicht, die Familie daheim mitversorgen zu können, haben viele junge Zuwanderer bereits aufgegeben.

Befristete Arbeitsplätze

System hat auch die verzögerte Auszahlung der Löhne. Man will damit verhindern, dass die Arbeiter den Betrieb vorzeitig verlassen. In einigen Fabriken wird darüber hinaus eine Kaution bei Arbeitsantritt verlangt. Auf der anderen Seite gibt es ausschließlich befristete Arbeitsverträge (im Extremfall drei Monate). Damit vermeiden die Arbeitgeber den gesetzlichen Urlaubsanspruch von fünf Tagen nach einjähriger Tätigkeit.

Arbeitnehmerschutz wird meistens nicht erfüllt

Daneben gibt es immer noch schwere Mängel im Bereich des Arbeitnehmerschutzes. Viele Arbeiter klagen über extremen Stress infolge der Akkordarbeit, große Hitze- oder Lärmentwicklung oder über Hautallergien durch Chemikalien. Mutterschutz gibt es wenn dann nur für Managerinnen, schwangere Arbeiterinnen müssen den Job aufgeben. Die Frage nach gewerkschaftlichen Freiheiten erübrigt sich: Die meisten Arbeiter wissen gar nicht, was eine Gewerkschaft eigentlich ist.

Aussagen der Arbeitskräfte

Die Angaben zu den Produktionsstätten basieren auf Aussagen dort tätiger Arbeitskräfte, Sie sind nicht notwendigerweise auf die gesamte Belegschaft umlegbar. Zum Schutz der Betroffenen werden weder die durchführende Organisation noch die Fabriksstandorte genannt. Auftraggeber ist die ICRT.

Spielzeughersteller

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Aussagen

„Was ich so höre, kehrt die Mehrheit von ihnen zurück in ihre Heimatdörfer, sie heiraten dort und starten ein Unternehmen.“ (Jeff Denchfield, CSR-Verantwortlicher bei Mattel, USA)

„Ich arbeite hier, seit ich 17 bin. Ich habe heute keine Illusionen mehr, man muss die Zukunft realistisch sehen: drei Mahlzeiten am Tag, arbeiten und schlafen, das ist alles.“ (Eine 22-jährige Arbeiterin in der Bandai-Fabrik.

Um den Lohn geprellt

In den meisten Spielzeugfabriken Chinas müssen die Arbeiter Überstunden leisten – über das gesetzlich zulässige Ausmaß hinaus. Und diese Überstunden werden auch nur zu einem geringen Teil abgegolten. In den 6 untersuchten Fabriken beträgt der durchschnittliche Lohn in der Spitzensaison zwischen 65 und 85 Euro. Nur die für Lego tätige Fabrik zahlt Löhne, die dem gesetzlichen Anspruch einigermaßen entsprechen (dort fallen nur relativ wenige Überstunden an). Dagegen wird den Arbeitern in der Hasbro- und in der Disney-Fabrik rund die Hälfte des ihnen zustehenden Lohnes vorenthalten.

Um den Lohn geprellt Lego Mattel Bandai MGA Hasbro Disney
tatsächlicher Lohn

65

75

85

75

65

85

laut Gesetz zustehender Lohn (inkl. Überstunden)

68,2

106,4

103,2

123,1

121,8

159,2

Angaben in Euro, Umrechnungskurs 1 Euro = 10 RMB (Renminbi) 

Mehr zum Thema

Beachten Sie auch unseren Bericht über die Spielzeugproduktion in China  (siehe dazu: Weitere Artikel - „ Spielzeug - Getrübte Freude“)

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