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Kinderlebensmittel - Süße Werbelügen

, aktualisiert am

In der Werbung bekommen wohlumsorgte Kinder regelmäßig spezielle Kinderlebensmittel, damit sie gut gedeihen. In der Realität fördern sie die Entstehung von Übergewicht und Karies.

Falsche Ernährung bei Kindern

Die Zahl der [ übergewichtigen Kinder ] nimmt stetig zu. Untersuchungen zufolge ist bei uns bereits jedes fünfte bis siebente Kind zu dick. Hauptursachen sind ungesunde Ernährung und mangelnde Bewegung. Unsere Kinder essen zu viel, zu fett und zu süß. Die Folgen können fatal sein, denn überschüssige Kilos erhöhen das Risiko für Herzerkrankungen, Erkrankungen der Galle, Bluthochdruck, Diabetes, Abnützungserscheinungen der Gelenke, psychische Probleme …

Verlockende Angebote

Klar: Eltern wollen ihre Kinder gut und gesund ernähren. Geht es nach der Werbung, bräuchten auch schon längst dem Babyalter entwachsene Kids eine Extrakost. Denn was kann schließlich besser sein als „speziell für Kinder entwickelte“ Nahrungsmittel „mit viel Calcium“, „mit vielen Vitaminen“, „ohne Kristallzucker“? In zahllosen Spots werden Kinderlebensmittel als auf die Bedürfnisse von Kindern abgestimmt angepriesen. All die Einschaltungen verfehlen ihre Wirkung nicht. Am Markt können sich Kinderlebensmittel gut behaupten.

Die Werbewirkung nicht verfehlt

Die Kleinen fahren auf die Spots, die poppige Aufmachung und beigepacktes Spielzeug ab – die Großen kaufen, geködert von Gesundheit verheißenden Werbeaussagen. Und das Angebot wächst ständig. Mittlerweile werden in den Supermärkten bereits einige hundert für Kinder konzipierte Produkte angeboten - siehe unseren Bericht über die Aktion [ „Billa 4Kids-Snack“ ]. In unserer Bildergalerie links oben zeigen wir eine kleine Auswahl dieser süßen und fetten und gar nicht so wertvollen Produkte.

Rechtlich nicht geregelt

Für industriell erzeugte Babynahrung gibt es strenge und rechtlich verbindliche Definitionen. Der Nährstoffgehalt ist produktspezifisch festgelegt, und für Schadstoffe gibt es Grenzwerte. Zwischen Erwachsenen- und Kinderlebensmitteln wird dagegen kein Unterschied mehr gemacht. Was letztendlich für Kinder ausgelobt und in Packungen mit aufgedruckten Comicfiguren oder Serienhelden gesteckt wird, bleibt den Herstellern überlassen. Es spricht bereits für sich: Am häufigsten werden Kinderlebensmittel im Süßwarenbereich angeboten. Aber auch bei Frühstücks-Zerealien, Milchprodukten und Getränken finden sich viele Kinderprodukte.

Nur wenig Calcium im "Milch"-Riegel

Wie ist das nun mit der Extra-Portion Milch oder dem vielen Calcium, das laut Packungsaufdruck und Werbung aus Schokoriegeln oder süßen Schnitten eine gesunde Nascherei, wenn nicht gar eine ideale Pausen- und Zwischenmahlzeit machen soll? Wahr ist: Calcium ist wichtig für Knochen und Zähne. Schulkinder sollten daher täglich einen halben Liter Milch trinken (oder gleichwertige andere Milchprodukte zu sich nehmen). Doch die meisten Schnitten oder Riegel enthalten nur wenige Esslöffel Milch (oft aus Milchpulver). Ihr Beitrag zur Calcium-Versorgung ist also äußerst bescheiden.

Besser wäre...

 So wie andere Schokoriegel oder Schnitten liefern sie in erster Linie Zucker und Fett. Sie sind daher keine gesunde Nascherei (so etwas gibt es ausschließlich in der Werbung) und schon gar kein Ersatz für eine vollwertige Jause. Denn Letztere besteht idealerweise aus mehr: zum Beispiel aus Vollkornbrot, belegt mit magerem Schinken oder Käse, dazu Gemüsestreifen oder Obst und einem Milchprodukt. All das liefert Kohlenhydrate, Eiweiß und andere wichtige Nährstoffe, Fett und Zucker spielen eine Nebenrolle. Und im Kaloriengehalt ist zwischen dieser Jause und manchem Riegel kein allzu großer Unterschied.

Kinderriegel sind Süßigkeiten

Kinderriegel sind schlicht und einfach Süßigkeiten. Davon hin und wieder ein bisschen, am besten als Nachspeise, darf ruhig sein. Aber: Viele Youngster essen ohnehin schon mehr Süßes als ihnen gut tut. Was zu kurz kommt, ist frisches Obst, Gemüse und Getreide. Manches als Nascherei in Ordnung Also her mit Zerealien zum Frühstück, damit die Ernährungsbilanz des Nachwuchses verbessert wird und der Tag mit einer ausgewogenen Mahlzeit beginnt?

Süße Kinderzerealien: als Frühstück ungeeignet

Kommt darauf an, welches Produkt Sie wählen. Denn Frühstückszerealien für Kinder sind meistens stärker gesüßt als vergleichbare Produkte für Erwachsene und aufgrund des hohen Zuckergehalts als Frühstück absolut ungeeignet: Zucker geht rasch ins Blut über und sorgt für Energie auf die Schnelle. Doch er wird rasch wieder abgebaut – ein Leistungstief und Heißhunger sind die Folgen.

Immer noch besser als Schokolade

Für einen gelungenen Tagesstart sind ungezuckertes Müsli, Haferflocken oder herkömmliche Cornflakes mit Milch oder Jogurt und geschnittenem Obst bei Weitem besser. Als Süßigkeit oder als Dessert sind Kinder-Frühstückszerealien dennoch geeigneter als Schokolade und süße Riegel: Sie sind fettarm, enthalten Vitamine, und die Milch dazu liefert reichlich Calcium. Sofern sie nur gelegentlich als Nachspeise auf den Tisch kommen, gibt es auch gegen Kinder-Topfencremen, Fruchtjogurts, Puddings … wenig Einwände. So wie alle Milchprodukte sind sie an sich gute Calcium-Lieferanten. Doch Kinder-Molkereiprodukte enthalten ebenfalls mehr Zucker als solche für Erwachsene. Zu viel, um als besonders wertvoll gelten zu können.

Die Zuckerart ist nicht entscheidend

Ebenfalls häufig: ein hoher Fettanteil (bis zu zehn Prozent). Stichwort Zucker: Ob ein Produkt mit Kristallzucker oder ausschließlich „mit der Süße von Früchten“ oder „mit Traubenzucker“ gesüßt ist, macht keinen Unterschied. Denn zugesetzt sind weder Trauben- noch Fruchtzucker  wertvoller als Haushaltszucker. 1,5%iges Jogurt mit frischem Obst angerührt liefert reichlich Vitamine, doch kaum Zucker und kaum Fett.

Pudding schmeckt auch, wenn er aus fettarmer Milch gekocht wird. Selbst gemachte Bananenmilch kommt ohne zusätzlichen Zucker aus. Und wenn es denn schon unbedingt einmal ein Kinder-Milchprodukt sein muss: Wählen Sie eines mit möglichst wenig Fett; viele lassen sich zudem mit Natur-Jogurt strecken.

Herkömmliches ist billiger und besser

Es klingt paradox: Trotz des riesigen Angebots an qualitativ hochwertigen Lebensmitteln sind breite Bevölkerungsschichten mit bestimmten Nährstoffen unterversorgt. Schulkindern mangelt es neben Calcium vor allem an Folsäure, Vitamin D und Jod. Mit Vitaminen und Mineralstoffen angereicherte Lebensmittel und Getränke für Kinder bieten da keine „gesündere“ Alternative. Denn häufig werden Vitamine zugesetzt, an denen ohnehin kein Mangel herrscht. Und was von vornherein zu süß oder zu fett ist, wird durch ein paar zusätzliche Mineralstoffe oder Vitamine um nichts besser. Das beste zur Deckung des Vitaminbedarfs ist allemal eine ausgewogene Ernährungsweise mit hohem pflanzlichen Anteil.

Lebensmittel in ihrer ungesundesten Form

Fazit: Eigentlich „gesunde“ Lebensmittel wie Getreide oder Milch werden in Form von Kinderlebensmitteln oft in ihrer „ungesündesten“ Form angeboten, und dazu auch noch teurer. Denn für Kinderlebensmittel müssen Sie meistens viel tiefer in die Tasche greifen als für vergleichbare herkömmliche Produkte. Das gilt auch für Getränke.

Zusatz von Chemie und Zucker

Reine Fruchtsäfte werden eher selten speziell für Kinder beworben. Meistens finden sich in den bunten Tetrapacks oder Flaschen Fruchtsaftlimonaden beziehungsweise -getränke (enthalten je nach Fruchtsorte 10 bis 30 Prozent Fruchtsaft) oder Limonaden (müssen gar kein Obst enthalten). Sie sind allesamt reichlich gesüßt. Und je geringer der Fruchtanteil, desto mehr haben Zusatzstoffe für Geschmack zu sorgen. Limonaden sind zudem oft noch gefärbt, teilweise sogar mit solchen Farbstoffen, die als Auslöser von Lebensmittelallergien in Verruf geraten sind.

Die Verpackung macht's

Als Durstlöscher sind Wasser, ungesüßte Kräuter- oder Früchtetees und aufgespritzte Fruchtsäfte bei Weitem besser und wesentlich billiger. Und wie ein Test des VKI [ "Kindergetränke" ] bereits in "Konsument 9/2001 zeigte: Sind die gezuckerten Kindersäfte ihrer bunten Verpackung beraubt, schmecken sie plötzlich gar nicht mehr so gut.

Kinderlebensmittel: Kompetent mit Konsument  

  • Unnötige Extrawurst. Kinder brauchen keine speziellen Lebensmittel. Sie können und sollen nach dem ersten Geburtstag am Familienessen teilnehmen.
  • Getarnte Kalorienbomben. Kinderlebensmittel sind häufig zu stark gesüßt und zu fett. Regelmäßig konsumiert fördern sie die Entstehung von Übergewicht und Karies. Vitaminanreicherungen machen die Produkte nicht „gesünder“.
  • Viele Zusatzstoffe. Kinderprodukte sind meist stark bearbeitet, oft gefärbt (teilweise sogar mit bedenklichen Farbstoffen) und künstlich aromatisiert. Lesen Sie die Zutatenliste genau. Finger weg von allzu Buntem.
  • Hin und wieder o.k. Als Süßigkeit oder Nachspeise darf es ab und an ein Kinderprodukt sein. Doch als Vor- oder Nachmittagsjause sind Kinderlebensmittel nicht geeignet. 

Kinderlebensmittel 8/2006

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