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Wein aus Südafrika - Bitter im Abgang

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Auf den Weingütern von Western Cape ist die alte Ordnung bis heute aufrecht. Weiße Gutsherren ­halten die schwarzen Arbeiterinnen und Arbeiter wie Sklaven, die Rechte des neuen Südafrika werden ihnen verwehrt.

Weine aus Übersee erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Sie wurden an den ­europäischen Geschmack angepasst und sind zum Großteil von guter Qualität – und das zu Preisen, zu denen man inländischen Wein oft nur im Tetrapak erhalten kann: 2,99 Euro für eine Bouteille sind keine ­Seltenheit.

Arbeit kein Honiglecken

Die Arbeit (zumindest gilt dies für Saisonarbeiter) ist auch hierzulande alles andere als ein Honiglecken, in den Übersee-Gebieten herrschen jedoch wohl noch viel ­ärgere Zustände. Besonders schlimm ist die Situation in Südafrika, wo schwarze ­Arbeitskräfte in einer modernen Form der Sklaverei gehalten werden. Ein Reporter­team der dänischen Verbraucherorganisation Forbrugerradet hat sich kürzlich vor Ort ein Bild über die Lebensumstände der dort arbeitenden Menschen gemacht.

Achtgrößter Weinproduzent

Western Cape oder Westkap heißt die ­Region rund um Kapstadt, wo der Großteil des südafrikanischen Weines angebaut wird. Seit dem Ende der Apartheid wurde die Weinproduktion stark forciert, Süd­afrika ist heute der achtgrößte Weinher­steller. Die Exporte stiegen seit 1992 von 11 Millionen Liter auf über 300 Millionen Liter im Jahr 2007. Der Wein wird hauptsächlich in Containern exportiert und erst im Bestimmungsland in Flaschen abgefüllt. Entsprechend groß ist der Preisdruck für diese Weine.

Tourismus im Weinberg

Das Anbaugebiet ist landschaftlich sehr reizvoll und wird daher auch für touris­tische Zwecke stark genutzt. In Reise­katalogen werden luxuriöse Unterkünfte auf Weingütern angeboten, mit Pool, Golfplatz und exquisiten Restaurants.

85 Euro Monatslohn

Nutznießer des wirtschaftlichen Aufschwungs ist die weiße Bevölkerung, während sich für die Masse der Schwarzen ­wenig geändert hat. Die Landarbeiter besitzen ­selber keinen Grund, sie leben in Elends­behausungen, müssen schon in jungen Jahren hart arbeiten, für eine halbwegs reguläre Schulausbildung bleibt wenig Zeit. Der ­Mindestlohn beträgt 1.090 Rand im Monat, umgerechnet rund 85 Euro. Das ist zu wenig, um sich mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen. Nach Einschätzung von Landarbeiterorganisationen wären 200 Euro nötig, um die monatlichen Ausgaben zu decken. Doch viele Weingüter zahlen ihren Arbeitern noch weniger als die gesetzlichen 85 Euro, in ­Extremfällen nicht einmal 10 Euro.

Arbeitsbedingungen

Saisonarbeiter: zwei, drei Euro am Tag

Seitdem es rechtliche Bestimmungen für Löhne und Arbeitszeit gibt, gehen die Weinproduzenten verstärkt dazu über, Saison­arbeiter aufzunehmen, die oft nur zwei, drei Euro am Tag verdienen und davon noch ein Fünftel für den Transport zum Weingut (auf offenen Lastwagen) berappen müssen. Die Stammarbeiter, die in vielen Fällen jahrzehntelang beschäftigt waren, werden aus ihren Hütten geworfen. Eine illegale Vorgangsweise: Personen, deren Familien seit Generationen auf einem Wein­gut gearbeitet und gelebt haben, dürfen nicht delogiert werden. Doch sie müssen ihre Beschäf­tigung nachweisen, woran viele scheitern.

Geräumte Hütten an Touristen vermietet

Die Arbeitgeber heuern teure Rechts­anwälte an, um alle rechtlichen Mög­lichkeiten auszuschöpfen. Für sie ist die Sache äußerst lukrativ. Die leerstehenden Hütten werden restauriert und an Touris­ten vermietet; die für eine Nacht so viel ­zahlen wie ein Arbeiter im Monat verdient.

Alte werden delogiert

Violet Dyata ist 77 Jahre alt. 31 Jahre hat sie auf dem Delheim-Weingut gearbeitet. Heute leidet sie an Arthritis, ist gehbehindert und hat obendrein Probleme mit dem Magen. Sie kann nicht mehr allein auf die Toilette gehen, die sich außerhalb der Hütte befindet. Ihre Tochter muss ihr dabei helfen. Als diese sich über diesen Zustand beim Eigentümer beklagte, meinte der zu ihr: „In Kayamandi machen sie in einen ­Kübel – ich versteh’ nicht, wieso ihr euch aufregt?“ Kayamandi ist ein Township bei Stellenbosch, in dem sich Tausende schwarze Arbeiter angesiedelt haben, nachdem sie die Hütten in den Weingütern verlassen mussten. Sie leben jetzt in Elends­behausungen, die sie notdürftig aus Holzabfällen und Wellblech errichtet haben.

49 Jahre lang für Delheim gearbeitet

Violet Dyata wird wohl bald nach Kayamandi übersiedeln müssen, denn der Gutsbesitzer will sie loswerden, obwohl er ihr vor Jahren versprochen hatte, dass er ihr und ihrer Familie ein Haus verschaffen würde. Ebenso ergeht es ihrer Kollegin Truida Ruiters. Auch sie wird demnächst ihre Behausung auf dem Weingut verlassen müssen, weil sie nicht mehr arbeiten kann. Sie ist 80 Jahre alt und hat 49 Jahre lang für Delheim gearbeitet.

Delogierungen

Fast eine Million Schwarze delogiert

Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: In den zehn Jahren zwischen 1994 und 2004 wurden fast eine Million Schwarze von landwirtschaftlichen Betrieben delogiert, 25 Prozent mehr als in der Dekade davor. Wie kann es sein, dass sich die Lebensverhältnisse für die Schwarzen nach dem Ende der Apartheid verschlechtert haben? „Die Gesetze sind in Ordnung, aber was nützt es, wenn sie nicht eingehalten werden“, erklärt es Nosey Pieterse, Vorsitzender der Schwarzenorganisation Bawsi.

Sozialstandards fordern, aber Preise drücken

Die Regierung wagt es nicht, gegen die Gesetzesverletzungen vorzugehen, weil sie fürchtet, die Arbeit­geber könnten mit Entlassungen reagieren. Durch die starke Exportorientierung (90 Pro­zent) sind die Weinproduzenten von den großen europäischen und amerikanischen Handelskonzernen abhängig, die zwar die Einhaltung von Sozialstandards einfordern aber gleichzeitig die Preise drücken. Und am einfachsten ist es immer noch, bei den Lohnkosten zu sparen.

Hautausschläge von Pestiziden

Neben den geringen Löhnen sind die Landarbeiter auch mit gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen konfrontiert. Auf dem Sterhuis-Weingut mussten Arbeiter im Sprühnebel der Pestizide Blätter von den Weinreben entfernen, um den Trauben mehr Sonnenlicht zukommen zu lassen. Sie bekamen davon Hautausschläge und Blasen. Erst die Gewerkschaft machte sie auf die Gefahren aufmerksam. Als sich ­einige Frauen weigerten, direkt nach dem Besprühen der Weinkulturen dort zu arbeiten, verloren sie ihren Job.

Apartheid und Alkoholismus

Alkoholismus als Erbe der Apartheid

Früher wurden die Arbeiter teilweise in Wein entlohnt, was dazu führte, dass viele alkoholsüchtig wurden. Die Folge davon waren nicht nur häusliche Gewalt, sondern auch Erbschäden. Südafrika ist das Land mit der größten Zahl an Kindern mit einer alkoholbedingten Behinderung: Gehirnschäden, Organschäden und Kleinwüchsigkeit. Wein als Lohnersatz ist zwar heute verboten, aber das Problem Alkoholismus ist nicht kleiner geworden. Darüber hinaus ist Südafrika eines der Länder mit der höchs­ten Rate an HIV-Positiven. Eine US-Studie aus dem Jahr 2003 kam zu dem Ergebnis, dass bis zum Jahr 2015 ein Viertel der Landarbeiter an Aids gestorben sein wird.

Frauen kosten weniger Lohn

Alkoholismus und Aids haben zur Folge, dass viele Männer als Arbeitskräfte aus­fallen und von Frauen ersetzt werden, die die gleiche Arbeit um einen geringeren Lohn verrichten. Viele Frauen leben allein oder zusammen mit einem alkoholkranken Mann. Studien bestätigen, dass die sexuelle Gewalt zunimmt und sich immer öfter ­gegen Kinder richtet. Dazu kommt eine wachsende Verschuldung, weil findige ­Lokalbesitzer Wein an die Arbeiter verteilen und erst später abkassieren. Können sie dann nicht bezahlen, werden ihnen Zinsen von 50 Prozent aufgebrummt.

Elend für viele unverändert groß

15 Jahre nach dem Ende der Apartheid ist das Elend für viele Menschen auf dem Land unverändert groß. „Dass Mandela freige­lassen wurde und die Demokratie Einzug gehalten hat, hat ihr Leben nicht fundamental verändert“, zieht Bawsi-Präsident Nosey Pieterse eine resignierende Bilanz.

Bildergalerie: Die Idylle trügt

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Fairer Handel

Arbeiter werden beteiligt

Wein aus Südafrika ist nicht zwingend mit dem Elend der schwarzen Bevölkerung verbunden. Südafrika war das erste Land, das Fairtrade-Wein produzierte. Heute gibt es 29 zertifizierte Weingüter, eines davon ist das Weingut Stellar, das seit 2003 Wein unter biologischen und Fairtrade-Bedingungen herstellt. Die Produktion ist seither von 13.500 Flaschen auf 2,4 Millionen (2008) angestiegen, die Gewinne haben sich verdoppelt. Die Arbeiter sind daran beteiligt.

Der Eigentümer, Willem Rossouw, sieht sich nicht einmal als Wohltäter: „Wenn du deine Beschäftigten nicht mit einbeziehst, wirst du keine gute Ernte einfahren. Für mich als Weinbauer ist es ein Vergnügen mit anzusehen, mit ­welchem Engagement die Leute bei der Sache sind.“

Stellar Bio Fairtrade Weine gibt es in allen Weltläden, Rot, Weiß oder Rosé, beispielsweise den Moonlight Organics Shiraz. Eine Adressliste der Weltläden ist unter www.fairtrade.at einzusehen.

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