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Antibiotika in Fleisch - Spurensuche

Massentierhaltung braucht Medikamente. Das Kontrollnetz wird enger, ist aber nicht lückenlos.

Falsche Bilder der Idylle

Das Bild des Bauernhofes, wo glückliche Tiere auf saftigen Wiesen grasen, entspricht oft nicht der Realität. Zwar gibt es in Österreich noch viele kleine Bauernhöfe, doch rund die Hälfte der 3,44 Millionen heimischen Schweine drängt sich in nur vier Prozent der Betriebe zusammen. Bei mehr als 1000 Tieren führt das einzelne Schwein begreiflicherweise keinen Vornamen mehr, sondern ist nur noch Ware.

Schnell zur Schlachtreife

Und zwar Ware, die möglichst rasch und kostengünstig zur Schlachtreife gebracht werden soll. Die Aussicht auf schnellen Profit, aber oft genug auch hohe Schulden, lassen manche Landwirte dann zu bedenklichen Mitteln greifen. Die Folge sind regelmäßig auftauchende Fleischskandale mit Hormonen im Schnitzel, wahnsinnigen Rindern, Dioxin in Hühnern und Puten und Antibiotika im Fleisch. Doch auch unter den Arzneimittellieferanten, Futtermittelerzeugern und Tierärzten finden sich immer wieder einzelne schwarze Schafe, bei denen nur der eigene Gewinn zählt.

Fünfeinhalb Monate zur Schlachtung

Für den Einsatz von Antibiotika im Stall gibt es drei Gründe: Einzelne kranke Tiere brauchen gezielte Behandlung, die in diesem Fall immer durch den Arzt erfolgt. Dann gibt es die vorbeugende Gabe an die ganze Herde, etwa, wenn Tiere zugekauft werden, oder wenn ein Tier erkrankt ist und eine allfällige Ansteckung der anderen abgefangen werden soll. Dies ist besonders in der Massentierhaltung häufig der Fall, denn die modernen, ausschließlich auf Wachstum gezüchteten Hochleistungsrassen sind sehr krankheitsanfällig. Masthühner erreichen ihre „Schlachtreife“ spätestens mit sechs Wochen, Schweine mit fünfeinhalb Monaten, und Rinder werden ein bis drei Jahre alt. Auch Haltung auf zu kleinem Raum, in schlecht belüfteten Ställen und ohne Rückzugs- oder Beschäftigungsmöglichkeiten verringert die Widerstandskraft der Tiere.

Schneller groß mit Antibotika

Der dritte Bereich ist jener der so genannten Leistungsförderer, wo den Futtermitteln kleine Gaben von Antibiotika zugesetzt werden. Die Tiere nehmen dadurch um bis zu zehn Prozent schneller zu. Der Zusatz dieser Antibiotika ist mittlerweile EU-weit auf vier Mittel beschränkt, ein Komplettverbot ab 2006 wird derzeit diskutiert.

Es gibt noch Schlupflöcher

Allerdings verwischt sich der Bereich dieser Leistungsförderer und der vorbeugend eingesetzten Antibiotika. Laut FEDESA, einem der pharmazeutischen Industrie nahe stehenden Verein für Tiergesundheit, wurden 1997 in der EU insgesamt 3500 Tonnen antibiotischer Reinwirkstoffe für die Tiergesundheit eingesetzt und 1600 als Leistungsförderer. 1999, nach dem Verbot einer Reihe von Antibiotika als Leistungsförderer, fiel der Wert auf 786 Tonnen, gleichzeitig erhöhte sich der Anteil, der für die Tiergesundheit eingesetzt wird, auf 3900 Tonnen.

Keime können resistent werden

Bei ordnungsgemäßer Anwendung und Einhaltung der vor der Schlachtung vorgeschriebenen Wartezeit sollten sich im Fleisch der Tiere keine Rückstände von Antibiotika mehr finden. Gefahren für den Konsumenten gibt es dennoch. Wenn die Schlachttiere ständig niedrige Gaben von Antibiotika erhalten, können Keime entstehen, die gegen diese und verwandte Antibiotika resistent sind. Humanmediziner setzen sich daher vehement für ein weitgehendes Verbot von Antibiotika in den Ställen ein.

Auf Schleichwegen in die EU

Weitere Gefahr, auf Antibiotika im Schnitzel zu treffen, besteht, wenn der Landwirt die Wartezeit nach einer Krankheit nicht eingehalten hat oder schlampig mit dem Arzneimittel umgegangen ist. Dazu kommt das Problem, dass in der EU nicht genehmigte Antibiotika von Bauern selbst importiert werden können oder über das Internet beschafft werden. Manche dieser Stoffe sind jedoch als letzte Rettung der Humanmedizin vorbehalten, manche im besten Falle wirkungslos; sie können aber auch Verunreinigungen aufweisen, deren Auswirkungen nicht abschätzbar sind. Auch die Dosierung liegt hier in Händen der Landwirte. Eine gefährliche Praxis bei Stoffen, die schon im Milligrammbereich wirken.

Amtliche Kontrolle: grobmaschig

Die Basis ist die behördliche Rückstandskontrolle im Stall und im Schlachthof. 2001 wurden lediglich 10.453 Proben untersucht. Der Veterinärjahresbericht des Bundesministeriums für soziale Sicherheit und Generationen vermerkt dazu: „Die behördliche Rückstandskontrolle stößt dann an ihre Grenzen, wenn illegale Medikamente mit System verteilt und auch eingesetzt werden.“

Weitere Kontrollen erfolgen etwa durch die AMA, die so sicherstellt, dass ihr Fleisch ohne Leistungsförderer oder eine vorbeugende Behandlung der ganzen Herde erzeugt wird. Auch Fleisch aus biologischer Landwirtschaft, die Antibiotika nur in ganz wenigen, genau festgelegten Fällen zulässt, unterliegt zusätzlichen Kontrollen. Eine verbesserte Überwachung soll der neu strukturierte Tiergesundheitsdienst bringen (siehe Interview). Doch leider ist die Teilnahme daran freiwillig. Manche Abnehmer, wie etwa AMA oder Tirolmilch, verpflichten ihre Lieferanten jedoch zur Teilnahme an diesem Programm.

Verbotene Nitrofurane: In österreichischem Fleisch nicht gefunden

  • Europaweit untersucht. Nitrofurane sind Antibiotika, die häufig in der Tierzucht verwendet wurden. Seit 1995 sind sie wegen ihrer Krebs erregenden und zellschädigenden Eigenschaften EU-weit verboten. Im Rahmen einer soeben in fast allen Mitgliedsstaaten durchgeführten Untersuchung 1) wurde überprüft, ob dieses Verbot eingehalten wird. Teilgenommen haben alle EU-Staaten (außer Finnland), zusätzlich Tschechien und Ungarn.
  • Ausnahme Portugal. Pro Land wurden 100 Proben gezogen. Lediglich in Italien und Griechenland wurde je eine belastete Probe gefunden. In Portugal scheint Nitrofuran in größerem Stil in Verwendung zu sein, hier wurden in zehn Proben Rückstände nachgewiesen. Auch in einer anderen Untersuchung wurde dort heuer bereits Nitrofuran (in Geflügel) gefunden.
  • Andere Länder. Auch in Produkten aus Nicht-EU-Staaten wurden Nitrofurane entdeckt. Belastet waren Shrimps, Geflügel und Fischerzeugnisse, Herkunftsländer waren Thailand, Brasilien und Indien.
  • Neue Methoden. Mit den bisher zur Verfügung stehenden Untersuchungsmethoden war der Nachweis dieser Stoffe jedoch schwierig. Im Rahmen dieses EU-Projektes gelang die Entwicklung neuer Methoden. In der Humanmedizin sind Nitrofurane nach wie vor in Spezialfällen in Verwendung.

1) FoodBRAND (QLK1-1999-00142) wurde im Rahmen des Programms „Quality for Life“ gefördert.

"Antibiotika werden als Leistungsförderer veschwinden"

Veterinärrat Dr. Franz Josef Jäger,
Präsident der Österreichischen
Tierärztekammer

Der letzte große Fleischskandal in Österreich war vor zwei Jahren. Gab es seither Maßnahmen, um die Kontrollmöglichkeiten der Tierärzte und die Lage in den Ställen zu verbessern?

Neu ist das Tierarzneimittelkontrollgesetz. Es regelt die Verschreibung und Anwendung von Tierarzneien unter der Aufsicht des Tierarztes genau. Das geht von einer strengen Dokumentation bis hin zur Rücknahme von nur teilweise aufgebrauchten Tierarzneien. Zusätzlich wurden neue, scharfe Strafbestimmungen geschaffen.

Was hat es mit den Tiergesundheitsdiensten auf sich?

Die Tiergesundheitsdienste wurden neu strukturiert. Das Angebot soll flächendeckend werden. Das Ziel ist eine regelmäßige Betreuung der ganzen Herde durch den Tierarzt. So kann er frühzeitig auf mögliche Bestandsprobleme eingehen, was auch zu einer deutlichen Verringerung des Einsatzes an Medikamenten führt. Zunehmend werden auch komplementäre Methoden, etwa Homöopathie und Akupunktur, erfolgreich bei Nutztieren angewendet. Die ständige Betreuung der Herden, die Dokumentation, prophylaktische Maßnahmen, komplementärmedizinische Behandlung und als letztes Mittel die „klassische“ Veterinärmedizin plus die intensiven Kontrollen verbessern auch deutlich die Lebensmittelqualität.

Antibiotika als Leistungsförderer sollen verboten werden. Was wird sich im Stall dadurch ändern?

Antibiotika als Leistungsförderer werden zukünftig zur Gänze verschwinden. Die so genannten Ersatzmittel sind sicher, und ein Missbrauch ist praktisch auszuschließen, da es sich um pflanzliche Produkte handelt.

Was können Sie den Konsumenten empfehlen, worauf sollen sie achten, um ordnungsgemäß erzeugtes Fleisch zu kaufen?

Österreichs Landwirte sind in ein dichtes Kontrollnetz der Veterinärbehörden, der praktizierenden Tierärzteschaft und der AMA oder der Bio-Organisationen eingebettet. Tiere, die in Österreich geboren, aufgezogen und vermarktet werden, können guten Gewissens empfohlen werden.

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