Mobiles Internet - Nur nicht hudeln

, aktualisiert am

  • Die Anbieter versprechen mehr als sie halten können
  • Geringe Übertragungsgeschwindigkeiten sind ein häufiges Problem
  • Kein vollwertiger Ersatz für Internet via Kabel oder Telefonleitung

„Von Datenhighway kann nicht die Rede sein, eher von einer Bezirksdatenstraße.“

„Ich lege mir oft eine Zeitung zum Computer, da es sich wirklich auszahlt, nebenbei zu lesen.“

„Mobiles Internet ist geeignet für Wenig-Surfer, die bei ein paar Minuten Stillstand nicht gleich die Nerven verlieren.“

„Dort, wo ich es wirklich brauchen würde, funktioniert es nicht!“

Mobiles Internet bewegt die Gemüter

Unerwartet niedrige Geschwindigkeit bis hin zum Verbindungsabbruch ist ein weitverbreitetes Problem, mit dem die User konfrontiert sind. Von den zahlreichen Zuschriften, die im Laufe der vergangenen Wochen bei uns eingetroffen sind, enthalten zwei Drittel negative Erfahrungsberichte.

„Was wollen Sie denn? 1 Megabit pro Sekunde ist doch für mobiles Internet ein super Wert!“ Das sind die Worte, die ein Kunde von einem Techniker zu hören bekam, der auf seine Beschwerde hin eine Messung durchgeführt hatte. Genau genommen wollte der Kunde nur eines: eine Downloadgeschwindigkeit, die zumindest annähernd an die in der Werbung versprochenen 7,2 Megabit pro Sekunde herankam.

Ernüchternde Messwerte

Megabit und Megabyte

Nun kann ein Normalverbraucher mit der Einheit Megabit pro Sekunde (kurz Mbit/s) wenig anfangen und sie schon gar nicht in Geschwindigkeit umlegen. Eine Vorstellung davon, wie schnell mobiles Internet sein könnte, bekommt man schon eher bei der Umrechnung in Megabyte (MB): 1 Megabyte (MB) = 8 Megabit (Mbit).

Und 1 MB entspricht einem mit einer Kompaktkamera geschossenen, durchschnittlich großen Digitalfoto. Das sollte innerhalb von nur einer Sekunde aus dem Internet auf den Computer heruntergeladen werden. Genau genommen ist es eine Spur weniger (da ja 7,2 Mbit pro Sekunde versprochen werden), nämlich exakt 0,9 MB pro Sekunde.

Ernüchternde Messwerte

Eine Wunschvorstellung, wie die User feststellen müssen und wie die Messwerte unseres aktuellen Tests bestätigen. In der Tabelle findet sich unter anderem der Mittelwert für die Übertragung von 1 MB per E-Mail. 8 Sekunden waren die Bestleistung, die meisten Modems benötigten zwischen 25 und 40 Sekunden.

Gegenüber früheren Tests sind die Übertragungsgeschwindigkeiten sogar eher noch gesunken. Möglicherweise ist das mobile Internet ja Opfer seines eigenen Markterfolges geworden? Die vorhandene Bandbreite innerhalb einer Mobilfunkzelle muss nämlich geteilt werden. Je mehr User gleichzeitig online sind, desto weniger steht für den Einzelnen zur Verfügung. Oder wie ein Kunde im Handyshop zu hören bekam: „7,2 MB können im Prinzip nur dann erreicht werden, wenn man als Nutzer alleine auf eine Sendeantenne zugreift.“

In Ballungsräumen ist das selbst in der Nacht ein eher unwahrscheinliches Szenario. Außerhalb davon ist das dafür notwendige UMTS/HSDPA-Netz lückenhaft und man ist auf das von Haus aus deutlich langsamere GPRS/EDGE angewiesen. Dieses bringt es auf maximal 264 Kilobit (kbit) pro Sekunde, also auf rund ein Viertel von einem Mbit.

Unverbindliches "bis zu"

Unverbindliches „bis zu“

Wobei ja vonseiten der Anbieter immer nur „Bis zu“-Geschwindigkeiten in Aussicht gestellt werden. Dieses „bis zu“ ist unverbindlich und enthält nicht einmal die Garantie, dass an dem Ort, an dem man das Internet benötigt, überhaupt jemals eine Verbindung zustande kommt. Auch solche Erfahrungen wurden uns geschildert. Wobei es den Betroffenen nur in Einzelfällen und aufgrund ihrer Hartnäckigkeit gelang, vorzeitig aus dem für sie nutzlosen, aber rechtsgültigen Vertrag auszusteigen.

Natürlich gibt es auch etliche zufriedene User, die uns von Downloadgeschwindigkeiten zwischen 1,2 und 2,5 Mbit/s berichtet haben. Werte, die durch unsere Messungen bestätigt, aber lediglich in zwei Fällen deutlich überschritten wurden. Die genannten Werte sind zwar für die üblichen Anwendungen im Internet ausreichend, doch muss die Frage erlaubt sein, warum sie dermaßen weit von den beworbenen 7,2 Mbit entfernt sind, ja meist nicht einmal die 3,6 Mbit/s erreicht werden, die UMTS ohne HSDPA-Beschleunigung zu leisten vermag?

Downloadgeschwindigkeiten standortabhängig

Abhängig vom Standort sind manche User freilich nur mit Downloadgeschwindigkeiten zwischen 40 und 60 kbit/s unterwegs. Das ist „Steinzeit“, wie ein Leser meint, weil es der Leistung der hoffnungslos veralteten analogen Einwahlmodems entspricht. In einem solchen Fall wird die Nutzung von Internetradios, Videos und Internettelefonie aufgrund des wiederholten Aussetzens bzw. Ruckelns praktisch unmöglich gemacht. Der Aufbau von Internetseiten erfolgt lähmend langsam, und der Download größerer Datenmengen wird zum Geduldspiel oder überhaupt unmöglich.

Wellenartige Schwankungen

Für die Messungen, die unsere Tester an mehreren Standorten, vorwiegend im Raum Wien, durchgeführt haben, verwendeten sie Datensticks bzw. Netbooks der vier heimischen Netzanbieter (A1/b.free/bob, orange/ yesss, T-Mobile/tele.ring, 3 Hutchison) mit Wertkarte bzw. Vertrag. Auffällig war, dass die Downloadgeschwindigkeiten bei allen Anbietern wellenartigen Schwankungen unterworfen waren. A1 hängte die Konkurrenz mit den höchsten Spitzengeschwindigkeiten und den kürzesten Einbrüchen ab. Bei 3 waren die Schwankungen insgesamt am geringsten. Bei orange und vor allem bei T-Mobile kam es zu den längsten Tälern mit niedriger Geschwindigkeit.

Mehrere Versuche nötig

Mehrere Versuche nötig

Der Versuch, eine 28 MB große Programmdatei herunterzuladen, gelang an allen Standorten mit keinem der vier Provider auf Anhieb. Die beste Performance zeigte A1, mit der Einschränkung, dass ein Versuch nach 99 Prozent und einer Restzeit von 1 Sekunde – die nach 10 Minuten noch immer nicht vergangen war – abgebrochen werden musste.

Bei 3 waren mitunter gleich drei Versuche notwendig, weil der Download wiederholt zum Stillstand kam. Aus 28 MB wurden so 50 MB verbrauchtes Datenvolumen. Bei orange waren die Ergebnisse ähnlich, bei T-Mobile etwas besser, vorausgesetzt, dass zunächst einmal der Verbindungsaufbau klappte. Ein zusätzliches Ärgernis war, dass ein abgebrochener Download in der Regel nicht ohne kompletten Neustart der Modem-Software (= Dashboard) wiederholt werden konnte.

Download großer Dateien heikel

Heikel sind Downloads von Dateien mit einer Größe von mehr als 100 MB, weil hier die Wahrscheinlichkeit eines ungewollten Abbruchs besonders hoch ist. Allein der aktuelle Adobe Reader, ein heutzutage fast unverzichtbares Programm für das Lesen von PDF-Dateien, hat aber mehr als 200 MB. Auch das kostenlose OpenOffice-Paket liegt mit 160 MB deutlich über der kritischen Grenze. Und spätestens wenn Microsoft das erste Service-Pack für Windows 7 veröffentlicht, werden wohl wieder 100 bis 200 MB zum Download fällig.

Transfervolumen = Download und Upload

Das Surfen im Internet ist freilich keine einseitige Geschichte. Es findet nicht nur ein Download, sondern auch ein Upload statt, und zwar selbst dann, wenn man lediglich eine Internetseite aufruft. Außerdem laufen im Hintergrund automatische Serviceabfragen der aufgerufenen Programme, die langsam, aber beständig am monatlichen bzw. auf der Wertkarte verfügbaren Datenvolumen knabbern. Dieses wird auch als Transfervolumen bezeichnet, das sich aus Down- und Upload zusammensetzt und anhand dessen die Abrechnung erfolgt.

Kein vollwertiger Ersatz

Upload langsamer als Download

Die Uploadgeschwindigkeit ist von Haus aus deutlich langsamer als der Download. Im Test kamen nur A1 und T-Mobile über 1 Mbit/s hinaus, der Rest lag weit darunter. Die starken Schwankungen waren auch hier vorhanden. Vor allem yesss und tele. ring sackten dabei immer wieder auf ein wahres Schneckentempo ab.

Bei Verwendung von FTP (File Transfer Protocol), einem alternativen Protokoll für den Up- und Download, das eigentlich für die rasche Übertragung großer Datenmengen entwickelt wurde, waren die Ergebnisse noch wesentlich schlechter. Offenbar kommt es mit den Temposchwankungen nicht zurecht und kann von der Software-Beschleunigung nicht profitieren.

Unser Fazit

 Mobiles Breitband ist kein vollwertiger Ersatz für das zuverlässig und schnell funktionierende Internet über Kabel oder Telefonleitung (xDSL), sondern lediglich eine Ergänzung für unterwegs. Wobei es erst recht wieder problematisch ist, wenn sich das Modem dabei in Bewegung befindet, weil die Verbindung häufig abbricht.

Abgesehen von den oben genannten Widrigkeiten ist es weiters anfällig für äußere Störeinflüsse wie Funkschatten durch Gebäude oder Stahlbetonmauern. Ebenso beeinträchtigen metallbedampfte Fensterscheiben im Auto oder in einem Eisenbahnwaggon den Empfang. Auch im Ausland kann mobiles Breitband nützlich sein, allerdings muss man hier genau auf mögliche Roamingfallen achten (siehe hier).

Tabelle: Mobiles Breitbandinternet

Tabelle öffnen

Zusammenfassung

  • Platz am Fenster. Schon kleine örtliche Veränderungen innerhalb der Wohnung können den Empfang verbessern. Auch ein USB-Verlängerungskabel, mit dem man den Stick in Fensternähe platziert, kann hilfreich sein.
  • WLAN statt Modem. Wer in den eigenen vier Wänden mobil sein möchte, sollte aber besser in einen WLAN-Router investieren und ein herkömmliches Heimnetzwerk einrichten.
  • Wertkarte statt Vertrag. Bei Verwendung des mobilen Breitbands als „Zweitinternet“ für unterwegs ist die Wertkarte ohne monatliche Fixkosten oft die sinnvollere Variante.
  • Unlimitiert mit Limit. Erst im Kleingedruckten steht die volle Wahrheit. Das gilt auch für Verträge mit „unlimitiertem“ Surfen oder „Fair Use“. Bei Erreichen einer bestimmten Grenze wird die Geschwindigkeit massiv gedrosselt. Damit vermeidet man zwar Kostenfallen, aber „unlimitiert“ ist das nicht.

Testkriterien

In einem Vergleichstest „Mobiles Breitband“ wurden die vier nationalen Netze mit insgesamt 10 Angeboten (Vertrag und Wertkarte) untersucht.

Handhabung (Anteil am Gesamturlteil 30 %)

Für die Handhabung wurden Installation, täglicher Betrieb, Übersichtlichkeit des Verbindungsmanagers (Dashboard), Informationen über Transfervolumen und Verbindungsqualität sowie die Angaben auf der Website der Anbieter bewertet. Gemessen wurde an insgesamt 10 Standorten im Raum Wien und Umgebung zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten.

Messungen (Anteil am Gesamturlteil 40 %)

Im ersten Teil des Tests wurde dazu das frei im Internet verfügbare Programm von Speedtest verwendet, die ergänzenden Messungen wurden mit einem eigens erstellten Programm über einen nur dafür verwendeten Server abgewickelt. Gemessen wurden die Latenzzeit, die Download- und die Upload-Rate (Mindest- und Höchstwert) sowie die Zeit für die Übertragung einer 10-MB-Datei (Download) und einer 1-MB-Datei (Upload) mittels FTP.

Bewertet wurden die auf 80 % der Daten eingeschränkten Mittelwerte. Alle Messungen wurden stationär durchgeführt, da beim mobilen Betrieb zu viele Unsicherheitsfaktoren auftreten. Das Hauptaugenmerk lag dabei auf der Benutzerfreundlichkeit für den normalen User und nicht auf der Netzabdeckung durch den Provider.

Ergänzend wurde an 4 Standorten in Wien versucht, ein Programm mit 28 MB von einem Anbieter downzuloaden, und die Anzahl der notwendigen Versuche vermerkt (nicht bewertet).

Kosten (Anteil am Gesamturlteil 30 %)

Die Kosten berücksichtigen neben dem inkludierten Datenvolumen (angestrebt wurden Verträge mit 5 GB pro Monat) die monatlichen Fixkosten und die Kosten pro GB während der Vertragsdauer, die Kosten bei Überschreitung des Transfervolumens und die Abrechnungseinheiten.

Bildergalerie: Mobiles Internet

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Leserreaktionen

Abzocke

Das Hauptproblem ist meiner Meinung nach die gnadenlose Abzocke beim Mehrverbrauch.

Den Vogel schießen derzeit A1 und Telering ab mit der Verrechnung von bis zu ungeheuerlichen 0,25 Euro pro MB Mehrverbrauch. Das heißt: Bei A1 19GB zum monatlichen Preis von 19 Euro würde eine Überschreitung von nur 10 Prozent mit 475 Euro verrechnet werden.

Der Mehrverbrauch kostet also den 250-fachen Preis des inkludierten Volumens (übrigens immer noch das 12,5-fache des Preises für den Prepaid Datentarif von A1).

Norbert Klee
E-Mail
(aus Konsument 05/2010)

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