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Fotografieren: Portrait - Aus nächster Nähe

In der Porträtfotografie findet ein intimer Dialog zwischen Fotograf und Modell statt. Das Modell gibt viel von sich preis, im Idealfall sein Innerstes. - Ein gekürzter Vorabdruck aus unserem neuen Buch "Fotografieren statt knipsen".

Wir dürfen annehmen, dass es auch von ­Ihnen, verehrte Leserin, verehrter Leser, unzählige Aufnahmen gibt, gemacht im Urlaub oder bei Familienfeiern. Aber Hand aufs Herz: Mit wie vielen sind Sie wirklich zufrieden? In der Regel werden es gerade einmal zwei, drei Fotos sein.

Exaktes Abbild einer Person

Ginge es in der Porträtfotografie nur um eine möglichst genaue Reproduktion physiognomischer Eigenheiten, sie wäre ein Kinderspiel. Wo der Maler mit Bedacht seinen ­Pinselstrich setzen muss, kann sich der Fotograf getrost – um nicht zu sagen: blind – auf die Automatikfunktionen seiner Kamera verlassen. Von allen visuellen Medien tut sich die Fotografie am leichtesten, ein exaktes Abbild einer Person zu liefern.

Das Wesen des Menschen widergeben

Doch mit einem Abbild ist es eben nicht ­getan. Es geht um mehr. Es geht darum, das Wesen eines Menschen wiederzugeben, seine Seele wie ein offenes Buch vor dem Betrachter auszubreiten. So jedenfalls die klassische Lehrbuchmeinung. Selbst wenn wir die Latte nicht so hoch legen wollen und auch Aufnahmen akzeptieren, die eine Person auf witzige, originelle, überraschende, sympathische – kurzum: interessante Art abbilden, ist die Sache trotzdem noch verdammt schwierig.

Das gequälte Lächeln

Thomas Bernhard hat es einmal schön ausgedrückt. Eine auf ihn gerichtete Kamera komme ihm vor, als würde mit einem Gewehr auf ihn gezielt. Damit spricht der österreichische Autor gewiss den meisten Menschen aus der Seele. Bemerken sie, dass sie im Fokus ­einer Kamera sind, ist es mit ihrer Natürlichkeit schlagartig vorbei. Sie lächeln gequält oder ihr Gesichtsausdruck bekommt etwas Starres. Und plötzlich wissen sie auch nicht mehr, wohin mit ihren Händen.

Wieso dieses Unbehagen?

Wieso dieses Unbehagen? Es mag daher ­rühren, dass wir gewohnt sind, unsere Miene ständig zu ändern, zumindest sind wir dazu in der Lage. Mit einer Aufnahme werden wir auf einen einzigen Ausdruck fest­gelegt, auf dieses eine Bildnis: So bist du! Es dürfte ­gerade dieses ­Fixiertwerden sein, das uns nicht geheuer ist, ja sogar Angst macht.

Ort, Licht und Kameraausrüstung

Die vordringliche Aufgabe des Porträtfotografen besteht denn auch darin, seinem ­Modell ­diese Angst zu nehmen, für eine entspannte Situation zu sorgen, ein vertrauensvolles Verhältnis aufzubauen. Mehr als in anderen ­Bereichen der Fotografie ist der ­Fotograf hier insbesondere auch als Motivator und Ani­mator gefragt.

Vorab ein Konzept im Kopf

Besprechen Sie mit Ihrem Modell, wo und wie es gerne abgelichtet werden möchte. Freundlich lächelnd oder ernst? Temperamentvoll oder gelassen? Es hat keinen Sinn, jemanden zu Posen zu zwingen, die ihm unangenehm sind. Sie sollten schon vorab ein Konzept im Kopf haben, aber jederzeit auch offen sein für neue Ideen. Gute Port­rätfotografie entsteht wie jede andere ­Fotografie nicht primär in der Kamera, sondern im Kopf des Fotografen. Erst wenn ­eine Vision da ist, kann sie in die Tat um­gesetzt werden. Was nützt Ihnen ein noch so fotogener Mensch vor der Kamera, wenn Sie nicht wissen, was Sie über ihn erzählen wollen?

  • Vorbereitung: Klären Sie Fragen zu Ort, Licht und Kameraausrüstung bereits im Voraus, damit Sie sich in der Aufnahmesituation ganz auf Ihr Modell konzentrieren können.
  • Ungestört: Wählen Sie den Aufnahmeort so, dass Sie vor ungebetenen Zuschauern sicher sind.
  • Anweisung: Geben Sie Anweisungen überlegt und mit ruhiger Stimme. Sagen Sie wenn möglich auch kurz, was damit jeweils bezweckt wird, um so den Porträtierten in die Arbeit zu involvieren.

Wichtig: der Hintergrund

  • Hintergrund: Haben Sie nicht nur Ihr Modell im Blick, sondern immer auch den Hintergrund. Klassisch ist ein neutraler Hintergrund, eine aufgehängte Leinwand oder eine einfache, unstrukturierte Hauswand, wobei Sie darauf zu achten haben, dass nicht der Eindruck entsteht, Ihr Modell „picke“ am Hintergrund – also einen ausreichend großen Abstand einhalten. Eine alte Fotografenregel besagt, dass der Kontrast zwischen Haar bzw. Kleidung des Modells und Hintergrund möglichst groß zu sein hat, auf dass die Konturen klar nachgezeichnet werden. Die moderne Porträtfotografie sieht das nicht mehr so eng. Oft werden absichtlich „Ton-in-Ton-Situationen“ herbeigeführt, weil gerade durch den Verzicht auf Kontrast Gesicht und Augen des Modells besser zur Geltung kommen.
  • Zeit ist kostbar. Ihrem Modell sollten Sie allerdings das Gefühl vermitteln, dass für die Aufnahmen alle Zeit der Welt zur Ver­fügung steht. Vergessen Sie nicht: Sie arbeiten mit einem Menschen. Ihr Fotomotiv ist kein Still-leben, das Sie vor der Kamera beliebig hin und her rücken können, bis es passt.
  • Besser stehen als sitzen: Bei Brustbildern sollte das Modell möglichst stehen. Bequem sitzende Leute lassen oft die Schultern nach vorn hängen oder ziehen den Kopf ein.
  • Unterhalten Sie sich mit Ihrem Modell, während Sie die Aufnahmen machen. Denn der Mensch spricht nicht nur mit seinem Mund, sondern mit seinem ganzen Körper. So sind aussagekräftige Fotos möglich.
  • Nach-Schuss: Wenn der Fototermin vorüber ist, sollten Sie Ihre Kamera weiterhin schussbereit halten. Erfahrungsgemäß gelingen gerade dann die besten Fotos: Das Modell denkt, es hat die Arbeit hinter sich, und entspannt sich. Diesen Moment gilt es zu nutzen.

Super-Tele schafft Distanz

Das Super-Tele schafft Distanz

Das sind einige Tipps für gestellte Aufnahmen, für das Studio. Und im Freien, im wirklichen Leben? Man könnte meinen, dass sich da ein starkes Teleobjektiv gut eignet, da der Fotograf mit ihm unbemerkt Schnappschüsse aus der Distanz machen kann. Für Paparazzi-Fotos, die den Hollywoodstar in der Badehose zeigen, ist ein Super-Tele tatsächlich das ­ideale Werkzeug. Für die gewöhnliche Port­rätaufnahme aber nicht, denn die aus der Entfernung gemachten Fotos halten auch den Betrachter merkwürdig auf Distanz. Er erkennt auf Anhieb, dass es zu keinem zwischenmenschlichen Kontakt gekommen ist. Diese Fotos haben nichts Menschliches, sie wirken steril, unpersönlich.

Auf Tuchfühlung gehen und berühren

Sie glauben das nicht? Nehmen Sie einfach einige Fotos zur Hand, die einmal aus der Nähe und dann aus der Distanz gemacht wurden, und überprüfen Sie es selbst. Sie werden sehen: Wer als Fotograf nicht auf Tuchfühlung geht, darf sich nicht wundern, dass seine Aufnahmen nicht ­berühren.

Wer dagegen auf einen anderen Menschen zugeht, in dessen Wahrnehmungskreis eintritt, darf damit rechnen, etwas zurückzu­bekommen.

Wir wollen es noch einmal betonen: In der Porträtfotografie ist höchste Sensibilität gefragt. Es geht um einen intimen Dialog zwischen Fotograf und Modell. Das Modell gibt viel von sich preis, im Idealfall sein Innerstes.

Für Porträtaufnahmen wird üblicherweise ein leichtes Teleobjektiv verwendet, im Bereich von 85 bis 105 mm (bezogen auf die analoge Kleinbildkamera). Das sorgt zum einen für einen ausreichenden und doch nicht zu ­großen Abstand zwischen Fotograf und ­Modell und zum anderen dafür, dass die physiognomischen Züge des Modells in natür­lichen Proportionen wiedergegeben werden.

Klassisch ist das Brustbild

Klassisch ist das Brustbild, bei dem nur Kopf und Schultern der Person gezeigt werden. Im Gegensatz zur Ganzkörperdarstellung wird also bloß ein Teil des Menschen wiederge­geben, mit dem Gesicht aber immerhin der wichtigste. Knapp beschnittene Porträts enthalten begrenzte Informationen über die dargestellte Person, wirken aber gerade deshalb oft besonders unmittelbar und intim. Bildwichtige Teile dürfen dabei nicht fehlen, insbesondere nicht die Augen. Eine der wenigen unumstößlichen Regeln in der Fotografie lautet: Die Scharfeinstellung stets auf die Augen vornehmen. Warum? Weil sich die Seele eines Menschen in seinen Augen spiegelt!

Portraitfotografie: drei Beispiele

In der Porträtfotografie heißt es, auf den anderen zuzugehen, den Kontakt zu suchen. Denn aus der Entfernung geschossene Aufnah¬men halten auch den Betrachter seltsam auf Distanz.

KONSUMENT-Buch Fotografieren statt knipsen (Bild: VKI) 

Der Blickwinkel von oben kann Personen klein und unterwürfig erscheinen lassen – aber auch keck und herausfordernd.

KONSUMENT-Buch Fotografieren statt knipsen (Bild: VKI) 

Auch auf den Hintergrund achten: Er soll nicht ablenken, und er kann zusätzliche Informationen liefern; beispielsweise, wenn das Wohn- oder Arbeitsumfeld der abgebildeten Person mit einbezogen wird.

KONSUMENT-Buch Fotografieren statt knipsen (Bild: VKI)  

Einer Porträtaufnahme sieht man an, ob ein Vertrauensverhältnis zwischen Fotograf und Porträtiertem aufgebaut werden konnte. Und davon hängt wiederum ab, wie überzeugend das Bild wirkt.

Buchtipp: Fotografieren

Die Möglichkeit jederzeit, schnell und einfach Fotos erstellen zu können ruft auch einen Überdruss hervor. Die Flut der vielen beliebigen und nichtssagenden Fotos nährt die Sehnsucht nach dem Besonderen,  nach authentischen Bildern. Weg von der Massenware und hin zum individuellen und unverwechselbaren Ausdruck.

In unserem Buch "Fotografieren statt knipsen"  wollen wir ungewohnte Wege gehen und zusammenbringen, was sonst streng getrennt ist: Fototheorie und Fotopraxis. Es soll – anhand vieler Beispiele – Lust darauf machen, die eigene Kreativität zu entdecken und das Thema Fotografie buchstäblich mit anderen Augen zu sehen.

Wir wollen Möglichkeiten aufzeigen und Anregungen bieten, die Sie unterstützen zu Ihrem eigenen, ganz persönlichen Ausdruck in der Fotografie zu finden.

www.konsument.at/fotografieren

Aus dem Inhalt

  • Zeichnen mit Licht
  • Schärfe und Unschärfe
  • Flächen, Linien, Perspektive
  • Porträt- und Landschaftsfotografie
  • Architekur- und Sachfotografie

184 Seiten, 19,60 € + Versand

Fotografieren statt knipsen

 

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