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Fotografieren: Reportage - Mit Bildern erzählen

Hintergründe aufzeigen, Zusammenhänge deutlich machen: Die Fotoreportage ist die Kunst, eine planmäßig aufgebaute Bildreihe zu erstellen.

Ein lang gestreckter, sehr amerikanisch wirkender Flachbau in Wien-Hernals. Hier wohnt Erich Lessing, mit 89 Jahren das älteste aktive Mitglied der legendären Fotoagentur Magnum, die einst von Henri Cartier- Bresson, Robert Capa und anderen Mitstreitern ins Leben gerufen wurde. Lessing denkt noch lange nicht daran, sich zur Ruhe zu setzen, doch die aufregende Zeit als Fotoreporter, die liegt endgültig hinter ihm.

Einst gehörte er zu den Pionieren der Fotoreportage, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg neu aufkam. Berühmt wurde er vor allem mit seinen Bildern, die er während des ungarischen Volksaufstands 1956 in Budapest machte. Sie zeigen anrückende Panzer, zerstörte Häuser, getötete Menschen.

Bildstrecken als Zeitdokument

Mit seinen Fotoreportagen wollte er, erzählt Lessing, genauso wie seine Magnum-Kollegen Zeugenschaft von den Umbrüchen in der Welt ablegen. Dazu verstreuten sie sich in alle Welt. Cartier-Bresson reiste durch Asien, Lessing durch Osteuropa. Unterwegs, irgendwo – das war ihr Motto. Die Menschen waren geradewegs süchtig nach Bildern. Nach Bildern, die sie an weltbewegenden Ereignissen teilhaben ließen und ihnen fremde Länder näherbrachten. Es war die Blütezeit von „Life“, „Look“, „Vu“ und andere Zeitschriften, die auf lange Bildstrecken setzten.

Fotoreportage und Fernsehreporter

Nun, viele dieser Zeitschriften existieren heute nicht mehr. Zum einen wurden sie ein Opfer ihres eigenen Erfolgs. Inzwischen gibt es kaum noch weiße Flecken auf der Erde, kaum noch Gegenden, die nicht bereits abgelichtet worden wären. Zum anderen erhielten die Zeitschriften mächtige Konkurrenz durch das sich global ausbreitende Fernsehen. Wo der Fernsehreporter Bilder vom fernen Kriegsgeschehen live in die heimischen Wohnzimmer senden kann, hat der Fotoreporter im wahrsten Sinne das Nachsehen.

Vorteile des unbewegten Bildes

Warum führte das Fernsehen dennoch nicht zum endgültigen Aus der Fotoreportage, der Abhandlung eines Themas in einer Bildreihe? Weil das unbewegte Bild gegenüber dem bewegten, bei allen Nachteilen, auch Vorteile besitzt. Der wichtigste ist wohl, dass hier der Betrachter selbst darüber bestimmen kann, wie lang und wie intensiv er sich das Bild anschaut. Er ist quasi sein eigener Herr.

Das Gegenteil von Flüchtigkeit

Das Gegenteil von Flüchtigkeit

Das Einzelbild lädt zum Verweilen ein, zur genauen Betrachtung, zum Räsonieren. Gerade in unserer schnelllebigen Zeit ist das ein großer Wert. Lebte früher die Fotoreportage von der Sensation, dem außergewöhnlichen Ereignis, so darf es heute auch ein Allerweltsthema sein, wenn es nur eindringlich genug abgehandelt wird: Die Kartenrunde im Wirtshaus. Ein Nachmittag auf der Trabrennbahn. Der Fischmarkt im griechischen Dorf. Die letzten Kohlearbeiter von Wien. Themen, die teilweise vor der Haustür liegen und für Berufs- wie Hobbyfotografen gleichermaßen interessant sind. Es gilt, nicht an der Oberfläche zu bleiben, sondern in die Tiefe zu gehen, auch Hintergründe aufzuzeigen – und so die spezifische Stärke dieser visuellen Erzählform auszuspielen.

Arbeit im Kopf

Wie heißt es doch so schön: Ein Bild kann mehr sagen als tausend Worte. Allerdings kann das nicht jedes Bild. Wer seine Fotos irgendwie schießt, egal wo er gerade steht oder welchen Ausschnitt er einfängt, wird nur mit Zufall oder sehr viel Glück zu einem aussagekräftigen Resultat finden. Ungleich bessere Chancen hat, wer mit Überlegung an die Sache herangeht, sich also bereits Gedanken darüber gemacht hat, was er mit seinem Bild zum Ausdruck bringen möchte, bevor er auf den Auslöser drückt.

Denn die Kamera ist zunächst nicht mehr als ein Arbeitsgerät. Die eigentliche Arbeit findet im Kopf des Fotografen statt: Was möchte ich aussagen? Wo setze ich den Schwerpunkt? Und wie komme ich am besten zum gewünschten Ergebnis?

Von der Idee zur Vorbereitung

Von der Idee zur Vorbereitung

Diese Fragen sind für jeden Fotografen relevant, egal in welcher Disziplin er zu Hause ist. „Es gibt nichts Schlimmeres als ein scharfes Bild einer verwaschenen Idee“, sagte schon der Altmeister der Fotografie, Ansel Adams. Und dieses Wort gilt nicht zuletzt für die Reportagefotografie, zählt hier doch nicht nur das Einzelbild, sondern auch und vor allem die Bildreihe, die dramaturgisch sinnvoll aufzubauen ist. Es ist nicht damit getan, wahllos viele Fotos zu schießen.

Thema "einkreisen"

Die Zusammenstellung muss so erfolgen, dass ein Thema eingekreist und aus möglichst vielen Blickwinkeln beleuchtet wird. Im Internet recherchieren, Bücher lesen, Gespräche führen – das alles kann zur Vorarbeit gehören, die dazu dient, sich mit einem Thema vertraut zu machen. Denn um das Charakteristische und Besondere darstellen zu können, muss man wissen, was daran charakteristisch und besonders ist. Sobald Sie ein Konzept haben, können Sie sich mit der Kamera ans Werk machen. Dabei heißt es natürlich, flexibel zu bleiben.

Das Ganze und der Ausschnitt

Vielleicht fällt Ihnen vor Ort etwas auf, an das Sie gar nicht gedacht hatten – das Konzept darf bei guten Gründen auch völlig auf den Kopf gestellt werden. Das Thema in all seinen Facetten abhandeln: Dazu empfiehlt es sich, Überblicksaufnahmen mit Detailansichten zu kombinieren, also das Ganze und einen Ausschnitt zu zeigen. Nehmen wir als Beispiel das Thema "Fischmarkt im griechischen Dorf": Erfassen Sie zum einen von einem erhöhten Standpunkt aus die ganze Szenerie und nehmen Sie zum anderen auch Menschen und die feilgebotene Ware aus nächster Nähe auf.

Super-Tele, Zurückhaltung bei Effekten

Mit Super-Tele auf Distanz

Wer immer auf Distanz bleibt oder glaubt, mit einem Super-Tele sein Motiv bequem zu sich heranholen zu können, darf sich nicht wundern, dass seine Bilder auch den Betrachter seltsam auf Distanz halten. Um zu Ergebnissen zu gelangen, die berühren, ist es unerlässlich, mit den Menschen, die man ablichten möchte, in Kontakt zu treten. Oft genügt eine freundliche Frage oder auch nur eine Geste und das Einverständnis ist da. Wenn Sie auf Abwehr stoßen, lassen Sie die Aufnahme sein. Es würden ohnehin nur Bilder herauskommen, die nicht überzeugen. Werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen, das macht die Würze einer Fotoreportage aus. Um beim Thema Fischmarkt zu bleiben: Machen Sie sich schon in aller Frühe auf, um in der Morgendämmerung dabei zu sein, wenn der Markt gerade aufgebaut wird. Das verspricht Bilder, die der normale Zeitgenosse nicht kennt, da er zu dieser Zeit noch fest zu schlafen pflegt.

Zurückhaltung bei Effekten

Mögliche künstlerische Ambitionen, die etwa in Richtung Farbveränderung gehen, sollten Sie möglichst hintanhalten. Wo es um unser Lebensumfeld, die sogenannte Wirklichkeit, geht, werden derartige Eingriffe schnell als störend empfunden, als unstatthafte "Manipulation" Gewiss, jedes Foto ist Interpretation, ein Artefakt, und daher immer mehr als bloße Spiegelung der Wirklichkeit – in diesem Genre ist aber eher Zurückhaltung angesagt. Die Fotoreportage ist sachlicher Natur. Vexierbilder, die Rätsel aufgeben, sind daher fehl am Platz.

Bildergalerie: Fotoreportage

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  • Porträt- und Landschaftsfotografie
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